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KW 46Die Woche, als uns ein Browser-Spiel neue Energie gab

Die 46. Kalenderwoche geht zu Ende. Wir haben 22 neue Texte mit insgesamt 172.219 Zeichen veröffentlicht. Willkommen zum netzpolitischen Wochenrückblick.

  • Sebastian Meineck

Liebe Leser*innen,

eine Überschrift aus dieser Woche beschreibt ganz gut den Vibe, der mich gerade bei der Arbeit begleitet: „Kämpft mit uns gegen den Bullshit“. In dem dazugehörigen Artikel stellen wir unser erstes Browser-Spiel – Bullshit Busters – vor, und die Überschrift weckt in mir ein Gefühl von Gemeinschaftlichkeit.

In mehrfacher Hinsicht ist netzpolitik.org Teamarbeit. Einerseits, weil wir täglich zusammen diskutieren, schreiben, lunchen, lachen und facepalmen. Andererseits, weil die Spenden von euch, unserer Community, unsere Arbeit überhaupt erst ermöglichen. Diese Gemeinschaftlichkeit macht Mut, und den braucht es auch. Denn der „Bullshit“ kann einen runterziehen, diesseits und jenseits der netzpolitischen Schlagzeilen.

Zum Beispiel diese Woche: Die neue Große Koalition in Hessen geht auf Hardliner-Kurs und zieht dafür gleich vier altbekannte Bullshit-Maßnahmen heran: Videoüberwachung, Gesichtserkennung, Vorratsdatenspeicherung, Staatstrojaner. Als ich den Artikel von meinem Kollegen Tomas Rudl sah, habe ich erst mal einen Seufzer ausgestoßen und so was gesagt wie: „Bitte nicht.“

Da hilft es, zum Runterkommen eine Runde Bullshit Busters einzuschieben. Egal, wie oft der kleine Spiele-Held in dem Game von Bullshit-Wellen überrollt wird: Es gibt immer wieder eine neue Runde mit neuer Energie.

Apropos neue Energie: In dieser Woche sind auch Artikel erschienen, die mir Mut machen. Das Justizministerium will die im Jahr 2021 vermurkste Reform zur Strafbarkeit von sogenannter „Kinderpornografie“ korrigieren. Das dürfte nicht nur Gerichte, Eltern, Lehrer*innen und Schüler*innen entlasten, sondern auch die Suche nach gewaltsamen Täter*innen erleichtern – die Gründe dafür fasst mein Kollege Leonhard Pitz zusammen. Und: Per Abstimmung hat am Dienstag das EU-Parlament seine Haltung gegen eine anlasslose Chatkontrolle bekräftigt. Vor einem Jahr hätte ich das noch für kaum denkbar gehalten.

Mein aktueller Highscore bei Bullshit-Busters ist übrigens 508 – ist das eigentlich gut?

Euch ein mutiges Wochenende
Sebastian

Unsere Artikel der Woche

Debatte im BundestagAbgeordnete schwärmen von fließenden Gesundheitsdaten

Die Bundesregierung will das Gesundheitswesen digitalisieren. In einer ersten Lesung stießen zwei Gesetzentwürfe im Bundestag auf breite Zustimmung. Kritik kam vor allem von der Linkspartei, die vor „gläsernen Patient:innen“, Datenlecks und Hacks warnte.

Keine SatireDas alberne Schauspiel mit dem biometrischen Kinderpass

Auf dem Biometrie-Passfoto dürfen Kinder nicht lächeln. 2024 wird der biometrische Reisepass für Kinder zur Pflicht – und zwar ab der Geburt. Zappelnde Babys sind am besten im Liegen abzulichten. Sechsjährige müssen zur Abgabe der Fingerabdrücke vorstellig werden. Ein Erlebnisbericht.

DegitalisierungDer Elefant im Raum

Es gibt so viele Probleme im Land, die man mit digitalen Lösungen angehen könnte. Stattdessen wird der Ruf nach technischen Lösungen immer dann laut, wenn es gilt, Geflüchtete und Migrant*innen zu überwachen. Die Sehnsucht nach einer digital möglichst effizienten Nicht-Willkommenskultur in diesen Tagen lässt unsere Kolumnistin schaudern.

Bullshit-BustersDer ewige Kampf gegen das Cookiemonster

Der Kampf gegen den digitalen Kapitalismus ist mühsam. Der Gegner nährt sich von jedem Einwilligungsbanner, das uns belügt, und von jedem Datenteilchen, das er gegen unseren Willen über uns sammelt. Und permanent müssen wir gegen nervige Cookie-Monster kämpfen.

Große KoalitionHessen auf Hardliner-Kurs

Die CDU will in Hessen künftig mit der SPD regieren. In einem Eckpunktepapier skizziert die Große Koalition ihre Prioritäten: Dazu zählen mehr Videoüberwachung mit Gesichtserkennung, die Vorratsdatenspeicherung von IP-Adressen, Staatstrojaner und mehr Daten für Palantirs HessenData.

"Gefahr für nationale Sicherheit"Datenhändler verscherbeln Daten von US-Soldaten

Data Broker kontrollieren kaum, wer ihre Daten kauft. Das betrifft auch sensible Daten von Angehörigen des US-Militärs, die jede:r für wenige Cent im Internet erstehen kann. Das sei eine Gefahr für die nationale Sicherheit, sagen Forscher:innen.

Datenleck„Mein Justizpostfach“ gewährt Dritten Datenzugriff

Über das neue Justizpostfach sollen Einzelpersonen digital mit der Justiz kommunizieren können. Doch der Preis dafür ist hoch, denn deren privaten Daten gelangen in das Adress-Verzeichnis des elektronischen Rechtsverkehrs, auf das tausende Menschen aus der Justiz zugreifen können.

BuchauszugAchtung, Handyfalle!

Die coolste Ermittlerbande der Stadt sind Isha, Anton und Mesut, die ihren zweiten spektakulären Fall lösen. Die zehnjährigen Detektivfreunde beobachten den Fiesling Maxim, der einem kleinen Mädchen das Smartphone geklaut hat! Sie wollen dem frechen Handydieb das Handwerk legen. Aber vielleicht ist doch alles ganz anders, als es erst scheint? Ein Buchauszug.

Hass und Hetze auf Twitter„Musk hat einen Safe Space für Rassisten geschaffen“

Eine NGO hat 200 klar rassistische und antisemitische Posts beim Twitter-Nachfolger „X“ gemeldet – doch nach einer Woche waren nur vier davon offline. Das „Center for Countering Digital Hate“ sieht in der Stichprobe eine direkte Folge der Übernahme durch Elon Musk. Der Milliardär hatte große Teile der Moderationsteams entlassen.

RechtsgutachtenChatkontrolle unvereinbar mit Grundrechte-Charta

Die von der EU-Kommission geplante Chatkontrolle erregt weiter Unmut bei Fachleuten. Ein früherer Richter des Europäischen Gerichtshofs geht davon aus, dass die Verordnung gegen die Grundrechte-Charta der EU verstößt.

Gescheiterte PresseförderungChronologie einer Geisterfahrt

Als die Große Koalition der Presse unter die Arme greifen wollte, stolperte sie von einem Problem zum nächsten. Wir veröffentlichen Akten, die zeigen: Sie war von Anfang an ohne Ziel und Plan, aber getrieben von Mathias Döpfner und der Lobby der Verlage. Die Ampel könnte nun die gleichen Fehler wiederholen.

ChatkontrolleEs ging immer darum, Verschlüsselung zu umgehen

Eine Gruppe von Expert:innen hat für die EU-Kommission Vorschläge erarbeitet, wie sich eine Chatkontrolle technisch umsetzen ließe. Dabei setzen die Vorschläge vor allem auf das so genannte Client-Side-Scanning, aber auch andere Formen der Überwachung verschlüsselter Kommunikation werden angedacht.

Diskriminierende Facebook-AnzeigenKI ist auch keine Lösung

Ein KI-System soll diskriminierende Werbe-Anzeigen bei Meta eindämmen. In den USA ist es für Wohnungs-Anzeigen im Einsatz. Ein Prüfbericht behauptet, das funktioniere gut – aber für Fachleute ist dieser Bericht nicht kritisch genug.

Platform regulationDon’t count on Meta’s new AI system to solve discriminatory ads

Meta has deployed a new AI system to fix its algorithmic bias problem for housing ads in the US. But it’s probably more band-aid than AI fairness solution. Gaps in Meta’s compliance report make it difficult to verify if the system is working as intended, which may preview what’s to come from more Big Tech compliance reporting in the EU.

TransparenzoffensiveDer Messenger Signal kostet bald 50 Millionen Dollar im Jahr

Zahlen zu den Betriebskosten großer Messenger oder sozialer Netzwerke sind rar. Die Signal-Stiftung gewährt nun erstmals einen Einblick in die laufenden Kosten – und zeigt auf, wie die Nutzer:innen bei der Finanzierung des gleichnamigen Messengers eine größere Rolle spielen könnten.

GesundheitsdigitalisierungIT-Sicherheit gerät zur Randnotiz

Die Bundesregierung will das Gesundheitswesen digitaler machen. Expert:innen begrüßten zwei Gesetzesvorhaben am Mittwoch im Gesundheitsausschuss. Die Themen Datenschutz und die Informationssicherheit kamen dabei allerdings nur am Rande vor.

Über die Autor:innen

  • Sebastian Meineck
    Philipp Sipos

    Sebastian Meineck ist Journalist und seit 2021 Redakteur bei netzpolitik.org. Zu seinen aktuellen Schwerpunkten gehören digitale Gewalt, Databroker und Jugendmedienschutz. Er schreibt einen Newsletter über Online-Recherche und gibt Workshops an Universitäten. Das Medium Magazin hat ihn 2020 zu einem der Top 30 unter 30 im Journalismus gekürt. Seine Arbeit wurde mehrfach ausgezeichnet, unter anderem zweimal mit dem Grimme-Online-Award sowie dem European Press Prize.

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