JahresrückblickDie besten Reste des Jahres

Was haben wir letztes Jahr am liebsten gelesen? Welche Geschichten sind uns im Gedächtnis geblieben? In unserem persönlichen Jahresrückblick wollen wir euch Beiträge ans Herz legen, die auch Wochen und Monate später noch lesenswert sind.

Kalte Pizza und Pommes in einem Karton
Schmeckt aufgewärmt noch besser: diese Beiträge und Recherchen. Gemeinfrei-ähnlich freigegeben durch unsplash.com Eiliv Sonas

Von Bratwürsten und verlorenen Regenschirmen

Facebook kann die Telefonnummern seiner Nutzer:innen genauso gut bei sich behalten wie ich meine Regenschirme. Nämlich nicht! Im Ernst, jedes Jahr verliere ich mindestens einen Regenschirm. Was soll das!? Auch Facebook hat im April etwas verloren, nämlich die Kontrolle über Hunderte Millionen Telefonnummern. Es war nicht der erste Leak dieser Art. Wenn einer der reichsten Konzerne der Welt nicht mit sensiblen Daten umgehen kann, wer dann? Eine Frage, die auch die Politik beschäftigen sollte. Andre Meister hat eins und eins zusammengezählt und Dutzende Bundestagsabgeordnete auf ihrem Handy angerufen. Die Nummern waren dank Facebook ja öffentlich.

Bis heute wissen wir nicht, warum ein Account der FDP Thüringen den Wikipedia-Artikel zum Bratwurstmuseum überarbeitet hat. Was wir aber wissen: Oft sind es nur wenige Augenpaare, die Einträge des weltweit größten Online-Lexikons schreiben und überprüfen. Das sind schlechte Vorbedingungen für politische Manipulation, wie eine Recherche von Anna Biselli und dem ZDF Magazin Royale im September gezeigt hat. Einen großen Skandal hat die Recherche nicht enthüllt, wohl aber ein Problem, das einmal groß werden könnte. Ich finde, das ist eine Stärke von netzpolitk.org: schon dann zu berichten, wenn anderen das Thema noch (Brat-)Wurscht ist. (Sebastian Meineck)

Stress mit Messengern

Es gibt Artikel, die für Wirbel sorgen. Dieser Beitrag unseres ehemaligen Kollegen Daniel Laufer gehört definitiv dazu. Telegram ist der Messenger, der wie kein anderer für die politische Mobilisierung genutzt wird. Grund dafür ist, dass er Kanäle mit hunderttausenden Nutzer:innen zulässt. Zahlreiche davon verbreiten ungehindert Verschwörungserzählungen und Hetze. Doch strafbare Inhalte auf Telegram lassen sich bislang kaum ahnden, da der Messengerdienst mit Sitz in Dubai nicht auf Aufforderungen deutscher Behörden reagiert. Darauf wies Daniel in einer gründlichen Recherche hin, die vielfach gelesen und kommentiert wurde. Nach der Veröffentlichung des Beitrags im Februar entschied das Bundesamt für Justiz, gegen Telegram tätig zu werden. Seither wird hitzig debattiert – auch in unserer Redaktion -, wie Behörden gegen illegale Inhalte bei Telegram vorgehen können, ohne damit Zensurwerkzeuge zu schaffen, die dann auch autoritäre Staaten einsetzen könnten. Die Debatte darüber dürfte uns auch im neuen Jahr begleiten.

Oft sind es vermeintlich unscheinbare Änderungen, die große Aufregung produzieren. So war es auch zu Jahresbeginn, als WhatsApp still und leise eine Änderung seiner Geschäftsbedingungen ankündigte, um persönliche Daten aus dem Messenger für Werbung des Mutterkonzerns Facebook nutzen zu können. Wer den Änderungen bis zum 8. Februar nicht zustimmte, sollte die App nicht mehr nutzen dürfen. Mit dieser Friss-oder-Stirb-Taktik überrumpelte und verärgerte der Facebook-Konzern viele Nutzer:innen, die deshalb massenhaft zu Signal und anderen sicheren Messengern wechselten, analysierte unser Kollege Ingo Dachwitz in einem Kommentar, der zu einem der meistgelesenen Artikel des Jahres wurde. Die große Aufmerksamkeit macht deutlich, was immer noch zu unseren Stärken gehört: auf aktuelle Debatten zu reagieren und dabei eine klare Haltung zu zeigen. Nach viel Empörung in zahlreichen Ländern gab WhatsApp übrigens klein bei: Bis heute lässt sich die Aufforderung, die Geschäftsbedingungen zu akzeptieren, einfach wegklicken. Mal sehen, wann der Konzern sich wirklich traut, seine Nutzer:innen da hineinzuzwingen. (Alexander Fanta)

Wer duckt sich weg, wer hat den Schaden?

Seit Jahren versuchen Medien aufzudecken, wer eigentlich hinter der Pornoplattform xHamster steckt. Das ist eine der meistbesuchten Webseiten überhaupt, und bis vor kurzem konnte dort jeder Hansel hochladen, was er wollte, zum Beispiel heimlich gefilmtes Material aus Duschen oder Saunen. Den Verantwortlichen war das offenbar egal, sie versteckten sich hinter Pseudonymen und einem immens verwirrenden Firmengeflecht. Bis Kollege Sebastian Meineck gemeinsam mit Journalist:innen von Spiegel und NDR mal damit anfing, das Geflecht zu entwirren und an ein paar Türen zu klopfen. Eine Wahnsinnsrecherche, die über IT-Partys auf Zypern bis in die Karibik und am Ende nach Moskau zu zwei Männern führt. Und wenn du nach einer Recherche von den Enttarnten als „angeblicher Journalist“ beschimpft wird, weißt du: wahrscheinlich alles richtig gemacht.

Die andere Seite dieser Geschichte über digitale Gewalt konnten wir Anfang dieses Jahres in unserem Podcast erzählen. Es war die erste Folge, die wir gemeinsam mit unserem neuen Produzenten Serafin Dinges aufgezeichnet haben, und sie geht mir bis heute nicht aus dem Kopf. Eine Frau, die sich Anna Nackt nennt, erzählte uns darin, wie sie ihre eigenen Nacktbilder auf einer Pornoplattform fand und wie sie das erst fassungslos und dann zur Aktivistin gemacht hat. Die Polizei: ahnungslos. Die Plattformen: reagieren langsam. Die Jagd nach den Fotos wird zu einer Daueraufgabe, weil nach jeder Löschung neue anonyme Accounts die gleichen Bilder wieder hochladen. Nach dieser Folge kamen noch viele weitere mit Serafin, aber keine bleibt mir so in Erinnerung wie die Geschichte von Anna. (Chris Köver)

Digitale Grenzen und Probleme, die viele hatten

Viel zu oft blicken wir nicht weit genug über unsere eigenen Tellerränder hinweg. Wir haben unsere Spezialgebiete, sind Expert:innen für Breitbandausbau, Vorratsdatenspeicherung und Co. Das ist gut, aber das reicht nicht. Deshalb sind freie Autor:innen so wichtig – auch für unser Team. Sophie-Anne Bisiaux und Lorenz Naegeli sind in ihrer Recherche anhand von Dokumenten und vor Ort der Frage nachgegangen, wie die EU ihre digitalen Grenzen im Westbalkan auslagert. Kein Vergnügungsthema, aber umso wichtiger.

Jemand entdeckt einen Tweet, wo jemand sich aufregt. Oder eine Leserin schreibt eine Mail und beschreibt ein Problem. Manchmal nur ein Einzelfall, nichts Großes. Manchmal öffnet es aber die Augen für ein größeres Problem und es entsteht eine Recherche. So wie beim Anrecht auf PCR-Tests nach einer roten Warnung in der Corona-Warn-App. Denn nicht nur eine, nein, unzählige Personen schienen damit Probleme zu haben. Wurden von Ärzt:innen und Teststellen weggeschickt, von der Hotline abgewimmelt und wollten sich doch nur verantwortungsbewusst verhalten. Der Artikel, der Kommentar und die FAQ dazu auf unserer Seite sind die eine Sache. Fast noch wichtiger ist aber die Diskussion, die entsteht. In der Kommentarspalte, auf Twitter oder am Küchentisch. (Anna Biselli)

Witz, Verve und Recherche

Eine der schwierigsten Gattungen im Journalismus sind Berichte über Veranstaltungen und Konferenzen. Ganz schnell geraten solche Artikel zu langweiligen Verlaufsprotokollen, insbesondere beim Thema Sicherheit und Polizei. Dass es anders geht, hat Jana Ballweber mit „Unter Sicherheitsleuten“ gezeigt. Mit Witz und Verve und jeder Menge Ironie berichtete sie von der Herbsttagung des Bundeskriminalamtes. Der Artikel zeigt auf diese Weise nicht nur die Befremdlichkeit der Veranstaltung und der dort präsentierten Inhalte, sondern auch eine journalistische Distanz zum Gegenstand der Berichterstattung. Und das auf eine Weise, in der bürgerrechtsbewegte Leser:innen erschaudern und gleichzeitig lachen können.

Um etwas ganz anderes ging es bei der folgenden Recherche: Wer bei O2 in der Vergangenheit einen Handyvertrag abgeschlossen hat, dem wurden offenbar jede Menge Einwilligungen untergejubelt. Unter anderem durfte damit das Kommunikationsverhalten zu Marketingzwecken analysiert werden. Mit seiner Recherche deckte Ingo Dachwitz eine Praxis auf, bei der Händler:innen Prämienzahlungen erhielten, wenn sie die Kund:innen zu möglichst vielen Einwilligungen drängten oder diese einfach ohne zu fragen ankreuzten. Die Recherche zeigte Wirkung. Nachdem O2 die Vorwürfe erst abgestritten hatte, ergriff es später Maßnahmen gegen die Praxis. Einwilligungen müssen nun auf Papier unterschrieben werden. Ob das hilft, wird sich noch zeigen, denn das Unternehmen zahlt weiterhin Prämien, wenn die Kund:innen in möglichst vielen Punkten einwilligen. (Markus Reuter)

Fernunterricht und Tele-Medizin

Es gibt immer wieder Themen, bei denen man selbst der Ansicht ist, dass sie auf netzpolitik.org sträflich vernachlässigt werden. Sie erfordern viel Einarbeitung, wofür man im hektischen Redaktionsalltag nicht die Zeit findet. Bildung gehört definitiv dazu. Umso toller, wenn es Praktikant:innen gibt, die diese Mühe auf sich nehmen. Und wenn dann auch noch ein so toller Text herauskommt wie der von Pia Stenner über das IT-Chaos an baden-württembergischen Schulen, sind wir alle glücklich. Pia hat mit vielen Menschen über echte Probleme in der echten Welt gesprochen und einer viel zu wenig wertgeschätzten Gattung von Lehrer:innen eine Stimme gegeben: IT-Beauftragte an deutschen Schulen.

Ein weiterer großartiger Prakti-Text befasst sich mit telemedizinischen Schwangerschaftsabbrüchen. Rahel Lang stellt in ihrem Artikel ein deutsches Pilotprojekt vor, das ungewollt Schwangeren den Abbruch zu Hause ermöglicht. Der Text vereint Nutzwert mit gesellschaftlichem Engagement: Wer konkrete Informationen zu Abbrüchen sucht, wird hier fündig. Es ist aber gleichzeitig kein reiner Jubel über eine tolle neue digitale Lösung, die all unsere Probleme löst. Der Text legt den Finger in die Wunde: Eine Abtreibung zu Hause wäre in vielen Fällen gar nicht nötig, wenn der Gesetzgeber mehr Rücksicht auf medizinische Versorgung in allen Lebenslagen und weniger Rücksicht auf konservative Befindlichkeiten nehmen würde. (Jana Ballweber)

Computer sagt: Setzen, sechs.

Beim Lesen der Berichterstattung zum CDU-Connect-Ermittlungsverfahren fiel mir mit schöner Regelmäßigkeit die Kinnlade runter: Eine IT-Sicherheitsforscherin stellt in eigener Recherche größte Fahrlässigkeit seitens der Entwickler einer Wahlkampf-App der CDU fest. Sie warnt die Partei – und gelangt dafür selbst ins Kreuzfeuer. Hört sich an wie der Beginn eines Cyberpunk-Abenteuers, ist aber groteske Realität. Am Ende wird das Ermittlungsverfahren folgerichtig eingestellt, doch es bleibt ein „Geschmäckle“. Und noch immer stellt sich die Frage, wann der Hacker-Paragraf 202a StGB, dieser riesige Schandfleck der deutschen IT-Sicherheitslandschaft, endlich vom Gesetzgeber sinnvoll umgeschrieben wird.

Da ich selbst im Moment studiere, lese ich Artikel zum Hochschulumfeld mit besonderem Interesse – zum Beispiel diesen hier zur Notenvergabe mit Hilfe von „künstlicher Intelligenz“. Versuche, durch Machine Learning unliebsame Entscheidungen auf „den Computer“ abzuladen, gibt es immer wieder: ein Trend, der in so ziemlich allen Branchen der nächste heiße Scheiß sein soll, während gleichzeitig in zu vielen Bereichen ein eklatanter Mangel an IT-Grundverständnis herrscht. In der Folge scheitert es mit schöner Regelmäßigkeit an der Qualität der zugrundeliegenden Samples. Da es nunmal für Menschen ein schwieriges Unterfangen ist, eigene Vorurteile zu erkennen und daraus entsprechende Konsequenzen zu ziehen, werden „dem Computer“ die eigenen Vorurteile antrainiert. Solange sich an dieser Prämisse nichts ändert, wird Machine Learning nicht der Heilsbringer sein, den man uns verkaufen möchte. (Tina Schieber)

Corona, Konsolidierung und ein Kommentar für die Lehrbücher

Manchmal braucht es gar nicht viel, um eine große Recherche zu schreiben, manchmal reicht eine einzige Zahl. Beispielsweise als die Kolleg:innen Chris Köver und Alex Fanta zusammengetragen haben, wieviel Geld die Bundesländer insgesamt für die Anschaffung der Luca App ausgeben, die zuerst gehypt wurde und später im Praxistest scheiterte. 16 Anfragen zeigen: zusammen mehr als 20 Millionen Euro. Und das, obwohl es mit der Corona-Warn-App schon eine gut funktionierende Infrastruktur gab. Diese Zahl beschäftigte uns das ganze Jahr und prägte die Debatte.

Ähnlich war es bei der Info, dass Schauspieler Volker Bruch Mitglied der Querdenker-Partei „Die Basis“ werden wollte. Daniel Laufer hatte den Fakt in einem Datensatz ausgegraben, den die Partei aus Versehen online gestellt hatte. Natürlich darf jede:r nach eigenem Belieben in eine Partei eintreten. Doch bis heute fühlen sich Jan Josef Liefers und andere Initiatoren der zynischen „Satire“-Aktion #allesdichtmachen zu Unrecht in die Nähe von Schwurblern gestellt. Dank dieser Recherche wissen wir, warum diese Selbstverteidigung so hohl klingt: Mitinitiator Bruch, der sich als einziger am Set der Serie Babylon-Berlin von der Maskenpflicht befreien ließ, will ganz offenbar zu ihnen gehören. (Vielleicht auch interessant: Ob und unter welchen Umständen es vertretbar ist, als datenschutzaffines Medium derlei private Informationen zu thematisieren, haben wir im Off-The-Record-Podcast diskutiert.)

Manchmal braucht es auch gar nicht viel Neues, um Wahnsinnstexte zu produzieren. Zum Beispiel den Artikel von Tomas Rudl über die IT-Konsolidierung des Bundes. Dass dieses technische Modernisierungsvorhaben ein Milliardengrab ist, wusste man schon vorher. Doch was für ein epochales Desaster das Mammutprojekt ist, versteht man erst so richtig, wenn man diesen Text liest. Ähnlich und doch ganz anders ist es beim Kommentar von Markus Reuter zum sogenannten #Pimmelgate. Über das absurde Vorgehen der Polizei gegen einen Twitter-User, der den Hamburger Innensenator auf Twitter trollte, wurde viel geschrieben. Doch kaum ein Text führt Grote und die Hamburger Polizei so schön wie dieser als die Würstchen vor, die sie offenbar sind. Witzig, politisch, pointiert – ein Kommentar für die Lehrbücher. (Ingo Dachwitz)

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