Verschlusssache PrüfungFragDenStaat und Wikimedia Deutschland fordern Veröffentlichung von Abschlussprüfungen

Wenn der Staat mit Steuermitteln Prüfungsaufgaben erstellt, müssen sie eigentlich auch allen zugänglich sein. Tatsächlich werden sie allerdings nur selten Schüler:innen zur Verfügung gestellt. Gerade jetzt sollten sie einfach online abrufbar sein. Deshalb startet die Kampagne „Verschlusssache Prüfung”, unser Gastautor ruft zum Mitmachen auf.

Eine Frau sitzt mit einem Buch an einem Tisch
Die heiße Phase für Abschlussprüfungen beginnt trotz Pandemie. Gemeinfrei-ähnlich freigegeben durch unsplash.com Alexis Brown

Max Kronmüller macht seinen Bundesfreiwilligendienst bei FragDenStaat und koordiniert die Kampagne „Verschlusssache Prüfung“.

Um sich auf Abschlussprüfungen vorzubereiten, sind Übungen mit Vorjahresaufgaben hilfreich. Die Schüler:innen können sie jedoch selten öffentlich einsehen, sondern müssen sie von den Verlagen als Übungsheft kaufen – obwohl die Aufgaben mit Steuergeldern erstellt wurden. FragDenStaat und Wikimedia Deutschland starten heute die Kampagne Verschlusssache Prüfung und fordern zusammen mit Schüler:innen die Veröffentlichung von Abschlussaufgaben.

Es gibt noch viel zu tun

Angefangen hatte es 2019 mit der Kampagne FragSieAbi. Über die Kampagnenseite können Schüler:innen Informationsfreiheitsanfragen an ihr Kultusministerium stellen, um Abituraufgaben der Vorjahre zu erhalten. In der Folge haben sich einige Bundesländer wie Niedersachsen entschlossen, diese selbstständig zur Verfügung stellen, statt auf einzelne Anfragen einzugehen – ein Erfolg!

Viele Länder stellen sich aber selbst nach jahrelangen Forderungen von Schüler:innen quer. Aus Baden-Württemberg kommt weiterhin keine Reaktion – dort sind Prüfungsaufgaben aus dem Informationsfreiheitsgesetz ausgenommen und es ist in absehbarer Zeit nicht geplant, sie zu veröffentlichen. Wie in einigen anderen Ländern auch gibt es zwar die Möglichkeit, diese in den Schulen einzusehen. Dass das geht, war zumindest aber an meiner eigenen Schule nicht bekannt und ist besonders während des Homeschoolings nicht gerade Schüler:innen-freundlich.

In Hamburg hat sich die Lage seitdem sogar verschlechtert: Das Hamburgische Transparenzgesetz wurde geändert, sodass Prüfungsaufgaben nicht mehr angefragt werden können. Grund genug, nochmal nachzulegen. Unter dem Namen “Verschlusssache Prüfung” startet die Kampagne neu und zwar dieses Mal nicht nur mit Abitur-, sondern mit allen zentralen Abschlussaufgaben. Bereits durch die Ankündigung der Kampagne und den Austausch mit den Kultusministerien konnte etwas erreicht werden: Niedersachsen baut seine Vorreiterposition weiter aus und veröffentlicht nun alle Abschlussprüfungen. Auch Bremen folgt, einige Aufgaben sind bereits einsehbar, nach und nach sollen mehr hinzukommen. Auch Schleswig-Holstein arbeitet an einem Bildungsportal.

Problemzone Klausurheberrecht

Berlin, Brandenburg, Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern streben grundsätzlich auch eine Veröffentlichung an, sehen jedoch ein Problem beim Urheberrecht. Literarische Texte für die Deutschprüfung oder historische Quellen für Geschichte sind oftmals nur für den Zweck der Prüfung lizenziert. Nur selten werden gemeinfreie Materialien verwendet. Als Zwischenlösung prüfen die Länder derzeit, ob sie geschwärzte Versionen veröffentlichen können. Zwar lassen sich die Inhalte oft leicht im Internet finden, zufriedenstellend ist das jedoch nicht. Das grundlegende Problem bleibt: Das Urheberrecht sieht keine Ausnahmen für Bildungszwecke vor.

Bayern stellt inzwischen auch einige Abschlussprüfungen online, jedoch nur für wenige Fächer. Für den mittleren Schulabschluss (Realschule) finden sich auf der Plattform Mebis bisher nur Aufgaben für Mathematik, Physik und Werken. In Sachsen gibt es ein geschütztes Portal, über das Schüler:innen vergangene Prüfungen herunterladen können, in Berlin ist das für Lehrer:innen ebenfalls möglich.

Eine Werbung von Stark mit der Beschriftung: Wie bei Wikipedia. Nur mit korrekten Lerninhalten.
Kleine Kriegserklärung an Freies Wissen: Lerninhalte zum Kaufen. Als Ergänzung super, aber warum sind auch die mit Steuermitteln erstellten Aufgaben kostenpflichtig? - Alle Rechte vorbehalten Stark

Enorme Ungleichheit bei Bildung

Durch die Veröffentlichung von Prüfungsaufgaben wird die Vorbereitung zugänglicher und unabhängiger vom Geldbeutel. Noch immer haben in Deutschland die finanziellen Mittel des Elternhauses Einfluss auf die Bildungschancen der Schüler:innen. Homeschooling verschärft die Lage noch weiter.

Für meine Abiturvorbereitung letztes Jahr habe ich, so wie viele weitere aus meinem Jahrgang, mir Lernhilfen vom Marktführer STARK-Verlag gekauft. Diese enthalten primär die Original-Abituraufgaben der letzten Jahre sowie die zugehörigen Lösungen. Knapp 15 Euro kostete jedes Exemplar, bei drei bis fünf schriftlichen Prüfungen kann das schnell teuer werden. In vielen Ländern ist dies jedoch die einzige Möglichkeit, an die Übungsaufgaben heranzukommen. Rückblickend wäre mein Abitur vermutlich deutlich schlechter ausgefallen, hätte ich mich nicht mit alten Prüfungsaufgaben vorbereitet.

Das genannte Unternehmen bietet für viele Abschlüsse und Länder solche Bücher an, die jährlichen Cashcows sind Lernhilfen zur Prüfungsvorbereitung: Ganze 77 Prozent machte die sogenannte „Rote Reihe“ 2019 laut dem Jahresabschluss im Bundesanzeiger am Gesamtgeschäft aus. Um Schüler:innen finanziell zu entlasten, schlug der Verlag auf Anfrage vor, dass Kultusministerien Schullizenzen der Bücher erwerben könnten. Statt die Aufgaben an Verlage zu verkaufen, um sie danach wieder einzukaufen, könnten die Länder aber auch einfach selbst ihre Materialien bereitstellen.

Her mit den Aufgaben!

Die Kampagne möchte Schüler:innen, Eltern, Lehrpersonen und alle Interessierten an offener Bildung dazu anregen, Anfragen zu stellen, damit Prüfungsaufgaben endlich öffentlich werden. Auf der Kampagnenseite muss man dazu lediglich Bundesland, Fach und Jahr auswählen, die entsprechende Anfrage wird automatisch erstellt. Fragt außerdem bei eurem Kultusministerium nach, wieso die Aufgaben immer noch eine Verschlusssache sind und übt zusammen mit FragDenStaat und Wikimedia Deutschland Druck auf die Bildungspolitik aus!

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2 Ergänzungen

  1. Wenn es die Aufgaben anteilig schon im Netz gibt, kann es doch nicht sein, dass hier „nur“ die Freigabe gefordert werden muss. Es ist an der Zeit, wenn wir uns am anglo-amerikanischen Recht orientieren wollen, auch den Fair-Use- sowie den Education-Gedanken in das europäische (Urheber)Recht zu integrieren, zumal „uns Bildung doch so wertvoll ist“.

  2. Nicht die armen Mediziner vergessen. Die wollen ihre Fragen auch veröffentlicht haben.

    Aus dem FAQ des Instituts für medizinische und pharmazeutische Prüfungesfragen (IMPP):

    > Darf ich IMPP-Prüfungsfragen für andere Zwecke nutzen?
    >
    > Es wird darauf hingewiesen, dass es nicht erlaubt ist, die in den
    > schriftlichen Prüfungen nach der ÄAppO, der AAppO sowie dem PTG
    > eingesetzten Prüfungsfragen ohne ausdrückliche Genehmigung des IMPP
    > zu verwenden. *Das Urheberrecht an den Prüfungsaufgaben steht
    > ausschließlich dem IMPP zu*. Sollten Verstöße dagegen durch ungenehmigte
    > Nutzung gleich welcher Art festgestellt werden, ist das IMPP gehalten,
    > dies rechtlich zu verfolgen.

    Aber keine Sorge, für nur 9 EUR im Monat kann man bei so einem Schmied (AMBOSS-Witz,
    hihi) trotzdem lernen.

    > Während des Medizinstudiums wird dein Wissen in Multiple Choice-Klausuren
    > überprüft – und auch im Physikum bzw. deiner Äquivalenzprüfung begegnet
    > dir dieses Prüfungsformat. Die *Original-IMPP-Fragen* sind fester Bestandteil
    > von AMBOSS.

    Auch hier können also Unternehmen mit von öffentlichem Geld finanzierten
    Prüfungen Kohle machen. Das sowieso meist Kinder von Ärzt*innen Medizin
    studieren und arme Schlucker eher außen vor bleiben ist nicht gerecht,
    aber das verschärft die soziale Selektion im Bildungswesen nochmal.

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