Bildungssenat BerlinWer spammt, gewinnt!

Der Berliner Bildungssenat hebt die Maskenpflicht in der Grundschule auf – und begründet dies mit der Anzahl der eingehenden Beschwerdemails. So kann man wirklich keine Politik machen. Ein Kommentar.

Spam Dosenfleisch
Beim Berliner Bildungssenat wird Politik nach der Anzahl der E-Mails gemacht. (Symbolbild) Gemeinfrei-ähnlich freigegeben durch unsplash.com Hannes Johnson

Der Berliner Bildungssenat begründet gegenüber Eltern, die sich über die Aufhebung der Maskenpflicht beschwert haben, die Aufhebung der Maskenpflicht mit der Anzahl der eingehenden Mails, die eine Aufhebung der Maskenpflicht gefordert haben. Glauben Sie nicht? Dann lesen Sie selbst.

In einer Mail des Senats an Eltern heißt es:

Es erreichten uns Mails im vierstelligen Bereich, in denen das Unverständnis über die Sinnhaftigkeit der Maßnahmen beschrieben wurde, die Maskenpflicht als Quälerei für die Kinder angesehen wurde und Sorgen um soziales Miteinander, Konzentrationsschwierigkeiten und verminderte Leistungsfähigkeit beschrieben wurden, viele unterschiedliche Begründungen, aber in einer großen Anzahl – hingegen gab es nur eine Handvoll von Mails, die die bis jetzt geltenden Maßnahmen begrüßt haben. Auch seit Bekanntgabe der Änderung ab Montag erhalten wir sehr viele zustimmende und dankbare Mails.

Ernsthaft jetzt? Die Grundlage für Entscheidungen beim Berliner Senat ist die Anzahl der E-Mails – und nicht wissenschaftliche Erkenntnisse oder zumindest eine ehrlich kommunizierte politische Strategie. Wer die Anzahl der Mails als Entscheidungsbasis nimmt, der gibt den Empörtesten, gut organisierten Beschwerdenetzwerken und denen mit den meisten Mailaccounts viel zu viel Macht.

Wenn das die Grundlage ist, dann könnte man in Zukunft mit einem gut aufgesetzten und leicht bedienbaren Protest-Mail-Werkzeug, das nicht immer die gleiche, sondern individualisierte Protestmails verschickt, die Richtung der Pandemie-Politik bestimmen. Das ist eine Bankrotterklärung des Berliner Bildungssenats, eine Ignoranz gegenüber wissenschaftlichen Erkenntnissen und ein Zeichen, dass jede Strategie fehlt.

Natürlich ist die Entscheidung zur Maskenpflicht für Grundschüler:innen nicht einfach, wenn das Land am Scheideweg steht: Erhöhung des Impfdrucks und lästige Maßnahmen bis in den nächsten Frühling hinein oder Durchseuchung der Ungeimpften bei mehr Toten und Langzeitschäden. Gleichzeitig bleibt das Problem, dass Kinder unter 12 Jahren nicht geimpft werden dürfen und damit in der Durchseuchung eine vollkommen andere Rolle einnehmen als Menschen, die sich der Impfung verweigern.

Ich will hier nicht bewerten, was der richtige Weg aus der Pandemie ist. Aber seine politischen Entscheidungen mit so einem Bullshit wie der Anzahl eingehender Beschwerdemails zu begründen, ist wirklich niederträchtig, unwissenschaftlich, feige und unehrlich. Da passt es wie die Faust aufs Auge, dass der Senat die Aufhebung der Maskenpflicht mit einer Studie unterfüttert, die aus Zeiten stammt, in denen es keinen Präsenzunterricht gab.

Den Eltern gibt der Senat dann noch frech mit auf den Weg:

Das Maskentragen in den Schulen wurde ja auch nicht verboten und so kann jeder selber entscheiden, ob die Masken weiterhin getragen werden, um sich besser zu schützen.

Na, dankeschön.

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5 Ergänzungen

  1. > Ernsthaft jetzt? Die Grundlage für Entscheidungen beim Berliner Senat ist die Anzahl der E-Mails – und nicht wissenschaftliche Erkenntnisse oder zumindest eine ehrlich kommunizierte politische Strategie.

    Ernsthaft jetzt? Wer erwartet noch wissenschaftlich basierte Entscheidungen, oder gar „ehrliche“ Kommunikation in der Politik?

    Wissenschaftliche Erkenntnis ist nur gefragt in extremen Ausnahme-Situationen wenn Politik nichts mehr hat, womit sie bluffen kann. Liefert dann Wissenschaft „erste schnelle Ergebnisse“ so fängt das Instrumentalisieren von Wissenschaft in alter perfider Weise von neuem an.

    Wie will man z.B. „wissenschaftlich“ das Schließen von Impfzentren gerade zu Beginn der 4. Infektionswelle argumentieren? Es kommt eben nicht auf Wissenschaft an, solange die Macht ausreicht, Interessen durchzusetzen.

    1. Impfzentren – prinzipiell eine gute Frage.

      Allerdings sehe ich, dass immer mehr Hausarztpraxen auch mRNA-basierte Impfstoffe anbieten, wir keinen auf die neuen Varianten optimierten Impfstoff haben, zudem der Nutzen einer Kreuz- oder Drittimpfung sich für nicht-Risikopatienten wohl in Grenzen hält. Dazu kommt das Timing, um Risiken z.B. einer Kreuzimpfung zu vermeiden. Zum einen würde ich da also eher noch warten, zum anderen könnten noch niederschwelligere Abgebote als Impfzentren mit niedrigeren Gesamtkosten genutzt werden. Da sehe ich nicht das große Problem.

      Ich wundere mich eher über den ganzen Rest (Masken, Lüftungsgeräte, Großveranstaltungen, etc.). Ich nehme an, mit den Schulen warten wir auf die nächste Pandemie, und den neuesten Scheiß, den der freie Markt da bietet. Dabei wären recht simple Eigenbaulösungen bei Klassenzimmern wohl durchaus sehr effektiv.

  2. Danke. Der Artikel bringt die Planlosigkeit unserer Politik gut auf den Punkt.
    Was mir noch dazu einfällt:

    Da kommt jetzt mit dem Winter, wo Infektions- und Todes-Zahlen wieder
    hochschellen werden, der erste Stresstest für Geimpfte, da es bisher keinen
    Corona-Impfstoff gibt, der ein ganzes Jahr im Einsatz war
    (der erste war glaub ich Astra-Zeneca, Ende Dezember 2020).

    Und nun will die Regierung die Maskenpflicht abschaffen.

    Dann kann man ja am Ende den Kindern für „Impfdurchbrüche“
    (Achtung: Euphemismus dafür dass die Impfung nicht geholfen hat, oder gar nutzlos war)
    die Schuld geben.

    Ich seh schon die Schlagzeilen im Frühjahr 2022 in der Rubrik Corona:
    Perfekt funktionierende Belüftungsanlagen in den Schulen,
    aber kaputte Heizungen & hustende und niesende Kinder.

    Ließe sich mit 100% Homeschooling sicher lösen (auch das Maskenproblem).
    Ich meine: wenn die Pandemie da ist, ist sie da auch wenn sie noch 10 oder 100 Jahre dauert.

    Oder wir rufen Hans-Peter Friedrich.
    Der erklärt dann die Corona-Pandemie für beendet.
    So wie seinerzeit die NSA-Affäre (2013).
    *duck und weg*

  3. Dieses Vorgehen scheint deutschlandweit so zu sein. Hier in Baden-Württemberg ging es sehr ähnlich zu.
    Es ist katastrophal, dass hier zu gelten scheint „Wer am lautesten Schreit gewinnt“. Mails im vierstelligen Bereich gegen keine Mail müsste die Bewertung lauten… Der Kompaß scheint hier komplett verloren gegangen zu sein.
    Die Menschen pro Maskenpflicht werden sich natürlich weniger melden, sind sie doch zufrieden. Jetzt auf die Barrikaden zu gehen, macht diese Gruppe der „Vorsichtigen“ in der Pandemie natürlich auch nicht. Da hängt einiges schief und dies muss aufgezeigt werden.

    Danke für ihren Kommentar Herr Reuter. Er spricht mir aus der Seele.
    Vielleicht möchten sie ja auch einen offenen Brief für sichere Bildung unterzeichnen.
    http://www.sicherebildung.de/offener-brief

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