Gaia-X

Unter Mondlandung gehts nicht

Deutschland und Frankreich haben gestern offiziell das Gaia-X-Projekt gestartet. Das für Wirtschaftsminister Peter Altmaier „vielleicht wichtigste digitale Bestreben einer Generation“ kommt leider sehr spät. Ein Kommentar.

Astronaut auf dem Mond, statt US-Fahne hat er eine EU-Fahne auf dem Raumanzug
EU-Astronaut bei der Errichtung der Cloud Gaia-X? Gemeinfrei NASA / Foto-Montage: netzpolitik.org

Gestern haben Deutschland und Frankreich den Start der Gaia-X-Plattform gelauncht. Die Idee dahinter ist gut und wichtig: Es soll eine offene und dezentrale Alternative für Clouds und Datensilos entstehen, die zu Kooperation einlädt und mit europäischen Werten und Datenschutzgesetzen ausgestattet ist. Damit soll eine „digitale Souveränität“ gegenüber ausländischen Konzernen wie Google, Amazon, Microsoft und Alibaba erreicht werden, die solche Dienste schon lange anbieten.

Es ist und bleibt ein Problem, wenn Unternehmen und Behörden derzeit nur die Wahl zwischen Pest und Cholera bei Cloud-Infrastrukturen haben. Bis heute ist es rechtlich eher ungeklärt, ob US-Unternehmen, auch wenn sie Rechenzentren und Tochterfirmen in Deutschland besitzen, im Geheimen mit US-Geheimdiensten kooperieren und ihnen Zugriff auf ihre Infrastrukturen geben müssen. Daher kann man davon ausgehen, dass sie das im Zweifelsfall machen müssen. PRISM und FISA-Gerichte aus den Snowden-Enthüllungen haben das bewiesen.

Eine Herausforderung ist natürlich: Das Konsortium startet 2020 und möchte existierenden Cloud-Plattformen Konkurrenz machen, die heute schon funktionieren. Und damit viele Jahre Vorsprung haben. Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) schaffte es gestern bei der Vorstellung noch tatsächlich, das Projekt als „Moonshot der Digitalpolitik“ und „vielleicht wichtigstes digitales Bestreben einer Generation“ zu bezeichnen.

„Moonshot der Digitalpolitik“

Viele Menschen mit und ohne ausreichend Breitband-Internet würden wahrscheinlich die flächendeckende Verlegung von Glasfaser-Infrastruktur eher als „wichtigstes digitales Bestreben einer Generation“ ansehen. Aber das wurde ja schon erfolgreich eine Generation lang verbummelt.

Bei Gaia-X sind alle großen Namen dabei, von Deutsche Telekom bis Siemens. Das ist leider kein Garant für Erfolg und Qualität, denn gerade fällt mir kein technologisches Großprojekt ein, wo alle deutschen Großunternehmen kooperiert und erfolgreich eine neue Technologie entwickelt haben.

Das letzte Mal, als von einem „europäischen Airbus-Projekt“ für Digitales gesprochen wurde, wollte man mit dem deutsch-französischen Quaero-Konsortium eine Konkurrenz zu Google aufbauen. Habt Ihr nie was von gehört? Das wurde lautstark angekündigt, hat viele Steuergelder versenkt und ist dann eingeschlafen.

Wenigstens soll diesmal alles mit Open Source und Open Standards gemacht werden, im Falle eines Scheiterns kann man die dort entwickelten Sachen immerhin für andere Dinge weiterverwenden. Ich lass mich mal überraschen, was passiert. Vielleicht klappt ja ausnahmsweise mal ein großes Digitalprojekt, das im Wirtschaftsministerium auf dem Reißbrett entworfen wurde.

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6 Ergänzungen
  1. Was bedeutet eigentlich „Last revised: Oktober 2020“ in [1]? Selbst das deutsche Datum bringen die nicht richtig fertig. Richtig müsste es Oktober 2019 heißen wie auch bei den französischen Dokumenten und in den PDFs (29.10.2019).

    [1] https://www.data-infrastructure.eu/GAIAX/Navigation/EN/Home/home.html

    Publication: Das Projekt GAIA-X
    Eine vernetzte Dateninfrastruktur als Wiege eines vitalen, europäischen Ökosystems
    Last revised: Oktober 2020

    Publication: Das Projekt GAIA-X
    Executive Summary
    Last revised: Oktober 2020

  2. Das klingt ja ganz gut, vor allem die Ausrichtung an Open Source. Und dass Open Source auch gut klappt, hat ja die Erstellung der Corona-App gezeigt.
    Was mir fehlt: Es wird sich an den großen Anbietern orientiert und wenn von Nutzern die Rede ist, dann handelt es sich um großen Konzerne.
    Die Perspektive von Ottilie Normalverbraucherin taucht nicht auf. Ebenso fehlt mir die Einbeziehung der Zivilgesellschaft. Dass da geballtes Wissen vorhanden ist, das auch die bürgerrechtlichen Ansätze berücksichtigt, ist ja ebenfalls in der Debatte um die Corona-App deutlich geworden.

    1. These:

      Dass sich alles um Konzerne dreht, ist vermutlich der Entstehungsgeschichte zu verdanken. Die Wurzeln von Gaia-X liegen im mittlerweile neun Jahre alten Hoffnungsträger „Industrie 4.0“ (lesenswerter Verriss dazu: „Illusion 4.0 – Deutschlands naiver Traum von der smarten Fabrik“ von Andreas Syska und Philippe Lièvre). „Industrie 4.0“ drückte bei Politikern und Ministerialbeamten die richtigen Knöpfe für reich gefüllte Fördertöpfe. Ewig kann man so ein Pferd jedoch nicht reiten, deshalb musste für die nächste Runde ein neues nächstes großes Ding her: der Industrial Data Space oder die Industrial Data Spaces. Hieraus wiederum ging Gaia-X hervor.

      Mangelnde Anwendungsorientierung wurde Gaia-X mithin in die Wiege gelegt und deswegen wirkt die Zusammensetzung der Akteure so unausgewogen. Hätten wir, respektive unsere Digitalpoltik, Ahnung von Anwendungen, wären wir ja nicht digitaler Vorletzter, könnten wir die Defizite des Gaia-X-Ansatzes offen diskutieren und hätten wir das Projekt in dieser Form letztlich gar nicht nötig. Stattdessen haben wir jedoch einen Regierungsapparat, der eben noch das Märchen von der wunderbaren Blockchain-Technologie glaubte.

      Gaia-X ist ein Artefakt, entstanden aus Wechselwirkungen verschiedener Systeme: Politik, Forschungs- und Wirtschaftsförderung, PR und Lobbyismus, Medien. Wie bei der Blockchain kann auf einer ätherischen Ebene jeder mitreden und in schillernden Farben eine grandiose Zukunft ausmalen. Brandolinis Gesetz sorgt dafür, dass Behauptungen schneller nachwachsen als sie widerlegt werden können. Ein Mastermind und einen soliden Plan sucht man vergebens, stattdessen ist eine Mischung aus Groupthink, spekulativer Interessenvertretung und seitens der Wirtschaftspolitik wachsender Hilflosigkeit am Werk.

      1. Na ja. In einer Welt in der Anwendungsorientierung bedeutet „Die Werbetreibende Industrie hat schließlich Anspruch auf deine persönlichen Daten!“ ist es vielleicht nicht ganz falsch mal einen Schritt zurückzutreten und zu fragen „Wie sollte eine DVGSO orientierte Cloud aussehen?“.

  3. Was nützt es innerhalb der EU ein eigenes und offenes Cloudsystem aufzusetzen wenn die Datenleitungen dorthin und innerhalb der EU trotzdem von der NSA und den anderen euopäischen Geheimdiensten abgeschnorchelt werden?
    Echter Datenschutz kann innerhalb der EU momentan nicht gewährleistet werden!

  4. Auch wenn im Ankuendigungstexts Altmeyers das Wort „Moonshot“ faellt, ist der Begriff „Mondlandung“ und der abgebildete Astronauten Edwin Aldrin (mit montierter EU-Flagge) als Artikel-Teaser mindestens irrefuehrend – und in meinem Fall: uebelster Click-Bait!!!
    Ich wuerde da um thematisch Passenderes bitten. Und man kann auch mal das Bild weglassen, wenn es kein passendes geben sollte. Ansonsten: Danke fuer den/die Artikel.

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