YouTube-Kanäle aus den verschiedensten Ecken der rechten Community vernetzen sich untereinander immer mehr. Zu diesem Schluss kommen zwei Kommunikationswissenschaftler aus Taipeh und Berlin in einer aktuellen Studie. Sie haben untersucht, unter den Videos welcher Kanäle jeweils die selben Nutzer:innen kommentieren und welchen Themen sich diese Kanäle am häufigsten widmen.
Zu diesem Zweck identifizierten die Autoren mit dem YouTube-Empfehlungsalgorithmus zunächst 116 Kanäle, die sie der „far-right“ zuordnen. Übersetzt kann far-right für äußere Rechte, aber auch für rechtsextrem stehen.
Sie untersuchten insgesamt 2.298.737 Kommentare unter Videos, die auf diesen Kanälen bis zum 1. Juni 2017 erschienen waren. Etwa 250.000 verschiedene YouTube-Accounts, sogenannte Unique User, verfassten die Kommentare. Die Forscher wollten nun herausfinden, welche Kommentator:innen unter den Videos welcher Kanäle kommentieren. Das soll eine Aussage über die Überschneidung der Fangemeinden der rechten Kanäle, aber auch über die Vernetzung der Kanäle selbst erlauben.
Entstanden ist die Visualisierung eines seit 2014 immer dichter werdenden Netzwerkes zwischen den Kommentator:innen großer und kleiner Kanäle, die Jonas Kaiser, einer der Autoren, in einem Twitter-Thread geteilt hat:
https://twitter.com/JonasKaiser/status/1297980811455737860?s=20
Sieben Gruppen, verschiedene Feindbilder
Die dort geteilte Grafik zeigt, dass die Kanäle für die Studie in sieben Gruppen eingeteilt wurden. Es gab Kanäle, die eine direkte Verbindung zur AfD hatten, also offen von der rechtsextremen Partei oder ihren Mitliedern betrieben werden. Die Autoren unterscheiden außerdem zwischen der neuen und der alten Rechten, „alternativen Medien“, rechten Verschwörungsmythen, Geschichtskanälen sowie einer Gruppe von Nationalist:innen und Rechtsrock-Kanälen.
Diese sieben Gruppen unterscheiden sich vor allem durch ihre Akteur:innen und ihre Themenschwerpunkte. Um die Themen der Videos zu analysieren, zogen die Forscher hier ebenfalls die Kommentare heran. Sie suchten die häufigsten Worte, die die Nutzer:innen verwendeten und zogen so Rückschlüsse auf den Inhalt des Videos.
Die AfD-Kanäle haben fast alle eine direkte Verbindung zur Partei und konzentrieren sich auf die parlamentarische Arbeit und die politische Landschaft in Deutschland. Die Accounts, die hier kommentieren, pflegen laut der Studie vor allem Angela Merkel und ihre Flüchtlingspolitik als Feindbild.
In einer Gruppe zusammengefasst haben die Autoren Nationalist:innen wie den Pegida-Gründer Lutz Bachmann und Kanäle mit Rechtsrock. Einige Kanäle ordneten die Forscher auch dem Umfeld rechter Fußball-Hooligans zu. Themen seien hier vor allem Nationalstolz und Islamfeindlichkeit.
Die untersuchten Kanäle der neuen Rechten weisen fast immer eine Nähe zur rechtsextremen Identitären Bewegung oder zum rechten Antaios-Verlag auf. Die neue Rechte zeichne aus, dass sie mit Themenwahl und Rhetorik eine Brücke in den Mainstream schlagen will, so die Forscher. Sie schießen in den Kommentaren vor allem gegen die Antifa und beschäftigen sich auch inhaltlich mit der Links-Rechts-Unterscheidung. Auch Antifeminismus und Geschlechterrollen spielen hier der Studie zufolge eine große Rolle.
„Alternative Medien“ als zentrale Knotenpunkte des Netzwerks
Die Gruppe der alten Rechten besteht vor allem aus Kanälen mit Verbindung zur NPD. Auch diese Gruppe beschäftigte sich überwiegend mit der politischen Landschaft Deutschland, sei dabei aber oftmals deutlich extremer unterwegs als AfD-Kommentator:innen oder die neue Rechte, da ihnen die Mitte der Gesellschaft weniger wichtig ist. Diese Kanäle seien bei ihren Kommentator:innen dementsprechend auch weniger stark vernetzt als die anderer Gruppen.
Die historischen Kanäle stehen ebenfalls eher isoliert und befassen sich mit Themen wie dem Dritten Reich und deutscher Militärmusik. Man sieht hier vor allem Verbindungen zur alten Rechten und auch zu Kanälen mit rechten Verschwörungsmythen. Diese behandeln antisemitische Verschwörungsphantasien, die Reichsbürger:innen-Bewegung und völkische Ideologien.
Besonders zentral und eng vernetzt sind die Kanäle der sogenannten alternativen Medien. Hierzu zählen das russische Staatsmedium RT deutsch, Compact TV oder KenFM. Auch hier fänden sich viele Verschwörungsmythen, etwa zu Chemtrails, der flachen Erde oder der Neuen Weltordnung. Außerdem gäbe es einen besonderen Fokus auf Politik im Ausland, beispielsweise den Russland-Ukraine-Krieg.
Gemeinsame Kritik an deutscher Migrationspolitik
Obwohl die Kanäle und der Tenor der Kommentare sich also inhaltlich unterscheiden, wurde das Netzwerk von 2014 bis 2017 immer dichter und immer zentralisierter. Ein dichteres Netzwerk bedeutet, dass immer mehr Nutzer:innen unter den Videos verschiedener Kanäle kommentieren, die Fangemeinden unterschiedlicher Kanäle wachsen also enger zusammen und haben größere personelle Überschneidungen. Immer wichtiger werden große Kanäle, die mit sehr vielen anderen Kanälen unterschiedlicher Ausrichtung vernetzt sind. Sie nehmen eine zentrale Funktion im Netzwerk ein und gehören meistens in die Kategorie der „alternativen Medien“.
Was die Accounts zusammenhält, ist den Studienautoren zufolge die gemeinsame Ablehnung der deutschen Migrations- und Flüchtlingspolitik. Dieses Thema sei, abgesehen von den Geschichtskanälen, bei allen Akteur:innen immer wieder explizit aufgetaucht.
Interessant ist aber auch, dass die Autoren bei äußeren Ereignissen meistens nur einen kurzen Einfluss auf die rechte YouTube-Community feststellten:
https://twitter.com/JonasKaiser/status/1297980815209648128?s=20
Die Gründung von Pegida Ende 2014 habe dazu geführt, dass das Thema links außen und rechts außen kurz stärker thematisiert worden sei. Über den gesamten Zeitraum von 2014 bis 2017 sei hier aber kein Anstieg feststellbar. Die Forscher schließen daraus, dass weniger konkrete Ereignisse als vielmehr die Besinnung auf gemeinsame Themen für die Akteur:innen von rechts außen entscheidend sind, um eine gemeinsame Identität zu entwickeln.
Die Forscher wünschen sich nach ihren Ergebnissen eine genauere Erforschung radikaler Netzwerke auf YouTube. Politische Akteur:innen würden hier die Massenmedien umgehen und ihre Inhalte selbst ungefiltert bereitstellen. Außerdem sei die Plattform eben nicht nur ein Ort, an dem Videos bereitgestellt werden, sondern auch ein soziales Netzwerk. Die Wissenschaftler befürchten, dass die Kombination der beiden Eigenschaften zu isolierten Gruppen mit einer alternativen Gegenöffentlichkeit führen.
