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Musikindustrie geht gegen Youtube-dl vor und behindert damit unsere Arbeit

Die US-Musikindustrie geht mit Copyright-Ansprüchen gegen das Open-Source-Tool Youtube-DL vor. Damit wird auch unsere Möglichkeit eingeschränkt, Inhalte von Plattformen wie Youtube für unsere journalistischen Recherchen zu sichern. Unterdessen öffnet die ARD ihre Archive, aber nur halbherzig. TV-Dokumentation geben Einblick in den aktuellen US-Wahlkampf.

Heute ist Donnerstag und es gibt eine weitere Ausgabe unseres bits-Newsletters.
Heute ist Donnerstag und es gibt eine weitere Ausgabe unseres bits-Newsletters. CC-BY 4.0 netzpolitik.org

Hallo,

in der vergangenen Woche ist die US-Musikindustrie mit einem Copyright-Claim erfolgreich gegen Youtube-DL auf der Coding-Plattform Github vorgegangen. Seitdem ist dort der Quelltext der Software samt einiger Forks nicht mehr verfügbar, jedenfalls nicht offiziell.

Das beliebte Linux-Kommandozeilen-Werkzeug ermöglicht es, Inhalte von Streaming-Plattformen wie Youtube herunterzuladen. Die Lobbyvereinigung RIAA argumentiert, dass damit die technischen Systeme zum Schutz von Inhalten umgangen und dadurch urheberrechtlich geschützte Inhalte von RIAA-Künstler:innen unautorisiert heruntergeladen werden können.

Das ist eine gefährliche Entwicklung. Nicht nur, weil sich Github den aus meiner Sicht vorgeschobenen Argumenten allzu schnell gefügt hat. Sondern auch, weil Youtube-DL aus gutem Grund sehr beliebt bei Journalist:innen und Archivar:innen ist. Wenn wir Inhalte auf Youtube und Co. im Rahmen unserer investigativen Recherchen sichern müssen, greifen wir darauf zurück. Denn es funktioniert gut und ist viel vertrauenswürdiger als die vielen Browser-Extensions mit ähnlichen Möglichkeiten, bei denen man nie genau weiß, ob nicht im Hintergrund Surf-Daten verarbeitet und verkauft werden.

Youtube-DL ist ein Dual-Use-Werkzeug, keine Frage. Es kann dazu genutzt werden, urheberrechtlich geschützte Inhalte zu sichern, aber ebenso ermöglicht es auch, freie Inhalte herunterzuladen, wenn die Lizenz so was explizit erlaubt. Noch lässt sich die Software auf der Website des Projekts herunterladen. Aber es ist gut denkbar, dass das Vorgehen gegen das Github-Repository nur der erste Schritt der Musikindustrie war.

Ich hoffe mal, dass US-Organisationen wie die Electronic Frontier Foundation und die Freedom of the Press-Foundation vor Gericht ziehen und erfolgreich durchsetzen, dass der Entwicklung und Nutzung von Youtube-DL keine unnötigen Steine in den Weg gelegt werden.

Neues auf netzpolitik.org

Tomas Rudl schreibt über Pläne der französischen Regierung, dass Plattformen im Rahmen der Diskussion über das europäische Digitale-Dienste-Gesetz stärker gegen legale Desinformation vorgehen sollen, was Fragen der Meinungs- und Informationsfreiheit aufwirft: Frankreich will stärkeren Radiergummi.

Künftig soll der Umgang mit illegalen Inhalten im Internet europaweit besser geregelt werden. Einem Medienbericht zufolge setzt sich nun Frankreich dafür ein, dass das kommende Gesetz für digitale Dienste auch bei legalen, aber schädlichen Inhalten wie Desinformation greifen soll.

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Chris Köver, Alexander Fanta und ich haben die aktuelle Debatte um die Corona-Warn-App zusammengefasst: Welche Upgrades der Corona-Warn-App jetzt sinnvoll sein können.

Mir den steigenden Infektionszahlen nimmt auch die Debatte um die Corona-Warn-App wieder Fahrt auf. Gefordert werden weitere Funktionen, mehr Aufklärung und eine bessere Anbindung der Labore. Doch nicht alle Ideen sind durchdacht – oder überhaupt machbar.

Zu dem Thema habe ich auch dem Weser-Kurier ein Interview gegeben: „Ich bin froh, dass wir jetzt zur zweiten Welle die App haben“.

Kurze Pausenmusik:

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Die Erstellung dieser Ausgabe wurde freundlicherweise von Tomas Rudl unterstützt.

Was sonst noch passierte:

Gestern wurden wieder die Chefs der großen Tech-Konzerne vor dem US-Senat angehört Dabei gab es die skurrile Situation, dass einige Senator:innen den Namen des Google-Chef Sundar Pichai falsch aussprachen und stattdessen ihn mit Mr. Pick-Eye ansprachen, wie Buzzfeed News schreibt: US Senators Can’t Be Bothered To Pronounce The Google CEO’s Last Name Correctly.

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Am Dienstag hat die ARD anlässlich des UNESCO-Welttages für das audiovisuelle Erbe ihre Archive für ein Retro-Archiv geöffnet. Mehr als 7.000 Produktionen aus der Zeit vor 1966 gibt es jetzt dort zu sehen, darunter viele Nachrichtensendungen. Leider ist die ARD nicht den Weg gegangen, diese Inhalte zum Download anzubieten und unter einer freien Lizenz zu veröffentlichen, wie Georg Fischer bei iRights.info schreibt: Die ARD öffnet weiter ihre Archive, Nutzungen bleiben eingeschränkt.

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In einer Studie für das Büro für Technologiefolgeabschätzung beim Deutschen Bundestag haben Reinhard Grünwald und Christoph Kehl über „Autonome Waffensysteme“ (PDF) geschrieben. Bei Heise-Online gibt es eine Zusammenfassung der Studie: Ächtung von Killer-Robotern – Das Zeitfenster schließt sich .

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Seit einigen Jahren gibt es die Zentrale Stelle für Informationstechnik im Sicherheitsbereich (ZITiS) in München. Die Behörde soll unsere Sicherheitsbehörden bei der Entschlüsselung von Kommunikation unterstützen, wozu auch Staatstrojaner gehören. Mittlerweile sollen über 180 Menschen für Zitis arbeiten, aber was genau dort passiert, wissen noch nicht einmal Abgeordnete des Deutschen Bundestages. Florian Flade gibt bei Tagesschau.de einen aktuellen Überblick, was bekannt ist und was die Probleme sind: Was macht eigentlich die „Hackerbehörde“?

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Drei schöne Visualisierungen von der Verbreitung von Aerosolen in Räumen hat die Zeitung El Pais veröffentlicht. Dabei wird auch gezeigt, welche Maßnahmen wie dagegen wirken können: A room, a bar and a classroom: how the coronavirus is spread through the air.

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Die Praxis des bekannten Corona-Leugners und Querdenken-Sprechers Bodo Schiffmann wurde durchsucht. Die Polizei vermutet, dass er Gesundheitszeugnisse gegen das Tragen von Masken an Personen ausgestellt hat, die gar nicht von ihm in der Praxis untersucht wurden: „Unrichtige Gesundheitszeugnisse“.

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Aus der beliebten Kategorie „Auch dieser Attentäter war unseren Geheimdiensten vorab bekannt“:
BND wurde vor Islamist gewarnt – und gab Warnung nicht weiter. Es geht um den Islamisten, der in Dresden mit einem Messer ein schwules Pärchen angegriffen und einen der beiden getötet hat. Der BND bedauert jetzt, dass man da was verpeilt habe und fühlt sich unschuldig.

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Die NSA hat Hintertüren in Netzwerkgeräte des US-Anbieters Juniper einbauen lassen. Und bedauert jetzt, dass diese leider auch von einem anderen Staat ausgenutzt worden seien: NSA-Hintertür von anderem Staat missbraucht. Das ist ein schönes anschauliches Beispiel, warum niemals Hintertüren irgendwo eingebaut werden sollten, weil es immer das Potential gibt, dass diese auch von anderen ausgenutzt werden.

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Beim Tonspion gibt es die Geschichte von „Take on me“ von a-ha zu lesen und jetzt hab ich die ganze Zeit einen Ohrwurm im Kopf.

Video des Tages: US-Wahlen

US-Wahlkämpfe führen immer zu einer Flut von TV-Dokumentationen. Empfehlenswerte aktuelle Dokus gibt es mit „Amerika hat die Wahl: Trump gegen Biden“ bei Arte und „Donald Trumps Kampf um die Macht“ bei ZDFZoom.

Bei Arte findet sich ebenfalls eine Doku, in dem Fall über Melania Trump: „Dieses obskure Objekt der Macht“. Die ist aber belanglos und leider eine ziemliche Zeitverschwendung.

Netzpolitik-Jobs

Ich bekomme regelmäßig Job-Angebote im netzpolitischen Bereich zugeschickt und dachte mir, dass eine zusätzliche Rubrik ein guter Service sein könnte. Zweimal die Woche werde ich zukünftig auf aktuelle Job-Angebote hinweisen.

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Die Landesmedienanstalt Berlin-Brandenburg sucht eine/n Referent (m/w/d) Medienregulierung. Das ist eine spannende Stelle, weil diese zukünftig dafür zuständig ist, den kommenden Medienstaatsvertrag umzusetzen, wozu auch Plattformregulierung gehört.

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Das Wissenschaftszentrum Berlin sucht für den Schwerpunktbereich „Digitalisierung und gesellschaftlicher Wandel“ eine/n Wissenschaftliche*r Mitarbeiter*in (m/w/d) (Postdoc).

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Die von Max Schrems gegründete Organisation Noyb sucht in Wien eine/n Full Stack Web Developer/in mit einem Fokus auf Legal-Tech.

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Die Bundestagsabgeordnete Anke Domscheit-Berg (Fraktion Die Linke) sucht eine:n wissenschaftliche:n Mitarbeiter:in für den Bereich Netzpolitik.

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Investigate Europe ist eine transnationale Medienplattform für investigativen Journalismus mit Sitz in Berlin. Aktuell wird ein/e Community Engagement Coordinator/in gesucht. Das ist wohl zwischen Social Media-, Community-Management und Audience Development angesiedelt.

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Das war es für heute. Viele Grüße und bleibt gesund,
Markus Beckedahl

Ich freue mich immer über Feedback und gute Hinweise. Meine Mailadresse ist markus@netzpolitik.org. Ich bin zwar häufig von zu vielen eMails überfordert und bekomme nicht alle beantwortet. Aber ich lese alle Mails.

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Eine Ergänzung
  1. Ich würde mich sehr freuen, wenn ihr auf die Bedeutung des in der takedown notice zitierten Urteils aus Hamburg eingeht. Oder ist das Urteil gar nicht relevant?

    Danke!

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