Freie Software in der Schule

Mit Linux-Rechnern zur digitalen Nachhaltigkeit

Was der Einsatz von gebrauchten Geräten, freier Software sowie Solarstrom und Bienenstöcken mit der Vermittlung von Werten zu tun hat, hat uns Felix Schoppe vom Georg-Büchner-Gymnasium in Seelze bei Hannover erklärt.

Tastatur mit Kresse
„Wir nehmen Klimaschutz ernst: Wenn wir eine Photovoltaik-Anlage auf dem Dach und eigene Bienenstöcke haben, dann wäre es doch arg unglaubwürdig, wenn wir Wegwerfgeräte anschaffen würden“, sagt Felix Schoppe vom Georg-Büchner-Gymnasium bei Hannover. Vereinfachte Pixabay Lizenz Beeki

Am Georg-Büchner-Gymnasium in Seelze bei Hannover gibt es seit einigen Jahren fast nur noch Linux-Geräte. Das Kollegium habe zwar gezögert, dann aber von Windows auf Linux umgestellt, erzählt Felix Schoppe. Er kümmert sich um die drei Computerräume, mehrere Einzelrechner und insgesamt etwa 150 Laptops für 1.400 Schüler:innen seiner Schule. Eigentlich unterrichtet Felix Schoppe Physik, Französisch und Informatik. Mit uns hat er darüber gesprochen, wie man Schüler:innen mit Technik bestimmte Werte vermittelt.

netzpolitik.org: Wie kam die Umstellung von Windows auf Linux denn bei den Schüler:innen an?

Felix Schoppe: Insgesamt sehr gut. Wir haben ja auch ein Medienbildungskonzept, wo schwarz auf weiß drinsteht, dass wir freie Software einsetzen möchen. Bei der Abstimmung auf der Gesamtkonferenz gab es keine Gegenstimmen, nur einige Enthaltungen. Auch die Schülervertretung hat mir zurückgemeldet, dass sie den Weg gut finden mit Linux. Natürlich gibt es in Einzelfällen auch ein paar Kolleg:innen, die sich vielleicht doch Microsoft Office wünschen würden, aber im Großen und Ganzen trifft das wirklich auf Konsens, weil dahinter natürlich auchder Umweltschutzgedanke steckt.

Wir arbeiten mit Gebrauchthardware und reparieren die größtenteils selbst. Wir haben Notebooks, die sind über zehn Jahre alt, aber die funktionieren mit Linux wirklich noch einwandfrei. Als wir viele Laptops angeschafft haben, hatte ich Unterstützung von Schüler:innen in Form einer AG. Die haben dann geholfen, die zu installieren und haben die auch teilweise repariert, wenn die kaputt waren.

Wenn man die von einem professionellen Gebrauchthändler kauft, hat man zwar auch Gewährleistung. Man könnte also ein kaputtes Gerät einschicken und reparieren lassen. Aber es ist dann doch einfacher, wenn man das selber macht. Ich habe zum Glück auch Händler gefunden, wo ich kurz anrufen und sagen kann: Hier bei dem Gerät ist eine SSD kaputt und das hat noch Gewährleistung. Dann kriegen wir eine neue geschickt und tauschen die selber.

Das ist wirklich extrem nachhaltig. Gerade wenn man sich überlegt: Die ganzen Geräte, wo heute Akkus fest eingebaut werden oder wo man Komponenten überhaupt nicht mehr tauschen kann, kaufen wir nicht. So hängt das alles miteinander zusammen. Wir nehmen Klimaschutz ernst: Wenn wir eine Photovoltaik-Anlage auf dem Dach und eigene Bienenstöcke haben, dann wäre es doch arg unglaubwürdig, wenn wir Wegwerfgeräte anschaffen würden.

netzpolitik.org: Ist das auch ein Grund, warum Sie nicht beispielsweise keine iPads verwenden?

Felix Schoppe: Die haben natürlich unbestreitbare Vorteile. iPads funktionieren extrem zuverlässig und sind sofort an, wenn man sie braucht. Aber man muss sich auch fragen: Was für Werte stecken dahinter und was wollen wir den Schüler:innen vermitteln? Da finde ich es gerade in Zeiten des Klimawandels extrem wichtig zu zeigen: Man kann auch anders agieren. Man kann sich Geräte anschaffen, die man reparieren kann, die man sehr lange nutzen kann.

Bei Linux ist es auch so, dass Freie Software allgemein ein Gemeinschaftsprojekt ist. Das habe ich vielfach selbst erlebt. Wir nutzen in unseren PC-Räumen eine Terminalserver-Lösung, wo die die PCs keine Festplatten haben. Dadurch sind sie extrem wartungsfreundlich und wenn es Probleme gibt, dann wird das in der Entwicklungs-Community diskutiert und man arbeitet über Grenzen hinweg zusammen.

Portrait Felix Schoppe
Felix Schoppe kümmert sich am Georg-Büchner-Gymnasium Seelze bei Hannover um die Linux-Rechner.

Bei akuten Problemen habe ich täglich mehrere E-Mails mit einem Kollegen in Griechenland ausgetauscht. So entsteht eine enge Zusammenarbeit, obwohl man sich nie persönlich irgendwo gesehen hat. Das ist etwas, das man mit iPads nicht vermittelt bekommt.

netzpolitik.org: Sind Sie selbst an der Entwicklung beteiligt?

Felix Schoppe: Nein. Aber wenn ich Fehler feststelle, melde ich die der Community und versuche natürlich auch herauszufinden, woran es liegt. Ab und zu trage ich auch mal einen kleinen Ansatz einer Problemlösung bei, ich würde aber nicht sagen, dass ich da aktiv an der Entwicklung beteiligt bin. Trotzdem versuche ich in jedem Fall der Gemeinschaft etwas zurückzugeben und freie Software besser zu machen.

netzpolitik.org: Wer trägt denn die Verantwortung dafür, dass die Technik funktioniert?

Felix Schoppe: Eine Schule aus Göttingen, die ich kenne, hat einen professionellen IT-Dienstleister beauftragt. Es gibt in Deutschland zahlreiche mittelständische Unternehmen, die genau so etwas machen: IT-Beratung und IT-Dienstleistung. Denen gibt man den Auftrag, dass in der Schule ein Netzwerk geschaffen werden soll und man ein Management von Linux-Geräten braucht.

Ich kenne da einige Firmen aus Hessen oder Schleswig-Holstein. Mit denen schließt man einen Vertrag ab und vereinbart auch, wie der Support läuft. Wenn etwas nicht funktioniert, dann sind die dafür verantwortlich. Das geht – und wäre eigentlich auch die beste Lösung. Ich bin ja Lehrer und eigentlich kein IT-Dienstleister.

netzpolitik.org: Das heißt, Sie kümmern sich selbst um die Geräte?

Felix Schoppe: Genau. Wir haben natürlich unseren Schulträger, der für mehrere Schulen zwei IT-Administratoren hat. Aber die kümmern sich hauptsächlich um das Netzwerk und sind damit auch schon gut ausgelastet. Wir arbeiten gerade daran, dass das gesamte Gebäude mit WLAN ausgestattet ist. Da hat man schon eine gewaltige Netzwerk-Infrastruktur.

Um die Endgeräte kümmern wir uns in der Schule selber. Wenn man als Lehrkraft so spezielle Aufgaben übernimmt, dann bekommt man Entlastungsstunden. Das heißt, man muss ein bisschen weniger unterrichten. Diese Stunden entlasten natürlich nicht in dem Maße, in dem man da Arbeit reinsteckt – auch wenn man Zeit für Unterrichtsplanung und Korrekturen einrechnet.

netzpolitik.org: Würden Sie sich wünschen, dass ihre Schule auch mit einem Dienstleister arbeitet?

Felix Schoppe: Zur Zeit ist das alles im grünen Bereich. Es ist auch so, dass wir für unseren Schulserver einen Dienstleister haben. Das ist auch gut so. Gerade wenn man in Coronazeiten vollständig darauf angewiesen ist, dass das läuft, dann würde ich nicht dafür garantieren wollen. Das ist dann schon eine große Entlastung, zu wissen: Da hat man jemanden, der ist da professionell für zuständig.

netzpolitik.org: Wie läuft das denn jetzt gerade bei Ihnen an der Schule?

Felix Schoppe: Wir mussten natürlich wie alle anderen Schulen auch von heute auf morgen auf E-Learning umstellen. Das war von der Schulserver-Infrastruktur her kein Problem. Es war allerdings nicht sichergestellt, dass alle Schüler:innen zu Hause adäquat arbeiten können und da ein Gerät zur Verfügung haben. Deswegen haben wir dann begonnen, unsere schuleigenen Laptops an die Schüler:innen bis zu den Sommerferien auszuleihen.

Die Klassenlehrer:innen hatten den Auftrag, in ihren Klassen sicherzustellen, dass alle ein Gerät haben oder eins ausgeliehen bekommen. Das war sehr niederschwellig, wir haben keine Kaution verlangt. Erst haben wir über eine Erklärung diskutiert, dass man wirklich kein eigenes Gerät hat, war aber gar nicht nötig. Wir haben jetzt etwas mehr als 60 Geräte verliehen.

netzpolitik.org: Ist Ihre Schule da mit diesem Modell ein Vorbild?

Felix Schoppe: Das wäre natürlich mein Wunsch, dass man Schüler:innen nahebringt, mit Geräten nachhaltig umzugehen, sie selbst zu reparieren und möglichst lange zu nutzen. Letztendlich muss das aber jede Schule selbst entscheiden, weil man das pädagogische Konzept dahinter vertreten muss. Es gehört natürlich auch ein Stück zur Wahrheit, dass es auch mit Freier Software und mit Linux Probleme geben kann und wird.

Vielleicht gibt es irgendeine coole iPad-App, die wir dann nicht nutzen können – das gehört dazu. Da muss man sich als Schule entscheiden, wie man das möchte. Wir haben den Vorteil, dass wir an unserer Schule eine sehr starke Fachgruppe Informatik haben mit kompetenten Kolleg:innen.

netzpolitik.org: Welche politischen Rahmenbedingungen könnten Ihren Ansatz denn mehr fördern?

Felix Schoppe: Das ist in Niedersachsen gerade schon in Arbeit: Es gab einen Erlassentwurf zur Nutzung mobiler Endgeräte in Prüfungen, der sehr auf iPads zugeschnitten war. Der wurde jetzt zum Glück überarbeitet. Es gibt einen neuen Erlassentwurf, der wesentlich besser aussieht und auch uns ermöglicht, Linux-Laptops mit einem Prüfungsstick der Forschungsstelle Digitale Nachhaltigkeit der Uni Bern zu nutzen. Das ist schon besser so. Ich habe mich da auch persönlich eingebracht als „Ein-Personen-Open-Source-Lobby“.

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10 Ergänzungen
  1. Tolle Sache Linux in der Schule ,

    würde mich sehr gerne als Digital Botschafter des Landes RLP oben anschliessen.

    Ich experimentiere seit Jahren mit verschiedenen Linux Varianten auf alten wie auch auf Neueren Rechnern, so hat es auch für mich sehr große überwiegende Vorteile gegenüber den herkömmlichen kommerziellen Anbietern da komplett kostenlos und für die Schule (junge Leute) inkl. Weiterbildung (Seniorinnen und Senioren) jeglicher Art unbedingt geeignet.

    Herzlichen Dank und schöne Grüße a.d. Westerwald

    w.wobido

  2. WOW! Da schau ich als Angehöriger des Systembetreuungsteams neidisch Richtung Hannover! Mich würden zwei Dinge interessieren:

    1. Welche GNU+Linux-Distribution(en) wird dort eingesetzt?

    2. Wie konnte die gesamte Schulleitung davon überzeugt werden, dass MS-Produkte nicht das Maß aller IT-Dinge sind?

    Grüße aus Mittelfranken

    1. Wir nutzen überwiegend Ubuntu (18.04 und auch schon 20.04 LTS). Im Bereich der PC-Räume nutzen wir einen Linux-Terminal-Server in Verbindung mit festplattenlosen Clients. Das ist aus administrativer Sicht ein Traum! Die Rechner müssen nicht mehr eingerichtet werden, sondern nur noch ans Netzwerk angeschlossen und gestartet werden (mit PXE-Boot natürlich). Mehr dazu gibt es hier auf der Seite vom LTSP-Projekt: https://ltsp.org/

      Im Bereich der Laptops arbeiten wir mit einem eigenen Ubuntu-iso, dass ich mit Cubic (https://launchpad.net/cubic) direkt auf unsere Bedürfnisse anpasse. Dann müssen die Laptops nur noch von einem USB-Stick installiert werden und sind dann direkt so, wie wir das benötigen, eingerichtet. Man kann die Installation soweit mit Preseeding automatisieren, dass man nur noch den Stick einstecken und den Laptop von diesem starten lassen muss. Dann läuft die Installation ohne Rückfragen durch und partitioniert die Festplatte neu und löscht bestehende Installationen. Das kann aber auch ein bisschen gefährlich sein ;-)

      Nach der Installation werden die Laptops dann mit ansible (https://www.ansible.com/) verwaltet.

      Unsere Schulleitung musste zu keinem Zeitpunkt davon überzeugt werden, dass ein Ansatz mit freier Software besser ist. Das hat bei uns verschiedene Gründe. Zum einen hatten wir zur Windows-XP-Zeit auch kein MS Office, sondern damals OpenOffice und zum anderen haben wir unser Medienbildungskonzept in einem langjährigen Prozess in einer Arbeitsgruppe mit Eltern- und Schülervertretern, Lehrkräften sowie der Schulleitung erarbeitet. Es wurde immer transparent kommuniziert und da lagen die Vorzüge freier Software immer auf der Hand. Zudem muss man dazu sagen, dass wir damals unsere gesamte Rechnerinfrastruktur im pädagogischen Netz von Windows XP zu Ubuntu migriert haben, ohne dass darüber vorher eine große Diskussion stattfand. Die Schulleitung hat zugestimmt und dann lief das. Erst später haben wir die programmatische Arbeit gemacht und unser Medienbildungskonzept entwickelt und da dann quasi teilweise bereits bestehende Praxis verschriftlicht.

      Hier findet man unser Medienbildungskonzept: https://www.gbgseelze.de/unterricht/lernangebot/iuk-schulung/

      Viele Grüße aus Hannover

      Felix Schoppe

    1. Vielen Dank für den interessanten Hinweis! Die Seite kannte ich tatsächlich nicht. Es freut mich zu sehen, dass es da ‚draußen‘ weitere Schulen gibt, die Linux nutzen. Leider ist es ja bisher trotz der vielen Vorteile eine Ausnahme.
      Viele Grüße aus dem Norden!

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