Militärflugplatz in Jagel

Warten auf die Drohnen

23 Jahre nach Beschluss des militärischen Drohnenflughafens in Jagel könnten dort tatsächlich große Drohnen fliegen. Das dort untergebrachte Geschwader wertet aber schon jetzt Bilder und Videos von Drohneneinsätzen in Mali aus. Aus Schleswig-Holstein werden auf diese Weise auch „Terroristen“ und „Schmuggler“ verfolgt.

Harfang-Drohne
Als einzige Drohne verfügt die Luftwaffe in Jagel über das flugunfähige Modell einer „Harfang“, die Airbus für den israelischen Rüstungskonzern IAI vermarktet. Alle Rechte vorbehalten Bundeswehr/ Falk Bärwald

Am 12. April 2005 entschied der damals amtierende Verteidigungsminister Peter Struck (SPD), den Luftwaffenstützpunkt Jagel zwischen Kiel und Flensburg für große Militärdrohnen auszubauen. Seit 1994 ist dort das Aufklärungsgeschwader 51 „Immelmann“ mit „Tornado“-Flugzeugen stationiert. Ab 2009 war die Verlegung der ersten Spionagedrohne „Euro Hawk“ nach Schleswig-Holstein geplant, wenig später sollten in Jagel auch bewaffnungsfähige Drohnen der Bundeswehr heimisch werden. Hierfür wurde der Militärflugplatz umfassend umgebaut, rund 33 Millionen Euro gab die Luftwaffe für eine neue Halle, Stellflächen, Arbeiten an der Landebahn und nötige Technik aus.

Doch das deutsche Drohnenprogramm wurde zum Desaster. 2011 musste sich die Bundeswehr wegen Zulassungsproblemen vom „Euro Hawk“ verabschieden, nach Auslieferung von nur einem Prototypen führte das Projekt beinahe zum Rücktritt des damaligen Verteidigungsministers Thomas de Maizière (CDU). Als Ersatz wollte die Bundesregierung ab 2025 drei „Triton“-Drohnen des gleichen US-Herstellers in Jagel stationieren, auch dieses Projekt gab das Verteidigungsministerium zugunsten eines bemannten Flugzeuges auf.

Stationierung in Israel, „Heimatverband“ in Jagel

Auch die Beschaffung der Kampfdrohnen hat sich um fast zehn Jahre verzögert. Im November dieses Jahres wird zwar die erste „Heron TP“ ausgeliefert, die aus Israel geleasten Drohnen bleiben bis zu einem ergänzenden Beschluss des Bundestags unbewaffnet. Das Aufklärungsgeschwader in Jagel ist der „Heimatverband“ der insgesamt fünf „Heron TP“, bis zur Verlegung in die Einsatzgebiete der Bundeswehr werden sie aber nicht in Deutschland, sondern auf einem deutschen Stützpunkt auf einer israelischen Luftwaffenbasis bei Tel Aviv stationiert.

15 Jahre nach der Entscheidung zur Einrichtung eines deutschen Drohnenflughafens wartet die Luftwaffe in Jagel also noch immer auf die angekündigten unbemannten Systeme. Hin und wieder kommen dort Piloten vorbei, um auf einem Simulator für den Flug auf den „Heron 1“ zu trainieren. Sie werden von der Bundeswehr in Afghanistan und Mali zur Aufklärung geflogen, ab 2021 werden sie durch die „Heron TP“ ersetzt. Den Simulator hat Airbus 2014 in Jagel aufgestellt, der Rüstungskonzern ist zuständig für alle großen Drohnenprojekte der Bundeswehr.

„Eurodrohne“ abermals verspätet

Der Fliegerhorst Schleswig in Jagel. Derzeit sind dort 37 "Tornados" stationiert.
Der Fliegerhorst Schleswig in Jagel. Derzeit sind dort 37 „Tornados“ stationiert. Alle Rechte vorbehalten Ralf Roletschek

In einigen Jahren sollen dann aber wirklich Drohnen in Jagel fliegen. Im europäischen Projekt „Eurodrohne“ will die Bundeswehr insgesamt 20 unbemannte Luftfahrzeuge beschaffen und ab 2027 in Schleswig-Holstein stationieren. Die „Eurodrohne“ soll unbewaffnet aufklären und bei Bedarf mit Lenkraketen und Bomben ausgerüstet werden können. Verantwortlich für die Produktion ist Airbus, die französische Firma Dassault und die italienische Firma Leonardo sind Unterauftragnehmer. Für diesen Herbst sollte ein Beschluss des Bundestages über die Ausgaben zur Entwicklung gefasst werden, eine Vorlage hierfür gibt es aber immer noch nicht. Der erst danach mögliche Vertragsschluss könnte sich deshalb verzögern, womit die nach sieben Jahren geplante Auslieferung des ersten Luftfahrzeugs vermutlich frühestens 2028 erfolgt.

Jetzt plant die Bundeswehr weitere Millionen-Investitionen in Jagel. Für rund 84 Millionen Euro soll die Infrastruktur des Fliegerhorsts modernisiert werden, der Bedarf für die „Eurodrohne“ ist in dieser Summe noch nicht enthalten. Einem Medienbericht zufolge könnten sich die zusätzlichen Drohnen-Ausgaben auf bis 250 Millionen Euro belaufen. Laut Oberst Kristof Conrath, Kommodore des Luftwaffengeschwaders 51, kostet eine Instandsetzungshalle der „Eurodrohne“ beispielsweise 15 Millionen Euro.

Keine Bodenkontrollstationen in Jagel

Technisch ist es möglich, die Bundeswehrdrohnen von einem Ort außerhalb des Einsatzgebietes zu steuern. Vorgesehen ist dies für den Stützpunkt in Jagel jedoch nicht, für die „Heron TP“ hat das Verteidigungsministerium auch keine entsprechenden Bodenkontrollstationen bestellt. Für die zwei geplanten Einsätze in Afghanistan und Mali bräuchte es je eine Anlage, außerdem die nötigen Satelliten-Kommunikationssysteme.

Jedoch erfüllt die Luftwaffe in Jagel schon jetzt eine wichtige Rolle im deutschen Drohnenkrieg. Seit 2016 sind die deutschen „Heron 1“ im Rahmen der MINUSMA-Mission dem Kommando des Hauptquartiers der Vereinten Nationen in Bamako unterstellt. Das von den Drohnen aufgenommene Bild- und Videomaterial wird zunächst nach Jagel übertragen und anschließend „in nahezu Echtzeit“ an das deutsche Einsatzkontingent zurückgesendet. Eine Kopie erhalten die deutsche und kanadische Operationszentrale des Einsatzes in Mali.

90 „Luftbildauswerter“ bei der Bundeswehr

Anschließend werden die Aufnahmen von „Luftbildauswertern“ des Geschwaders analysiert, die MitarbeiterInnen haben hierfür maximal 48 Stunden Zeit. Die Abteilung mit insgesamt 90 SoldatInnen ist auch für die Verarbeitung von Aufklärungsdaten der „Tornado“-Flugzeuge zuständig. Zu den bekannten Einsätzen der Truppe gehörten Überflüge der G8-Proteste 2007 in Heiligendamm, bei denen Camps der Demonstrierenden ausgeforscht und bevorstehende Blockaden entdeckt werden sollten.

Das von den „Luftbildauswertern“ aufbereitete Bildmaterial wird schließlich an das Hauptquartier der MINUSMA-Mission in Bamako sowie eine Bundeswehrabteilung für Überwachung und Aufklärung in Gao übermittelt. In den ersten drei Jahren des Mali-Einsatzes hat die Luftwaffe rund 800 solcher Berichte erstellt. Zu den Empfängern der Informationen und Berichte gehören außerdem das Kommando Strategische Aufklärung und das Verteidigungsministerium. Die Abteilungen können anschließend in die weitere Einsatzführung der Drohnen eingebunden werden.

Unterstützung der Anti-Terror-Operation „Barkhane“

Offizielles Ziel der MINUSMA-Mission in Mali ist die „Sicherung des Friedens“, der Einsatz soll dafür sorgen dass die Waffenruhe eingehalten wird. Die Bundeswehr unterstützt mit der „Heron 1“ in Mali aber auch die von Frankreich geführte Anti-Terror-Operation „Barkhane“, in deren Verlauf französische Spezialeinheiten Anführer und Verbündete mutmaßlicher Terrorgruppen getötet haben. An diesen Einsätzen könnte sich das Immelmann-Geschwader also direkt beteiligt haben.

Erst auf Nachfrage erklärte das Verteidigungsministerium, dass das Kommando in Jagel auch zur „Überwachung bekannter Schmugglerwege“ in Mali eingesetzt wird. Dies hatte ein Bundeswehrangehöriger zuvor in der „Drohnendebatte“ des Verteidigungsministeriums ausgeplaudert. Der Umfang solcher „Aufklärungsaufträge“ kann nicht nachvollzogen werden, hierzu werden angeblich keine Statistiken geführt. Unter „Schmuggel“ wird gewöhnlich auch Fluchthilfe oder Menschenhandel verstanden. Zwar gehören die Verfolgung oder Verhinderung irregulärer Migration nicht zum Auftragsspektrum von Drohnen der Bundeswehr in Mali, betont das Verteidigungsministerium. Vermutlich tragen die Drohneneinsätze des deutschen Militärs trotzdem dazu bei, die Festung Europa fernab ihrer Grenzen zu sichern.

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