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Vodafone hat Blut an den Händen

Eine Vodafone-Tochter kollaboriert in Tansania mit dem dortigen Regime und filtert Nachrichten über die Opposition. Damit verstößt das Unternehmen nicht nur gegen die eigenen PR-Standards, sondern hilft auch bei der Verletzung von Menschenrechten. Youtube-DL ist nach einem Angriff der Musikindustrie wieder auf Github zurück. Eine TV-Dokumentation schaut auf Verschwörungsmythen in Pandemien.

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Unser wochentäglicher bits-Newsletter erscheint natürlich auch am Dienstag. CC-BY 4.0 netzpolitik.org

Hallo,

Tansania ist ein schönes Land in Ostafrika, das aktuell von einem autoritären Regime regiert wird, das vor kurzem bei Wahlen eine zweite Amtszeit gewonnen hat. Allerdings werden die Wahlen nicht von der Opposition als fair anerkannt.

Jetzt steht aktuell die Vodafone-Tochter Vodacom Tanzania in der Kritik, mit dem Regime zusammen zu arbeiten. Vodacom soll eine Netzzensur-Infrastruktur betreiben und damit auf Anweisung der tansanischen Regierung Nachrichten filtern und alle SMS mit dem Namen des Oppositionsführers Tundu Lissu löschen: How Western companies undermine African democracy. Glückwunsch zur gelungenen Kollaboration mit dem dortigen Regime, Vodafone!

Das britische Unternehmen rühmt sich seiner Vorbild-Funktion und der Achtung von Menschenrechten auf seiner Webseite: „Wir glauben an eine vernetzte digitale Gesellschaft, in der Daten mit einer Geschwindigkeit fließen, die Menschen, Gemeinschaften und Dinge wie nie zuvor mit dem Internet verbindet.“ Das klingt toll, es wird noch besser: „Wir glauben, dass die Chancen und das Versprechen einer besseren digitalen Zukunft für alle zugänglich sein sollten, und setzen uns dafür ein, dass die Schwächeren auf dem Weg in diese Zukunft nicht zurückbleiben.“

Und der Höhepunkt ist dann: „Ebenso wichtig wie unsere Verpflichtung, positive soziale Ergebnisse zu erzielen, ist unsere Entschlossenheit, dafür zu sorgen, dass wir überall dort, wo wir tätig sind, verantwortungsbewusst und integer handeln: Was wir tun, ist wichtig, aber ebenso wichtig ist, wie wir arbeiten. Wir bemühen uns sicherzustellen, dass wir stets rechtmäßig, ethisch und integer handeln, wo immer wir tätig sind.“

Leider gilt das eben nicht für legitime demokratische Oppositionsbewegungen in autoritären Regimen. Vodafone hat eine lange Geschichte in der Zusammenarbeit mit autoritären Regimen und stand schon häufig deswegen in der Kritik.

Selbstverständlich können sich Unternehmen auf die Position zurückziehen, dass man sich an lokale Regeln und Gesetze halten müsste. Aber gleichzeitig müssen sie dann eben in Kauf nehmen, wenn man sie dafür kritisiert, dass sie Menschenrechtsstandards und ihre eigenen propagierte Werte verletzen und als Kollaborateure eines Regime agieren, um Geld zu verdienen.

Insofern: Shame on you, Vodafone, Ihr habt Blut an den Fingern!

Kurze Pausenmusik:

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Das war es für heute. Viele Grüße und bleibt gesund,
Markus Beckedahl

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Eine Ergänzung
  1. …wobei man aber nicht verschweigen sollte, dass mindestens der andere große Mobile Provider in Tansania – Airtel- die gleiche Zensur/Blockade durchgeführt hat.

    Das macht den Kotau der VF in Tansania nicht besser, aber es ist wohl illusorisch von irgendeiner Vertriebsorganisation mit angeschlossener Mobilfunkabteilung das Einstehen für Menschenrechte zu erwarten – weder in Tansania, noch hier, noch sonstwo.
    Gegen Einflussnahme, Kontrolle oder Zensur wird sich von allen Mobilfunkprovidern nur gewehrt, wenn es zu unbezahltem Mehraufwand kommt.
    Wenn das BMI einen plausiblen ROI zur VDS liefert, werden alle Provider dies gern umsetzen.

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