BioNTech

Unbekannte geben sich auf Twitter als Impfstoff-Entdecker:innen aus

Twitter hat drei vermeintliche Accounts von Leiter:innen des Pharmaunternehmens BioNTech deaktiviert. Wochenlang konnten Unbekannte ungehindert rund 60.000 Follower:innen sammeln. Auch Journalist:innen fielen auf die mutmaßlichen Betrüger:innen herein.

Portraitfotos von Dr. Özlem Türeci und Dr. Uğur Şahin
Dr. Özlem Türeci und Dr. Uğur Şahin sind seit letzter Woche als Erfinder:innen einer Coronaimpfung weltbekannt. Twitter haben sie aber nicht. – Alle Rechte vorbehalten BioNTech

Unbekannte haben sich auf Twitter als Özlem Türeci und Uğur Şahin ausgegeben, Leiter:innen von BioNTech. Das Mainzer Pharmaunternehmen hatte vergangene Woche einen ersten vielversprechenden Impfstoff gegen das Coronavirus vorgestellt. Drei Accounts fielen durch großspurige Ankündigungen auf und hatten insgesamt rund 60.000 Follower:innen. Auch Journalist:innen namhafter Medien fielen darauf zunächst herein und verbreiteten die Tweets weiter, die besagten Retweets wurden mittlerweile korrigiert oder gelöscht.

Twitter hat reagiert und die Konten „drtureciozlem“, „ProfSahinUgur“ und „realugursahin“ deaktiviert. Tuncay Özdamar, WDR-Journalist, hatte bereits am Montagmorgen darauf hingewiesen, dass es sich nicht um offizielle Accounts handelte. Er verwies dabei auf einen Tweet von Haluk Levent vom Sonntag, einem türkischen Rockmusiker und Leiter einer Hilfsorganisation, der seine 4,5 Millionen Follower:innen vor den Accounts gewarnt hatte.

Mehrfach änderten die Unbekannten auch die Nutzer:innennamen der Accounts. Am Sonntag hieß einer von ihnen noch „drozlemmt“ und hatte 30.771 Follower:innen. Am Montagvormittag hatte derselbe Account bereits 50.511 Follower:innen und hieß „drtureclozlem“.

Ein unechter Twitter-Account von Dr. Özlem Türeci.
Kurz vor der Löschung erreichte der größte der drei Accounts über 50 000 Follower. Wobei davon auszugehen ist, dass es nicht alle davon echt waren. - Screenshot twitter.com

Um die Mittagszeit erhärtete sich der Verdacht. Philip Oltermann, Chef des Berliner Büros des Guardians, schrieb, die Pressestelle von BioNTech habe ihm bestätigt, dass es sich nicht um die Accounts ihrer Leiter:innen handele. Eine Anfrage von netzpolitik.org an das Unternehmen BioNTech blieb unbeantwortet.

Eine knappe Stunde später waren zwei der Accounts deaktiviert. Wie eine Nachverfolgung der Nutzer-ID zeigte, änderte der dritte Account zunächst lediglich Namen und Handle in „julia50095009“, so der Medienwissenschaftler Luca Hammer. Dies geschah mutmaßlich, um Maßnahmen von Twitter zuvorzukommen. Zudem löschten die Betreiber:innen des Accounts alle Tweets, konnte aber zunächst gut 2.000 Follower behalten. Gegen 15 Uhr änderte dieser Account seinen Namen nach Recherchen von netzpolitik.org erneut in „billy20202020“, um 16.30 Uhr war die Nutzer-ID schließlich deaktiviert.

Wie Twitter netzpolitik.org mitteilte, hat das Unternehmen die drei Accounts wegen Verstößen gegen die „Richtlinie zu Identitätsbetrug dauerhaft gesperrt“.

Die Motivation ist unklar

Özlem Türeci und Uğur Şahin hatten mit BioNTech viel mediale Aufmerksamkeit bekommen. Wer auch immer hinter den Accounts steckte, nutzte diese Gelegenheit aus – zu welchem Zweck lässt sich nur schwer sagen.

Screenshot des Twitter-Accounts mit dem Handle @julia50095009
Einer der Accounts wurde erst umbenannt, bis er wenige Stunden später ebenfalls gelöscht wurde. - Screenshot twitter.com

BioNTech ist an der New Yorker Börse, nach der Ankündigung des Impfstoffs ist der Kurs des Unternehmens deutlich angestiegen. Mithilfe der Fake-Accounts verbreitete die Unbekannten nun vor allem unrealistische, besonders optimistische Zeitpläne für die Auslieferung.

Man kann nur mutmaßen, was für einen möglichen Vorteil sich die Hintermänner dadurch erhofften. „Ob es sich hier um finanzielle oder politische Motive oder eine Mischung aus beidem handelt, ist schwer einzuschätzen“, sagte die Desinformationsexpertin Karolin Schwarz dieser Redaktion.

Eine Lücke ausgenutzt

Letztendlich ist durch die Fälschungen wohl kein großer Schaden entstanden. Doch dass die Accounts, die im Abstand einiger Wochen von August bis September erstellt wurden, so lange unbehelligt Follower:innen sammeln konnten, gibt zu denken. Insbesondere, da soziale Medien gerade ein besonderes Augenmerk auf den Kampf gegen Desinformation zu Covid-19 legen sollten.

Karolin Schwarz zeigt Verständnis:

„Es fehlt leider noch an Sensibilisierung für Fake-Accounts und die damit einhergehenden Gefahren. Hinzu kommt hier noch, dass wir uns seit Monaten in einer Krisensituation befinden und viele Menschen sehnsüchtig auf Antworten hoffen und warten. Darauf hereinzufallen ist menschlich, bei Journalist*innen hätten allerdings einige Warnglocken angehen müssen. Massenmedien können im schlimmsten Fall erheblich dazu beitragen, dass falsche Informationen sich verbreiten, weil die potenzielle Reichweite ungleich höher ist.“

Am Beispiel dieser drei Fake-Accounts hat Karolin Schwarz ein paar typische Warnzeichen für unechte Accounts gesammelt:

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Twitter verzichtet auf effektive Schutzmaßnahmen

Eine konkrete Konsequenz hat die Fälschung nun: Der Account von BioNTech hat seit dem Nachmittag den berühmten blauen Haken, der seine Echtheit bestätigen soll.

Twitter könnte seinen Nutzer:innen eigentlich erlauben, ihre Identität zu bestätigen – etwa durch ein Ausweisdokument – und so auf Eigeninitiative hin einen blauen Haken zu erhalten. Möglich ist das jedoch nicht. „Twitter hat das öffentliche Verifizierungsprogramm aktuell pausiert, da wir an einem neuen Authentifizierungs- und Verifizierungsprogramm arbeiten“, teilt uns ein Sprecher mit.

Eine Formulierung, die klingt, als handele es sich nur um einen zwischenzeitlichen Zustand. In Wahrheit besteht dieser aber bereits seit mehr als drei Jahren, in denen die Plattform immer wieder mit Desinformation zu kämpfen hatte. Dabei hätte die Plattform es selbst in der Hand, Menschen und Unternehmen wie BioNTech bereits im Vorfeld vor mutmaßlichen Betrugsversuchen zu schützen und solche Fälle zu verhindern, bevor sie eintreten.

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