Jetzt, nach Monaten, in denen sich die amtierende Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) hätte überlegen können und müssen, wie eine Reaktion auf den Nachweis der Plagiate in ihrer Doktorarbeit aussehen kann, geht sie mit der Aussage an die Öffentlichkeit, ihren Titel nicht mehr verwenden zu wollen. Aber was, wenn die bereits gefundenen Plagiate doch nicht nur der „minderschwere“, sondern ein „schwerer Fall der Täuschung“ sind? Soll es also auch bei dem nun anstehenden erneuten Prüfungsverfahren an ihrer Uni kein Grund zum Rücktritt sein, wenn sie wieder als Betrügerin entlarvt wird?
Vielleicht spielt es keine Rolle mehr, denn dass die ehemalige Doktorandin und heutige Ministerin absichtlich getäuscht hat, steht ja schon außer Frage. Und Plagiate geschehen bekanntlich nicht von selbst. Es ist vielmehr bewusstes Handeln, wenn man fremde Gedanken als die eigenen ausgibt, die Ideengeber nicht referenziert und stattdessen einfach rüberkopiert. Es sind keine bloßen handwerklichen Fehler, wenn jemand fremde Textteile als die eigenen ausgibt – schon gar nicht bei jemandem, der sich Akademiker nennen darf. Und wenn man beim Schreiben der Doktorarbeit das Studium hinter sich hat, dann sollte man wissen, wie wissenschaftliches Arbeiten methodisch und auch intellektuell funktioniert. Sich darauf zurückzuziehen, die Standards, nach denen wissenschaftlich gearbeitet wird, irgendwie anders anzuwenden oder gar nicht zu kennen, ist schlicht eine weitere bewusste Falschdarstellung.
Die Plattform der Plagiatefinder: Vroniplag
Obwohl die Wissenschaftler, die Giffeys Redlichkeit im Namen der Freien Universität Berlin zu prüfen hatten, alles andere als unabhängig waren, erkannten sie an 27 Stellen der Arbeit eine „objektive Täuschung“.
Die FU-Kommission konnte auch kaum anders, denn das Plagiat ist genauestens dokumentiert. Wir haben es also erneut Vroniplag und den dort ehrenamtlich Arbeitenden zu verdanken, dass Giffeys Täuschung nicht unentdeckt blieb. Die Plattform der Plagiatefinder war nach dem Wirbel um das Guttenberg-Plagiat etwas in Vergessenheit geraten. Aber es finden sich dort noch immer Freiwillige zusammen, um die Arbeit zu machen, die eigentlich die Gutachter der Doktoranden zu leisten hätten. Für jeden Interessierten ist für den Fall der Ministerin nachvollziehbar, wo sie kopiert und wissenschaftliche Standards missachtet hat. Zudem sind auch im „Pressespiegel“ die öffentlichen Diskussionen zusammengetragen. Es lohnt sich, die Ergebnisse der Freiwilligenarbeit nachzulesen.
Diese Ergebnisse und das Diktum der ihr freundlich gesinnten Kommission saß Giffey noch aus. Doch ihre jetzige Reaktion auf die Wiederaufnahme des Prüfungsprozesses lässt die Ministerin auch jenseits wissenschaftlicher Standards als unredlich erscheinen. Denn wieder kommt ihr kein Wort über eigene Fehler oder gar Einsicht über die Lippen.
Mit einem Ministertitel „verzichtet“ es sich leichter

Kein Wunder, dass Twitter bald platzte. Denn sagt es nicht gerade sehr viel aus über einen Menschen und darüber, was er kann (und nicht kann), wenn er in einer für die eigene Reputation so wichtigen Arbeit absichtlich täuscht oder mindestens – wenn man es sehr freundlich ausdrücken möchte – reichlich schlampig arbeitet? Warum sollte man nicht von dieser Arbeitsweise darauf schließen, wie die ehemalige Doktorandin heute arbeitet? Ist es nicht auch eine charakterliche Frage, wenn eine Täuschungsabsicht klar belegt ist?
Anders als Giffey mit ihren Sätzen insinuiert, machen viele ihre Ansichten über einen Menschen von einem solchen Titel abhängig. Er öffnet ganz sicher nicht alle Türen und erspart auch nicht fleißige Arbeit nach der Verteidigung, aber dürfte dennoch im Leben der Ministerin Vorteile gebracht haben. Doch mit einem Ministertitel „verzichtet“ es sich vermutlich leichter auf den anderen, den herbeibetrogenen Titel.
Der Satz könnte sich als peinlicher Bumerang erweisen, falls Giffey doch noch zurücktritt, wenn sie ihren Doktortitel verliert. Und mit Blick auf die Rechtslage und vor allem auf die Vroniplag-Auswertung wird die neue, hoffentlich unabhängige Kommission kaum eine andere Möglichkeit haben, als die Plagiate ohne Umschweife als klare Täuschung zu benennen und zu ahnden.
Nach der Doktormutter Prof. Dr. Tanja Börzel fragt übrigens mal wieder kaum jemand. Das war schon im Falle von zu Guttenberg so. Zwar wird die erste Kommission, die an der Freien Universität Berlin das Giffey-Plagiat untersuchte, kritisiert, weil sie aus Menschen zusammengesetzt war, die der Doktormutter auffällig nahestanden. Aber was für Methoden und Werte von dieser Wissenschaftlerin vermittelt werden, stellen nur wenige in Frage. Es mag an der Prominenz von Giffey und zu Guttenberg liegen, dass nach ihren Betreuern kaum ein Hahn kräht.
Weiterer Präzedenzfall
Warum hat bloß keiner der Blender und Betrüger mal den Schneid, seine Fehler einzuräumen? Was wäre ich erstaunt, wenn mal ein zu Guttenberg oder eine Frau Schavan oder auch ein Präsident Steinmeier oder eine Frau von der Leyen mit so etwas wie Demut reagieren würden, wenn der Nachweis ihrer Plagiate erbracht wurde.
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Für den Rücktritt von Minister zu Guttenberg wurde im Januar 2012 vor dem Verteidigungsministerium demonstriert.
Giffey hat ihr Ministeramt bisher nicht ernsthaft zur Disposition gestellt. Dass sie ihr Amt mit so etwas wie Einsicht aufgibt, ist nicht mehr zu erwarten. Leider scheint damit der Fall zu Guttenberg doch das geworden zu sein, was viele im Jahr 2011 nicht wahrhaben wollten: ein negativer Präzedenzfall. Auch wenn sein „Monsterplagiat“ voller kopierter Textstellen aus Zeitungen und Büchern am Ende zu seinem Rücktritt führte, so hat doch die Diskussion darum die absichtliche Täuschung bei Doktorarbeiten stark bagatellisiert. So stark, dass sich eine Ministerin bisher im Amt halten kann, obwohl ihr die „objektive Täuschung“ unzweifelhaft nachgewiesen wurde.
Wenn Giffey nicht doch noch Konsequenzen zieht, entsteht nun ein weiterer Präzedenzfall, der wiederum die Wissenschaft, aber vor allem die Politik beschädigt.
Hier in Berlin wird in ein paar Monaten der Wahlkampf beginnen, die Wahl selbst findet in einem Jahr statt. Die durch eigene Fehler beschädigte Ministerin hat aber noch weniger Zeit, um die Reißleine zu ziehen: Noch in diesem Monat soll entschieden werden, ob Giffey für den Landesvorsitz der SPD in den Wahlkampf zieht. Wenn sich die Berliner SPD das gefallen lässt, dass eine Ministerin trotz Plagiat nicht von ihrem Amt zurücktritt, dann hat sie es wohl nicht besser verdient, als im Wahlkampf mit einem großen Stein am Bein auf einem wackeligen Steg zu stehen.
