Nach einer heute veröffentlichten Untersuchung des Reuters-Instituts für Journalismusforschung haben Fake News im Internet generell nur einen Bruchteil der Leserschaft von Mainstream-Medien, zumindest was die Zahl der Zugriffe und durchschnittlichen Leseminuten auf Nachrichtenwebseiten angeht. Die Studie, die sich auf Daten aus Italien und Frankreich bezieht, zeigt allerdings auf, dass sich einige Fake-News-Portale in dem sozialen Netzwerk Facebook durchaus mit seriösen Nachrichtenseiten messen können. Durch die von Algorithmen gesteuerte soziale Plattform erhalten Verbreiter von Falschnachrichten einen kräftigen Verstärker. Zumindest bislang, denn die Untersuchung wurde erstellt, bevor Facebook den Newsfeed umstellte.
Die Studie konzentriert sich auf 38 beliebte französische und italienische Fake-News-Seiten, die auch auf Facebook aktiv sind. Dabei beschränkte sich die Erhebung auf Seiten, die absichtlich falsche und erfundene Nachrichten produzieren und berücksichtige keine anderen Formen der Desinformation oder tendenziöser Berichterstattung. Keine der untersuchten Seiten erreichte zum Erhebungszeitraum im Jahr 2017 im Monatsdurchschnitt mehr als 3,5 Prozent der Internetnutzer in ihren Ländern, bei den meisten Seiten waren es sogar weniger als 1 Prozent. Klassische Nachrichtenseiten wie die der Zeitungen Le Figaro und La Republicca können mit je 22,3 Prozent und 50,9 Prozent deutlich größere Reichweiten beanspruchen.
Viele Likes, Shares und Kommentare bei erfundenen Geschichten
Trotz ihrer an sich geringen Reichweite und auch deutlich kürzeren Verweildauer konnten einzelne Fake-News-Verbreiter dennoch erstaunlich viel Aufmerksamkeit auf Facebook selbst generieren. Eine einzelne französische Seite, die Gesundheitswebseite Sante+, die nachweislich immer wieder Falschmeldungen verbreitet, kam laut der Studie etwa auf durchschnittlich 11 Millionen Likes, Kommentare und geteilte Artikel im Monat – fünf Mal mehr als bei der (gemessen an Zugriffen auf die Webseite) am meisten gelesenen französischen Nachrichtenseite der Zeitung Le Figaro. Auch das rechte Blog La Gauche m’a tuer spielt mit durchschnittlich 1,5 Millionen Interaktionen im Monat in der selben Liga wie beliebte Nachrichtenseiten, etwa die von France TV Info oder dem französischen Huffington-Post-Ableger. In Italien ist dieser Effekt weniger stark ausgeprägt, mehrere Fake-News-Seiten konnten aber dennoch den staatlichen Sender Rai in der Zahl der Interaktionen auf Facebook abhängen.

Diese Angaben beziehen sich lediglich auf Likes, Shares und Kommentare: Wieviel Leute Beiträge auf Facebook nicht kommentieren, teilen oder liken, aber trotzdem sehen, lässt sich nicht sagen, da der Internetkonzern diese Zahlen nicht herausgibt. Die Studienautoren vom Reuters-Institut betonen zudem, dass die Reichweite von Fake-News-Verbreitern auf Facebook durchaus höher sein kann, da sich aus ihren Daten nicht ableiten lässt, wenn Nutzer die Beiträge unabhängig von deren Facebook-„Mutterseite“ verbreiten, sie über Messenger-Apps verbreiten oder schlicht ohne Link teilen.
Facebook steht seit längerem unter Druck wegen des hohen Einflusses, den Verbreiter von Falschnachrichten über seine Plattform erlangt haben. Nach der Wahl von US-Präsident Donald Trump im Jahr 2016 hatte Facebook-Gründer Mark Zuckerberg es als „ziemlich verrückte Idee“ bezeichnet, dass das soziale Netzwerk einen Einfluss auf die Wahlentscheidung vieler Amerikaner gehabt haben könnte. Er räumte später ein, sich dabei aber auch geirrt haben zu können. Die EU-Kommission hat zuletzt eine Expertengruppe eingerichtet, die im Frühjahr Vorschläge zum Vorgehen gegen Falschnachrichten im Internet vorlegen soll. Der Gruppe gehört auch Studien-Mitautor Rasmus Kleis Nielsen an.
Soziale Netzwerk als Ökosystem für manipulative Meldungen
Pikantes Detail zur Studie: Die Zahlen stammen aus einem größeren Forschungsprojekt, das von Google finanziert wurde. Die beiden Internetgiganten Facebook und Google bieten zwar unterschiedliche Dienste auf ihren Plattformen an, rittern aber beide global miteinander um Einnahmen aus der Werbeindustrie.
Die Ergebnisse der Studie machen deutlich, dass Facebook es erlaubt, ein Ökosystem zur Verbreitung von falschen und tendenziösen Nachrichten zu schaffen, das etwa Rechtsaußen-Gruppen für sich zu nutzen verstehen. Zugleich zeigt die Debatte um das NetzDG in Deutschland, dass das breitflächige Entfernen von Hassbotschaften und vermeintlich rechtswidriger Inhalte auch zum Löschen von harmlosen Botschaften und sogar wichtigen Debatten-Beiträgen führen, und damit letztlich zu einer Form der Zensur werden kann. Bei Facebook kommt hinzu, dass das Netzwerk inzwischen von breiten Teilen der Bevölkerung in Europa verwendet wird und damit zu einem dominanten Forum der Debatte geworden ist, aber in der Gestaltung seiner Newsfeed-Algorithmen völlig intransparent ist: Nach welchen Kriterien dieser äußerst einflussreiche Aggregator für die Meinungsbildung gestaltet wird, ist damit ein pures Fischen im Trüben.
