Überwachung

Überwachungslabor Berlin-Südkreuz: Tracking und Gesichtserkennung geplant

Bundespolizei, BKA und Deutsche Bahn erproben am Bahnhof Berlin-Südkreuz die „intelligente Videoüberwachung“. Eine Software soll Gesichter erkennen und Personen über mehrere Kameras hinweg nachverfolgen. Beide Behörden forschen an weiteren Methoden zur Gesichtserkennung.

CC-BY-NC-ND 2.0 Alexander Rentsch

Bei der geplanten Erprobung einer „intelligenten Videoanalyse“ am Fernbahnhof Südkreuz in Berlin will das Bundesinnenministerium unter anderem eine Software zur Nachverfolgung von Personen einsetzen. Dies schreibt der Parlamentarische Staatssekretär Ole Schröder auf eine entsprechende Nachfrage. Einzelne Personen können dabei auf dem Monitor markiert werden. Mithilfe dieser „automatisierten Markierung“ kann ihr Weg auch über mehrere Kameras hinweg nachvollzogen werden. Das Verfahren funktioniert in Echtzeit, aber auch für die Suche in Videoarchiven.


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Laut der Berliner Zeitung Morgenpost sollen die Tests noch in diesem Jahr beginnen. Zunächst wird die erforderliche Technik ausgeschrieben. Die Durchführung übernehmen die Deutsche Bahn und die Bundespolizei. Auch das Bundeskriminalamt (BKA) ist beteiligt.

Rechtslage ist unklar

Die automatisierte Erkennung „potenzieller Gefährdungssituationen“ wurde bereits im Projekt CAMINSENS erforscht. (Quelle: Leibniz-Universität)

Dem Bundesinnenministerium zufolge soll am Berliner Bahnhof Südkreuz auch die Behandlung eines „potentiell interventionsbedürftigen Verhaltens“ automatisiert werden. Erprobt werden zuerst Situationen mit dem Vorfall „liegende Person“. Der Morgenpost zufolge sollte am Bahnhof Südkreuz auch versucht werden, Graffiti-Sprüher mithilfe der Software zu erkennen. In dem Schreiben des Staatssekretärs heißt es jedoch, eine Erkennung von Bewegungsmustern sei nicht geplant. Die Zeitung hatte auch berichtet, dass nicht beaufsichtigte Gepäckstücke erkannt würden.

Die Videoüberwachung der Bundespolizei ist im § 27 des Bundespolizeigesetzes geregelt. Ein Gutachten der Wissenschaftlichen Dienste im Bundestag meldet aber Zweifel an, ob der Paragraf auch für die „intelligente Videoanalyse“ herangezogen werden kann. Ursprünglich bezeichnete er die Möglichkeit, Kameras aus der Ferne zu drehen und zu schwenken oder auf einzelne Personen zu fokussieren.

Die Nachverfolgung von Personen wurde unter anderem im Projekt „Analyse von Personenbewegungen mittels zeitlich rückwärts- und vorwärtsgerichteter Videodatenströme“ untersucht. (Bild: APFeL/ TU Ilmenau)

Schließlich werden am Südkreuz auch Verfahren zur „biometrischen Gesichtserkennung in Live-Videoströmen von Überwachungskameras“ erprobt. Hierzu will die Bundespolizei eine Datenbank mit Gesichtsbildern „freiwilliger Probanden“ einrichten. Mit welchen polizeilichen Datenbanken der spätere Wirkbetrieb erfolgen soll, ist noch unklar.

Kritik an dem Verfahren kommt unter anderem von der Berliner Datenschutzbeauftragten Maja Smoltczyk. Sie sieht durch den Einsatz von Videokameras mit Gesichtserkennung die Freiheit, sich in der Öffentlichkeit anonym zu bewegen, in Gefahr.

Biometrische Gesichtserkennung auch mobil

Im Projekt „Multisensoriell gestützte Erfassung von Straftätern in Menschenmengen bei komplexen Einsatzlagen“ stehen Fussballfans im Fokus. CC-BY-SA 3.0 San Andreas, Millerntorstation Südtribüne

Ein ähnliches Forschungsprojekt betreibt die Bundesbereitschaftspolizei mit der Deutschen Bahn zum „zielgerichteten Auffinden gewaltbereiter Personen“. Mithilfe von Handkameras und fest installierten Übersichtskameras sollen Bilder von potentiellen StraftäterInnen erstellt und gesichert werden. Das Kommunikations- und Sensorsystem wird zuerst für das Szenario „Anreise von Fußballfans“ entwickelt. Später soll das System auch auf andere Großveranstaltungen übertragbar sein.

Laut dem Bundesinnenministerium beginnt auch das BKA in diesen Tagen mit einem eigenen Probelauf zur Gesichtserkennung. Zum Einsatz kommt eine Software der Firma Cognitech aus Dresden, die unter dem Namen „Examiner“ auch auf mobilen Android-Geräten installiert werden kann. PolizistInnen können auf diese Weise eine Person bei einer Kontrolle scannen und mit der beim BKA zentral geführten INPOL-Datei abgleichen.

Ein weiteres BKA-Projekt begann im Sommer letzten Jahres und soll Bild- und Videomassendaten, wie sie nach der Silvesternacht in Köln anfielen, teilautomatisiert analysieren.

Projekte der Firma L-1 Identity Solutions

Die Nachverfolgung „auffällig erscheinender Personen“ hatte das Bundesinnenministerium vor einigen Jahren bereits im Projekt „APFeL“ beforscht und getestet. Das Projekt stand unter der Leitung der Firma L-1 Identity Solutions aus Bochum, beteiligt waren die Flughäfen Hannover-Langenhagen und Erfurt.

Über das BKA-Hinweisportal können ZeugInnen eigene Fotos und Videos einreichen. Mit einer Plattform wie FLORIDA sollen diese automatisiert durchsucht werden.

Erst im Dezember wurde L-1 Identity Solutions mit einem neuen Projekt beauftragt. Unter dem Abkürzung „FLORIDA“ führt der Überwachungsspezialist ein deutsch-österreichisches Kooperationsprojekt an, das ein System zur Suche von Bild- und Audiodateien entwickeln soll. Assoziierte Partner aufseiten der Polizei sind wieder das BKA und die Bundespolizei, außerdem die Polizeidirektionen Baden-Württemberg und Karlsruhe sowie das Landeskriminalamt Baden-Württemberg. Die Beteiligten wollen prüfen, inwiefern bereits existierende Verfahren zur Videoanalyse eingesetzt werden können. Für die Objektverfolgung sollen neue Algorithmen entwickelt werden.

In FLORIDA werden große Datenmengen aus verschiedenen Quellen automatisiert verarbeitet, darunter neben der Videoüberwachung im öffentlichen Raum auch Uploads von ZeugInnen oder im Internet gefundenes Material. Zur Verbesserung der Rechenleistung könnten hierzu Cloud-basierte „Rechenknoten“ genutzt werden. Über eine Schnittstelle werden die gefundenen Video- und Audiodateien in die Fallbearbeitungssysteme der Kriminalämter eingepflegt.

10 Kommentare
  1. Leute, Leute!
    In der Welt des internationalen Terrorismus, werden schon lange entsprechende Methoden getestet und angewandt, um dieser Erkennungsproblematik zu begegnen.
    Biometrische Erkennung von Gesichtern wird mittels Latex-Masken vorgebeugt => https://www.fktg.org/node/7509/diemoireproblematikbeidigitalenfotokamerasmitvideofunktion , die entsprechende Moiré Muster aufweisen, um die Gesichtserkennung zu überlisten.
    Jeder Mensch hat ein eigenes Gangprofil, dieses kann mit entsprechenden Einlegesohlen so verändert werden, dass das ursprüngliche Gangprofil verdeckt wird.
    Die Kombination aus beiden Verfahren kann so ein quasi „neue biometrisch“ erfassbare Person schaffen, die sogar alle Sicherheitssperren überwinden kann.

    Es soll sogar schon Auftrags*** geben, die dieses schon Nutzen, um ihre Wahre Identität zu verschleiern, damit sie sich später mal unerkannt zur Ruhe setzen können.

  2. Die neue Seite ist leider nicht in der höchsten Security Stufe des TorBrowsers lesbar.
    Wollt‘ ihr eure Leser*innen hier zwingen oder ist das ein Versehen, dass noch behoben wird?

    Danke für den sehr guten Journalismus!
    Bitte wieder ohne schnick-schnack lesbar machen!

    1. Wir haben jetzt feststellen können woran es liegt im Fall von Firefox mit dem Tor plugin. In der Höchsten sicherheits- Stufe werden SVG Graphiken nicht dargestellt. Die sind jedoch ein festes Bestandteil (Logo und Icons, etc) der Seite und auch kein sicherheits- Faktor (sind nur Graphiken). Jedoch erwägen wir die mit PNGs zu ersetzten.

      1. +1, hier noch ein TBB-Nutzer, den die Verschlimmbesserung der Seite ziemlich nervt. War das nötig?
        Immerhin funktioniert das Lesen in einem halbwegs brauchbaren Textbrowser noch.

        1. Äh ja, danke für den guten Journalismus und die exzellente, auch mainstream-ferne, Themenwahl, auch von mir. Sonst hätte ich kommentarlos das Lesen (und Spenden) eingestellt.

  3. @Narsky
    „Es soll sogar schon Auftrags*** geben, die dieses schon Nutzen, um ihre Wahre Identität zu verschleiern, damit sie sich später mal unerkannt zur Ruhe setzen können.“

    Es kann nicht Sinn der Sache sein ,Versteckspielchen mit irgendwelchen Überwachungsfetischisten zu spielen,die Allmachtsphantasien hegen.
    Um auf Ihre zu kurz gedachten Verschleierungsvorschläge einzugehen,was glauben Sie, wie schnell so ein Überwachungsapparat Handlanger losschickt um Sie „katholisch“ zu machen,wenn Sie auf irgendwelchen Kameras nicht einwandfrei identifiziert werden können,in deren Augen sind Sie dann sofort Staatsfeind Nr.1 ,wenn die Kameras und Überwachungstechnik Sie nicht 100% zuordnen können,dann kommen Sie sofort in eine „Der hat was zu verbergen“ Datei usw. usw.
    Wenn Sie sich noch des Öfteren tarnen und erwischt werden,sind Sie womöglich ein potentieller Gefährder,oder Terrorist ,oder schlimmer noch ein unerwünschter,mündiger Bürger, ein Querulant,ergo eine „Persona non grata“.

    Es mag zwar naiv erscheinen,aber ich möchte ungestört an Orten verweilen können,ohne das mich irgend so ein Ausspioniersystem eines machtgeilen Überwachungsapparates auf dem Zoom hat.

    Leider gibt es zu viele Idioten, die das Prinzip ausleben “ Weil ich nichts zu verbergen haben,können Sie mich ruhig überwachen.“
    Es muß ein Paradigmenwechsel erfolgen,hin zu „Da ich nichts zu verbergen habe,möchte ich nicht bespitzelt werden“,die Kriminellen sind die,die andere pathologisch ausspionieren wollen.

  4. Mir gefällt die neue Seite dahingehend gut, dass die Artikel leserlicher gestaltet sind. Damit meine ich den zentrierten Text in der Bildschirmmitte und das Umfließen des Textes bei den Bildern – passt gut in die heutige Zeit. Jedoch mag ich die Kommentarsektion nicht ganz so gern wegen des „Layers“.
    Viele Grüße!

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