Überwachung

Bahn testet in Berlin Videoüberwachung mit Bewegungsmuster- und Gesichtserkennung

Videoüberwachung - in Zukunft "intelligent"? - Matthew Wiebe

Die Deutsche Bahn wird auf dem Berliner Bahnhof Südkreuz einen Feldversuch zu so genannter „intelligenter Videoüberwachung“ starten, berichtet der Tagesspiegel in einem Artikel, den eine PR-Abteilung eines Kameraherstellers nicht hätte besser schreiben können:

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Diese Kamera ist ein kleines Wunderding: Sie soll durch eine Gesichtserkennung Menschen herausfiltern, die auf einer Liste von Verdächtigen gespeichert sind. Zudem soll sie abgestellte Gegenstände, etwa Koffer oder Pakete, die längere Zeit nicht bewegt wurden, registrieren. Und auch das typische Verhalten von Taschendieben soll sie erkennen.

Wir hatten bereits im Mai über den Versuch berichtet, damals stand allerdings der Bahnhof nicht ganz fest.

Videoüberwachung mit Muster- und Gesichtserkennung wirft viele rechtliche Fragen auf, beispielsweise die nach der Verhältnismäßigkeit eines automatischen Datenabgleichs. Aufgrund des Eingriffs in die Privatsphäre wäre zu prüfen, ob derlei Aktivitäten mit dem aus dem Grundgesetz abgeleiteten Recht auf informationelle Selbstbestimmung vereinbar sind.

Schon heute sind etwa 80 Prozent der Fahrgastströme auf Bahnhöfen videoüberwacht. Die Deutsche Bahn will trotzdem in den nächsten Jahren mehr als 85 Millionen Euro in Videoüberwachung investieren.

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20 Kommentare
  1. Das Zitat zeigt uebrigens das eklatante Unverstaendnis seitens des Tagesspiegels: das erkennt nicht die Kamera, sondern die Ueberwachungssoftware. Die Software kann man prinzipiell von allen moeglichen Kameras speisen, und zwar auch von bereits vorhandenen, etc, pp.

    Automatisierte Vollueberwachung, der Wunschtraum unserer Innenpolitiker jeglicher Partei, Gerhart Baum mal aussen vor lassend.

  2. Ich habe mal irgentwo gelesen das man mit einfachen, bunten Brillen die Gesichtserkennung erfolgreich aushebeln kann. Weiß jemand wo man preiswert solche Brillen her bekommt?

    1. Da verwechselst du was. Bei der Gesichtserkennung, die fürs Südkreuz geplant ist, geht es um einfache Identifikation. Bei dem Forschungsprojekt mit den Brillen ging es um biometrische Authentifizierung. Großer Unterschied.

  3. Falle ich dann auch in das Raster mit „typischen Verhalten“, wenn ich die Wartezeit auf den Zug dazu nutze, zu Trainingszwecken mehrmals die Treppe rauf und runter zu gehen? Oder wenn ich mit Kindern auf dem Bahnsteig warte und für diese drei-viermal auf eine andere Ebene muss, um für die an einem Kiosk etwas zu holen? Möglicherweise sogar noch mit einem Kind an der Hand? Oder für eine Gruppe alter Leute drei mal die Treppe rauf/runter gehe, um für die einen Koffer zu schleppen?

    Wer definiert eigentlich verbrechens-„typisches Verhalten“ bzw. sozialkonformes Verhalten? Wie weit weg darf ein Koffer von einer Person stehen, damit die Software nicht Alarm schlägt?

    Das ist alles so absurd, dieses Vorhaben und der gesamte Sicherheitswahn.

    Gibt es eigentliche Zahlen oder Berichte dazu, ob und wenn ja in welchem Umfang und in welchen Bereichen z.B. in Berlin auf den S-Bahnhöfen nach Abzug des Stationspersonals so etwas wie Vandalismus, Taschendiebstahl oder was auch immer zugenommen hat?

    1. Das typische Verhalten ist in der Software hinterlegt. Der Taschendiebstahl durch Gangs auf der Treppe hat ja die Auffälligkeit, dass sich die Leute (Rempler, Klauer, Trasnporteur) immer mal zusammenfinden und dann wieder ihre Positionen beziehen. Das mit dem Kofferschleppen würde von der Software ganz klar als verdächtiges Verhalten geflaggt werden.

      Beim alleinstehenden Koffer oder Kinderwagen alarmiert die Software, wenn einer direkt weitergeht oder nach einer Weile in einen Zug einsteigt/weggeht.

      Was die Frage nach den Berichten anbelangt, empfehle ich für Berlin die „Schwerpunktkarten Taschendiebstahl“.

      1. Vielen Dank für die Ergänzung.

        Die Frage bleibt weiterhin: Wer definiert verbrechens-/bahnsteigtypisches bzw. sozialkonformes Verhalten? Wie werden all die Schattierungen bewertet, die dazwischen liegen, die eine Bahnsteigaufsicht wahrscheinlich sofort erkennen würde? Oder müssen wir 20 Jahre Testobjekte sein, bis entweder wir unser Verhalten an das definierte verbrechens-/bahnsteigtypische oder sozialkonforme Verhalten angepasst haben bzw. die Algorithmen der Überwachungstechnik Schattierungen erfassen und adäquat bewerten können?

        Da läuft etwas gewaltig schief, nur wie man das aufhalten kann, weiß ich auch nicht.
        Hat mal wer mit einer Gruppe von Kindern oder Jugendlichen einen Ausflug gemacht? Da gibt es ein Gewusel, da steht dann wahrscheinlich sofort eine ganze Hundertschaft auf dem Bahnsteig, weil die Überwachungstechnik abrauscht.

        Muss ich jedes mal, wenn ich einen Koffer für jemanden anderes schleppe, mich rechtfertigen? Dann lasse ich das Koffer schleppen doch lieber sein, soll doch die Überwachungstechnik die Koffer schleppen.

        1. Wenn ich mal verlinken darf, hier meine Eindrücke:
          https://heise.de/-3633397

          Leider hat die Regie da ein paar hübsche Fotos rausgeschnitten.

          Aber zu deiner Frage: Da läuft nichts schief, leider, denn der Optimismus der Programmierer ist grenzenlos, wie meine Gespräche auf dem Polizeikongress ergaben. Die Software wird optimiert und irgendwann richten sich die Menschen nach der Software und der DIN für korrektes Verhalten auf den Bahnhöfen.

          1. „Die Zukunft der Technik liegt für STC allerdings nicht in der punktuellen Überwachung von Stadien, Flughäfen oder Bahnhöfen, sondern in der gesamten Stadt als „Smart City“, erklärte Markachev.“

            Bei der Arroganz solcher Typen und der politischen Stimmung sollte einem Angst und Bange werden. Und aus dieser Angst sollte eine unbändige Wut erwachsen. Und diese Wut sollte umschlagen in eine intelligente Strategie gegen die totalerfasste Zukunft.

            Deren Pläne sind ein Verbrechen gegen die Menschheit. Eine Hochglanzdiktatur, die Querulanten automatisch aussortiert. Im Namen vermeintlicher „Sicherheit“ durchgewunken und herbeigesehnt.

            Ihr (Normalos da draußen, die ihr mehr Angst habe vor Klabautermännern als vor euren finsteren Möchtegern-„Beschützern“/Beherrschern) werdet sehen, was ihr davon habt.

            Früher war nicht alles besser. Aber es gab die Hoffnung, dass Technikdystopien sich nicht realisieren würden. Schon gar nicht unter dem Applaus einer sinnlos duckmäuserischen Mehrheit, die wie hirnamputiert oder mesmerisiert den Polizeistaat herbeiwählt und sich sagt: lieber ein willen- und sinnloses fremdbestimmtes Dahinvegetieren unter Totalerfassung als ein Bisschen gefährliche Freiheit.

            Was sie nicht kapieren ist, dass sie dann statt einem Problem zwei haben. Kriminalität wird durch Repression nicht verschwinden. Und Terrorismus? Im Vergleich zu diesen Aussichten geradezu attraktiv. Eine bessere Welt scheint gegen die geballte Dummheit, die sich gerade überall aufbaut und als „Lösung“ präsentiert, nicht durchzukriegen. Alles wird fortgerissen von einem Mahlstrom des Wahnsinns. Geistige Tiefflieger werden schmutzige Bomben, mit Verstand ist da nichts zu machen.

            Damit es nicht zu Missverständnissen kommt: sprengt euch nicht in die Luft. Das ist auch keine Lösung. Steht auf. Rebelliert. Leistet zivilen Ungehorsam. Wann, wenn nicht jetzt? Es ist bereits zu spät. Wenn ihr denkt, ihr hättet etwas zu verlieren, verkennt ihr die Lage.

  4. Vielleicht sollten ein paar von den Berlinern anfangen dort mit Guy Fawkes Maske rumlaufen. Mich würde interessieren wie viele der Maskenträger Geleit von einem Beamten bekommen oder wie lange es dauert bis jemand nachfragt. Ab ein paar dutzend maskierten bekommt man vielleicht sogar die Chance in die Medien zu kommen.

        1. +1

          Wenn sie demnächst diese Masken zum Infektionsschutz verbieten wollen, merkt vielleicht der Letzte, dass es nicht um Sicherheit geht, sonderum um „Sicherheit“ …

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