Die Wikimedia Foundation, die Organisation hinter der freien Enzyklopädie Wikipedia, veröffentlichte gestern auf ihrem Blog eine gemeinsam mit Jigsaw, einer Tochter der Google-Mutter Alphabet, erstellte Studie mit der bislang größten Datenbasis zu Belästigung („harassment“) unter Wikipedianern (Link zur Studie). Wikimedia-Forscher Ellery Wulczyn hatte dafür gemeinsam mit Nithum Thain und Lucas Dixon von Jigsaw 100.000 Kommentare von Diskussionsseiten gesammelt und sowohl von 4.000 Crowdworkern als auch via Algorithmus auswerten lassen. Jeder Beitrag wurde von 10 Crowdworkern bewertet und auf dieser Basis der Algorithmus (weiter-)entwickelt. Der gesamte Datensatz steht auf FigShare zur Verfügung.
Die zentralen Ergebnisse der Studie werden am Blog wie folgt zusammengefasst (meine Übersetzung):

- Wie oft werden Belästigungen moderiert? Nur auf 18% der Belästigungen folgte eine Verwarnung oder eine Blockierung des Nutzers. Selbst Nutzer, die bereits für vier Belästigungen verantwortlich waren, wurden nur in 60% der Fälle sanktioniert (siehe Abbildung oben).
- Welche Rolle spielt Anonymität bei Belästigungen? Registrierte Nutzer sind für zwei Drittel (67%) aller Belästigungen auf der englischsprachigen Wikipedia verantwortlich, was der häufig geäußerten Vermutung widerspricht, dass Anonymität einen wesentlichen Verstärker des Problems darstellt.
- Wie verteilen sich Belästigungen zwischen regelmäßig und nur gelegentlich Beitragenden? Wie in der Abbildung unten ersichtlich, sind sowohl häufige als auch nur gelegentlich beitragende Nutzer für einen großen Teil der Belästigungen verantwortlich. Während die Hälfte der Belästigungen von Nutzern mit weniger als 5 Editierungen/Jahr stammt, kommt ein Drittel der Belästigungen von Nutzern mit mehr als 100 Editierungen/Jahr.

Zum zweiten Punkt sind jedoch zwei Dinge zu ergänzen: Erstens ist die Bezeichnung nicht-registrierter Benutzer als „anonym“ unglücklich, da deren Beiträge einerseits mit ihrer IP-Adresse erfasst und damit keineswegs völlig anonym sind und andererseits auch registrierte Nutzer keineswegs mit Klarnamen, sondern in der Regel mit Pseudonym beitragen. Zweitens ist es aber natürlich durchaus so, dass die Bearbeitungsgeschichte mit einem Pseudonym verknüpft ist und die Unterscheidung deshalb sinnvoll ist. Im Ergebnis geht die Untersuchung somit in eine ähnliche Richtung wie jene von Rost und Kolleginnen (2016), die mit einem völlig anderen Datensatz gezeigt haben, dass anonyme Nutzer weniger aggressiv kommentiert haben als solche mit Klarnamen.
Limitationen und Handlungsableitungen
Zu den Limitationen der Studie zählt, dass nur auf relativ einfach erkennbare Belästigungen sowie nur auf die englische Wikipedia abgestellt wurde. Beides dürfte aber eher zu einer Unter- denn Überschätzung des Problems führen.
Hinsichtlich möglicher Handlungsableitungen auf Basis der Erkenntnisse der Studie ist von Seiten der Wikimedia Foundation noch nichts bekannt. Die geringe Interventionsquote – weniger als ein Fünftel der Belästigungen wurde zumindest mit einer Verwarnung sanktioniert – deutet aber auf ein an dieser Stelle erst kürzlich wieder thematisiertes Moderationsdefizit hin.
