Netze

Netzallianz: Die Gigabit-Gesellschaft ohne Gigabit-Anschlüsse und ohne Netzneutralität

Deutschland brauche beim Breitbandausbau einen Technologiemix statt echter, flächendeckend verfügbarer Glasfaseranschlüsse. Darauf hat sich die Netzallianz verständigt. Zudem müsse man die Debatte zur Netzneutralität wieder aufmachen, forderten Industrievertreter.

Vertreter der Netzallianz bei der Pressekonferenz (Screenshot).

Erst vor wenigen Monaten hat die Europäische Union, nach jahrelanger Debatte, Regeln zur Netzneutralität unter Dach und Fach gebracht. Den mühsam verhandelten Kompromiss, der in Europa erstmals weitgehend die Netzneutralität absichert, will die Telekom-Branche nun so schnell wie möglich wieder aufschnüren. „Wir müssen die Diskussion wieder aufmachen“, sagte heute Thorsten Dirks, Chef von Telefónica Deutschland auf einer Pressekonferenz zur Netzallianz, im Beisein von Alexander Dobrindt (CSU), Bundesminister für Verkehr und digitale Infrastruktur.

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Man dürfe die Augen nicht verschließen, so Dirks, dass unterschiedliche Anwendungen unterschiedliche Qualitätsklassen brauchen würden und deshalb unterschiedlich behandelt werden müssen – und listete die gewohnten Beispiele wie Telemedizin und automatisiertes Fahren auf. Das müsse in einer „breiten öffentlichen Debatte“ stattfinden, erklärte Dirks – als wäre nicht soeben eine breite, EU-weite Debatte abgeschlossen worden.

Bedarfsorientierte Spezialdienste gefordert

Unter die Arme griff ihm der neben ihm stehende Telekom-Chef Timotheus Höttges: „Das Netz aufzubauen auf dem schnellsten Dienst und den allgemeingültig machen für alle, würde bedeuten zum Beispiel, dass die Millisekunde, die für autonomes Fahren gilt, für alle Anwendungen sozusagen die Grundorientierung wäre“. Das wäre völlig ineffizient, betonte Höttges und verwies auf die EU-Verordnung, die – in engen Grenzen – Spezialdienste für bestimmte Anwendungen erlaubt, die über das normale Internet nachweisbar nicht funktionieren. Netze müssten „bedarfsorientiert funktionieren“, sagte Höttges.

Dem schloss sich Dobrindt grundsätzlich an und stellte in Aussicht, dass sich „Netze in naher Zukunft brutal verändern werden“. Das stehe in keinem Widerspruch zur Netzneutralität. Es ergebe keinen Sinn, Infrastruktur als reines Transportmedium zu sehen, denn künftig würden Netze zusätzlich dazu eine eigene Intelligenz und die Möglichkeit der Datenverarbeitung besitzen. Deshalb müsse Deutschland, wie auch beim Aufbau der LTE-Infrastruktur im Mobilfunkbereich, beim Aufbau intelligenter Netze dabei sein und die Grundlagen dazu legen.

Ob es sich hierbei um eine offizielle Position der Bundesregierung beziehungsweise der Netzallianz handelt, bleibt derzeit noch unklar. Ein Teilnehmer der Sitzung der vergangenen Woche zeigte sich netzpolitik.org gegenüber verwundert und betonte, dass das Thema keine Rolle gespielt hätte. Eine offizielle Antwort des Bundesministeriums für Verkehr und Infrastruktur (BMVI) steht noch aus.

Vier Phasen für den Breitbandausbau

Aber eigentlich wollte Dobrindt die Ergebnisse der sechsten Sitzung der Netzallianz vorstellen. Darin versammelt sich die deutsche Netzbetreiberbranche, die unter Federführung des BMVI Programme und Zielsetzungen für den Breitbandausbau festlegt. In der vergangenen Sitzung wurde eine Studie bei Fraunhofer FOKUS in Auftrag gegeben, deren Eckpunkte in einen vierstufigen Fahrplan überführt und heute präsentiert wurden.

Als erste Phase bekräftigte Dobrindt das im Koalitionsvertrag verankerte Ziel, bis 2018 eine flächendeckende Versorgung mit 50 MBit/s schnellen Internetanschlüssen zu erreichen. In der zweiten Phase sollen im Rahmen des „Sonderförderprogramms Mittelstand“ gezielt Gewerbegebiete ans „superschnelle Breitbandnetz“ angeschlossen werden, sagte Dobrindt. Bis 2020 sollen in der Phase drei die Voraussetzungen für ein flächendeckendes 5G-Rollout geschaffen werden, also den Nachfolger der heute aktuellen LTE-Technik im Mobilfunkbereich. Bis dahin müssten beispielsweise die notwendigen Frequenzen zur Verfügung stehen.

Und in der Phase vier soll bis 2025 eine Gigabit-fähige, konvergente Infrastruktur aufgebaut werden, erklärte Dobrindt, vermied es aber, das Wort „Gigabit-fähige Anschlüsse“ in den Mund zu nehmen. Denn eine Gigabit-Gesellschaft brauche eine flexible Infrastruktur, so Dobrindt, die auf die unterschiedlichen Bedürfnisse eingehe. Bei Streaming-Diensten etwa sei die Latenz der Leitung nicht ausschlaggebend, sondern die Bandbreite und Verfügbarkeit, im Unterschied zum automatisierten Fahren. Deshalb sei eine „differenzierte Kombination“ aus Leistungsfähigkeit, Sicherheit, Energieeffizienz und Ähnlichem wichtig. Auf Basis der Studie und der Eckpunkte soll nun bis zum nächsten Jahr ein weiterer Fahrplan mit konkreten Einzelmaßnahmen erstellt werden, kündigte der Infrastrukturminister an.

Bandbreite nicht der einzige relevante Parameter

Manfred Hauswirth von Fraunhofer FOKUS sprach in seiner Zusammenfassung der Studie von der Wichtigkeit von Bandbreite, die jedoch nicht allein ausschlaggebend sei. Man müsse zusätzlich dazu Parameter wie Mobilität, Latenz, Verfügbarkeit und Sicherheit hinzuziehen. „Daraus ergeben sich anwendungespezifische Erfordernisse“, so Hauswirth. Und diese heterogenen Anforderungen müssten durch eine differenzierte Sicht auf Netze bedient werden.

Grundlage für die geforderten „intelligenten Netze“ sei deren Virtualisierung. Wie derzeit Cloud-Dienste müsse das Netz „als Ressource virtualisiert“ werden, führte Hauswirth aus und brachte die sogenannten „5G-Slices“ ins Spiel. Damit lassen sich einzelne Netze als Dienste anbieten, indem etwa ein Netz den normalen Internetzugang bereitstellt, ein anderes eine optimierte Leitung für mobile Gesundheitsoperationen und ein weiteres ruckelfreie Youtube-Videos. „Neben dem offenen Internet mit freiem Zugang zu Inhalten und innovativen Diensten wie beispielsweise multimedialen Kommunikationsdiensten wird es, und das ist ganz klar, Spezialnetze mit hoher Dienstqualität und Datensicherheit geben, zum Beispiel für E-Health-Anwendungen“, erklärte Hauswirth.

Industrielles statt Konsumenten-Internet

Damit scheint die Zielsetzung klar zu sein, die anschließend auch Höttges und Dirks weiter unterstrichen: Man wolle in der Netzallianz nicht einfach nur Bandbreitenziele ausrufen, so Dirks, sondern den Übergang schaffen vom „Konsumenten-Internet, wo es darum geht, einen Haushalt anzuschließen, hin zu einem industriellen Internet, was auf ganz anderen Parametern beruht“. Dabei müsse man Nutzungsszenarien berücksichtigen, und die würden etwa bei E-Mails auf der einen und Industrieanforderungen auf der anderen Seite ganz anders ausfallen, sagte Dirks. Beim Breitbandausbau könne es nicht einfach nur eine Infrastruktur geben, sondern es brauche einen Technologiemix. Das sei die wirtschaftlichste und effizienteste Möglichkeit, um eine möglichst flächendeckende Internetversorgung zu erreichen.

Es sei wichtig, nicht einfach nur „populistisch eine Zahl in den Vordergrund“ zu stellen, unterstützte ihn Höttges, sondern sich eben, mit der Netzallianz im Rücken, für einen Technologiemix einzusetzen. Und das bedeutet in der derzeitigen Praxis der Fokus auf Vectoring. Hätte es bei der umstrittenen Vectoring-Entscheidung der Bundesnetzagentur keine Verzögerung gegeben, spielte Höttges den Regulierern den Schwarzen Peter zu, dann wäre der Breitbandausbau in Deutschland mittlerweile weiter fortgeschritten. Gleichzeitig kündigte Höttges ein Netzallianz-Treffen an, um sich mit der von der EU-Kommission ausgerufenen Neugestaltung des europäischen Telekommunikationsmarktes („TK-Review“) auseinanderzusetzen. „Die Rahmenbedingungen müssen verändert werden“, forderte Höttges, denn die aktuell gültigen würden Investitionen in den Ausbau hemmen. „Das ist insbesondere auch für den größten Spieler hier, für die Deutsche Telekom, ein ganz wichtiges Anliegen, dass wir mit anderen Rahmenbedingungen auch mehr investieren können und auch mehr investieren würden“, versprach Höttges.

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13 Kommentare
  1. komisch, dass da nirgends von den archaischen volumengrenzen gesprochen wird. die abdeckung in ländlichen bereichen ist ja teilweise nur durch das mobilfunknetz gegeben. dass da aber dann immer volumengrenzen gelten wird hingenommen.

    ich würde auch eine mobilfunk-anbieter-unabhängigkeit einfordern. wenn irgendwo keine funkabdeckung ist, muss der kunde das netz eines anderen anbieters nutzen können ohne aufpreis – roaming im inland sozusagen. die kosten trägt der anbieter, der das funkloch betreibt. so würde eine größere motivation für gute mobilfunk-abdeckung erzeugt.

    1. Nein, nein. Das wäre Anwenderfreundlich und aus Nutzersicht gedacht. Das würde den TK-Industrie-Bossen in ihren übelsten Albträumen nicht einfallen. Und Dobrinth ist der mit Abstand Letzte, der eine solche Haltung einnehmen oder gar eine dahingehende gesetzliche Regelung gutheißen würde. Im Gegenteil, der alte dampfplaudernde Phrasendrescher wäre er Erste, der die kaufmännischen Wünsche der TK-Industrie als technische Notwendigkeit verkauft.

      Solang in der Netz(werk)politik Internetausdrucker über profitorientierte Industriebosse „wachen“, wird die Kupferader gelutscht, bis die Nuklide einzeln heraus fallen…

  2. Das ist schön, dass sich die Netzallianz verständigt hat. Es ist also alles in trockenen Tüchern. Es geht natürlich nicht um bloße Zahlen. Es geht vor allem nur um Zahlen! Und um viel Geld. Der Telekom schwimmen die Felle weg, die Gewinne der Internetriesen whatsapp, Google usw. ziehen an ihr vorbei und wecken die allseits bekannten „Begehrlichkeiten“. Die Idee vom 2-Klassen-Internet rückt wieder einen Schritt näher und unsere Volksvertreter wirken überfordert und können sich wieder mal nicht zu sinnvollem, konstruktivem Handeln zusammen finden. Und was soll das mit dem autonomen Fahren? Ist das nicht etwas früh, sich über die Nutzung des Internets durch diese Technologie Gedanken zu machen? Wollen wir das und welchen Nutzen und welche Risiken hat es? Wer hat eigentlich Tesla im Auge, die Technologie hinter dem autonomen Fahren scheint ja noch erhebliche Mängel zu haben. Mit der Zunahme der Vernetzung in PKW nehmen bisher die Probleme zu, z.B. was Datenschutz angeht (siehe Renault Twizy, Zoe, unlängst BMW). Auch hier ist kein konstruktives zielorientiertes Handeln der Bundesregierung erkennbar. Und wie so oft bleibt bei mir zu allem Überfluss ein starker Beigeschmack nach Lobby-Arbeit.

  3. „und ein weiteres ruckelfreie Youtube-Videos“
    Da hat der Herr Hauswirth nicht wohl die EU NN-Verordnung nicht gelesen. Das ist nun zweifelsfrei nicht zulässig. Spezialdienste gehen nur für Sachen die technisch nicht über das Internet laufen können. Ruckelfreie Videos sind über das Internet aber null Problem.

    Aber egal. Man sieht schön , dass der Wettkampf zwischen klassischen Telcos und IP-Welt (RIPE, IETF) wie gewohnt weiter geht. Bisher haben die Telcos verloren, da ihre Visionen von TK-Diensten wirtschaftlich einfach nicht haltbar waren. Deren 5G-Blase wird auch platzen.

  4. Und wir Frauen haben uns darauf verständigt, dass Entschleunigung Not tut. Es ist an der Zeit, wieder Computerprogramme zu entwickeln, die auch mit langsamem Internet funktionieren. Damit können wir dann sogar in den Export gehen. Und dann gibt es vielleicht auch gutdotierte Stellen für Frauen in der Wirtschaft? Bis dahin lassen wir es in der Verwaltung einfach weiterhin ganz langsam angehen. Vermutlich geht es auch ohne elektronische Siegel, Vertrauensdienste und selbstfahrende Autos.

  5. Interessant finde ich ja, dass die Forderungen von Herrn Dirks („unterschiedliche Anwendungen unterschiedliche Qualitätsklassen“) von dem gesetzlichen Rahmen (EU-Verordnung) vollkommen gedeckt sind. Er kann also direkt loslegen. Nur halt nicht im Internet, sondern als Spezialdienst. Einzige Hürde ist, dass er für einen Spezialdienst eine technisch objektive Begründung vorlegen muss, warum denn die Anwendung über das Internet nicht realisierbar ist.
    Das scheint wohl sein Problem zu sein.

        1. Mit welcher Technologie er seinen Spezialdienst realisiert ist seine Sache. Das ist der Verordnung egal, die ist technologieneutral. Vorgabe ist nur, dass zwischen Spezialdienst und Internet keine Konnektivität besteht. Muss also in der Art wie Triple Play realisiert werden.

          1. Die Telekommunisten können ja das IPX innerhalb ihres Netzwerks Routen … ins Internet, also gemeint ist das verlassen des Telekommunisten Netzwerks, geht das Protokoll ja nicht … außerdem, kann jedes Gerät einzeln erfasst und gemanagt werden, wegen der eineindeutigen „Geräte Kennung“ (Zitat Wikipedia:“IPX verwendet binäre Adressen, bestehend aus einer 32 bit langen Netzwerknummer, einer 48 bit langen Hostadresse (der MAC-Adresse des Interfaces) und einer 16 bit langen Socket-Nummer, die etwa der Portadresse in TCP oder UDP entspricht. IPX verfügt daher über einen wesentlich größeren Adressraum als IP Version 4, wo Netzwerk und Host zusammen in 32 Bit kodiert sind.“) … verlässt das Gerät das Telekommunisten Netzwerk (z.B. Mobilfunk Roaming), so funktioniert der Mümpel nicht mehr, das evtl. der Roaming Partner das IPX Protokoll nicht routet … unterstützt er es hingegen doch, so kann z.B. bei einer Kooperation mit den Telekommunisten, das Streaming bzw. die Sonderfunktionen (z.B. Festnetz Telefonate/TV) kostenfrei bleiben, während bei den Mobilfunk (GSM) Telefonaten der Nutzer geschröpft wird … da die Datenübermittlung zwischen den jeweiligen Anbieter im jeweiligen Backbone erfolgt, sind diese Dienste eben nicht direkt via Internet abrufbar!
            Die jeweiligen Anbieter können zwar VPN Tunnels via Internet laufen lassen … aber das zähle ich dann zum Backbone, da innerhalb des Tunnels z.B. das IPX Protokoll exklusiv geroutet und transportiert würde …
            Klar soweit?

  6. Gigabit!!!
    Das wird die Telekom mit ihren Alten Leitungen nicht schaffen! Glasfaserausbau ist wichting und nicht vectoring! Die Telekom Verkauft Vectoring
    ja auch gerne mal als Glasfaser was es aber nicht ist.
    Ich bin der Meinung man sollte der Telekom das Monopol wegnehmen auf der Letzten Meile
    Das würde für Ordentlich Wettbewerb sorgen.
    Ich bin sowiso der einer der sagt die Kupferleitungen gehören auf den Schrott und nicht in die Erde. Glasfaser ist Zukunft das begreift unsere Regierung und die Telekom aber nicht!
    Und LTE hat ein Datenvolume das sollte man zumindest in denn Tarifen für Zuhause abschaffen!

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