Für den „Kandidaten-Check“ von abgeordnetenwatch.de wurden alle DirektkandidatInnen zur Wahl des Abgeordnetenhauses (AGH) am 18. September in Berlin nach ihrer Einstellung zu 20 politischen Thesen befragt. Insgesamt haben 414 (65 Prozent) der antretenden 634 PolitikerInnen geantwortet. Eine der Thesen lautete: „Zur Aufklärung von Straßenkriminalität und zur Abschreckung braucht es mehr Videoüberwachung im öffentlichen Raum.“ 237 (57 Prozent) der antwortenden PolitikerInnen lehnten diese Aussage ab, 135 KandidatInnen (33 Prozent) sprachen sich für den Ausbau der Videoüberwachung in Berlin aus, 44 (11 Prozent) verhielten sich dazu neutral.
Gerade im Lichte des gescheiterten Versuchs des Berliner Innensenators und CDU-Spitzenkandidaten, Frank Henkel, kurz vor der Sommerpause noch eine drastische Ausweitung der Videoüberwachung im öffentlichen Raum durchzudrücken, ist das Thema durchaus brisant. Was nun auf den ersten Blick wie ein deutliches Signal gegen Überwachung und für Grundrechte aussieht, stellt sich bei genauerer Betrachtung jedoch als gar nicht mal so beruhigend heraus.

Grafik: Mit freundlicher Genehmigung von abgeordnetenwatch.de
Parteien der Überwachungsbefürworter kommen vermutlich auf über 50 Prozent der Stimmen
Die große Mehrheit gegen den Ausbau der Videoüberwachung kommt nämlich vor allem deshalb zustande, weil an der Abgeordnetenwatch-Befragung auch viele KandidatInnen teilgenommen haben, die die sich laut aktuellen Wahlprognosen keine großen Hoffnungen auf einen Sitz im Berliner Parlament machen dürfen. So haben nicht nur PolitikerInnen der Grünen (87 Prozent dagegen, 13 Prozent neutral) und der Linken (95 Prozent dagegen, 5 Prozent neutral) deutlich gegen mehr Videoüberwachung votiert, sondern auch 46 der 47 teilnehmenden Piraten-KandidatInnen. Die Piraten liegen unterschiedlichen Umfragen zufolge derzeit jedoch bei maximal 3 Prozent. Weitere 44 Stimmen gegen Überwachung kamen von der FDP, deren Einzug in das AGH mit derzeit prognostizierten 4–6 Prozent ebenfalls nicht sicher ist.

Die Parteien hingegen, deren DirektkandidatInnen mehrheitlich für einen Ausbau der Videoüberwachung in Berlin sind, können bei der Wahl laut der Prognosen mit insgesamt über 50 Prozent der Stimmen rechnen. Neben 98 Prozent der CDU-KandidatInnen und 84 Prozent der AfD-KandidatInnen, die an der Befragung teilnahmen, haben sich nämlich auch 61 Prozent der SPD-KandidatInnen für mehr Videoüberwachung ausgesprochen.
In Anbetracht der politischen Verhältnisse in Berlin ist eine Koalition der Videoüberwachungsfreunde zwar nicht wahrscheinlich; vieles spricht für eine rot-grüne oder rot-rot-grüne Regierung unter Führung der SPD. Dass sich in der Befragung aber nur elf sozialdemokratische DirektkandidatInnen (17 Prozent) klar gegen einen Ausbau der Videoüberwachung ausgesprochen haben, sollte man trotz derzeitiger Distanzierung der SPD von der CDU nicht vergessen.
