Kultur

Spiel des Lebens: Kann ich Dich mal scannen?

Reif für die Insel? Zeichnung: Stella Schiffczyk

„Willkommen auf der Welt, bitte zieh Dir eine Identität!“. Aus einem Jutebeutel voller Badges mit QR-Codes greife ich einen Ausweis. Auf ihm steht „nicht arm nicht reich“. Daneben ein paar Zahlen, die meine gesundheitliche sowie finanzielle Situation beschreiben. „Kann ich Dich Scannen?“ fragt der freundliche Mensch weiter. Er nimmt ein Tablet, scannt meinen Ausweis, macht ein Photo. Ich bin registriert. Das Spiel des Lebens beginnt.


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Er ist vom Standesamt. Zusammen mit über einem Dutzend anderer Menschen bin ich gerade erst durch einen zwei Meter großen Uterus in das oberste Stockwerk einer Industriehalle in Berlin-Oberschöneweide gestiegen auf die Welt gekommen. Wir sind die zweite von drei „Generationen“; nicht viel später werden sich über 60 Menschen auf der Welt tummeln.

Zunächst geht es auf die Schule. Du lernst, dass es im Leben um Geld, Gesundheit und Karma geht. Du macht einen Abschluss. Wie gut? Das hängt eben nicht nur von Deinen Leistungen ab. Danach stehen Dir weitere Stationen in Deinem Leben offen — oder eben auch nicht: Ausbildung, Universität oder doch eher was Künstlerisches? Bevor es weitergeht wird Dein Abschluss vom nächsten Computer in Deine Akte eingetragen. Ein Studienfach mit einem Nummerus Clausus besser als 3.0 wird mir vorbehalten bleiben.

In der Fabrik Zeichnung: Stella Schiffczyk
In der Fabrik
Zeichnung: Stella Schiffczyk

Ich frage meine Klassenlehrerin, ob es auf dieser Welt auch abseits des klassischen Karrierepfades etwas zu holen gibt. Ich erhalte einen Tip. Doch bevor mir der Weg in die Unterwelt eröffnet werden kann, muss ich mich gedulden. Ich schaue mich also um. Die Universität ist überrannt. Eine Ausbildung reizt mich nicht. In der Künstlerszene nehme ich an einem Casting für einen Antifa-Film teil. Mein QR-Code wird gescannt. Das bringt Karma-Punkte.

Ich trinke etwas an der Bar. Dass dies Auswirkungen auf meine Gesundheit haben kann, realisiere ich erst später. Auf der Straße wird mir wärmstens ein Urlaub auf „der Insel“ empfohlen. Der Scan ergibt: Ich könnte ihn mir zwar leisten, bräuchte aber ersteinmal eine Wohnung. Ohne diese könnte ich jetz auch noch nicht einmal heiraten, dürfte nicht einmal Kinder machen. Meine Kontaktperson zur Unterwelt ist immernoch schwer zu greifen.

Meinen Urlaub muss ich ob der Bürgermeisterwahl vorzeitig abbrechen; Es herrscht Wahlpflicht. Auf das Berliner Publikum ist Verlass. Die Gegnerin des Kapitalismus, Helmut, gewinnt. Ich mache mir nun ob meiner fehlenden Ausbildung und angesichts meiner eigenen Karriereplanung zunehmends weniger Sorgen, muss mich aber weiterhin gedulden. Zwischenzeitig hole ich also doch einen Abschluss in Jura nach; jetzt könnte auch ich zur nächsten Bürgermeisterwahl kandidieren.

Ein Kind, nur möglich für Verheiratete Zeichnung: Stella Schiffczyk
Ein Kind, nur für Verheiratete
Zeichnung: Stella Schiffczyk

Im Reich der Unterwelt angelangt stehe ich vor der Entscheidung: Rein und nie wieder raus – oder doch ein „normales“ Leben führen? Wenn ich ja sage, wird fortan jeder der 25 Schauspielenden bei jedem Scan meines Ausweises wissen, für wen ich arbeite. Ich werde vorsichtig sein müssen. Ich sage ja. Die Polizei erwischt mich nicht, aber selbst vor dem Referendar meiner Klassenlehrerin werde ich fortan meinen Ausweis verstecken.

Das „Spiel des Lebens“ ist ein Publikumsrollenspiel der Theatergruppe Prinzip Gonzo, dem Ballhaus Ost, gefördert vom Land Berlin. In einer Vielzahl von kleinen „Leveln“ werden die Teilnehmenden von Schauspielenden bespaßt. Der QR-Code ist dabei als ID für den Punktestand sowie den Lebenslauf zentraler Dreh- und Angelpunkt des Spielgeschehens. Das Spielkonzept schwingt keine pädagogische Datenschutz-Keule und braucht es auch nicht. Es versinnbildlicht von allein welche Rolle Datenberge in unserem Leben spielen. Wer seinen Ausweis aufhebt, kann zuhause nachschauen, was er oder sie das Leben lang getrieben hat.

Das Stück findet seit Donnerstag in zweiter Auflage statt. Leider sind schon alle Karten vergriffen, aber der Wunsch nach einer dritten Auflage ist bei den Veranstaltenden heute schon vorhanden.

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