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Fact-Checking Günther Oettinger: „Deutschland liege beim Ausbau der digitalen Infrastruktur im „vorderen Mittelfeld“.

Am Mittwoch hat sich unser Digitalkommissar Günther Oettinger in Berlin mit Verkehrsminister Alexander Dobrindt und der Netzallianz getroffen. Die Netzallianz ist ein Zusammenschluß der Telekommunikationsindustrie-Lobby, die zusammen mit dem, Verkehrsministerium über den Breitbandausbau diskutiert. Laut Agenturangaben hat Günther Oettinger in der anschließenden Pressekonferenz folgendes erklärt:


netzpolitik.org - unabhängig & kritisch dank Euch.

Deutschland liege beim Ausbau der digitalen Infrastruktur im „vorderen Mittelfeld“.

Das wollten wir etwas genauer wissen und haben uns Donnerstag Vormittag an seine Pressesprecherin per Mail gewandt und um die Quelle dafür bis zum frühen Abend gebeten. Eine Antwort haben wir nicht erhalten. Also haben wir die Pressestelle der EU-Kommission für diesen Arbeitsbereich angeschrieben, wurden aber an die Pressesprecherin von Günther Oettinger zurück gewiesen. Dort angerufen, SMS bekommen, dass sie gerade nicht kann, per SMS zurückgeschrieben, an die Mail erinnert und nochmal um Antwort gebeten. Ihr könnt Euch das vorstellen: Wir haben nichts mehr gehört.

Also mussten wir alleine nach der Quelle suchen. Und Ihr könnt Euch das vorstellen: Wir haben leider keinen Beleg gefunden. Es gibt diverse Rankings zum Breitbandausbau in der EU, aber uns ist keines bekannt, wo Deutschland im vorderen Mittelfeld liegt.

Es gibt die Webseite broadbandforall.eu, die von der EU-Kommission unterstützt wird. Dort kommt Deutschland auf „97% der deutschen Haushalte haben Zugang zu Breitband Internet“. Klingt super, immerhin 97%, aber damit liegt Deutschland im hinteren Mittelfeld, mehr als die Hälfte der EU-Staaten schneidet noch besser ab.

Bitkom sah Deutschland im Januar in der Spitzenklasse beim Breitbandausbau (auch kein vorderes Mittelfeld), nutzte dafür aber die deutlich unterambitionierte Breitband-Definition von 1 MBit/s (Im letzten Jahrtausend war das echt schnell…).

Nimmt man eine ambitioniertere Definition von 30 MBit/s, dann kommt Deutschland laut EU-Kommission auf Platz 16 im EU-Vergleich, wieder hinteres Mittelfeld. Die Quelle halten wir für seriös, immerhin arbeitet Günther Oettinger dort.

infografik_2516_Bevoelkerungsanteil_mit_schnellem_Breitbandtarif_in_der_EU_n-e1407573867865

Aber war da nicht was mit Glasfaser?

Im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWi) legten TNS Infratest und das ZEW im Dezember 2014 den Monitoring-Report Digitale Wirtschaft vor. Dort liegen wir beim Glasfaserausbau auf dem letzten Platz:

Der Standort Deutschland verfügt über eine gut entwickelte technische Infrastruktur und erreicht einen soliden sechsten Platz im internationalen Vergleich. Der Standort stabilisiert sich bei der Breitbandpenetration in der Bevölkerung mit 34,6 Prozent. Allerdings bleibt die Geschwindigkeit der Netze weiter das zentrale Thema, denn gemessen an der Verbreitung von superschnellen Glasfaseranschlüssen hinkt Deutschland deutlich hinterher. Mit einer Glasfaser-Quote von lediglich einem Prozent liegt Deutschland weit abgeschlagen auf dem letzten Platz der europäischen Länder.

Für eine nachhaltige digitale Infrastruktur dürfte aber Glasfaserkabel eine große Rolle spielen, immerhin gilt das als die Zukunft.

(Den sechsten Platz erreichten wir im internationalen Vergleich von 15 Staaten, nicht innerhalb der EU)

Dafür sind wir weltweit schon auf Platz 31 der Rangliste der Länder mit den schnellsten Internetzugängen angekommen. Das kann man durchaus als Spitzengruppe bezeichnen!

infografik_1064_Top_10_Laender_mit_dem_schnellsten_Internetzugang_n

Wir würden uns ja freuen, wenn wir in Deutschland so schnelles Internet hätten, um im vorderen Mittelfeld mitspielen zu können. Möglicherweise erhalten wir irgendwann noch eine Antwort von Günther Oettinger mit einer seriöseren Quelle als von der EU-Kommission. Bis dahin können wir aber nur sagen: Knapp vorbei ist leider auch vorbei.

27 Kommentare
  1. Neben Leuten mit nur 8 Mbit/s schnellem Internet soll es sogar Menschen geben, deren Auto keine 200 km/h erreicht oder die GAR KEIN AUTO BESITZEN, OMGOMGOMG!!!1

    Okay, lassen wir die Witze. Ich bin von Vodafone zu einem lokalen Netzanbieter gewechselt, wo man ein Basispaket mit 8 Mbit/s wählen konnte. So what, es war günstiger und so viel Vorteil bringt mehr Downloadgeschwindigkeit ab einem gewissen Niveau einfach nicht mehr. Dafür gibt es bei dem Anbieter keinen Routerzwang – es war echt gespenstisch, was Vodafone-Servicemitarbeiter durch ihren Router im Netzwerk alles „sehen“ konnten.

    1. Echt jetzt? In der Mitte Deutschlands müssen die Menschen mit einem aufgepimten 1000 DSL Anschluss klar kommen. Da sind 8 Mbits schon rasend schnell. Die Telekom hat schon vor 10 Jahren dort Verträge geschossen mit 6000 er DSL, der kurzfristig ausgebaut werden sollte. Vor über 10 Jahren!

    2. LOL 8Mbit. Ich hatte vor 2008 schon 12Mbit (trotz Vertrag für Basis DSL) die dann, als es auf Anschlussseite eng wurde, auf 8 und dann erst bei Anbieterwechsel endgültig auf 6Mbit runterreguliert wurden (obwohl mir meine Fritzbox sagt, dass die Leitung 12Mbit verkraftet).

      Es wird nur noch schlimmer mit dem alten Kupfer. Das geht in die komplett falsche Richtung und auch jegliche Wahnvorstellungen, man könnte ein ganzes Land mit Gigabit Funknetzen ausstatten (JA SICHER, BANANENREPUBLIK MACHT NSA-HOTSPOTS FÜR JEDEN) grenzt and Realitätsverlust. Schade, dass man auf bürgerlicher Seite kein Amtsenthebungsverfahren in die Wege leiten könnte aber wer hat jemals die Bürger gefragt. Oetti ganz sicher nicht. Dabei hat ihn einer der Kommentatoren hier vor seinem Amtsantritt noch gelobt für den Elan und den Einsatz für den Posten: Man erinnere siche. Er war zu der Zeit mit frierenden Ukrainern und Gazprom beschäftigt. Gleichzeitig hat er sich aber die Instruktionen für seine jetzige Aufgabe in kürzester Zeit reingezogen. Scheint ja echt viel hängen geblieben zu sein nach dem Bewerbungsgespräch bei der EU… armes Schland.

    3. Autovergleiche hinken immer! Jeder Deutsche kann sich eine Auto kaufen, sogar eins, was weit über 200km/h fährt, wenn er den entsprechenden Geldbetrag auf den Tisch legt. Aber nicht jeder, der den entsprechenden Geldbetrag für einen 100MBit Anschluß (~40EUR) auf den Tisch legt, bekommt Einen. Merkste selbst?

  2. Hossa….
    Du hast 8 Mbit?!
    Ich lebe in Bayern, im Land der Lederhosn und Laptops. Und nein, nicht in München.
    Wir haben auch Vodaphone mit 16.000 DSL was hier 1 Mbit entspricht. OK wenn die Leitung glüht sind es 1,6 Mbit.

    Immerhin fährt mein 14 Jahre BMW 200 kmh, theoretisch :)

    1. Offenbar hab ich’s mit 8/16 Mbit/s echt gut getroffen. An den Antworten sieht man, woran es hapert: Nicht zu geringe Maximalgeschwindigkeit im Bundesschnitt, sondern Ausbaufaulheit und dann oft nur Minimalgeschwindigkeit oder Mobilfunk-Internet.

      Das wäre doch ein Reportageschwerpunkt, Markus. Denn das hier wirkt wie das Prüfen von Werbeslogans („Jetzt NOCH schneller!“, „Hier und hier und hier und hier über’s Internet fernsehen … warum, weil ich’s kann!“) für Konsumenten, denen laufend ein weiteres, neueres Produkt verkauft werden soll.

      Oder schau doch mal, wieviel % der 16-Mbit/s-Kunden an ihre bezahlte Leistung kommt. Oder mit welchen Scheinversprechen da gearbeitet wird. Kannst du sowas recherchieren?

  3. Ich erinnere mich noch an Zeiten in denen ein Minister Schwarz- Schilling die Breitbandaufträge an seine Frau lancieren konnte und ungeschoren davon kam.
    Oder wenn man beim Straßenausbau , den man als Privatmann zu 90% selber bezahlt, forderte ein Leerrohr ein zu pflegen um der „neuen Technik“ die Möglichkeit zu geben sich zu entfalten. Was natürlich abgelehnt wurde. (Leerrohr 5.000 Mark – Straßen – und Parkplatzkennzeichnung 30.000 Mark)
    Taube Ohren allenthalben , weil Lokal – und Bundespolitiker der gesellschaftlichen Entwicklung mindestens 10 Jahre hinterher hinkten und mindestens noch weitere 10 Jahre im Weg standen.
    Das was sich Herr Oettinger wieder in die Tasche lügt ist nur der Beweis dass es immer noch so ist.
    Vom Analog- Modem über ISDN zu DSL , bin ich nach 16 Jahren Nutzung bei 3 Mbit angekommen.
    Das nenne ich Fortschritt.

    1. Danke. Schön, dass es noch jemanden gibt, der sich erinnert, wessen Weitsicht wir diesen Schlamassel zu verdanken haben, nämlich den korrupten Politikern, diesmal CDU! Wie soll der Bock Öttinger denn nun auch der Gärtner sein?

  4. Das ist doch nur ein Missverständnis. Herr Oettinger meinte nicht die digitale Infrastruktur für’s gemeine Fußvolk, sondern die bei BND & Co – wenn (nicht falls) die VDS kommt, muss man doch vorbereitet sein!

  5. oder in absoluten Zahlen
    Belgien, 22,7% mal 11,2 Mio = 2,5
    Niederlande, 17,2% mal 16,9 Mio = 2,9
    Litauen, 13,2% mal 2,9 Mio = 0,38
    Schweden, 12,5% mal 9,7 Mio = 1,2
    Lettland, 12,4% mal 2 Mio = 0,25
    Rumänien, 10,5% mal 20 Mio = 2,1
    Dänemark, 10,3% mal 5,6 Mio = 0.57
    Portugal, 10.2% mal 10,4 Mio = 1,1
    Irland, 9.2% mal 4,6 Mio = 0,42
    Luxemburg, 8.7% mal 0,6 Mio = 0,052
    Deutschland, 5.5% mal 80,9 Mio = 4,4
    das heisst also: Würden ALLE Litauer mit den Niederländern tauschen, hätten sie dort 100%…

  6. Was bei der Breitbanddebatte mal wieder vergessen wird ist der ausbau des Uploads. Ich glaube nicht, das man etwas mit weniger als 30Mbit/s Upload als Breitband bezeichnen kann.

    Philipp

  7. Aha!
    – LTE: Wow, ganze Umgebung 100Mbit/s, aber nur um 6 Uhr morgens, für eine Person, bis zur Drossel
    – Kabelanschluss: Stadtviertel teilt sich 1 Gbit/s, mit gigantischen Anteil Upload zu Download von 2,5%
    – DSL über Telekom-Infrakstruktur: Routing-Probleme zu bekannten Video-Streaming-Dienste, obwohl passende Kapazitäten frei (TelekomProxy findet einen schnellen Weg)
    – Vodafone DSL: Regelmäßig e Voip Störungen
    – Vodafone Mobilfunk: SMS Störungen und Empfangs Probleme, an Stellen an den selbst EPlus Empfang hat, seit Jahren

    Das sind meine Erfahrungen aus erster Hand bzw.aus zweiter Hand, aber persönlich

  8. Ich persönlich sehe auch das Kernproblem darin, das tendenziell zurzeit versucht wird leuten die schon Dsl 16000 oder gar 25000 haben schnelleres Internet zu ermöglichen, also 100000 oder mehr.

    Das Problem ist für die meisten die über langesame Internetgeschwindigkeit Jammern aber meist ein ganz anderes: Standorte (Auch innerhalb große Deutscher Städte) an denen nur DSL 1000 oder weniger Verfügbar ist. Hier ist es ja inzwischen so, das man einen „guten“ Internet anschluss hat wenn man 6000 oder so hat ;)

    Und dieses Unsägliche LTE (Mieser Antwortzeiten, nicht nur für Gamer relevant) und Drosselung nach wenigen MB Datenverkehr ist sicherlich auch keine große Hilfe-

  9. Meine tolle „Vodafone-Leitung“ liefert hier in einer Stadt im Ruhrgebiet sage und schreibe 1MBit/s. Hatte auch schonmal 2MBit/s wurde aber wieder runtergeschraubt nachdem ich zigmal anrufen musste weil die Connection immer wieder zusammenbrach. Mein Nachbar (gleiches Haus aber bei 1&1) hat superschnelle (in meinen Augen) 6MBit/s. Da kann man dann wenigstens ohne Wartezeiten Video in 720 gucken. Beei Ihm läuft das im Übrigen sehr stabil und auch dauerhaft auf 6 MBit/s

  10. Wie kommt denn diese Statistik zustande? Insbesondere wundert mich das gute Abschneiden von Rumänien. Ich kann mir ehrlich gesagt nicht vorstellen, dass man irgendwo in einem Dorf in den Karpaten schnelles Internet nach eurer Definition oder gar FTTH kriegen kann.

    1. Wie schon gesagt, wir habenu nseren EU-Digitalkommissar angefragt, uns Quellen zu nennen, aber trotz widerholtem Versuch keinerlei Antwort bekommen. Insofern haben wir mal zwei Stunden rumgesucht, was wir finden und sind auf diese Quellen gestossen, die auf Zahlen der EU-Kommission basieren. Wir waren noch nicht in Rumänien und können nichts dazu sagen, wie es da aussieht.

    2. Es kann tatsächlich sein, das der Neubau eines Netzes in einem Dorf in den Karpaten als FTTB billiger ist, als reguläres Kabel/Telephondraht zum Haus zu ziehen. Das ist ja das Dilemma in DE – FTTH/FTTB heisst: Alles NOCHMAL neu verlegen.

    3. Meine Lebensgefährtin kommt aus Moldawien. Ich konnte es selber nicht glauben, aber sowohl dort als auch im angrenzenden Rumänien lacht man nur über das bei uns verfügbare Internet. Was das angeht, ist Deutschland wirklich noch ein Entwicklungsland.
      Oder wie es Merkel sagen würde „Das Internet ist für uns noch Neuland.“ Da hat sie wirklich Recht.
      Erbärmlich. Meine Eltern bekommen in der Eifel und sehr instabiles Internet über ein Perlenkettensystem aus Funkantennen eines mittlerweile insolventen Anbieters. Dadurch leidet nicht nur deren Geschäft (und die ganze Gemeinde) stark unter diesem Mangel an Infrastruktur. Immer mehr Häuser stehen dort leer und keiner will einziehen. Noch nicht mal Mobilfunk gibt es dort, einen Balken LTE bekommt man, wenn man auf den nächsten Berg klettert. Außerdem bekommt man dort auch keinen Telefonanschluss, da alle aktuellen Anbieter nur noch Pakte in Verbindung mit dem Netz haben.
      Für das Internet alleine bezahlt man dort über 30€, Telefon sind noch mal gut 30€ drauf.
      In jeder Stadt bekommt man für 35€ eine Flat für alles, bei denen gibt es keine Chance irgend ein Angebot für unter 60€ zu bekommen, dazu ist die Qualität als wäre man in den 90ern und würde mit Australien telefonieren. Verbindungsabbrüche und 2 Sekunden Verzögerung.
      Deutschland ist erbärmlich was das angeht.

  11. Ich wohne in Stuttgart City und bekomme über das Telefonnetz gerade mal 8 MBit/1Mbit. Kabelanschluss hab ich leider nicht. Im Dezember hat mir mein Provider eine Info per Post geschickt, dass in meinem Wohngebiet nun endlich VDSL (50) verfügbar ist. Bestellt – und nach genauerer Prüfung die Info erhalten, dass das bei mir leider weiterhin doch nicht geht.

  12. Hinzu kommt, dass jene Haushalte in denen „Glasfaser“ am Hausanschluss vorhanden ist, diesen oft gar nicht benutzen. In unserer Siedlung hat niemand einen aktiven Glasfaser Anschluss, obwohl die Leitungen schon seit Jahren liegen. Die Kupferleitungen bieten noch genug Spielraum für Upgrade Verträge. Das ist halt eine rein kaufmännische Entscheidung.

    Mit freundlichen Grüßen,
    yt

    1. .. aber das ist ja die bestmögliche Situation: Die Infrastruktur ist schon im Haus und der Anschluß kostet einen Transceiver und ein Ethernet Kabel und eine Entscheidung.

      Wenn die näheste Glasfaser auf der anderen Seite der Strasse liegt hingegen…

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