Generell

Was hat eigentlich die Netzneutralität mit Boarding-Prozessen am Flughafen zu tun?

CC BY 2.0 Angelo DeSantis from Berkeley, US

Wir hatten erst vor kurzem wichtige Entscheidungen auf EU-Ebene und die dazu gehörigen Nörgeleien von den großen Telekommunikationsunternehmen wie der Telekom, die lieber ein Zwei-(oder eher gesagt Mehr-)Klassen-Internet einführen möchten. Hier in Europa läuft die Diskussion um die Netzneutralität seit ein paar Jahren, in den Vereinigten Staaten läuft sie noch viel länger. Einen großartigen Hintergrundartikel über Prof. Tim Wu, der bereits 2002 den Begriff Netzwerkneutralität prägte und vor vier Jahren auf der re:publica sprach, gab es am Wochenende in der New York Times zu lesen. Jedenfalls bestehen die großen Netzwerkbetreiber auf beiden Seiten des Atlantiks darauf, einigen Diensten, Anwendungen oder Inhalten Priorität geben und andere dafür diskriminieren zu müssen.


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Für Techdirt hat Mike Masnik vor kurzem einen wirklich lesenswerten Artikel geschrieben, den wir hier einfach mal nacherzählen müssen. Er erklärt dort die Gemeinsamkeiten zwischen der Netzneutralität und theoretisch existierenden(!) effizienten Boarding-Methoden am Flughafen. Denn wie „Vox“ berichtet, machen derzeitige Einsteige-Prozesse überhaupt keinen Sinn, obwohl das Internet voll von Strategien und Studien ist. Die schnellste Methode hat der Astrophysiker Steffen (nämlich den „Markow Chain Monte Carlo Algorithmus“) entwickelt. Andere denken, dass man Flieger einfach von aussen nach innen, also vom Fensterplatz Richtung Gang, füllen sollte.

Und diese Studien – sowie Unmengen an Daten – stehen den Fluggesellschaften natürlich zur Verfügung. Doch warum nutzen sie sie nicht? Die Business Week nimmt an, dass die Airlines einfach keinen Anreiz haben, die Prozesse zu optimieren – denn sie können auf diese Weise einfach mehr Geld machen. So lange es für die Fluggäste schrecklich genug bleibt, stundenlang in Schlangen oder im Gang eines Fliegers rumzustehen, können sie eine bevorzugte Behandlung beim Einchecken, Einsteigen und bei der Sitzplatzverteilung problemlos als zusätzliche Dienste verkaufen.

In der Netzwelt ist die Lage eigentlich noch viel schlimmer, denn es gibt nicht so viel Konkurrenz auf dem Markt und daher auch weniger Anreize für Betreiber, die notwendigen Erweiterungen und Ausbauarbeiten vorzunehmen. Stattdessen sehen sich Diensteanbieter zur Kasse gezwungen, damit sie schneller an die Kunden der Betreiber liefern dürfen.

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10 Kommentare
  1. Die Netzbetreiber wollen ihre Ware namens „Bandbreite“ einfach künstlich verknappen, um mehr Geld zu machen. Aber wen wunderts? Das sind profitorientierte Unternehmen. Allgemeiner gesagt: Das ist eben der Kapitalismus ;-)

    1. Die Methode von Steffen heisst nicht Markov Chain Monte Carlo Algorithmus, sondern er einen Markov Chain Monte Carlo Algorithmus benutzt, um sie zu finden….

    2. Bandbreite wird nicht künstlich verknappt, sondern ist naturgegeben knapp. Denn die Ressourcen für den Bandbreitenausbau sind ebenfalls knapp.

      Wer knappe Güter bereitstellt, wird also entscheiden müssen, wen er bedient. Da ein Anbieter natürlich seinen Gewinn optimieren möchte, wird er den mit dem größeren Geldbeutel bevorzugen.

      Die Alternative ist Regulierung oder Sozialismus. (=Fremdbestimmung). Dabei muss alles zum gleichen Preis angeboten werden. (Sozialgedanke):

      Wer vorher mit wenig Leistung zufrieden gewesen wäre, bekommt jetzt ungefragt mittlere Leistung und muss plötzlich einen höheren Einheitspreis zahlen. Profitieren wird die andere Seite, die vorher noch einen hohen Preis zahlen musste. Sozialismus ist Umverteilung von Sparsam nach Verschwenderisch.

      1. 1. Willst Du ernsthaft jede Form von Regulierung mit Sozialismus gleichsetzen?

        2. Damit Marktwirtschaft und Wettbewerb funktionieren können, bedarf es eines Rahmens. Ansonsten führt das zur Mono- oder Oligopolbildung (letzteres ist der Fall bei der Versorgung mit Netz). In Deutschland sitzt die Telekom auf dem Großteil der Leitungen. In vielen ländlichen Gegenden hast Du dementsprechend die Auswahl zwischen Telekom und Telekom. Der Kunde hat, wenn er ein Produkt benötigt, dann eben keine Wahl mehr!

        3. Wie knapp das Gut „Bandbreite“ ist, entscheidet die Gesellschaft selbst. Das ist eine politische Frage. Wenn wir meinen, wir hätten als Gesellschaft zu wenig davon, können wir Entscheiden, dass wir mehr bauen wollen. Es liegt also, anders als bei, sagen wir, Gold, erstmal keine natürlich Begrenzung vor. Es spricht nichts dagegen, dass die Politik entscheidet, dass bis nach Kleinkuhkackerode jedes Haus mit Glasfaserinternet versorgt wird.

  2. Offensichtlich gibt es genügend Passagiere, die lieber etwas Geld sparen und eine geringere Priorisierung beim Boarding akzeptieren.

    Wäre dem nicht so, dann könnten die Fluggesellschaften durch die Priorisierungsmöglichkeit keinen Gewinn machen.

    Wenn tatsächlich 100% der Passagiere immer und überall ein neutrales Boarding haben wollten, dann müssten sie nur entweder alle zahlen oder alle nicht zahlen. Wenn alle zahlen, dann sind zwar die Preise hoch, aber die Pendeln sich später wieder durch den Konkurrenzdruck auf einem niedrigen Niveau ein.

    1. Beide deine Posts gehen aber von einer Voraussetzung aus, die nicht einfach da ist sondern wir als Gesellschaft ändern können.
      Es würde niemanden interessieren ob er 2 Euro mehr bezahlt und dafür den gleichen Service bekommt wie der andere der auch 2 Euro mehr bezahlt, wenn wir alle einigermaßen gleich behandelt würde. Also Finanziell. Da wir aber in einer Welt Leben wo eine Ungerechte Verteilung von Wohlstand existiert kannst du überhaupt nur das sagen, was du da sagst.
      Und die Unternehmen machen Gewinn basierend auf dieser Ungerechtigkeit. Und anstatt unsere globalen knappen Ressourcen möglichst effektiv einzusetzen, werden diese Zustände nicht abgeschafft, sondern gefördert und zementiert, damit einzelne sich weiter auf Kosten von anderen bereichern können.

      Kann man jetzt sagen, dass ist halt so aber ich finde das Scheiße. Aber was interessieren mich die Probleme die die nächsten Generationen durch mein Verhalten haben werden.

      1. 1. Ungleicher Reichtum ist keine Rechtfertigung für Bevormundung von Bürgern. Ungleicher Reichtum ist auch nicht zwingend ungerecht.

        2. Auch bei gleichverteilten Reichtum ist es denkbar, dass manchen Leuten die Boarding-Priorisierung egal ist und lieber sparen.

        3. Wenn Reichtum ungleich verteilt ist, ist es nicht moralisch verwerflich, den Reichen gegen eine Gebühr einen zusätzlichen Nutzen zu verkaufen.

        4. Die Zeit eines Menschen ist eine knappe Ressource und manchen Menschen ist diese mehr oder weniger viel Wert. Eine effiziente Nutzung bedeutet, die Preisdifferenzierung beim Boarding zu befürworten.

      2. 1. Habe ich auch nicht gesagt, dass das zwingend ungerecht ist. Aber so wie es jetzt ist, ist es ungerecht.

        2. Glaube ich gerne. Die Frage ist ob in einem wirklich effizienten System da noch große Unterschiede wären.

        3. Doch ist es. Wirtschaftliche Ungleichheit fördert Abgrenzung und destabilisiert die Gesellschaft. Es reicht, dass sich Leute wegen der Hautfarbe den Kopf einschlagen. Da braucht es echt nicht noch zusätzliche Gründe wie, der eine hat nicht genug zu essen und der andere wirft den Kaviar weg.

        4.Die Zeit des Menschen ist keine Ressource. Menschen sind keine Maschinen und haben keinen mit „Gegenständen“ vergleichbaren Wert. Und nur den Reichen zu ermöglichen ihre Zeit effizient zu nutzen, weil sie das bezahlen können bringt uns wieder zu den obigen Punkten.

      3. Aber selbstverständlich ist die Zeit des Menschen eine Ressource. Mit schön sozial klingenden Worten lässt sich das nicht ändern.

        Letzten Endes ist es so: Wir leben heute in einer ungerechten Welt. Die unmittelbare Ursache aller Ungerechtigkeiten liegt aber in den aller meisten Fällen beim Staat. Es versteht nur so gut wie keiner.

  3. Die Netzneutralität hat nichts wesentliches mit dem Flugzeug-Boarding zu tun – da ist die Autorin nur auf ein SEO-Trick von techdirt hereingefallen.
    Der Prozess wäre erst dann vergleichbar, wenn jeder Passagier in einzelne Pakete zerlegt in’s Flugzeug wandern würde. Passagiere sind auch so nicht mit Daten zu vergleichen: Sind beispielsweise gefüllte Datenpakete wegen sperrigem Gepäck langsamer unterwegs, müssen sie die Payload am Router aufwendig verstauen?

    Im übrigen kann man die Praktikabilität von der „Genialen“ Boarding-Methode von Jason Steffen in seinem publiziertem Paper nachlesen – da wird einem auch klar wieso diese nicht verwendet wird: Damit diese funktioniert müssen sich die Passagiere zum Boarding in einer hochkomplexen Reihenfolge aufstellen. Das Aufstellen wird wohl um ein vielfaches länger dauern als das nun verkürzte Boarding.

    Leider wieder nur ein „heisse Luft“-Beitrag zum Thema Netzneutralität. So nützlich wie die „geniale“ Boardingmethode.

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