RAMPART-A: Die NSA schnorchelt mehr als 3 Terabit pro Sekunde von Glasfasern ab – und der BND macht mit (Updates)

RAMPART-A-1Der deutsche Bundesnachrichtendienst ist daran beteiligt, internationale Glasfaserkabel abzuschnorcheln. Das geht aus Snowden-Dokumenten hervor, die wir an dieser Stelle spiegeln. Der BND kooperiert demnach direkt mit der NSA bei der Totalüberwachung der digitalen Kommunikation.

Das Anzapfen von internationalen Glasfaserkabeln ist keineswegs nur eine Domäne Großbritanniens mit deren Programm TEMPORA. Vor genau einem Jahr berichteten wir, dass auch die NSA die Nervenzentren der Internet-Kommunikation anzapft. Jetzt berichten Henrik Moltke, Laura Poitras und zwei weitere Journalisten in der dänischen Tageszeitung Dagbladet Information (in Kooperation mit The Intercept), wie weitere Staaten ihnen dabei helfen – darunter Dänemark und Deutschland. Dabei beziehen sie sich auf fünf neue Snowden-Dokumente, die wir an dieser Stelle spiegeln:

Aus dem schwarzen Budget geht hervor:

RAMPART-A has access to over 3 Terabits per second of data streaming world-wide and encompasses all communication technologies such as voice, fax, telex, modem, e-mail internet chat, Virtual Private Network (VPN), Voice over IP (VoIP), and Voice Call records.

Drei Tb/s sind 375 Gigabyte pro Sekunde. Oder 22,5 Terabyte pro Minute, 1.350 Terabyte pro Stunde oder 32.400 Terabyte pro Tag. Oder 362 Millionen CDs – jeden Tag.

Die Projektübersicht bezeichnet RAMPART-A als:

Covername for NSA’s unconventional special access program to gain access to high-capacity international fiber-optic cables that transit at major congestion points around the world.

Ein paar Worte zur Technik:

RAMPART-A’s accesses target long-haul leased communications through international gateways. Circuit-Switched and Packet-Switch signals are enabled by foreign partners. Collection and Processing assets reside on foreign soil and traffic is exfilled back to NSAW.

Access Types: International Gateway Switches; End-Point GSM Switches; Leased Internet Circuits; Internet Backbone Routers; Call Records.

Targets within Accesses: International voice & fax telephony; Users of “web services” (e.g. –Port 80 e-mail; Chat; VoIP); GSM; Calling Card users

Analog zum „Full Take“ von TEMPORA brüstet man sich:

RAMPART-A has access to international communications from anywhere around

Und daraus werden fleißig Berichte erstellt:

Productivity/Intelligence gains: Over 9,000 SIGINT Product Reports written last year with ~49% being Single Source Reports

RAMPART-A-2Weiterhin werden 13 einzelne Codenamen für Anzapfstationen genannt, von denen im April 2013 neun aktiv waren. Leider fehlt eine Zuordnung der Codenamen zu geografischen Orten und beteiligten Staaten oder Firmen. Aber die drei größten Projekte (AZUREPHOENIX, SPINNERET und MOONLIGHTPATH) schnorcheln Daten von 70 Kabeln oder Netzwerken ab.

Der BND macht aktiv mit

Und jetzt der Knaller: der deutsche Bundesnachrichtendienst macht mit!

German participation in RAMPART-A can be inferred from NSA documents reported by Der Spiegel earlier this week in combination with documents seen by Dagbladet Information. In March 2013, Spiegel reports, »unwitting« employees at a telecommunications facility discovered a cable tap, referred to as »Wharpdrive«. The same WHARPDRIVE figures in documents seen by Dagbladet Information, listed as a RAMPART-A project.

Dabei beziehen sie sich auf diese gestern veröffentlichte Folie:

SSO was informed on 12 March 2013 that the access point for WHARPDRIVE was discovered by commercial consortium personnel. Witting partner personnel have removed the evidence and a plausible cover story was provided. All collection has ceased.

Wir würden ja gerne mal wissen, wer da was entdeckt hat und was die „plausible Coverstory“ war. Hinweise nehmen wir über die üblichen Kanäle entgegen.

Das Spiegel Online Glossar bezeichnet WHARPDRIVE als:

Gemeinsame Operation von NSA und BND mit einem dritten Partner, um Zugang zu einer internationalen Datenleitung zu erhalten.

Eine weitere Folie von gestern beinhaltet diesen Absatz:

BND Collaboration with Special Source Operations(SSO): WHARPDRIVE (EMERALD)

Thank the BND for their assistance with the trilateral program, acknowledging recent delays due to funding constraints by both partners. Reassure that the BND is the program lead with NSA playing a technical support role.

RAMPART-A-3Der hier genannte dritte Partner ist aller wahrscheinlich nach das beteiligte Telekommunikationsunternehmen. Die Schlussfolgerung, dass dieses gemeinsame Projekt von NSA und BND Teil von RAMPART-A ist, vertraut auf von Dagbladet Information gesehene, jedoch leider nicht veröffentlichte Dokumente aus dem Snowden-Fundus. Mit den Dokumenten vertraute Personen bestätigten gegenüber netzpolitik.org jedoch, dass WHARPDRIVE ein deutsch-amerikanisches Projekt ist und die Bundesrepublik damit aktive Beihilfe zum weltweiten Abschnorcheln von Glasfasern leistet.

Dass der BND internationale Unterseekabel anzapft und dabei auch mit den USA kooperiert, haben wir bereits letztes Jahr berichtet. Dazu passt dann auch dieser Hinweis in den neuen Dokumenten:

Most RAMPART-A Third-party partners work the fiber projects under the cover of an overt Comsat effort

Die große Frage ist, welche deutschen Kommunikationsknoten tatsächlich angezapft werden. Der Internet-Knoten DE-CIX in Frankfurt am Main ist natürlich ein naheliegendes Ziel, wo sowohl NSA als auch BND riesige Datenmengen abhören.

Einen Anreiz gibt es auch:

But governments that participate in RAMPART-A get something in return: access to the NSA’s sophisticated surveillance equipment, so they too can spy on the mass of data that flows in and out of their territory.

Bemerkenswert ist auch, dass mit Deutschland und Dänemark die ersten Staaten bekannt werden, die mit der NSA Glasfasern anzapfen, die nicht Teil der „Five Eyes“ sind – und damit selbst von der NSA flächendeckend überwacht werden. Offiziell gilt wieder die Sprachregelung, dass man nicht die Staatsbürger des jeweils anderen ausspäht, aber: „es GIBT Ausnahmen“!

Und Edward Snowden sagte dazu schon vor dem Europaparlament:

Das Ergebnis ist ein europäischer Basar, wo ein EU-Mitgliedsstaat wie Dänemark der NSA Zugang zu einem Anzapfzentrum geben kann unter der (nicht durchsetzbaren) Bedingung, dass die NSA diesen nicht nach Dänen durchsucht, und Deutschland kann der NSA Zugang zu einem anderen geben, unter der Bedingung, an diesem nicht Deutsche auszuspähen. Doch die zwei Anzapfstellen können zwei Punkte auf dem gleichen Kabel sein, und so erfasst die NSA einfach die Kommunikation der deutschen Bürgerinnen und Bürger, wenn sie durch Dänemark läuft, und die der dänischen Bürger, wenn diese durch Deutschland geht, und hält das dann die ganze Zeit für ein Einhalten der Vereinbarungen.

Letztlich verhandeln die Spionagedienste jeder nationalen Regierung in der EU unabhängig voneinander Inlandszugriffe mit der NSA, GCHQ, FRA und dergleichen, ohne sich bewusst zu sein, wie ihr individueller Beitrag den größeren Flickenteppich der Massenüberwachung gegen die gesamten normalen Bürger ermöglicht.

In der selben Sitzung sagte Snowden:

Ich sage Ihnen, ohne aus meinem Stuhl aufzustehen hätte ich die private Kommunikation jedes Mitglieds dieses Ausschusses sowie aller normalen Bürger lesen können.

Hoffentlich hat’s jetzt auch der letzte kapiert.

Update 1: Wir haben dem BND mal ein paar Fragen dazu geschickt. Die Antwort:

Der Bundesnachrichtendienst nimmt zu Aspekten seiner operativen Arbeit ausschließlich gegenüber der Bundesregierung und gegenüber den zuständigen, geheim tagenden Gremien des Deutschen Bundestages Stellung.

Ihre Fragen können wir deshalb nicht beantworten.

Update 2: Konstantin von Notz, stellv. Fraktionsvorsitzender von Bündnis 90/ die Grünen, erklärt gegenüber netzpolitik.org:

Die Beweislage gegen unsere Dienste wird langsam erdrückend: der bisherige Vortrag der Bundesregierung, man habe mit dem System der Massenüberwachung nichts zu tun, sind ganz offenkundig Schutzbehauptungen. Sie scheint Teil des institutionalisierten Rechts- und Verfassungsbruches. Wir verlangen, dass der Bundesnachrichtendienst und die Bundesregierung sich sofort gegenüber der Öffentlichkeit bezüglich der Vorwürfe erklären.

Update 3: Martina Renner, Obfrau der Linkspartei im NSA-Untersuchungsausschuss, erklärt gegenüber netzpolitik.org:

Deutschland ist Partner der NSA bei der Massenüberwachung der Internetkommunikation. Das lässt sich anhand der in den letzten Tagen veröffentlichen Dokumente nicht mehr leugnen. Diese Dokumente bestätigen auch das System des Ringtausches: Miteinander verbundene Nachrichtendienste erhalten Informationen aus Inlandskommunikation im Tausch gegen Informationen aus Auslandskommunikation. Dass dies verfassungsrechtlich unhaltbar ist, hat die Anhörung führender Staatsrechter im Untersuchungsausschuss des Bundestages gezeigt. Jetzt müssen alle Unterlagen zur Kooperation des BND mit der NSA auf den Tisch – auch darüber, mit welchen deutschen Netzinfrastrukturbetreibern die Dienste zusammenarbeiten und an welchen Orten die Internetkommunikation breitbandig abgefangen wird.

Angesichts der veröffentlichen Dokumente stellt es eine Missachtung des Parlaments und damit der Bürgerinnen und Bürger dar, dass der BND dem Untersuchungsausschuss acht Aktenbände allein mit Pressemeldungen zur Überwachungsaffäre zur Verfügung gestellt hat. Die eigene Tätigkeit soll weiterhin verschleiert und die Öffentlichkeit an der Nase herumgeführt werden. Angesichts der Hinweise für die Zusammenarbeit der deutschen Dienste über die Five-Eyes-Staaten hinaus bspw. in Griechenland oder Dänemark ist der Auftrag des Untersuchungsausschusses offensichtlich zu eng gefasst.

Update 4: Ein Regierungssprecher erklärt gegenüber netzpolitik.org:

Die Bundesregierung prüft derzeit unter anderem die auf heise.de oder information.dk veröffentlichten Dokumente sorgfältig.

Grundsätzlich gilt: Der BND hat den gesetzlichen Auftrag, zur Gewinnung von Erkenntnissen über das Ausland, die von außen- und sicherheitspolitischer Bedeutung für die Bundesrepublik Deutschland sind, die hierzu erforderlichen Informationen zu sammeln. Dabei unterliegen der BND und seine Arbeit der parlamentarischen Kontrolle.

Im Zeitalter der Globalisierung muss der BND mit Partnerdiensten weltweit zusammenarbeiten; dies ist für die Sicherheit unserer Bürgerinnen und Bürger unerlässlich. Im Rahmen seines gesetzlichen Auftrags arbeitet der BND seit Jahrzehnten auch mit der NSA zusammen.

Zu Aspekten seiner operativen Arbeit berichtet der BND ausschließlich der Bundesregierung und den zuständigen, geheim tagenden Gremien des Deutschen Bundestages. Zu Einzelheiten kann im Übrigen auch aus Respekt vor der Arbeit des laufenden Parlamentarischen Untersuchungsausschusses und der dort bevorstehenden Beweiserhebung nicht Stellung genommen werden.

Natürlich haben wir auch den Vorsitzenden und die Obleute der CDU/CSU- und SPD-Fraktion im NSA-Untersuchungsausschuss nach Kommentaren gefragt. Aber alle drei, Patrick Sensburg, Roderich Kiesewetter und Christian Flisek, haben und bis heute nicht geantwortet.

17 Kommentare
  1. Hans-Werner 19. Jun 2014 @ 13:24
    • Andre Meister 19. Jun 2014 @ 13:38
  2. stromerhannes 20. Jun 2014 @ 10:51
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