Der Tier-1-Carrier Level 3 wirft 6 Internet-Service-Providern vor, absichtlich für eine Verschlechterung der Servicequalität zu sorgen. Bei den betreffenden Peers entstehe an den Verbindungspunkten eine Traffic-Auslastung von 90 Prozent, demnach käme es zum Verlust von Datenpaketen und einem Geschwindigkeitsrückgang. Doch zum Verständnis vor weiteren Details ein kleiner Ausflug in die Welt der Carrier und des Peering:
Internetanbieter lassen sich in Tier-1- bis Tier-3-Provider einteilen. „Erstrangige“ Anbieter sind große Betreiber, die über direkten Internet-Backbone-Zugang verfügen – sie formen sozusagen gemeinsam „das Internet“. Maßgeblich ist auch ihr direkter Zugang zu allen Internetrouten ohne dass sie dafür Ressourcen von anderen Anbietern bezahlen müssen. Zu diesen großen Anbietern zählen etwa AT&T, Verizon und die Deutsche Telekom. Den direkten, gleichberechtigten Datenaustausch zwischen zwei ISPs nennt man Peering. Tier-1-Carrier führen an Internet-Knotenpunkten gegenseitig kostenfreies Peering durch, um den Datenfluss durch das Internet zu gewährleisten.
Auch zwischen den nächstkleineren Tier-2-Providern kann es solche Peering-Abkommen geben, etwa wenn der kleinere Provider Zugang zu einem großen Subnetz bietet oder der größere Provider so einen signifikant schnelleren Zugriff auf populäre Inhalte bekommt. Beruht der Datenaustausch hingegen auf nach Datenmenge abgerechneten Verträgen spricht man von Transit. Tier-2-Provider führen in der Regel beides durch, Anbieter von Tier-3-Netzwerken jedoch sind oftmals vollständig auf den Kauf von Routingkapazitäten von großen Anbietern angewiesen.
Es leuchtet ein, dass kostenfreie Peering-Abkommen nur dann funktionieren, wenn beide Seiten überein kommen, dass die Verbindung für sie wirtschaftlich sinnvoll ist – wenn sie ungefähr gleich groß sind und eine ähnliche Datenmenge transportieren. Daher kommt es gelegentlich zu Streitigkeiten, wie schon im Fall der amerikanischen Anbieter Cogent und Level 3. 2005 kam es zu Auseinandersetzungen, da Cogent weniger Traffic entgegennahm als er ins Netz von Level 3 einspeiste, was Level 3 nicht hinnehmen wollte und kurzzeitig Traffic von Cogent aussortierte.
Solche Blockaden führen im schlimmsten Fall dazu, dass Teile des Internets für die Kunden eines betroffenen Providers nicht mehr sichtbar sind. Da es jedoch in der Regel mehr als eine funktionable Route von einer IP-Adresse zur anderen gibt, kommt es stattdessen meist zu Geschwindigkeitseinbußen.
Level 3, der am meisten zur IP-Konnektivität des Internets beitragende ISP, beschwert sich nun darüber, dass sechs von den 51 Anbietern, mit denen Peering-Verträge bestehen, nicht mit den gleichen Bedingungen spielten wie sie. Konkret wirft L3 ihnen vor, ihre Peeringkapazitäten absichtlich nicht auszubauen, um einen künstlichen Durchleitungsengpass zu erzeugen. Dieser Engpass führt dazu, dass Pakete verworfen und andere verlangsamt werden und dadurch Kunden bei Diensten, die über L3 geroutet werden, eine verminderte Qualität in Kauf nehmen müssen. Grund für die künstliche Drosselung werden im Treiben der Preise vermutet, außerdem sei es laut L3 üblich, dass Provider sich die Kosten für den Ausbau der Netzknoten teilten, wenn dazu die Notwendigkeit besteht.
Einer der sechs ISPs, den L3 verdächtigt, kommt den Angaben zu Folge aus Europa. Trotz fehlender namentlicher Erwähnung ist anzunehmen, dass es sich dabei um die Telekom handelt, denn schon öfter stand diese im Verdacht, andere ISPs zu benachteiligen. Das gründet sich unter anderem auf schon in der Vergangenheit geäußerte Vorwürfe, die 2013 Ermittlungen der EU-Kommission nach sich zogen. Liest man ein wenig in den Foren der Telekom stößt man auch schnell auf Kunden, die speziell bei Anbindungen an L3 Probleme bemerkten, etwa bei Onlinespielen oder VoIP-Diensten. Seltsamerweise werden genau diese Diskussionen recht schnell unterdrückt und auf andere Threads verwiesen, die keinen spezifischen Carrier-Bezug enthalten.
Außerdem hätte die Telekom Vorteile davon, wenn Content-Provider, die bisher nur indirekt über L3 und andere an die Telekom angebunden sind, angehalten sind, direkte Transitverträge abzuschließen, damit sie ihre Dienstqualität beibehalten können. Auch in Bezug auf die Pläne eines Deutschland- oder Schengennetzes mit intranationalem Routing würde das ins Bild passen, denn bereits jetzt unternimmt die Telekom kein direktes Peering zum größten deutschen Internet-Konten DE-CIX, über den auch L3 sich mit Deutschland verbindet – was effektiv die Geschwindigkeit vieler Dienste für Telekomkunden verringert.
Mit mangelnder Netzneutralität zwischen den großen ISP eröffnet sich ein weiteres Problemfeld in der Netzneutralitätsdebatte. Die Netzneutralität ist auf mehreren Ebenen gefährdet, andere Einschränkungen finden sich bei der Bevorzugung von Traffic von Anbietern, die dem Provider zusätzlich Geld zahlen. In der diesbezüglichen Diskussion in den USA geht es zur Zeit darum, dass Telekommunikationsanbietern das Recht gegeben werden soll, Inhaltsanbietern wie Netflix oder Google durch Gebührenzahlungen den schnelleren Transport ihrer Pakete anzubieten. Wie die Diskussion ausgehen wird, kann noch nicht abschließend bewertet werden. Nachdem es zunächst so aussah, als sei nie Netzneutralität in den USA bereits beerdigt, teilte heute das Wall Street Journal mit, die US-Kommunikationsbehörde habe ihren Entwurf für eine Regelung dahingehend geändert, das keine Unterteilung in schnelle und langsame Wege durch das Internet zugelassen würde.