Überwachung

Hamburger Militäruniversität forscht weiter zu Drohnen-Würmern gegen „Guerillas, Rebellen, Partisanen und Terroristen“

WOERMS_2Drohnen nicht nur zu Wasser und in der Luft, sondern auch an Land: Das ist der Forschungsauftrag der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg zur Entwicklung von schlangenförmigen Landrobotern. Im Ergebnis will die Bundeswehr über ein neues Aufklärungssystem („AufklSys“) verfügen, das auf Mikrohydraulik basiert. Es handelt sich laut einer Präsentation um eine Art Wurm aus mehrgliedrigen Zellen, die mit unterschiedlich geladenen (sogenannten „elektrorheologischen“) Flüssigkeiten gefüllt sind. Dadurch wird der kleine Roboter beweglich und soll sogar Treppen steigen können. Ausgerüstet mit kleinen Kameras wäre WOERMS ein „abstandsfähiges, operatives Aufklärungsmittel für echtzeitnahe und durchhaltefähige Lage-, Ziel- und Wirkungsaufklärung“. Das Akronym steht für „Wireless self-organised electrorheological Micro-Sensorsystem“.


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Die Würmer werden durch eine Artilleriegranate über dem gegnerischen Gebiet verschossen und landen per Fallschirm. „Auftragsangepasst“ kann weitere Überwachungstechnik angebracht werden, darunter Akustik- und Seismiksensoren oder ABC-Spürsonden. Auch wenn einzelne Würmer von gegnerischen Kräften gefunden oder zerstört würden, sollen die verbleibenden Systeme im Schwarm weiter aktiv bleiben. Nach Ende der Mission könnten die kleinen Würmer zu den Soldaten zurückkriechen. WOERMS sei laut der Helmut-Schmidt-Universität „wiederverwendbar“.

WOERMS_1WOERMS wird für Einsätze in urbanem Gelände entwickelt, um das Nahfeld aufzuklären. Im Militärsprech heißt das „geringe Eindringtiefe mit kleinem Einsatzraum“. In der Projektbeschreibung wird ausdrücklich auf Erfahrungen der US-Armee in Vietnam sowie die unter dem US-General David Petraeus entwickelte Strategie zur Aufstandsbekämpfung Bezug genommen. Als Szenario werden Kampfeinsätze (im Militärsprech „friedenserzwingende Operationen“) mit Streitkräften anderer Nationen angenommen. Weitere Einsatzgebiete wären einem Artikel zufolge die Aufklärung nach Kampfhandlungen, etwa um erfolgreiche Schäden festzustellen.

Anfang des Monats hat das Verteidigungsministerium zu WOERMS Stellung nehmen müssen. In der Antwort auf eine Kleine Anfrage wird erklärt, dass der Auftrag für die Forschungen vom Wehrwissenschaftlichen Institut für Werk- und Betriebsstoffe (WIWeB) erteilt wurde. Die Arbeiten bauten auf anderen, „vorangegangenen und laufenden Forschungsarbeiten“ auf. Dort sei die „grundsätzliche Eignung und Leistungsfähigkeit dieser Technologie nachgewiesen“ worden. Nun soll ein Prototyp gebaut werden. Ziel ist die Miniaturisierung der Technologie. Die laufenden Untersuchungen drehten sich angeblich aber zunächst um die Fortbewegung. WOERMS wird von der Bundesregierung mit 535.000 Euro gefördert.

Das neue „AufklSys“ wurde letztes Jahr auf einer Drohnen-Konferenz „Unmanned Vehicles IV“ der „Deutschen Gesellschaft für Wehrtechnik“ vorgestellt. Es soll insbesondere gegen „Aktivitäten und Kampfhandlungen irregulärer und verdeckt kämpfender regulärer Kräfte“ zum Zuge kommen. Gemeint sind „Spezialkräfte, Guerillas, Rebellen, Partisanen und Terroristen“. Richtig gelesen, die Rede ist unter anderem von „Partisanen“. Der Begriff wurde unter anderem im 2. Weltkrieg benutzt, um die Zivilbevölkerung zu stigmatisieren und sie zum Ziel von „Vergeltungsmaßnahmen“ deutscher Soldaten zu machen.

18 Kommentare
  1. Nach dem Lesen dieses Artikels schaute ich, um zu Prüfen, ob heute der erste April sei, auf meinen Kalender – zwei Mal.
    Aus welchem dystopischen SciFi-Hirn ist diese Idee denn bitte ausgebrochen? Reicht es nicht, dass wir selbst-fliegende und -tötende Roboter bauen? Brauchen wir nun auch automatisierte Tierimitationen, wie man sie aus schlechten Filmen kennt?
    Brave new world!

    1. Warum muss man ein Aufklärungssystem mit Killerdrohnen in Verbindung bringen?

      Ich frage mich, ob die Meinungen in den Kommentaren ebenso unverholen abwertend wären, wenn es solch ein System bereits im Einsatz wäre und beispielsweise auf der Krim nachgewiesen hätte, dass die „Bürgermilizen“ eben doch russische Soldaten sind.

      Wir beschreien Propaganda, beklagen, dass die Wahrheit im Krieg als erstes stirbt, und wettern dann gegen Aufklärungstechnik. Wir leben in einer Welt, in der Technik immer mehr der Zivilbevölkerung zur Verfügung steht. Statt auf solche Forschungsprojekte verbal einzuprügeln, sollte man lieber alles daran setzen, dass beispielsweise Amnesty International solche Systeme bekommt (muss ja nicht per Granate verschossen werden) und damit mehr plakative Beweise gegen verbrecherische Regierungen bekommt.

      Wissenschaftsfeindlichkeit ist keine Lösung. Nicht die Technik der Killerdrohne ist problematisch, sondern die Gesetze, die ihren Einsatz erlauben.

  2. Die Forschung über elektrorheologische Flüssigkeiten steht noch ganz am Anfang. Ich habe einen Vortrag der Hamburger Forscher dazu gesehen und denke, dass die Arbeit an elektrisch schaltbaren pneumatischen Ventilen noch viele Jahre braucht, ehe daraus die besagte Fortbewegung von Würmern entsehen kann. Andererseits waren die Militärforscher sehr jung und haben damit einen langen Atem.

  3. Lest euch ruhig mal die oben verlinkte Präsentation durch. Da lernt man schon aufgrund der Sprache, wie die Militärs ticken müssen. Wer sich in einer Welt bewegt, in der ein „durchhaltefähiges Einsatzmittel zur abstandsfähigen Informationsgewinnung“ relevant ist, der ist von der Realität derer, die er zu verteidigen vorgibt, schon ziemlich weit weg.

    Vielleicht kann sie ja die Erforschung der „Bewegungsstrategien von gliederlosen Landtieren“ wieder auf den Boden der Tatsachen zurück bringen. Eventuell kann man dabei ja auch gleich rückgratlose Studenten an Militäruniversitäten erkunden…

  4. Für mich sieht das so aus,
    als habe da jemand einigen „wichtigen“ aber ahnunglosen Militärs einen Floh ins Ohr gesetzt um Forschungsgelder abzustauben.

      1. Würmchen. Die Dinger sind 390 mm lang, die Faltenbalg-Aktormudule, die nach Vorbild eines Regenwurms kriechen sollen, sind 40-70 mm lang. Das die “grundsätzliche Eignung und Leistungsfähigkeit dieser Technologie nachgewiesen” bezweifel ich angesichts des referierten Forschungsstandes. Derzeit suchen sie noch nach geeigneten Fertigungsverfahren und Materialien für die Bälge. Das elektorrheologische Vorschalt-Ventil ist auch noch nicht in der Produktion angekommen.

  5. Nunja, get real: solange wir eine Bundeswehr auf Kampfeinsaetze schicken, bei denen Mitbuerger von uns je nach Umstaenden toeten oder getoetet werden, solange muessen wir mE auch angemessene Ausruestung dafuer entwickeln und zur Verfuegung stellen. Und „wir“ ist im Rahmen der hiesigen gesellschaftlichen Organisationsform nunmal das demokratisch gewaehlte Parlament in Vertretung der gesamten Bevoelkerung.

    Geraete zur Aufklaerung sind prinzipiell angemessene Ausruestung. Alternativ riskieren Soldaten ihr Leben und das aller anderer in der aufzuklaerenden umkaempften Gegend.

    Kann man moegen oder nicht, aber abstellen kann man das mE nur ueber politische Aenderungen, die solche Einsaetze unterbinden.

    1. Und wo bleibt die moralische Bewertung der ganzen Chose? Sind politische Veränderungen nun wünschenswert oder nicht? Und überhaupt, geht es hier nicht genau darum, solche Änderungen herbeizuführen? Was/wer genau ist unreal?

      Du kannst angesichts solcher Meldungen anscheinend noch ruhig schlafen und rechtfertigst sie als angemessene Aufklärungsausrüstung. Die Meinung kann man haben, jedoch frag ich mich bei solchen Kommentaren immer: Hast du denn auch eine Schmerzgrenze, was Militärtechnologie und deren Einsatz angeht? Und wenn ja, wo liegt die? Was müsste passieren um dich auf die Barrikaden zu bringen?

      (Man kann sich ja leider auch für den letzten und unmoralischsten Mist immer Argumente aus den Fingern saugen, die auf den ersten Blick auch plausibel erscheinen. Die Frage ist, wie lange du da mit machst)

      1. Wissenschaftsfeindlichkeit ist keine Lösung. Hier wird nicht der Einsatz von Technik sondern deren Erforschung kritisiert.
        Ist solch ein System böse? Ist es böse, wenn eine zivile Variante in die Hände von Amnesty International gerät und die damit beispielsweise in Nord Korea Videos in Arbeitslagern machen?
        Erkennst Du noch den Unterschied zwischen Forschung an Giftgas und Aufklärungstechnik oder ist alles, wo BW drauf steht, schon maximal böse?

      2. Moralische Wertungen ueberlasse ich jedem selber, und fuer eine ethische Einschaetzung erscheint mit der Begriff „der ganzen Chose“ etwas unbestimmt.

        Prinzipiell kann sowas einen mE vertretbaren Einsatzbereich haben, wenn Militaer wie gehabt und wie mE absehbar einsetzt. Mal abgesehen davon, dass das noch sehr weit von Einsatzbereitschaft weg ist und derzeit eher Grundlagen erarbeitet, die auch anderweitig und zivil einsetzbar waeren, zB im Rettungswesen. Natuerlich koennte man so einen Mechanismus auch als Waffe gestalten, aber das gilt fuer alle Mechanismen und ist mE als allgemeine Problematik zu diskutieren und zu entscheiden. Und zwar dringend, bevor die Realitaet das obsolet macht…

        Was ist denn Dein Problem mit dieser Idee? Ernst gemeinte Frage. Wenn Du Dich nicht an der Idee sondern den gegebenen Umstaenden stoerst, solltest Du das mE auch klar sagen. Sonst verkaempfst Du dich an einem Symptom.

  6. Wo besteht jetzt der Bezug zur Netzpolitik?
    Dies ist ganz normale Rüstungsforschung.
    Könnte Matthias Monroy hier bitte nicht seine Parteizugehörigkeit raushängen lassen und seinen linken Antimilitarismus auf indymedia loswerden?

      1. Ich finde es spannend, dass die zivile Nutzung bei der Technologiefolgeabschätzung von euch vollständig ausgeblendet wurde.

        Grenzt schon an Satire, wenn man bedenkt, dass das Internet auch aus der Rüstungsforschung kommt.

      2. @Volker, es bedarf keiner Rüstungsforschung, um sich das Internet zu überlegen. Da reicht CERN locker. Alles Geld der Rüstungsforschung dorthin und die Welt wird ein lebensfreundlicherer Ort.
        Ich kann nicht verstehen, wie man Begleiterscheinungen ziviler Zweckmäßigkeit als Pro-Argument für Dinge, in diesem Fall Militärforschung, benutzen kann. Zumal es auf dieses Beispiel bezogen einfach nicht stimmt.

      3. Ich finde absolut nichts verkehrtes an diesen Artikeln. Über die zivile Anwendung von RFID wurde hier ja auch ausgiebig berichtet. Bitte mach weiter so. Heutzutage wird man leider als Miesmacher hingestellt wenn man auf gewissen Themen eingeht.

        Wer immer noch nicht erkannt hat, dass diese Dinge entweder nur dafür erfunden werden das gemeine Nutzvieh (die Völker) zu überwachen der hat einige Aufholarbeit zu tun. Anfangen kann man gut hier in diesem Blog.

        „Zivile Nutzung“. Ja da kann man toll daran denken wie ganz winzige Roboter einem von jeglichen Krankheiten befreien, etc. Alles ganz knorke. Wir werden schmerzfrei lange existieren. Und genau darum geht es den Menschen ja…möglichst lange existieren. „Leben“ ist was für Hippies! „Frei leben“ ist was für ganz ganz verrückte. Sowas braucht man doch nicht. Hauptsache existieren und vermehren denn das ist der Grund des Lebens. Richtig? :P

  7. Meiner Meinung nach verliert Netzpolitik immer weiter an Relevanz, je mehr dieser subjektiven Empörungsartikel veröffentlicht werden. Der Autor sollte sich sachlich mit dem Thema auseinandersetzen, aber die Verwendung des (völlig neutralen) Begriffs „Partisan“ als Aufhänger zu nehmen, um Forschung in die Nähe der Nazis zu rücken, ist schon fast peinlich.

    Das könnt ihr besser!

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