Im Rahmen des Wissenschaftsjahres 2014 zum Thema „Digitale Gesellschaft“ wurde ich eingeladen, einen Beitrag zum dortigen „Experten-Blog“ beizusteuern. Im folgenden eine leicht adaptierte Fassung.
Ende 2013 zählte Facebook in Deutschland 25 Millionen monatliche Nutzer, von denen 19 Millionen sogar täglich aktiv sind. Für Twitter stammen die letzten Zahlen aus 2012 und belaufen sich auf gerade einmal 2,4 Millionen aktive Nutzer. Selbst bei einem (optimistisch geschätzten) Wachstum von 50 Prozent bei Twitter seit 2012 dürfte es damit in Deutschland heute immer noch knapp neun Mal mehr Facebook- als Twitter-Nutzer geben. Für die digitale Zivilgesellschaft in Deutschland sind diese Zahlen ein Problem: ihre wichtigsten Akteure sind nämlich auf Facebook gar nicht zu finden oder kaum präsent, sie tummeln sich stattdessen auf Twitter (siehe Abbildungen 1 und 2).

Entscheidend für den Erfolg politischer Mobilisierungsprozesse im Allgemeinen und für soziale Bewegungen im Besonderen ist es, (vermeintlich) unbeteiligte Dritte für ein Anliegen zu interessieren und schließlich zu Engagement zu bewegen. Schafft es eine soziale Bewegung dauerhaft nicht, über den harten Kern an überzeugten Aktivisten hinauszuwirken, wird ihr Einfluss auf gesellschaftliche Entwicklung eng begrenzt bleiben. Entscheidend dafür, zunächst noch Unbeteiligte für eine Sache zu gewinnen, ist diese dort abzuholen, wo sie stehen. Das bedeutet im übertragenen Sinn Themen so aufzubereiten – zu framen – dass sie auch für jene anschlussfähig sind, die sich zuvor kaum mit ihnen auseinandergesetzt haben. Gleichzeitig bedeutet es aber auch, dort hinzugehen, wo potentielle Unterstützerinnen und Unterstützer sich aufhalten.
Aus Perspektive der digitalen Zivilgesellschaft ist die Situation deshalb ernüchternd: Zwar ist mittlerweile die Mehrheit der deutschen Bevölkerung im Internet potentiell erreichbar. Allerdings gelingt es zentralen Akteuren der digitalen Zivilgesellschaft nicht, diese auch zu erreichen. Das ist besonders bitter, weil Sascha Lobo bereits 2011 auf die enorme Bedeutung von Facebook im Vergleich zu allen anderen Webseiten hingewiesen und das ganze mit einer anschaulichen Infographik illustriert hatte:
Seit damals ist nicht viel passiert; zivilgesellschaftliche Mobilisierung läuft kaum über Facebook. Was sind die Gründe dafür, dass die digitale Zivilgesellschaft Facebook seit Jahren ignoriert? Der Hauptgrund ist ein eigentlich grundsympathischer: Wie soll man glaubwürdig für Datenschutz und gegen Überwachung eintreten und gleichzeitig eine Plattform nutzen, ja vielleicht sogar dort für Werbung bezahlen, deren Geschäftsmodell es ist Daten ihrer Nutzer zu Geld zu machen? Es sind Überlegungen wie diese, weswegen Organisationen wie der Chaos Computer Club oder Digitalcourage Facebook aus Prinzip meiden.
Aber auch kompromissbereitere Akteure wie netzpolitik.org oder der Digitale Gesellschaft e. V. verfügen auf Facebook (netzpolitik.org / digiges) nur über einen Bruchteil der Fans verglichen mit Twitter (13% bzw. 35%). Es hat also den Anschein, als „könnte“ die digitale Zivilgesellschaft in Deutschland kein Facebook. Mitverantwortlich dafür ist wahrscheinlich auch der geringe Professionalisierungsgrad der netzpolitisch tätigen Vereine in Deutschland – die parallele und professionelle Bespielung verschiedener Social-Media-Kanäle samt A/B‑Tests und gezielt-differenzierten Botschaften lässt sich als „Hobby-Lobby“ einfach nicht bewerkstelligen (vgl. dazu auch den Netzpolitik-Podcast „Vom Ende der Hobby-Lobby“).

