Sarkasmus Online: Does not compute

Quelle: npr

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Oh yeah, I’m real messed up in the head, I’m going to go shoot up a school full of kids and eat their still, beating hearts. lol jk.

Für dieses Facebook-Kommentar ist der 18 jährige Justin Carter aus Austin, Texas seit Ende Februar diesen Jahres in Haft. Begründung: Terror-Drohung. Justins Kommentar bezog sich auf das Online-Spiel League of Legends, eine Frau hatte allerdings die Polizei informiert, nachdem sie Justins Kommentar auf Facebook gelesen hatte und merkte, dass er nur unweit einer Grundschule wohnt. Das „Laughing out Loud. Just Kidding“ hatte an ihrer Interpretation nichts geändert. Zwischenzeitlich stand Justin unter ständiger Aufsicht im Gefängnis wegen Suizid-Gefahr. Als eine anonyme Person die 500.000USD Kaution bezahlt hat und Justin Carter bis zum Urteil nun auf freiem Fuss ist, sagte er:

I certainly would have thought a lot more about what I said. … People should be very careful about what they say on social media sites.

Quelle: Sina Weibo

Quelle: Sina Weibo

Anderes Land, gleiches Problem. Wu Hongfei, chinesische Journalistin und Sängerin, hatte als Reaktion auf einen vermeintlichen Bombenanschlag eines Rollstuhlfahrers im Pekinger Flughafen auf Sina Weibo – chinesisches Äquivalent zu Facebook – ihrem Ärger Luft gemacht. Für die Aussage, dass sie am liebsten zwei Regierungsgebäude „in die Luft jagen“ würde, sitzt sie nun seit Ende des Monats in Haft und könnte wegen Terror-Drohung für bis zu 5 Jahre verurteilt werden. Ihr Anwalt sagte:

 

I will not argue if people believed her words or if they caused public terror. But now the case, rather than being a criminal one, has become one bad example that greatly affects freedom of speech online, as people dare not to talk about their emotions.

Beide Fälle sind Symptome eines größeren, grundsätzlichen Problems. Wie bewertet man sarkastische, zynische oder ironische Äußerungen online? Und vor allem: Wie erkennt man sie? Dieses Problem existiert schon seitdem Gedanken und Emotionen per Text transportiert werden. Würde man Justin Carter in einer Bar gegenüber sitzen, seine Körpersprache sehen, seinen Gemütszustand registrieren, wenn er diese Aussage macht, hätte sie sicher bei wenigen mehr hervorgerufen, als ein leichtes Kopfschütteln, schmunzeln oder Falten auf der Stirn. Gleiches gilt für Wu Hongfei. All das ist allerdings nicht möglich im Internet. Man kennt nichts oder nur sehr wenig über den emotionalen Zustand der Verfasser. Rückschlüsse durch Körpersprache sind nicht möglich. So wird sich mit Krücken, wie Smileys, lol, jk, oder speziellen „Sarkasmus-Tags“ (*S) beholfen. Manche möchten sogar einen speziellen Font für Sarkasmus einführen.

Obwohl es augenscheinlich schon schwer genug für den normalen Leser ist, immer Sarkasmus online zu erkennen, gibt es mittlerweile Algorithmen, die dies tun sollen. So setzt die EU Kommission angeblich ein Kommentar-Analysetool des französischen Unternehmens Spotter ein, um Sarkasmus in Kommentaren und Tweets zu erkennen. Shrikanth Narayanan, Professor für Informatik, Linguistik und Psychologie an der Univgersity of South California sagt allerdings, dass das Erkennen von Sarkasmus in Text eines der „schwierigsten Probleme für Computer sei„.

Wir kommunizieren immer mehr in Textform über das Internet. Gleichzeitig wird immer mehr dieser Kommunikation überwacht und ausgewertet mit dem Ziel, ein Profil zu erstellen – uns einzuschätzen. Die rudimentäre Textform, die Distanz und die Tatsache, dass wir nicht immer einschätzen können, wer unser Geschriebenes liest bringen allerdings mit sich, dass die Gefahr viel höher ist, falsch verstanden zu werden. Beide Beispiele zeigen diese Gefahr. Dies ist ein „Bildungsproblem“ und nicht eines inadäquater Smileys oder Tags. Wie gehen wir mit einem Medium um, in dem ausschließlich Worte analysiert werden, wir aber über so komplexe Dinge, wie Gefühle, Gedanken, Ängste … unser Leben, kommunizieren? Und was passiert wenn von Dritten jedes unserer Worte aufbewahrt und im Zweifelsfall gegen uns verwendet werden kann? Wenn das Wort schwerer wiegt, als die Person, die es gesprochen hat? Ist da nicht ein Risiko für die Schere im Kopf?

14 Kommentare
  1. Gedankenverbrecher 31. Jul 2013 @ 14:59
    • Jan-Peter Kleinhans 31. Jul 2013 @ 17:15
  2. Ein Mensch 1. Aug 2013 @ 9:00
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