Seit Jahren kommt keine Diskussion über die Herausforderungen des digitalen Wandels aus, ohne dass die Gesprächspartner sich auf die Forderung nach mehr Bildung einigen. So richtig der Schluss ist – getan hat sich bei der Vermittlung von Digital- und Medienkompetenz erschreckend wenig. Inzwischen fordert sogar die Bundeskanzlerin „Informatikunterricht für alle“, schließlich wächst der Bedarf an IT-Fachkräften für die deutsche Wirtschaft. Wie Digitalbildung aussehen könnte, die nicht nur auf die Verwertbarkeit junger Menschen für den Arbeitsmarkt abzielt, hat jüngst die Initiative „Chaos macht Schule“ in einem kurzen Katalog mit „Forderungen für eine zeitgemäße digitale Bildung an unseren Schulen“ gezeigt.
Seit mehr als zehn Jahren besuchen lokale CCC-Gruppen unter dem Label „Chaos macht Schule“ schulische und außerschulische Bildungseinrichtungen. Ziel der dezentralen Bildungsinitiative ist es, die Medienkompetenz und das Technikverständnis von Kindern und Jugendlichen zu stärken, ihren Spaß am Gerät zu fördern und über Risiken aufzuklären. Auch Erziehungsberechtigte und Lehrende können in Elternabenden und Workshops von der Expertise der Hacker profitieren. Ihr Befund: Die schulische Digitalbildung hängt massiv hinterher. Deshalb haben die ehrenamtlichen Technikvermittler auf Grundlage ihrer zehnjährigen Erfahrung nun bildungspolitische Empfehlungen formuliert.
Mehr als Informatik
Sie werben darin für ein umfassendes Verständnis von Digitalbildung: Nicht nur grundlegende Anwendungs- und Programmierkenntnisse, sondern Mündigkeit müsse das Ziel der Schulen in Hinblick auf Medien- und Digitalkompetenz sein. Kinder und Jugendliche müssten die Technik, die sie täglich nutzen, verstehen und hinterfragen können. Dazu zähle der reflektierte Umgang mit der wachsenden Informationsflut. Nur so könnten Phänomene wie das „Internet der Dinge“ oder selbstfahrende Autos tatsächlich von der ganzen Gesellschaft anstatt von kleinen Expertenzirkeln diskutiert werden. Diesem umfassenden Anspruch werde schulische Digitalbildung bislang nicht gerecht:
Der bisherige Schwerpunkt der Bildungspolitik scheint darauf beschränkt, Schüler und Schülerinnen auf „die umfassende Digitalisierung in Beruf und Studium“ vorzubereiten bzw. sie den „selbstverständlichen Umgang mit Computern und Programmen“ zu lehren. Digitale Mündigkeit muss jedoch über reines Anwendungswissen oder informatische Grundlagen wie das Programmieren hinausgehen. Schüler und Schülerinnen sollen keine bloßen Nutzer, sondern diejenigen werden, die ihre Maschinen wirklich kontrollieren und beherrschen.
Open Source und offene Plattformen als Bildungsstandards
Eine auf Mündigkeit ausgerichtete Digitalbildung macht es laut den Aktivisten erforderlich, Open-Source-Werkzeuge zum Standard an Schulen zu machen. Außerdem sollten Schüler keine „Werbeopfer“ werden. Lehrerinnen und Lehrer müssten sie deshalb von kommerziellen Plattformen fernhalten, die ihr Geld primär damit verdienen, indem sie „ihr Verhalten zu Werbezwecken aufzeichnen und auswerten“. Stattdessen sollten Lehrer die Schüler an offene, anpassbare und erweiterbare Plattformen heranführen.
Digitalbildung dürfe zudem nicht isoliert im Informatikunterricht stattfinden. Der digitale Wandel berühre alle Schulfächer:
Die zunehmende Vernetzung und Verlagerung großer Teile unseres Soziallebens ins Digitale erfordert eine Auseinandersetzung mit den daraus resultierenden ethischen und gesellschaftlichen Folgen, was nicht zuletzt einen enormen Einfluss auf Fächer wie Sozial- und Gemeinschaftskunde oder Religion bzw. Ethik hat.
Lehrkräfte müssen Vorbildfunktion gerecht werden
Noch wichtiger als die von Bundesbildungsministerin Johanna Wanka angekündigte Förderung der technischen Ausstattung und Internetanbindung der Schulen ist für die Hacker, das Lehrpersonal vernünftig zu schulen. Das Thema müsse deshalb sowohl fester Bestandteil der Ausbildung sein als auch in Form von Fortbildungsangeboten bereits ausgebildeten Lehrkräften nahegebracht werden.
Es reiche dabei nicht, dass die Lehrkräfte inhaltlich kompetent seien. Sie sollten selbst einen reflektierten und verantwortungsbewussten Umgang mit digitalen Medien vorleben, was bislang zu selten geschehe:
Lehrer und Lehrerinnen müssen im Umgang mit digitalen Medien Vorbilder sein, etwa beim sorgsamen Umgang mit Passwörtern oder bei der Verarbeitung und Übertragung schülerbezogener Daten. Im Rahmen von „Chaos macht Schule“ beobachten wir regelmäßig, dass zu wenig Wert auf IT-Sicherheit und Datenschutz gelegt wird.
Hauptamtliche Schuladmins und Kooperation mit lokalen Initiativen
Selbstverständlich brauche es als Grundlage eine angemessene technische Ausstattung der Schulen. Auch eine vernünftige Administration der Technik müsse sichergestellt werden. „Informatiklehrer und Informatiklehrerinnen, die diese Tätigkeiten meist nebenher durchführen, wurden in der Regel nicht für administrative Aufgaben ausgebildet“, so die Bildungsaktivisten. Um mit der rasanten technischen Entwicklung Schritt halten und Technik sinnvoll in den Unterricht integrieren zu können, seien deshalb hauptamtliche Schuladministratoren notwendig.
Zudem fordern die Hacker, auch externe Experten in die Digitalbildung einzubinden. Kooperationen mit Makerspaces und anderen gemeinnützigen Initiativen könnten Digitalbildung unabhängig von der technischen Ausstattung der eigenen Schule voranbringen – ohne sich von kommerziellen Angeboten abhängig zu machen. Gerade kurzfristig könnte die externe Expertise außerdem helfen, den Kompetenzmangel in weiten Teilen der Lehrerschaft auszugleichen. Langfristig könnten Kooperationen und eine finanzielle Förderung außerschulischer Bildungsträger eine nachhaltige Entwicklung der Bildungslandschaft fördern.
