Wankas Bildungsoffensive: Sprung nach vorn – irgendwann, vielleicht.

Doch nur ein Wahlkampfmanöver? Selbst wenn die Bundesregierung die Ankündigung eines potenziellen Investitionspakets für die IT-Infrastruktur von Schulen bereits feiert: Die Liste der offenen Fragen zum „Digitalpakt #D“ ist auch nach der Pressekonferenz zu lang, um sich heute schon zu freuen.

Foto: CC BY-SA 3.0 Rudolf Simon

„Wir müssen bei der digitalen Bildung einen großen Sprung nach vorn machen“, sagt Bundesbildungsministerin Wanka – und kündigt als frühes Wahlkampfversprechen fünf Milliarden Euro für die IT-Infrastruktur von Schulen an. Foto: CC BY-SA 3.0 Rudolf Simon

Von Ingo Dachwitz und Daniel Seitz

Bereits am Wochenende ließ die Bundesministerin für Bildung und Forschung, Johanna Wanka (CDU), über die Bild am Sonntag wissen, dass sie ein Infrastrukturprogramm in Höhe von fünf Milliarden Euro plane, um die „digitale Bildung“ voranzubringen. Sie wolle den Bundesländern einen „Digitalpakt #D“ vorschlagen, in dessen Rahmen der Bund Infrastrukturförderung übernimmt und die Länder für das Inhaltliche sowie für Administration und Pflege der Infrastruktur zuständig sind. Auf einer Pressekonferenz hat Wanka ihre Vorstellungen heute nun (zumindest etwas) konkreter dargestellt.

„Wir müssen bei der digitalen Bildung einen großen Sprung nach vorn machen. Diese Entwicklung wird das Bundesbildungsministerium mit seiner neuen Strategie vorantreiben und mitgestalten“, ließ Wanka auf der Pressekonferenz wissen. Allzu realistisch scheint dieser große Sprung im letzten Jahr der Legislaturperiode jedoch nicht.

Breitbandanbindung der Schulen und WLAN-Austrahlung im Fokus

Der Digitalpakt soll Teil einer Gesamtstrategie namens „Bildungsoffensive für die digitale Wissensgesellschaft“ werden. Neben der Infrastrukturförderung gehören dazu u.a. die Fokussierung einer „strategischen Organisationsentwicklung“ von Bildungseinrichtungen und die Schaffung eines „zeitgemäßen Rechtsrahmens“. Dazu zählen etwa nötige Anpassungen im Bereich des Urheberrechts oder des Datenschutzes beim Einsatz von „learning analytics“. Und selbst wenn das Thema bei der Vorstellung der Strategie heute keine Rolle gespielt hat, ist offenbar auch die Einrichtung einer OER-Informationsstelle vorgesehen, „um Offene Bildungsmaterialien (Open Educational Resources, OER) nachhaltig in allen Bildungsbereichen zu verankern.“

Die Strategie nimmt am Rande zudem Universitäten und frühkindliche Bildung mit in den Blick. Sie sei sich aber mit ihren Länderkollegen einig, so Wanka, dass Schulen das zentrale Handlungsfeld für digitale Bildung seien. Wie dringend der Handlungsbedarf hier ist, zeigte nicht zuletzt eine Bundestagsanhörung im vergangenen Jahr. So möchte man sich also freuen ob der großen Ankündigung von fünf Milliarden Euro, die das Bundesministerium für Bildung und Forschung im Rahmen des „Digitalpakt #D“ zur Unterstützung der Länder in der Umsetzung ihrer Bildungsaufgabe in Aussicht stellt. Der Schwerpunkt soll dabei, so Wanka, nicht auf der Ausstattung mit Geräten liegen, sondern auf der Breitbandanbindung der Schulen und deren „WLAN-Ausleuchtung“. Gemeinsam mit der Kultusministerkonferenz (KMK) sollen Kriterien entwickelt werden, die Schulträger erfüllen müssten, um die Förderung zu erhalten. Angedacht sei trotz des Bewerbungsprinzips aber keine Förderung von Eliteschulen, sodern eine Förderung aller Schulen. Anders als im Vorfeld diskutiert sollen laut Wanka auch Förderschulen nicht ausgeschlossen werden.

Finanzierung steht nicht – Wanka hofft auf erfolgreiche Koalitionsverhandlungen

So weit die Idee. Das konkrete Vorgehen von Bundesbildungsministerin Wanka lässt aber Zweifel entstehen, wie ernst gemeint die „Bildungsoffensive“ ist und wie gut die Chancen stehen, dass am Ende tatsächlich vor allem Lernende und Lehrende profitieren. Für die Ermöglichung des von Regierungssprecher Steffen Seibert auf Twitter bereits als Fakt verkauften Investitionsprogramms hofft Wanka nämlich primär auf die Koalitionsverhandlungen. Dort werde sich zeigen, wie viel man herausholen könne, so die Ministerin auf der Pressekonferenz. Sie hoffe jedoch, dass man das Programm mit Beginn der neuen Legislaturperiode starten könne. Der Auftrag zur Umsetzung von digitaler Bildung an Schulen besteht jedoch bereits seit dem Koalitionsvertrag 2013. Wanka muss sich also die Frage gefallen lassen, warum sie erst gegen Ende ihrer laufenden Amtszeit diesen Vorschlag auf den Weg bringt.

Leider drängt sich nicht nur an dieser Stelle der Beigeschmack vom beginnenden Wahlkampf auf. Wanka verwies mehrfach auf die Präsentation ihres Investionsplanes auf dem nationalen IT-Gipfel der Bundesregierung, der sich diesen November um das Thema Digitale Bildung drehen wird. Die CDU scheint sich damit in eine gute Gesprächsposition mit der IT-Indsutrie bringen zu wollen, die sich bereits heute auf ein Milliardengeschäft mit Schulausstattung freut. Die Einbindung ihres Koalitionspartners SPD, mit dem sie angeblich gemeinsam an Konzepten zur digitalen Bildung arbeitet, holt Wanka dabei sicherlich noch nach.

Als Ort für einen transparenten Dialog über dieses wichtige Thema bietet sich der IT-Gipfel aber ohnehin nicht an, weil sich dort in der Regel nahezu unter Ausschluss zivilgesellschaftlicher Akteure lediglich Politik und Wirtschaft die Klinke in die Hand geben. Dazu passt eine erstaunlich offene Anekdote Wankas darüber, wer sie von den Vorteilen von Lernsoftware überzeugt habe: Dies sei nämlich „mein Freund Jörg Dräger“ gewesen, erzählte Wanka – offenbar ohne zu reflektieren, dass der Vorstand der Bertelsmann Stiftung seit Jahren daran arbeitet, dem Bertelsmann-Konzern Zugang zum potenziellen Milliardenmarkt „digitale Bildung“ zu verschaffen.

Infrastruktur allein reicht nicht – Erfolg der „Bildungsoffensive“ hängt von Ländern ab

Das Vorgehen der Ministerin hat jedoch noch einen weiteren Haken. Wie sie selbst betont, ist Technik kein Selbstzweck, sondern müsse pädagogischen Mehrwert haben. Damit junge Menschen sich in der digital geprägten Welt zurecht finden, kritisch reflektieren können und gut auf die Arbeitswelt vorbereitet werden, brauche es neben der technischen Infrastruktur vor allem gute Konzepte und eine entsprechende Aus- und Fortbildung der Lehrkräfte. Für diesen Teil der Strategie ist Ministerin Wanka auf die Bundesländer angewiesen, denn nach wie vor ist Bildung Ländersache.

Zudem steht ein 2006 beschlossenes Kooperationsverbot im Bildungsbereich oft immer noch einer gelungenen Kooperationen zwischen Bund und Ländern im Weg. Die angekündigte Infrastrukturförderung durch den Bund wäre nur möglich, wenn es gegen das angedachte Schlupfloch keine Klagen gibt: Wanka verweist darauf, dass Kooperationen von Bund und Ländern im Bereich der Informationstechnik dank § 91c des Grundgesetzes erlaubt sind. Sie hofft nun, fruchtbare Bund-Länder-Vereinbarungen abschließen und nächstes Jahr zu den Koalitionsverhandlungen ein gemeinsames Konzept für den „Digitalpakt #D“ vorlegen zu können. Tatsächlich ist die Kooperationsbereitschaft der Bundesländer offenbar Voraussetzung für das Zustandekommen des Digitalpakts – und damit auch der Millardenförderung durch den Bund.

Bundesjugendring: Haltung und Medienkompetenz der Lehrkräfte sind ein Problem

Kritik und skeptische Nachfragen gibt es von verschiedensten Seiten – dabei muss erstmal festgehalten werden, dass die grundsätzliche Richtung und auch die umfassende Betrachtung des Themas zu begrüßen ist. Die tatsächliche Qualität der Strategie entscheidet sich dann in den Abwägungen der Interessen und insbesondere in der Ausgestaltung des inhaltlichen Teils. Tobias Koeck, stellvertretender Vorsitzender des Deutschen Bundesjugendrings, dazu:

Fünf Milliarden für Computer und WLAN in Schulen klingt erstmal gut. Die Investition hilft aber nur, wenn Schüler_innen und Lehrer_innen damit etwas anstellen können. Während Jugendliche längst digitale Technik zum kommunizieren, lernen und spielen nutzen, verhindert der Lehrplan und die Haltung vieler Lehrer_innen den Einsatz im normalen Unterricht. Da muss man ebenfalls ansetzen. Zu hohe Kinder- und Jugendschutz-Einstellungen in der Schultechnik gepaart mit geringer Medienkompetenz der Lehrer_innen packt der Digitalpakt #D leider nicht an.

Pauschalkritik an „digitaler Bildung“, wie sie derzeit vom Präsidenten des Deutschen Lehrerverbands, Josef Kraus, geäußert wird, ist jedenfalls wenig hilfreich. Im SWR lässt sich der Lehrkräftevertreter tatsächlich damit zitieren, dass er digitale Medien außerhalb des Unterrichts komplett verboten haben will, weil junge Menschen sich lieber direkt unterhalten sollten, anstatt medial miteinander zu kommunizieren. Auch digitale Bildung an sich hält er für Quatsch: „Die Digitalisierung der Klassen würde die bei den Schülern ohnehin vorhandene Neigung zum Häppchenwissen noch verstärken“, so Kraus. Genauso wenig zielführend ist die Kritik vom Deutschen Kulturrat, der digitale Medien gegen „Kunst- und Musikunterricht“ ausspielt, als wären diese losgelöst von digitalen Medien, ohne von der Ausstattung zu profitieren.

Offene Fragen ohne Ende

Doch auch in der Ankündigung der Bildungsministerin lässt die Zuspitzung „digital lernen […] statt nur zu daddeln“ befürchten, dass die Lebenswelt Jugendlicher sowie die Potentiale von Computerspielen für gute Bildung auch bei Ministerin Wanka gering geschätzt werden. Genau aus diesem Grund ist es so wichtig, Ausstattungsinitiativen und inhaltliche sowie konzeptionelle Entwicklungen so eng miteinander zu verzahnen wie irgend möglich. Die Größe und Struktur des angekündigten Programms lassen hier Befürchtungen aufkommen, dass Fehler aus der Vergangenheit wiederholt werden, beispielsweise als die Initiative „Schulen ans Netz“ aus dem gleichen Ministerium erst viel zu spät die Notwendigkeit der inhaltlichen Verzahnung mit der Ausstattung der Schulen erkannt und umgesetzt hat. „Schulen ans Netz“ wurde übrigens 2012 aufgelöst, weil das Gründungsziel erreicht worden sei.

Wie realistisch ist es, diese Verzahnung mit dem bestehenden Kooperationsverbot zu realisieren und weiterhin Schlupflöcher wie den § 91c finden zu müssen, um als Bund überhaupt handeln zu können? Jöran Muuß-Merholz von der Transferstelle OER hat 10 wichtige Fragen zum „Digitalpakt #D“ formuliert, denen wir uns anschließen. Wir würden abschließend gerne ergänzen:

  • Wie sieht es mit der Offenheit von angestrebten Technologien und Inhalten aus?
  • Welche Kriterien an Open-Source und Open-Hardware werden erarbeitet?
  • Welche freien Initiativen wie Freifunk werden eingebunden?
  • Wie vertragen sich Pläne für Schul-WLANs mit der unsicheren Rechtslage bei offenen Netzen (WLAN-Störerhaftung)?
  • Wie können Schülerinnen und Schüler unter den Bedingungen kommerziell und staatlich überwachter Medien emanzipatorisch gebildet werden?
66 Kommentare
  1. dervonnebenaan 12. Okt 2016 @ 19:20
    • Ingo Dachwitz 13. Okt 2016 @ 11:30
    • Hobbyprostitution 14. Okt 2016 @ 13:34
  2. Bundesbildungsminister 13. Okt 2016 @ 11:00
    • Systemtheoretiker 14. Okt 2016 @ 11:49

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