Netzpolitik Podcast

NPP121: Rabble über die politischen und aktivistischen Ursprünge von Twitter

twitter-riotDie ursprünglichen Entwickler von Twitter entwickelten den Mikroblogging-Dienst mit der Erfahrung von technischen Tools zur Unterstützung politischer Protestbewegungen. Das erzählt rabble, leitender Entwickler der ursprünglichen Firma hinter Twitter, im Netzpolitik-Podcast. Viele Entscheidungen der Marketing- und Business-Abteilung der heutigen Firma kritisiert er – und kündigt weitere Enthüllungen an.

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Der Mikroblogging-Dienst Twitter ist ein Produkt der Startup-Firma Odeo. Diese entwickelte seit 2005 eine Veröffentlichungs- und Aggregierungs-Plattform für Podcasts, wurde aber vom Markt gedrängt, als iTunes Podcast-Support einführte. Mit den Ressourcen der Risikokapitalgeber betrieb man die Infrastruktur wie Büros noch einige Zeit weiter und widmete sich dutzenden Mini-Projekten. Eines dieser Nebenprojekte war „twttr“, ursprünglich eine Art SMS-System für Nachrichten, die zu irrelevant sind, um sie jemandem mitzuteilen.

Leitender Entwickler von Odeo in dieser Zeit war rabble. In seiner Beschreibung im Programm des Hacker-Camps OHM sagt er über sich selbst:

Prior to selling out on startups he spent many years helping build out indymedia.org.

Vor diesem Hintergrund hielt er auf der OHM einen Vortrag über the political and hacker origins of Twitter. (Update: Hier die Slides)

Ever wonder why people use twitter for protests? Turns out twitter was built based on prototypes created to coordinate antiglobalization protests.

Viele der ursprünglichen Entwickler von Twitter waren politische Aktivisten mit Erfahrung in technischen Tools für politische Bewegungen. Einige hatten die Technik hinter dem unabhängigen Medienzentrum indymedia.org gebaut, mit dem schon damals Medien demokratisiert werden sollten. Andere waren involviert in radikalen Technik-Kollektiven wie protest.net und resist.ca.

graffiti-workerEinflüsse hatte die Gruppe auch vom Institut für Angewandte Autonomie, einer Aktivisten-Gruppe, die Ende der Neunziger technologische Entwicklungen zur individuellen und kollektiven Selbstbestimmung erforschte. Dabei entwickelten sie unter anderem autonome Roboter, die Graffitis malen und erweiterten das später auf einen Auto-Anhänger, um genau das auf Fahrbahnen zu tun.

Ein weiteres Tool der Gruppe war TXTmob, eine Art SMS-Verteiler für Aktivist/innen, entwickelt für Proteste zu den Parteitagen der Demokraten und Republikaner im Wahljahr 2004.

TXTmob_webDas Team hinter Twitter hatte dem Code von TXTmob mitentwickelt. Kein Wunder also, dass diese Erfahrungen in die Entwicklung Twitter einflossen, das ebenfalls als SMS-Tool startete und in den ersten Monaten nur per SMS benutzbar war.

Am Anfang hatten die Nerds das Sagen und wollten den coolen Scheiß machen, den sie für richtig hielten. Eine Zeit lang hatte Twitter XMPP-Support und war sogar federated mit dem sozialen Netzwerk Jaiku, das dann von Google gekauft wurde. Mit dem Erfolg von Twitter übernahm jedoch immer mehr die Geschäftsabteilung das Sagen. Ideen wie XMPP und Federation waren ihnen ein Dorn im Auge und wurden beendet. Als Ergebnis verließen immer wieder Entwickler die Firma, die mit Entscheidungen der Marketing- und Business-Abteilungen unzufrieden waren.

HatchingTwitterDie „treibende Kraft“ hinter Twitter, der Entwickler Noah Glass, der Idee, Name und Design von Twitter lieferte, wurde sogar „aus der Geschichte gestrichen und aus der Firma die er gründete und deren Namen er erfand gedrängt.“ Diese Story und einige weitere Enthüllungen der Anfangszeit arbeitet der New York Times Kolumnist Nick Bilton gerade in seinem Buch Hatching Twitter auf, das im November erscheint.

Trotz allem umarmt auch das heutige Twitter noch politische Aktivisten und Protestbewegungen – die Twitter Revolution ist längst zum (umstrittenen) Mem geworden. Doch politische Aktivist/innen sollten Twitter nicht blind vertrauen. Es ist eine amerikanische Firma mit einem Rechenzentrum in Utah. Und sowohl Microsoft als auch Google haben einen direkten Zugriff zur „Firehose“, dem ungefilterten Stream aller Tweets. Und damit hat auch die NSA „einen Weg gefunden, Zugang zu Twitter-Daten zu haben“.

Hier ist die MP3 vom kompletten Interview.

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3 Kommentare
  1. Wenn man sich bewußt ist, dass Twitter ein öffentlicher Kanal ist und Ihn nicht zur privaten Kommunikation nutzt dann geht das IMO schon noch in Ordnung.

    Facebook sehe ich da kritischer, denn da wird einem vorgegaukelt man würde nur mit seinen Freunden kommunizieren.

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