Der Auf#Regener: Kim Schmitz singt statt YouTube – oder – frei geht immer nur gegen die Künstler

Wenn ich früher an Element of Crime dachte, wäre mir dazu ein Begriff wie Ignoranz als einer der letzten eingefallen. Seit gestern ist das anders, seit Sven Regener, Frontmann der fast schon legendären Band, bei Zündfunk auf Bayern 2 einen so unfassbar ignoranten Rant abgelassen hat, dass sogar Jan Delays Lapsus in Sachen Abmahn-Einnahmen dagegen fast noch putzig wirkt. Dass Sven Regener das Opfer einer Verwerter-Gehirnwäsche geworden sein könnte, halte ich für eher unwahrscheinlich. Vielmehr dürfte es sich um ein unfreiwilliges Eingeständnis des verloren gehenden Kontakts zum jüngeren Teil der Bevölkerung handeln. An diesen „auch jüngeren“ Menschen scheint dem „Rock’n’Roller“ Regener wohl selbst eher wenig zu liegen, schließlich sind für ihn all die YouTube-Schauer „asoziale“ „Deppen“, die sich zu „Lobbyisten“ von Google machen lassen.

Auch „Scheiße“ kommt oft vor sowie wüste Unterstellungen und insgesamt ein Grundton, dass ja „vor 10 bis 15 Jahren“ alles noch besser war. Wenn es nach Regener ginge, würden wir noch immer brav einbahnstraßenartig UKW hören und die Sender, Plattengeschäfte und Dorf-DJs wären noch mehr oder weniger alle, mit denen sich ein Künstler zwecks Bezahlung befassen müsste. So ist die Welt allerdings nicht mehr – also die echte, nicht die von Element of Crime. Die Tirade spricht ansonsten für sich selbst (würde sich akustisch sicherlich auch gut für einen Remix eignen), weshalb ich mir mal die Mühe gemacht habe, ein Transkript zu schreiben. Nur an ein paar Stellen konnte ich es nicht lassen, korrigierende Anmerkungen zu ergänzen:

Sven Regener: … wir machen keine Verträge, wir machen keine Geschäftsbeziehung mit [unverständlich] Firma, weil wir doof sind oder aus Schingschangdoodle Schierschandudel oder so oder weil wir ‚was zu veschenken haben, sondern weil wir sonst unsere Musik nicht machen können. Und mein Problem, das ich dabei habe, ist: Man wirkt uncool, wenn man sagt „hier Urheberrecht“ und so. Aber es wird so getan, als wenn wir Kunst machen würden als exzentrisches Hobby oder so. Und das Rumgetrampel darauf, dass wir irgendwie uncool seien, wenn wir darauf beharren, dass wir diese Werke geschaffen haben, ist im Grunde nichts anderes als dass man uns ins Gesicht pinkelt und sagt: „Euer Kram ist eigentlich nichts wert. Wir wollen das umsonst haben, wir wollen damit machen können was wir wollen und wir scheißen drauf, was du willst oder nicht“. Die Gesellschaft, die so mit ihren Künstlern umgeht, ist nichts wert! Das einzig Wahre am Rock’n’Roll ist, dass wir jede Mark, die wir bekommen, selber verdienen. Die bekommen wir von Leuten, die sagen „Ja, das ist mir das wert. Ich geb‘ 99 Cent aus für dieses Lied“. Das ist die Idee dabei. Das macht den Rock’n’Roll groß. Alles andere ist Subventionstheater. Ja, alles andere ist Straßenmusik, aber ich möchte kein Straßenmusiker sein. Und das ist halt ’ne Frage des Respekts und des Anstands. Muss ich mal ganz ehrlich sagen. So wie es ’ne Frage auch des Respekts und des Anstands ist, nichts im Supermarkt zu klauen, selbst dann, wenn man wüsste, dass man nicht erwischt wird. Solange das funktioniert, ist das gut. Wenn das nicht funktioniert, müssen wir uns natürlich andere Wege überlegen, wie wir unsere Platten produzieren – oder eben auch nicht! Denn zu glauben, man könne auf Plattenfirmen verzichten und dann würde man sozusagen noch dieselbe Art von Musiklandschaft vorfinden wie wir sie eigentlich jetzt haben, oder sagen wir mal vor 10 Jahren hatten, dass ist ’n großer Irrtum.

Anm.: Und ein glücklicher dazu: Nie war die künstlerische Bandbreite verfügbarer Musik größer als heute, nachdem durch das Internet endlich die auf quasi-korrupten Mechanismen beruhende Heavy Rotation der Radiosender großenteils entmachtet wurde. Endlich ist live allgemein wieder wichtig und nicht nur in großen Arenen und bei Festivals im Sommer.

Sven Regener: Und den Leuten, die in den Plattenfirmen arbeiten, also, das ist ja kein cooler Job mehr, nicht? Und es arbeiten ja auch nur noch ’n Bruchteil von den Leuten dort wie vor 10 oder 15 Jahren. Und diesen Leuten zu erzählen, dass sie irgendein Scheiß sind, weil sie bei ’ner Plattenfirma arbeiten, das ist schon ganz schön dreist.

Moderator: Das hab‘ ich auch niemandem unterstellt.

Sven Regener: Ich weiß nicht wie alt Sie sind, aber eins muss Ihnen klar sein: Für die Leute zwischen 15 und 30 gibt es keine endemische Musik mehr. Die haben keine eigene Musik mehr. Die kleinen Labels, die vor allem ihr studentisches Zielpublikum hatten, äh, die ganzen Indie-Labels und so, sind alle tot. Die sind alle weg. Und was bleibt, ist Volksmusik, deutscher Schlager und Pop-Musik für die Älteren. Der Rest dazwischen ist schon tot. Und das ist nicht lustig. Nun ist auch das Problem, gerade wenn man Indie-Rocker ist wie wir oder so, dass man natürlich … das Letzte, was man gebrauchen kann, ist, uncool dazustehen. Das ist sozusagen das Tödlichste, was einem passieren kann. Also halten alle schön die Füße still und die Schnauze, und den Kopf unten, und schauen dabei zu, wie die Sache immer weiter den Bach runter geht. Und zu glauben, irgendwann käme das Sozialamt um die Ecke und würde die Bezahlung der Künstler unternehmen und dabei würde noch gescheiter Roch’n’Roll bei rauskommen, das kann man knicken. Und was wir zum Beispiel im Augenblick haben, diese Sache mit YouTube, ja, da muss man mal ganz klar irgendwie die Fronten klar machen. YouTube gehört Google. Das ist ’n milliardenschwerer Konzern, die aber nicht bereit sind, pro Klick zu bezahlen. Nun hat aber weder YouTube noch Google uns irgendwas zu bieten – außer, was andere Leute geschaffen haben und da reingestellt wird.

Anm.: Vielleicht kennt Sven Regener ja geheime Details aus den Verhandlungen, aber mein letzter Stand war, dass YouTube durchaus auch pro Klick was zahlen will, aber eben nicht so viel wie verlangt wird. Wo da genau die Schmerzgrenzen für beide Seiten liegen mögen, entzieht sich meiner Kenntnis, aber dass die Streaming-Dienste von YouTube nicht „irgendwas zu bieten“ sein sollen, von der Interaktion mit Fans und sonstigen Möglichkeiten gar nicht geredet, ist absurd.

Sven Regener: Und da sind wir gerade an dem Punkt, wo die Musiker sagen und die GEMA sagt – und die GEMA sind wir, das sind die Komponisten und Textdichter – und wir sagen: Nein, für dieses Geld kriegt ihr unseren Kram nicht! Und wir sehen nicht ein, dass Milliardengeschäfte gemacht werden, auch mit Werbung in diesem Bereich, ja, und wir kriegen davon nichts ab. Wir sind sozusagen die Penner in der letzten Reihe. Das ist ’ne Unverschämtheit.

Anm.: Auch hier frage ich mich, ob die Abgeber solcher Statements einfach nicht wissen, dass YouTube nur mit Zustimmung der Künstler Werbung zum Video schaltet, oder ob sie’s einfach gar nicht wissen wollen. Das klingt doch sehr nach dem Verleger-Lamento: „Da verdient irgendwer im Netz Milliarden, darum muss es doch einen Grund geben, warum wir davon was abbekommen müssen“.

Sven Regener: Da sollte sich jeder auch junge Mensch überlegen, ob er sich wirklich zum Lobbyisten von so’nem milliardenschweren Konzern wie Google machen möchte. Und das sind große Lobby-Verbände, diese Internetfirmen, ja, und viel stärkere als die Plattenindustrie. Und bringen dann als Hilfstruppen die ganzen Deppen ans Spiel, die sagen „Warum kann ich denn das Video nicht auf YouTube gucken?“. Ja dann gucks halt woanders! Ja? Unsere Videos kann man alle bei Element-of-Crime.de gucken, da muss man nicht zu YouTube gehen. Tut mir leid, gibt’s halt nicht bei YouTube – bis die nicht bereits sind, dafür auch was zu bezahlen.

Anm.: Sven Regener scheint nicht zu wissen, dass zumindest die meisten der Element-of-Crime-Songs durchaus auf YouTube zu finden sind. Und ironischerweise nutzen Element of Crime auf ihrer Homepage einen Open-Source-Player, also Software, die offensichtlich ohne striktes Beharren auf Monopolen dennoch ihren Wert hat. Vielleicht sollte Sven Regener mal den Erfinder des JW Players, Jeroen Wijering in New York (USA, dem Land der nerdigen Abzocker) anrufen und sich da was erklären lassen. Und ihm scheint auch nicht klar zu sein, dass sein gleichaltriger Fan boehmackl die Hommage „Kaffee und Karin“ schwerlich auf Element-of-Crime.de hätte posten können. Wenn das nicht „irgendwas zu bieten“ ist, muss man daraus wohl den Schluss ziehen, dass Sven Regener seine Fans tatsächlich lieber als reines Konsum-Vieh gehalten sehen will.

Sven Regener: Denn, ein Geschäftsmodell, was darauf beruht, dass diejenigen, die den Inhalt liefern, nichts bekommen, das ist kein Geschäftsmodell, das ist Scheiße. Ja, ansonsten können sich ja alle ihre Lieder dann von Kim Schmitz vorsingen lassen.

Moderator: Das ist ja eine ganz schön dezidierte Meinung, Herr Regener.

Sven Regener: Ha ha, ja, das ist nicht schön. Das tut mir auch leid, dass ich so schwall-artig jetzt hier runterkomme, aber mir steht’s echt bis hier! Ich kann das alles nicht mehr hören. Ich kann vor allem die ganzen asozialen Leute nicht mehr hören, die immer sagen, hier so, „Diese Künstler, die hier, die sind ja sowieso alles Nutten, wenn sie’s für Geld machen“. Ja, die Leute haben für alles Geld, aber wir sollen das irgendwie umsonst machen. Was soll das? Auch der Begriff „Piratenpartei“ ist geistiges Eigentum, und wenn ich morgen hier die Piratenpartei gründe, steht ’ne halbe Stunde später der Anwalt der Piratenpartei auf der Matte. So sieht’s nämlich aus. Und was weiß ich, der Chef hier von der örtlichen Piratenpartei, der hat ’ne Firma, die machen Apps, für’s iPhone, ja? Das ist ein geschlossenes System, das ist 100% Copyright, mit Anwälten und allem Drum und Dran. Und der Typ sagt „Ja hier, alles schön frei“ und so weiter. Aber das möcht‘ ich mal sehen, was passiert, wenn ich sein Programm, was er da gerade verkauft, wenn ich das knacke und ins Internet stelle, für jeden zum freien Runterladen und installieren auf seinem iPhone. Dann hab‘ ich die Anwälte von iTunes auf dem Hald bevor ich überhaupt das Ding hochgeladen hab. Und dieselben Leute, diese ganze Verlogenheit, das ist im Grunde ein reines Banausentum und es geht immer nur gegen die Künstler. Und das finde ich höchstgradig unangenehm.

Fazit:

Man kann sich ja in der Netz-Urheberrechts-Debatte über diverse Punkte trefflich streiten und nicht immer wird da ganz fair argumentiert, von allen Beteiligten. Aber inhaltlich so dünne und teils schlicht falsch liegende Anwürfe wie der von Sven Regener sind kein Beitrag zur Debatte, sondern offenbaren die Hilflosigkeit einer Künstlergeneration, die die Welt nicht mehr versteht und sich zwecks Welterklärung offenbar instinktiv an die guten alten Institutionen wendet. Und je einfacher die Story, desto emotionaler wird sie dann angenommen: Irgendwer verdient irgendwo online Milliarden, die eigentlich den Künstlern zustehen, und die letzte Bastion Urheberrecht wird unter Instrumentalisierung einer Generation von Deppen-Jungendlichen gerade geschleift. Sorry Sven, den Blödsinn kann man „echt knicken“ …

Hier noch ein paar Links (Dank an Leonhard Dobusch) zu anderen Texten, die den Rant kritisch unter die Lupe nehmen:

140 Kommentare
    • Knalltütenplatzen 26. Mrz 2012 @ 12:26
    • Dirk Moebius 23. Mrz 2012 @ 15:49
      • Dirk Moebius 24. Mrz 2012 @ 11:42
      • Dirk Moebius 24. Mrz 2012 @ 11:51
  1. dot tilde dot 23. Mrz 2012 @ 17:03
  2. Kiwistrauch 24. Mrz 2012 @ 13:27
  3. Tut nicht zur Sache 25. Mrz 2012 @ 13:30
  4. Konservativer-Micki 25. Mrz 2012 @ 13:31
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