Tatort Internet: Bereits 2 „Täter“ geoutet? (Update)

Eigentlich war es abzusehen. Die ausführlichen Beschreibungen der „Täter“ und ihrer Lebensumstände in der RTL2-Sendereihe „Tatort Internet – Schützt endlich unsere Kinder“ mussten früher oder später zum Outing eines der Beschuldigten im „Reallife“ führen. Die zahllosen Details, die in der Sendung zur permanenten Konfrontation mit dem eigenen Ekel dienen, sind schließlich wie gemacht für eine Internet-Recherche.

Gestern, noch während, bzw. kurz nach der Ausstrahlung der zweiten Folge der 10-teiligen Reihe ist es dann passiert. Bei Twitter und in einschlägigen Foren wurden erste Hinweise auf die Identität eines der Beschuldigten gepostet. Bis zum Klarnamen inkl. Postanschrift waren es zu diesem Zeitpunkt nur noch zwei Mausklicks. Inzwischen liefert der passende Suchbegriff das entsprechende Topergebnis bei Google.

Ein kurzer Abgleich mit dem „Täterprofil“ bei Bild-Online, wo sich die bereits die Sendungsbeschreibung liest, als sei die Phantasie mit dem Autor durchgegangen, macht das Bild für Hobbyermittler stimmig: Das muss das Schwein sein! Aus nachvollziehbaren Gründen verzichte ich an dieser Stelle auf weitere Details.

Darf man RTL2 und der ausführenden Münchener Produktionsfirma Diwafilm Absicht unterstellen? Nehmen die Veranwortlichen Lynchjustiz, oder zumindest die Zerstörung von Existenzen jenseits rechtsstaatlicher Strafverfahren billigend in Kauf?

Zumindest ist es in hohem Maße unverantwortlich, bei einem Format wie „Tatort Internet – Schützt endlich unsere Kinder“ auf gescriptete Beispiele zu verzichten und dem aufgehetzten Mob offenbar leicht recherchierbare Täterprofile frei Haus zu liefern.

Ich frage mich, ob es – wie beim US-Vorbild „To Catch A Predator“ – erst zu einem Selbstmord kommen muss, bis die zuständige Medienaufsichtsbehörde einschreitet.

(Nach Tipp von sumosu)

Nachtrag, 13.10.: RA Udo Vetter erklärt im Lawblog die Rechtslage:

Selbst wenn das Verhalten der gezeigten Männer strafbar wäre, dürften sie nicht geoutet werden, auch nicht durch recht detaillierte Schilderungen ihrer Lebensumstände in den Begleitmaterialien und Pressemitteilungen. Auch für diese Betroffenen gilt die Unschuldsvermutung und sie haben einen Anspruch darauf, nicht öffentlich bloßgestellt zu werden. Nicht mal am Rande einer Gerichtsverhandlung wäre dies zulässig.

Nachtrag, 12.10., 14Uhr: Offenbar wurde inzwischen noch ein zweiter Beschuldigter geoutet. Interessant in diesem Zusammenhang ist auch der Hinweis von Deekay in den Kommentaren: Hieß es in der ersten Sendung von „Tatort Internet – Schützt endlich unsere Kinder“ noch, die während der Produktion entstandenen Chatlogs seien an die Staatsanwaltschaft(en) übergeben worden (Zwischen Produktion und Sendung dürften 3 bis 6 Monate liegen), scheint das für den zweiten Beschuldigten zuständige LKA keine entsprechenden Hinweise erhalten zu haben.

164 Kommentare
  1. Philippe L. 12. Okt 2010 @ 11:35
  2. Tempora Actium 12. Okt 2010 @ 12:50
  3. tanja schimpi 12. Okt 2010 @ 12:54
  4. Datengammelstelle 12. Okt 2010 @ 13:04
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