Netzpolitik

Towards Networked Protest Politics – Tag eins

Ich war gestern und bin auch heute noch auf der Konferenz „Social Web – Towards Networked Protest Politics?“ an der Universität Siegen. Unter dem Zeichen der „Medienumbrüche“ geht es um digitale Technologien und deren Einfluss auf politische Protestformen. „Simply new wine in old bottles or is it a new politics of protest?“ fragt der Flyer.

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Weil der Tag doch recht lang war, will ich erst einmal nur einige interessante Positionen herausgreifen.

Dieter Rucht erklärte in seiner Keynote, dass das Internet für „progressive gruppen“ keinen Vorteil gegenüber ihren Opponenten bedeute. Als Grund nannte er vor allem die Dominanz der „Big Player“, die von Suchmaschinen, aber auch Angeboten wie der Wikipedia bevorzugt würden.

„Not accidentally, the privileged websites, i.e., those who range on top of the list of findings by search engines, tend to be those of the big political players. This pattern is basically mirrored by articles in the Internet, e.g., entries of Wikipedia, that are meant to give orientation to un-experienced information seekers. Not surprisingly, these articles too tend to focus on the big political players. Nevertheless, it seems that the Internet has contributed to reduce the gap between the media standing of big and small players, though this effect should not be overestimated.“

Zudem sei auch das Web 2.0 nicht geeignet, neue Aktivisten zu mobilisieren. Ruchts Schluss: „The role of the Internet in political communication and, above all, political mobilisation was and still is overestimated.“

Eine eher ungewollte Unterstützung für diese These lieferte Patrick Meier, der im Rahmen seiner Dissertation den Einfluss von Informations- und Telekommunikationstechnologien (ICT) auf authoritäre Regimes untersucht hat. Das überraschende Ergebnis seiner Studie lautet:

„An increase in the number of internet users leads to a decrease in protests in authoritarian regimes.“

Anders als erwartet führen neue Organisationsmöglichkeiten über Social Media nicht zu einem Anstieg, sondern zu einem signifikaten Abfall an größeren Protesten. Das gleiche gilt, allerdings in deutlich geringerem Maß, für die Verbreitung von Mobiltelefonen. Eine Erklärung für dieses Phänomen, das auch meine subjektiven Wahrnehmung von Protestbewegungen etwa in Ägyoten konterkariert, hat Meier bisher nicht.

Ralf Lindner zeigte am Beispiel einiger kanadischer Organisationen auf, das politische Aktivisten ICT-Anwendungen sehr selektiv auswählen und signifikant unterschiedlich nutzen.
Er teilte dafür Anwendungen in vertikale (Allocution, Consultation, Registration) und horizontale Kommunikation (Conversation / Dialogue) ein. Im Ergebnis zeigt sich, dass rechte / konservative Gruppen eher vertikale, linke / progressive Gruppen eher horizontale Kommunikationswege nutzen.

„A positive relationship between a favoured model of democracy and specific communication modes has been largely confirmed. […] Ideological orientations are an important factor in the processes of adopting ICTs for the purpose of political communication.“

Edouard Morena wies im Zusammenhang mit seiner Arbeit über Soziale Netzwerke in der französischen Bauernbewegung „Fédération Paysanne“ darauf hin, dass Social Networks regionale Gruppen nicht etwa durch Vernetzung aufheben, sondern erhalten. Letztendlich führten Soziale Netzwerke zum Verwischen der Trennung zwischen inhaltlichen Themen und sozialen Gruppen.

Der aus meiner Sicht interessanteste Beitrag war allerdings die Keynote des Amsterdamer Professors Richard Rogers, der in seiner Keynote die Forderung nach einem völlig neuen Forschungsstil darlegte.

Bis etwa 2000, so Rogers, sei man von dem Konzept des Cyberspace ausgegangen – der Trennung von virtueller und „realer“ Welt. Um 2000 sei dann diese Trennung zugunsten der Sichtweise des Virtuellen als Teil der realen Welt aufgegeben worden.

Die wissenschaftliche Fragestellung sei damit „Web as virtual society?“

Nun sei es aber Zeit für eine neue Fragestellung: „Web as virtual? society“, wie Rogers vorschlug.

„The virtual has become an indication of what’s going on in the real […] claims about society are being grounded in the digital.“

Unter den jetzigen Bedingungen würden Methoden aus den Sozialwissenschaften auf das Web übertragen. Rogers schlug stattdessen „Virtuelle Methoden“ vor, die einem anderen Aufhänger folgen und weniger das menschliche Verhalten als vielmehr die Struktur der Onlineangebote betrachten.

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10 Kommentare
  1. Mit Rucht hab ich das Problem, dass er anscheinend immer die falschen sozialen Bewegungen untersucht, um Aktivismus im Internet zu untersuchen. Bei den üblichen globalisierungskritischen Bewegungen teile ich seine Einschätzung. Ansonsten möchte ich ihm vehement widersprechen. Sowohl was meine eigenen Erfahrungen mit Suchmaschinen-Ranking betrifft als auch mit den eigenen Erfahrungen, Netz-Affine Menschen zu politischen Handlungen zu motivieren.

    Aber danke für den ersten Bericht. Ich würde ja gerne mal mit Rucht persönlich über das Thema diskutieren. Vielleicht mach ich mal einen Podcast.

  2. @markus

    ich hatte mit seinen Ausführungen auch mehr als einmal Probleme, zumal er zu jedem Thema eine konsequent negative Nachfrage hatte.
    Insgesamt scheint vielen eine Erfahrung mit dem zu fehlen, was ich „eigenständigen“ digitalen Aktivismus nenne: Aktionen, die über das bloße Rekrutieren und Fundraisen hinausgehen.

    Ein Podcast mit Rucht wäre sicher interessant.

  3. Teilweise hat er recht, Linke bzw Globalisierungskritiker, Anarchisten und Freigeldvertreter nutzen das Internet bisher nur im geringen Umfang um ihre Ideen zu verbreiten.

    Zumeist sind das dann einzelpersonen die irgendwo irgendwas veröffentlichen und ansonsten kaum organisiert sind.

    Bei anderen Gruppen die schon vertrauter mit dem Internet sind sieht das schon ganz anders auc, ohne die Onleinkampagne des AK Vorrat wären sicherlich keine 30.000 Kläger zusammen gekommen.

  4. @Online user

    Interessanterweise hat Ricardo Cristof Remmert-Fontes – der ja nicht unumstritten ist – die Rolle des Netzes für die Stärke des AK immer wieder kleingeredet.
    Dazu muss man wissen, dass das (auch) ein taktisches Argument sein kann, weil rcrf ein Befürworter von Großdemonstrationen und (massen-)medienwirksamen on-the-ground-Aktionen ist.

    Allerdings muss ich ihm insofern zustimmen, als der AK bei weitem nicht die Möglichkeiten des digitalen Aktivismus nutzt, obwohl unter den Mitgliedern eine große Anzahl technisch versierter Menschen ist. Das hängt natürlich eng mit dem Datenschutz-Anliegen zusammen, weshalb zB die Nutzung von Social Networks mehr oder weniger ausfällt (siehe auch die Diskussionen um „Datenschützer und Twitter“).

    Ob der AK ohne Internet so möglich gewesen wäre, bleibt Spekulation. Tatsache ist aber, dass er dank des Internets zumindest die Ignoranz der Massenmedien durch Selbst-Publikation auffangen konnte.

    1. Lass Ricardo doch in Ruhe, der tut jedenfalls was…

      Proteste, sowohl im als auch ausserhalb des Netzes sind immer Ausweis von politischer Machtlosigkeit, dafür gibt es bei dem Thema aber eigentlich gar keinen Grund.

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