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Netzpolitik-Interview: 25 Jahre Freie software

Am Samstag feiert das GNU-Projekt, und damit Freie Software, seinen 25. Geburtstag. Zu diesem Anlass hab ich ein Interview mit Georg Greve, dem Präsidenten der Free Software Foundation Europe gemacht.


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netzpolitik.org: Herzlichen Glückwunsch, das GNU-Projekt wird am Samstag 25 Jahre alt. Kannst Du mal beschreiben, worum es geht?

Georg Greve: Das zentrale Anliegen des GNU Projekts ist, allen Menschen die Kontrolle über ihre digitalen Geräte zu geben. Es geht um die Freiheit zur Teilnahme an der Gesellschaft, die Freiheit von Überwachung und Fremdbestimmung, die Unabhängigkeit der Politik, aber auch die Freiheit der Wirtschaft und Vermeidung von Monopolen.

Um dieses Ziel zu erreichen, begann das GNU Projekt vor 25 Jahren damit, ein neues Betriebssystem zu schreiben, denn die Freiheit beginnt an der Basis. Dieses Betriebssystem sollte sich konzeptionell an dem proprietären „Unix“ System von AT&T orientieren, aber vollständig als Freie Software veröffentlicht werden. Aus dieser Überlegung leitete sich dann auch der Name des Projekts ab: „GNU’s Not Unix“ – GNU ist nicht Unix, denn es ist frei, aber konzeptionell an dieses angelehnt.

Gegen 1991 war diese Arbeit bereits weit fortgeschritten, und wurde dann durch den „Linux“ Kernel von Linus Torvalds komplettiert. Die Kombination ist, was wir als „GNU/Linux“ bezeichnen, und stellt die Basis aller heutigen „Linux“ Distributionen dar. Das Bewußtsein für und die konzeptionelle Stärke von Freier Software geht größtenteils auf das GNU Projekt zurück – in dem auch das Prinzip des Copyleft erdacht wurde. Freie Software zu definieren und mit Copyleft einen Schutz für die Freiheit zu erfinden waren die beiden herausragenden intellektuellen Leistungen von Richard M. Stallman, der 1983 das GNU Projekt ausgerufen und gestartet hat.

netzpolitik.org: Wie wird international und national der Geburtstag gefeiert?

Georg Greve: Es gibt viele kleinere und größere Initiativen, diesen Tag zu begehen. Unsere Schwesterorganisation in den USA hat beispielsweise ein Video mit dem bekannten britischen Comedian Stephen Fry gemacht, der wortwörtlich eine Geburtstagstorte für GNU ausbläst.

Ähnlich wie beim Software Freedom Day gibt es zudem viele Ansätze, um das Jubiläum des GNU Projekts zum Anlass zu nehmen, Bewusstsein für seine Arbeit und die Bedeutung der Freiheit im digitalen Zeitalter zu schaffen.

netzpolitik.org: Wie sieht die nahe Zukunft aus? Was sind Herausforderungen für das GNU-Projekt?

Georg Greve: Das Betriebssystem ist mittlerweile eines der Besten und Erfolgreichsten der Welt – und wird auf Geräten von Großrechnern bis sehr kleinen Geräten eingesetzt. Es gibt mit GNOME und KDE zwei extrem erfolgreiche, ausgezeichnete grafische Oberflächen, Büroprogramme wir Abiword, Koffice, OpenOffice.org, Internet-Browser. Auch sehr interessante Spiele werden mittlerweile als Freie Software für GNU/Linux entwickelt.

Für einen normalen Nutzer kann Freie Software mittlerweile die gesamte Bandbreite der notwendigen Funktionen abdecken. Es gibt natürlich noch Lücken, beispielsweise beim sogenannten „Enterprise Resource Planning“ (ERP) für sehr große Unternehmen, aber diese schliessen sich so langsam. Hat das GNU Projekt 1985 einen Großteil der Software sozusagen „in house“ entwickelt – also innerhalb der Free Software Foundation oder in befreundeten Organisationen und durch Freiwillige – so wird die Software in vielen Unternehmen, Universitäten und Organisationen entwickelt.

Das GNU Projekt konzentriert sich daher eher auf die Koordination und Zusammenführung der Arbeit, sowie die Bündelung der Rechte und deren Durchsetzung, was hauptsächlich der Free Software Foundation in den USA zufällt.

netzpolitik.org: Die Free Software Foundation Europe gibt es seit 7 Jahren. Was ist bisher erreicht worden und was sind die nächsten Ziele?

Georg Greve: Die FSFE wurde im Frühling 2001 gegründet, es gibt uns mittlerweile also etwa siebeneinhalb Jahre. In dieser Zeit haben wir Freie Software bei den Vereinten Nationen vertreten und vorangebracht, haben die Europäische Kommission in ihrem Monopolverfahren gegen Microsoft aktiv und erfolgreich unterstützt, haben in hunderten von Konferenzen und Vorträgen den Menschen Freie Software näher gebracht, haben mit Regierungen auf lokaler Ebene zusammengearbeitet und Gesetzesvorschläge begleitet, Freie Software in der Förderungspolitik der Europäischen Union verankert, mit der Freedom Task Force ein weltweit anerkanntes Kompetenzzentrum für juristische Fragen Freier Software aufgebaut, waren aktiv gegen Softwarepatente engagiert und haben durch das Fellowship der FSFE viele lokale Aktionen vorangebracht. Details zu allen diesen Dingen finden sich in den 2-jährigen Berichten auf unserer Webseite. Über die aktuellen Tätigkeiten informieren unsere monatlichen Newsletter.

Zusammenfassend kann man wohl sagen, dass unsere Arbeit sich auf Infrastruktur, Schutz und Wachstum für das Freie Software Ökosystem konzentriert. Die dringlichste Aufgabe ist vermutlich, das Bewusstsein für Freie Software weiter auszubauen und ausreichent Unterstützer und Aktive zu finden, um Freie Software an allen relevanten Stellen zu unterstützen und voranzutreiben. Idealerweise sollten wir bei den Vereinten Nationen sehr viel aktiver sein, speziell, da die WIPO nun den Zusammenhang von Softwarepatenten mit Standards und Software zu untersuchen beginnt und hier die Möglichkeit besteht, global Verständnis für die Sinnlosigkeit von Softwarepatenten zu schaffen.

Gleichzeitig sollten wir die Europäische Kommission enger begleiten, da Freie Software und Offene Standards von Vielen als wichtig erkannt worden sind, dies aber insbesondere Microsoft & seinen Partnern nicht gefällt, die sich stark gegen den Trend zu mehr Freiheit und Offenheit stützen. Ähnliches spielt sich zunehmend in allen Regierungen wieder, teilweise auch auf kommunaler Ebene.

Dazu kommen immer mehr Unternehmen, die das Konzept Freie Software für sich entdecken – was außerordentlich positiv ist – dabei aber teilweise Hilfe brauchen, damit die das Konzept und die Freiheit keinen Schaden nehmen. Und auch juristisch sind immer einige Dinge am köcheln. Die FSFE hat in allen diesen Gebieten beachtliche Erfolge vorzuweisen, sollte nach unserem Verständnis jedoch sehr viel mehr machen. Nur verbieten sich einige Möglichkeiten des Wachstums jedoch von vorneherein, da diese unsere Unabhängigkeit gefährden würden. Intern müssen wir also auch noch einige Arbeit leisten, damit wir nach Möglichkeit in Zukunft noch mehr erreichen können.

netzpolitik.org: Wie kann ich die Arbeit mitmachen oder unterstützen?

Georg Greve: Das Fundament unserer Arbeit sind die Freiwilligen, die sich auf verschiedenste Arten und Weisen einbringen – von lokalen Initiativen über die Teams in den verschiedenen Ländern bis zu internationalen Initiativen, wie beispielsweise dem Document Freedom Day (DFD), der von unserem serbischen Team betreut wird. Wer sich so einbringen möchte, kann einen Blick auf unsere Webseite werfen, oder einfach bei der nächsten Veranstaltung einen unserer Aktiven greifen und sich von ihm erzählen lassen, wie man selber aktiv werden kann.

Wer mehr tun möchte, oder wem einfach nur daran gelegen ist, unsere Arbeit auf eine finanziell unabhängige Basis zu stellen, der kann sich beim Fellowship der FSFE anmelden. Und den Unentschlossenen würde ich nahelegen, einfach mal bei einem der zahlreichen lokalen Fellowship-Treffen vorbeizuschauen, die üblicherweise allen Interessierten offen stehen.

netzpolitik.org: Danke für das Interview.

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