Nach dem mehrtägigen und noch anhaltenden Stromausfall im Südwesten von Berlin wegen eines Brandanschlags hat die Berliner Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey (SPD) mehr Videoüberwachung gefordert. Offenbar geht sie davon aus, dass mehr Kameras eine sinnvolle Konsequenz aus dem viele tausend Haushalte und Unternehmen betreffenden Krisenfall sein oder einen solchen gar verhindern könnten. Der Regierende Bürgermeister Kai Wegner von der CDU sekundierte eilig.
Giffey kündigt zugleich an, die vermehrte Videoüberwachung durch „Künstliche Intelligenz“ ergänzen zu wollen, etwa zur Wärmeerkennung. Vielleicht hat sie sich Kameras vorgestellt, die Wärmebilder aufzeichnen, unterstützt durch eine Software, die solche Bilder analysiert: eine automatische Menschenerkennung gewissermaßen, die auf magische Weise böse Absichten sichtbar macht.
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Nun könnte sich die Wirtschaftssenatorin für die Notfallhilfe und die bessere Versorgung, Unterbringung und Aufklärung von stromlosen frierenden Menschen einsetzen, denn der Stromausfall betrifft auch die Fernwärmeversorgung. Sie könnte sich mehr vorsorgende Gedanken machen, wie künftig bei Katastrophen oder absichtlichen Zerstörungen der Schaden für die betroffenen Menschen und die Wirtschaft minimiert werden kann.
Oder sie kann sich mitten in der Notfallsituation einfallsarm, aber vorhersehbar für mehr Videoüberwachung starkmachen. Schon nach kurzem Nachdenken erscheint das jedoch als keine schlaue Idee. Denn von Stromausfällen sind zumeist auch Kameras und auswertende Computer betroffen. Im Krisengebiet in Berlin waren auch Internet- und Telefonverbindungen gestört.
Videoüberwachung nicht sinnvoll
Videoüberwachung ist nicht geeignet, Anschläge zu erschweren oder gar zu verhindern. Denn die bloße filmende Kamera führt bekanntlich weder zu mehr Sicherheit noch zu mehr Resilienz. Zwar wird zuweilen behauptet, Kameras mit Mustererkennungssoftware könnten Gefährdungssituationen zuverlässig identifizieren oder gar durch ein schnelles Eingreifen nach Alarmierung verhindern. Die Realität sieht aber anders aus: unwissenschaftliche Schönfärberei in Hamburg, auch das Vorzeigebeispiel Mannheim ist keine Erfolgsgeschichte. Es bleiben doch nur Computer, die auf Menschen starren.
Interview zur Videoüberwachung: Computer, die auf Menschen starren
Die Sinnhaftigkeit der Forderung nach Videoüberwachung kann also nur darin liegen, bei absichtlichen Sabotagen die Tätersuche zu unterstützen. Allerdings können sich auch nur mäßig begabte Kriminelle sehr leicht unkenntlich machen.
Beim Berliner Stromnetz seien bereits drei Viertel der Leitungen vom Netzbetreiber oder anderen Privaten kameraüberwacht, sagte Giffey. „Was nicht videoüberwacht ist, ist auf öffentlichem Straßenland“. So sei das auch bei der am Samstag sabotierten Kabelbrücke in Berlin, meint die Senatorin. Allerdings wissen ortskundige Berliner, dass dort ein großes Heizkraftwerk an der Wasserkanalseite liegt. Das ist umzäunt und auch bewacht und wäre damit kein öffentliches Straßenland. Und an „gefährdeten Objekten“ ist es ohnehin geltendes Recht, dass Videoüberwachung möglich ist. Denn an solchen „gefährdeten Objekten“ dürfen Bildaufnahmen gemacht und auch aufgezeichnet werden.
Schlechtes Notfallmanagement
Mit fragwürdigen Maßnahmen wie Videoüberwachung kann der Berliner Senat nicht von der Tatsache ablenken, dass die Verwaltung nur ein schlechtes Notfallmanagement zeigte. Die Hilfen seien zu langsam und unvollständig gekommen, der Regierende Bürgermeister hätte sich rar gemacht.
Wer vom Stromausfall betroffen ist, dem nützt eben kein Bild eines Täters, der bei einer Sabotage gefilmt wird. Natürlich muss nach dem Ende der Krisensituation die Tätersuche priorisiert werden. Aber eine große Krise mit vielen betroffenen Menschen verlangt erstmal nach gut organisierter Hilfe und Notfallmaßnahmen, danach nach sinnvoller und bezahlbarer Vorsorge, zumal nicht nur Absicht, sondern auch Katastrophen und Unfälle ein ebenso großes Schadensbild erzeugen könnten.
Politiker neigen dazu, sich in Krisensituationen mit „Gummistiefel-Fotos“ und starken und einfachen Forderungen profilieren zu wollen. Genau das macht Giffey hier. Und eine Großkrise mit Stromausfall bei zehntausenden Haushalten bietet sich für ehrgeizige Politiker einfach an, selbst wenn die Forderung nicht so recht ins eigene Ressort passt und keinen Sinn ergibt. Videoüberwachung, gar mit „Künstlicher Intelligenz“, klingt aber immerhin modern. Bezahlbarer Bevölkerungsschutz und Krisenvorsorge sind hingegen die dicken Bretter, die eigentlich zu bohren wären.
Die halbe Stadt nun kameraüberwachen zu wollen, ist allerdings gar nichts Neues. Denn zur Wahrheit gehört, dass die Berliner Koalition ohnehin seit dem Sommer plant, die Anzahl der festinstallierten Videoüberwachungskameras dauerhaft auszubauen. Auch die automatische Verhaltenserkennung mit „Künstlicher Intelligenz“ war in dem Plan zur Ausweitung der Polizeibefugnisse schon enthalten.
Aktionismus statt solide Politik hat in Berlin eben Tradition. Wie sagte Joseph Weizenbaum so treffend: „Früher hat man dem Computer ein Problem übergeben, wenn man es verstanden hatte, heute ist es andersrum.“

Als Wirtschaftssenatorin weiß sie eben, dass in der Massenüberwachung und digitalen Bevölkerungskontrolle das Geschäftsmodell der Zukunft „Smart City“ liegt. So nutzt Giffey eben eine Krise als Chance. Sie hätte aber auch jeden anderen beliebigen Anlass nehmen können, da ein Großteil der Bevölkerung momentan sowieso auf Autoritarismus und Bestrafungsfantasien scharf ist und an die Versprechen der Digitalisierung glaubt.
Wegner Spielte offenbar am Samstag Tennis, behauptete aber bis heute ganz fest im Homeoffice gewesen zu sein. Videoüberwachung hat auch seine Vorteile, bei seinen privaten Vergnügen lief dieser bestimmt auch an Kameras vorbei. Das Grundproblem ist die kaputte Infrastruktur und in Berlin gab es ja eine Besonderheit das diese Infrastruktur an privatwirtschaftliche Unternehmen verkauft wurde. Das streben nach Profit lässt keine Investitionen zu die diesen nicht lohnenswert erhöhen. Die Schwachstelle ist nicht unbekannt und historisch bedingt, Geld um sie zu beheben nach dem man die Infrastruktur zum vielfachen ausgelutscht zurückgekauft hat hatte man nicht. Die Verantwortlichkeit trägt die CDU diese hat auch den Berliner Bankenskandal verursacht, weshalb man das Tafelsilber verscherbeln musste.
Ja, Kameras. Das Problem ist aber gewesen, wie einfach die Sabotage möglioch war?
Hier sind wir beim Durchsichtigkeitslevel schon in der Nähe von „nackt“.
So einfach war das auch nicht, solche Leitungen sind ziemlich stabil. Fragen Sie sich selber: hätten Sie das hinbekommen?
Und für den Großteil unserer grundlegenden Infrastruktur, technisch wie sozial, gilt, dass sie ziemlich verletzlich ist und nur durch Kooperation und hinreichendes Wohlverhalten erhalten werden kann.
Leider sind die „linken“ mittlerweile primär privilegierte Hyper-Individualisten, die sich aufs Fordern beschränken, damit ist kein Staat zu machen oder auch nur zu erhalten.
Führt Berlin übrigens generell gut vor.
Es handelt sich hier um vorsätzliche Wiederholungstäter, deren Ermittlung weitere Taten verhindern würde. Und natürlich sind Videos dazu oft sehr hilfreich, das wird ständig weltweit demonstriert.
Dieses „Kameras verhindern nichts“ ist ein Strohmann, tut mir leid. Kameras alleine helfen nicht, es braucht auch Personal und Strukturen, d’accord. Aber dann sind Kameras an sensiblen Bereichen absolut hilfreich. Weswegen zB in Industriebetrieben kritische Bereiche natürlich entsprechend überwacht werden, allerdings mehr aus safety denn security Gründen.
Entschuldigung, aber das ist unsachlich. Eine Kameraüberwachung an neuralgischen Punkten dient dem Informationsgewinn. Und eine Kameraüberwachung mit KI-Auswertung bedeutet mehr Informationsgewinn als ohne. Kameras an solchen Orten zu installieren, ist bereits legal (was Kurz verhuscht im Nebensatz zugibt), und dann KI-Auswertung abzulehnen ist ein völlig unbegründetes „hamwa nich, woll’nwa nich“. Es gibt nunmal nicht genug Personal, um sämtliche Kameras 24/7 von Menschen überwachen zu lassen.
Man muss halt die observierte Infrastrukur gleichzeitig auch so gut absichern, dass ein Angreifer hinreichend lange bräuchte, um die Hindernisse zu überwinden, sodass in der Zeit erstens die KI — ggf. mit menschlichem Gegencheck — den Angriff identifiziert und zweitens eine Polizeistreife genug Zeit hat, um da hin zu gelangen und den Angriff zu beenden. Das kann so schwer nicht sein, und ich sehe auch keine realistische Alternative mit demselben Abdeckungsgrad.
Da Kurz dieser Logik letztlich nicht wirklich argumentativ beikommen kann, folgt im zweiten Teil des Textes ihr Alternativvorschlag, den man wie folgt zusammenfassen kann: Wir sollten ein gewisses „Grundrauschen“ von relativ einfach verhinderbaren Anschlägen und Sabotageakten auf unsere Infrastruktur hinnehmen und dafür sorgen, dass wir bei der dann jedesmal darauf folgenden Katastrophenlage besser gewappnet sind. Dieser Take ist absolut crazy.
Wir sollten ganz sicher alles sinnvolle tun, um den Katastrophenschutz zu verbessern. Aber das ist dann eben „defense in depth“, d.h. es bedeutet nicht, dass nicht auch sinnvolle Vorbeugemaßnahmen getroffen werden, die Anschläge von vornherein verhindern. Statt dessen ich habe den Eindruck, hier soll die ganze Problematik ausschließlich vom gewünschten Ergebnis her diskutiert werden: „KI-Auswertung lehnen wir ab, das ist nicht verhandelbar, mit allem was sich daraus ergibt, müssen wir dann halt leben“. Abgelehnt, danke.
Wir sind uns nur in einem einig, nämlich alles Sinnvolle zu tun, um den Katastrophenschutz zu verbessern. Unsachlich ist es, hier von „relativ einfach verhinderbaren Anschlägen und Sabotageakten“ zu sprechen. Der bloße Glaube an „KI“ versetzt noch keine Berge, es ist tatsächlich „crazy“, Leuten das als sinnvolle Maßnahme verkaufen zu wollen.
Ein einfacher Temperatursensor, wie er in jedem normalen Serverschrank verbaut ist, hätte hier schon Wunder geholfen oder gar Schlimmeres verhindert. Denn die erste Stromschwankung (kurzer Blackout) hatte ich um 6 Uhr morgens, bis dann um 6:15 Uhr der Strom endgültig weg war. Erst um 6:45 Uhr soll ein Anwohner die Feuerwehr informiert haben, dass es auf der Kabelbrücke über den Teltowkanal brennt. Mindestens 45 Minuten konnten da also unbemerkt ein Feuer lodern!
Rauchmelder in jeder Wohnung sind Pflicht, aber kritische Infrastruktur ohne Sensorik, das ist absolut unverständlich.
Sie wissen, was man da als allererstes macht? Richtig: die gesamte Anlage spannungsfrei schalten, also den Strom abschalten.
Und dann würde man die Kabel eingehend auf Schäden untersuchen, bevor man wieder einschaltet. Auch das dauerte uU Tage.
Leitungen mit 100kV sind nicht trivial.
https://www.elektrikerwissen.de/stromausfall-in-berlin-wieso-dauert-die-reparatur-der-kabel-so-lange erklärt ganz gut.
Also ich finde schon das es ins Ressort einer Wirtschaftssenatorin passen kann mehr Kameras und KI zu fordern. Das ist eben einfach nur… Wirtschaftsförderung. :-) Denn irgendwer muss das liefern und bekommt es bezahlt – von Steuergeldern. Die Polizei ist sowieso auf Überwachung scharf, wenn sie nicht genug Leute hat für alles, dann mehr Kameras – statt mehr Geld für mehr Polizisten. Kaputt gespart wie alles andere. Und mehr oder überhaupt Sensorik kann auch leicht in ein „Harrisburg“ Problem führen, das so viele Meldungen zugleich einschlagen das man den Ursprung in dem Haufen nicht mehr finden kann. Wenn der Strom erst mal aus ist dann sind es auch die Kameras, Sensoren und die KI. Denn „Redundanz“ wird in der Politik offenbar nicht verstanden als „Die Überwachung darf nicht von der Selben Quelle abhängen wie das was sie überwachen soll“ was auch zu mehr Resilienz führen kann. Ich hörte außerdem das auf der Kabelbrücke nicht nur eine Leitung lag, sondern auch die Reserveleitung. Das ist Redundanz -verhinderung mit Ansage. Wer hat das genehmigt, wer hat es erlaubt, wer geplant? Und was bringt es den Betroffenen wenn man nach dem Ausfall; wenn alle Rechner sauber hoch fahren würden; ein Bild herum zeigen zu können „Seht DER war’s, wir haben ihn aufgenommen“ und dazu was von Terror aus Links/Rechts/Oben/unten salbadert? NICHTS. Jemand der Friert braucht wärme. Jemand der Hungert braucht Nahrung. Kranke brauchen Hilfe. Und das geht am billigsten wenn der Strom überhaupt nicht ausfiele – in einer Welt in der Stromversorgung das wichtigste geworden ist, für ALLES!!!
Muss man den Entscheidern erklären was „Hilfsenergie“ ist? Eine Antwort: Der Strom den ein Heizkessel braucht um Öl oder Gas in Wärme zu verwandeln! Kein Strom=Keine Wärme! Und das bei vollem Tank (Primärenergieträger).
„Mit Überwachung verhindert man nicht Sabotage, man filmt sie nur“ – Internetfundstück
In der IT unterscheidet man incident management und problem management…
Mit der Kamera hat man in diesem Kontext signifikant bessere Chancen, den Problemverursacher aus dem Spiel zu nehmen.