Der Einsatz der Videoüberwachung ist nicht nur auf dem Vormarsch, sie erlebt geradezu einen zweiten Frühling und wird als neues Allheilmittel gegen Kriminalität verkauft. Kritiker erheben dagegen den Vorwurf der reinen Placebo-Politik, die ein untaugliches Mittel benutzt, um Menschen ein falsches Sicherheitsversprechen zu geben. Der Ausbau der optischen Überwachung zieht zugleich eine Beschwerdewelle nach sich, da längst nicht jeder Bürger bereit ist, permanente Überwachung im öffentlichen Raum hinzunehmen.
Dennoch werden erhebliche Gelder in den praktischen Ausbau der Videoüberwachung gesteckt, beispielsweise in Berlin: Dort ist aktuell der Einbau von 360-Grad-Kameras in die S‑Bahnen geplant, die ein Millionen-Budget in Anspruch nehmen. Am Berliner Bahnhof Südkreuz soll außerdem eine Kameraüberwachung mit automatisierter Gesichtserkennung getestet werden. Eine überparteiliche Kampagne, die von Heinz Buschkowsky (SPD) und Thomas Heilmann (CDU) ins Leben gerufen wurde, will derweil ein „Bürgerbündnis“ für mehr Videoüberwachung formen.
Es werden immer mehr: Computer, die auf Menschen starren und deren Gesichter rastern und in Datenbanken speichern. Doch was ist von den Sicherheitsversprechen zu halten? Was kann die heutige Technik? Welche Probleme der Diskriminierung können auftreten, wenn man die technische Entwicklung in die Zukunft projiziert?

Wir haben darüber mit Benjamin Kees gesprochen. Er ist Informatiker, Autor und begnadeter Science-Slammer. Er studierte an der Humboldt-Universität zu Berlin Informatik und Psychologie. Seit November 2015 ist er Vorstandsmitglied des FIfF (Forum InformatikerInnen für Frieden und gesellschaftliche Verantwortung). Er arbeitet als IT-Leiter bei der Smart Energy for Europe Platform und als Lehrbeauftragter an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin.
Kees’ Buch „Algorithmisches Panopticon: Identifikation gesellschaftlicher Probleme automatisierter Videoüberwachung“ kann man bei uns als pdf-Datei runterladen (15 MB), mit freundlicher Genehmigung des Autors.
Wird Kriminalität durch Videoüberwachung nur verschoben?
netzpolitik.org: Du hast unter anderem zur Videoüberwachung geforscht und geschrieben. Wie bewertest Du den derzeitigen enormen gesetzlichen und auch praktischen Ausbau der Videoüberwachung? Hat sich Deiner Meinung nach der Zeitgeist gedreht?
Benjamin Kees: Der Ausbau spiegelt die nach wie vor anhaltende Technikgläubigkeit wider. Den Glauben daran, dass Technik, wenn sie nur weit genug entwickelt ist, gesellschaftliche Probleme lösen kann. Nur haben sich heute die Möglichkeiten der Datenverarbeitung und Speicherung verändert und Maßnahmen können getestet und bezahlt werden, die vor zehn Jahren noch nicht denkbar waren. Das beflügelt natürlich die Phantasie der Befürworter.
netzpolitik.org: Wer sich mit Videoüberwachung und den sogenannten gefährlichen Orten beschäftigt, stößt immer wieder auf die Behauptung, dass die Kriminalität nur verschoben, nicht aber behoben würde. Ist dieser Effekt wissenschaftlich nachgewiesen?
Benjamin Kees: Ja, es gibt Studien, die diese Verdrängungseffekte zeigen können. In Großbritannien konnte zwar für einzelne Orte gezeigt werden, dass die Kriminalität zurückgegangen ist, aber im Gesamten betrachtet gibt es keine wissenschaftliche Studie, die den präventiven Nutzen von Videoüberwachung beweisen kann.
Was die beste Analysesoftware nicht kann
netzpolitik.org: Du sprachst von einer gewissen Technikgläubigkeit und neuen technischen Potentialen: Was ist mit den heutigen technischen Möglichkeiten denn anders als noch vor zehn Jahren?
Benjamin Kees: Die Bildqualität der Kameras hat sich enorm verbessert, sie sind viel kostengünstiger geworden und vor allem digital. Dadurch ist der Aufwand des Ausbaus, der Speicherung und der Auswertung gesunken. Auch in der Auswertbarkeit von Bildmaterial, bei Gesichtserkennung und Verhaltenserkennung hat sich viel getan. Hier kommen immer mehr automatisierte Lernverfahren ins Spiel, die den Entwicklern das Beschäftigen mit der Analyse und dem Bildverstehen zu großen Teilen abnehmen.
netzpolitik.org: Ist die Ausweitung der Videoüberwachung dann keine Placebo-Politik, wenn sie automatisiert wird?
Benjamin Kees: Bewegungen von Menschen, Mimik und Gangart in einem Video zu erfassen, ist das eine. Sie richtig zu interpretieren, ist schon viel schwieriger. Vor allem aber lässt sich eine Tatsache auch mit der besten Analysesoftware nicht ändern, nämlich dass Gewalttäter die Kameras ignorieren und Kriminelle sie einplanen. So kann eine Kamera nicht präventiv in den überwachten Raum hineinwirken. Selbst wenn wir erfolgreich Mimik auswerten, können wir nicht in die Köpfe der überwachten Personen gucken und Vorhersagen über ihre Vorhaben machen.
Videoüberwachung bringt keine Sicherheit
netzpolitik.org: In Berlin wollen dennoch der Sozialdemokrat Heinz Buschkowsky und der Christdemokrat Thomas Heilmann derzeit ein „Bürgerbündnis“ für mehr Videoüberwachung ins Leben rufen. Was denkst Du dazu?
Benjamin Kees: Mehr Videoüberwachung zu fordern ist reiner Aktionismus und ignoriert eben die Tatsache, dass es keine Beweise für die Tauglichkeit solcher Maßnahmen gibt. Es wird dann gesagt: „Wir müssen doch etwas tun. Etwas tun ist besser als nichts tun.“

netzpolitik.org: Videoüberwachung wird fast immer mit Anschlägen oder sonstiger Kriminalität in Verbindung gebracht, die aber gar nicht maßgeblich von Videoüberwachungssystemen vereitelt wurden. Warum ist die Idee so stark, dass Kameras dagegen helfen können?
Benjamin Kees: Wenn so argumentiert wird, geht es meist um die „zweite Tat“. Nur wenn man Videomaterial von den Kriminellen hat, könne man sie aus dem Verkehr ziehen und Schlimmeres verhindern. Außerdem legen viele Befürworter, wahrscheinlich von Science-Fiction-Literatur inspiriert, ihre Hoffnung in die Prognosefähigkeit automatisierter Videoüberwachung. Sie glauben daran, dass sich beispielsweise Terroristen auf eine bestimmte Art und Weise verhalten, so dass man in Zukunft einen Anschlag schon Minuten vorher aus etwa Mimik oder ungewöhnlichen Laufwegen von Bombenlegern ablesen kann. Ich halte das nicht nur technisch für Unfug. Denn wie läuft oder schaut denn ein Terrorist?
netzpolitik.org: Das Wunschdenken entspricht also nicht der Realität? Können solche Systeme das leisten, heute oder in Zukunft?
Benjamin Kees: Nein – denn es ist ja kein technisches Problem, dass man die wahren Absichten von Menschen nicht in ihren Gesten, ihrer Mimik oder ihren Handlungen ablesen kann. Wenn man die Handlungen von Menschen tatsächlich voraussagen will, bräuchte man so enorm viele Informationen, die schon lange nicht mehr in irgendeinem Verhältnis zum Nutzen stehen würden. Viel früher bekommt man da schon Probleme mit der Erhebung dieser Daten, die mit dem Grundgesetz in keinster Weise mehr vereinbar wäre.
netzpolitik.org: Zur Vorstellung des geplanten Berliner „Bürgerbündnisses“ hat Buschkowsky gesagt: „Da wird überhaupt kein Mensch überwacht“ und damit solche rechtlichen Bedenken einfach versucht, vom Tisch zu wischen. Was kann man ihm entgegnen?
Benjamin Kees: Wenn mein Gesicht – sobald ich den Bahnhof betrete – von dem Computer, der hinter der Kamera sitzt, erfasst wird, ich eine Nummer bekomme und auf einer zweiten Kamera wiedererkannt werde und diese Nummer weiter an mir haftet, wie es zum Beispiel bei vom Bundesforschungsministerium geförderten Projekten zur Automatisierung von Videoüberwachung an Flughäfen vorgesehen ist, dann ist dies eben keine Überwachung eines bestimmten Raumes mehr, durch den irgendwelche anonymen Menschen laufen, sondern eine Personenüberwachung. Genau das ist die neue Dimension der vernetzten digitalisierten und automatisierten Videoüberwachung.
netzpolitik.org: Auch am Bahnhof Südkreuz in Berlin ist derzeit ein Test zur Videoüberwachung mit Muster- und Gesichtserkennung in Planung, der eine solche Personenüberwachung ist. Was ist das Besondere an diesem Versuch?
Benjamin Kees: Feldtests mit Gesichtserkennung gab es schon hier und da. Die waren alle nicht besonders erfolgreich, da Menschen nicht wie gewünscht in die Kamera geschaut haben und das Licht oft nicht ausgereicht hat. Es kam immer wieder zu Fehlalarmen und zu nicht gegebenen Alarmen. Am Südkreuz soll nun aber auch „auffälliges Verhalten“ erfasst werden. Es wurde angekündigt, beispielsweise hilflos am Boden liegende Personen zu erkennen. Das ist nicht nur ein rhetorischer Kniff, sondern sagt mir als Informatiker, welche Technik dahinter stecken muss. Dazu müssen nämlich die Körper und Körperteile einer Person im Video gefunden und über mehrere Bilder hinweg verfolgt werden. Die Bewegungen müssen dann ausgewertet und in „normales“ und „auffälliges“ Verhalten kategorisiert werden. Hier kommen automatisierte Lernverfahren zum Einsatz, die ohne viel menschliches Zutun „Normalität“ festlegen. Das ist ein großes Einfallstor für Diskriminierung.
netzpolitik.org: Worin besteht diese Diskriminierung?

Benjamin Kees: Hier kann man nur mutmaßen, da ja selbst die Entwickler und Entwicklerinnen der Systeme die automatisch erzeugten Modelle von „Normalität“ nicht ausreichend verstehen, geschweige denn einfach anpassen können. Wenn man sich vorstellt, dass aus dem Feldversuch am Südkreuz eine allgemein im öffentlichen Bereich eingesetzte Technik wird, könnte es etwa dazu kommen, dass Menschen mit einer bestimmten Gangart immer und immer wieder intensiver überwacht und genauere Videoaufnahmen von ihnen erstellt werden. Schon bei der Auswahl des Trainingsmaterials für die Lernverfahren kann die falsche Wahl dazu führen, dass die Systeme eine sehr schräge Interpretation von „normal“ haben. Alle, die dann davon abweichen, werden intensiver überwacht oder häufiger kontrolliert (wenn man denn überhaupt menschliche Kräfte einsetzt). Schon vor mehr als zehn Jahren fanden Forscher heraus, dass Gesichtserkennung besser für schwarze Menschen als für weiße funktioniert. Doch solche Effekte sind leider sehr schwer zu erkennen.
netzpolitik.org: Wenn zu konstatieren ist, dass Videoüberwachung mit automatisierter Analyse neue Probleme wie Diskriminierung mit sich bringt und für Orte und Situationen, die als „gefährlich“ gelten, keine Lösung ist, drängt sich immer die Frage auf: Aber was denn sonst? Was wäre Deine Idee?
Benjamin Kees: Es gab Studien, dass eine vernünftige Parkbeleuchtung oder freie Sichtachsen durch Beschneiden von Hecken einen enorm positiven Effekt haben, nicht nur für das subjektive Sicherheitsgefühl, sondern auch für messbar weniger Kriminalität. Die Gelder, die nun in Technik und deren Ausbau investiert werden, sollten besser in Sicherheitskräfte vor Ort, aber vor allem in soziale Projekte gesteckt werden, die Zivilcourage fördern. In den meisten zurückliegenden Fällen sorgte ohnehin die klassische Ermittlungsarbeit für die Aufklärung der Fälle, nur einige wenige Fälle, bei der Videobilder den Täter überführen, werden in den Medien hochgespült und vermitteln den Eindruck, dass Videoüberwachung die beste Wahl sei.
netzpolitik.org: Vielen Dank für das Gespräch!
Offenlegung: Constanze Kurz und Benjamin Kees sind beides Mitglieder der Fachgruppe „Informatik und Ethik“ der Gesellschaft für Informatik (GI).
