TreibstoffmangelBeiruts Internet steht kurz vor dem Kollaps

In Beirut war das Internet am Sonntag für Teile der Bevölkerung nicht erreichbar – einem Dieselgenerator war der Sprit ausgegangen. Ein anhaltender Internet-Shutdown hätte schwerwiegende Konsequenzen für das ganze Land.

Aufgebrachte Protestaten im März 2021
Protestanten aufgrund der schlechten wirtschaftlichen Lage Beiruts im März 2021. – Alle Rechte vorbehalten IMAGO / ZUMA Wire

Eine Wirtschaftskrise hat Libanon schon seit Jahren fest im Griff. Brot wird immer teurer, Strom ist Mangelware. Nun droht auch noch das Internet zu kollabieren. Am Sonntag versagte die Internetverbindung vieler Bewohner West-Beiruts. Der entscheidende Verteiler ging vom Netz, da dem zugehörigen Generator der Sprit ausging. Strom vom staatlichen Energieversorger gibt es in der Stadt nur noch an zwei Stunden am Tag. Medienberichten zufolge blieb außerdem das staatliche Radio still, auch einige Regierungseinrichtungen seien betroffen gewesen.

Dank einer Dieselspende eines Bürgers konnte der Strom einige Stunden später wiederhergestellt werden. Betroffen waren circa 26.000 Anwohner. Berichten nach reiche der neue Diesel-Vorrat allerdings wieder nur drei Tage. Zwar ist nicht klar, ob dies tatsächlich zu einem erneuten Shutdown am Mittwoch führen könnte. Nichtsdestotrotz zeigt sich deutlich, wie gefährlich nahe die Stadt einem erneuten digitalen Blackout ist.

Selbst die zwei Stunden der staatlichen Stromversorgung sind kein zuverlässiger Energielieferant mehr: Nachdem die türkische Versorgungsfirma Karpowership im Oktober ihre Kraftwerke wegen ausstehender Zahlungen einstellte, blieb auch diese spärliche Versorgung für einen Tag komplett aus. Die Kraftwerke waren für ein Drittel der gesamten libanesischen Stromversorgung verantwortlich.

Bild von Hochhäusern in der Nacht ohne jegliche Beleuchtung.
In Beirut bleiben Nachts viele Lichter aus. - Alle Rechte vorbehalten IMAGO / Xinhua

Wie der Chef des staatlichen Netzbetreibers Ogero der Zeitung The National erklärt, hätte der Zusammenbruch des libanesischen Internets gravierende Folgen. Die folgende Arbeitsunfähigkeit der Zentralbank könne das Schicksal der ohnehin angeschlagenen Wirtschaft besiegeln. Davon schwer getroffen wären außerdem die aktuell noch arbeitsfähigen, internetbasierten Wirtschaftszweige. Beispielsweise müssten digitale Serviceangebot für das Ausland ihre Arbeit einstellen.

Beirut befindet sich in einer schweren ökonomischen und sozialen Krise. Die Wirtschaft leidet unter Hyperinflation. Der libanesische Pfund hat seit Beginn der Krise über 90 Prozent seines Wertes verloren. Essenzielle Güter wie Medizin, Lebensmittel und Treibstoff sind daher und aufgrund der Streichung von Subventionen immer knapper und teurer geworden. Öffentliche Schulen blieben 2021 geschlossen, da die Lehrer:innen dank Inflation nur noch 10 Prozent ihres eigentlichen Gehaltes erhielten. Selbst die Anfahrt ließ sich davon kaum bezahlen. In Konsequenz hatten 700.000 Kinder keinen Zugang zu Bildung.

Internet Shutdown mal anders

Immer wieder kommt es vor, dass das Internet politisch motiviert für bestimmte Regionen abgeschaltet wird. Zuletzt war dies während der Anti-Regierungsproteste in Kasachstan zu beobachten. Bekannt für Internet Shutdowns ist außerdem der indische Bundesstaat Jammu und Kaschmir. 2019 war das Internet dort 175 Tage lang nicht erreichbar. Die indische Regierung hatte der Region im August 2019 ihren autonomen Status entzogen. Gleich darauf marschierten indische Truppen in der Region ein und setzten die lokale Regierung unter Hausarrest. Zur Unterdrückung von Protesten blieb die Region anschließend für mehrere Monate offline.

Die aktuell sporadische Natur der Beiruter Ausfälle lässt eine solche politische Motivation unwahrscheinlich wirken, auch einschlägige Beobachter können keine Hinweise darauf finden. Zwar ist die gesellschaftliche Lage auch in diesem Land höchst angespannt – noch im Oktober kam es zu tödlichen Ausschreitungen – ein politisch gezielt herbeigeführter Internet Shutdown würde sich in der Regel anders entfalten. Die aktuellen Aussetzer resultieren deutlich wahrscheinlicher von den gravierenden Treibstoffengpässen. Würden sich diese Ausfällen dennoch als eine politisch motivierte Zensuraktion entpuppen, hätte die Regierung allenfalls eine äußerst elaborierte Lösung gefunden, den Shutdown zu verschleiern.

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Eine Ergänzung

  1. Blöde Sache aber ein gutes Lehrbeispiel, das man nicht alles vom Netz abhängig machen soll.
    Zumindest alles was wichtig ist. Katzenvideos, Facebook und Co sind eher nicht überlebenswichtig.
    Da stellt sich auch die Frage, das bei allen Vorteilen der Digitalisierung (eher Nutzung von Geräten zur Datenverarbeitung), es sinnvoll ist Verwaltung (wichtige Daten zugriffsfähig auf Papier), Gesundheitsversorgung und öffentliche Sicherheit (Polizei, Katastrophenschutz, Feuerwehr) auch analog betreiben zu können. Selbst wenn das etwas altmodisch ist.
    Dezentrale Energieversorgung (mit unterschiedlichsten Energieträgern auch wenn die nicht grün sind), Notstrom und Schwarzstartfähigkeiten sind ebenfalls recht wichtig.
    Im Extremfall könnte es inzwischen sein, das wichtige Steuersoftware für Komponenten der Energieversorgung in der Cloud (würde da auch firmeneigene virtuelle Maschinen die sich nicht am Standort der Steuer-, Regel und Stromübertragungshardware befinden dazu zählen) läuft, die beim Netzzusammenbruch nun mal weg ist.

    Wäre mal ein schönes Thema für eine Recherche.
    Gerade jetzt wo es quasi überall auf allen Medien heißt, das es morgen Krieg mit dem Russen gibt.

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