Russisches Exilmedium Meduza„Alles hat sich dramatisch verändert“

Das Onlinemedium Meduza zählte zu den letzten unabhängigen Berichterstattern für Russland. Anfang März wurde die Website in Russland gesperrt. Auch mit der Finanzierung gibt es Probleme. Wir haben mit Katerina Abramova über die Arbeit im Exil und die Zukunft von Meduza gesprochen.

Das Team von Meduza gemeinsam in einem Raum. Das Bild ist stark verpixelt.
Das Team von Meduza. Aus Sicherheitsgründen können nicht alle Redaktionsmitglieder ihr Gesicht zeigen. – Alle Rechte vorbehalten Meduza

Das unabhängige Onlinemedium Meduza ist in Russland nicht mehr einfach erreichbar. Meduza berichtet seit 2014 aus Lettland auf Russisch und auf Englisch. Bereits im vergangenen Jahr wurden sie von der russischen Regierung als „foreign agent“ (ausländischer Agent) eingestuft.

Auch die Journalist:innen selbst sind durch ihre Arbeit in Gefahr. Mitarbeiter:innen von Meduza, die aus Russland berichtet haben, mussten das Land verlassen. In Russland drohen Journalist:innen bis zu 15 Jahre Haft, wenn sie unabhängig über den Krieg berichten. Den Krieg als solchen zu benennen, ist verboten.

Finanzierung in Gefahr

Bislang finanzierte sich Meduza über die Beiträge ihrer 30.000 Unterstützer:innen, die vor allem aus Russland kommen. Auf diese Gelder können sie nun nicht mehr zurückgreifen. Denn: Überweisungen nach Europa sind eingeschränkt. Um weiterhin unabhängig über den Krieg in der Ukraine berichten zu können, starten sie deshalb eine Crowdfunding-Aktion in Zusammenarbeit mit Krautreporter. Meduza soll durch europäische Unterstützer:innen finanziert werden, damit sich die Menschen in Russland weiterhin unabhängig informieren können.

Wir haben mit Katerina Abramova von Meduza gesprochen, um herauszufinden, wie die aktuelle Arbeit im Exil abläuft und wie sie es weiterhin schaffen, Millionen von Menschen in Russland zu erreichen. Sie ist Head of Communication bei Meduza und für die aktuelle Crowdfunding-Kampagne verantwortlich.

netzpolitik.org: Ihr habt 2014 eure Arbeit in Lettland gestartet. Wie hat sich die Situation seitdem für euch verändert? Hattet ihr Reporter in Russland, bevor der Krieg begonnen hat?

Katerina Abramova: Einige Mitarbeiter sind hier, einige in Russland, einige an verschiedenen anderen Orten. Durch Covid haben wir gelernt, auf Distanz zu arbeiten. Und wir waren immer an unterschiedlichen Orten, natürlich auch in Russland. Denn die Reporter müssen vor Ort arbeiten. Zuletzt waren wir natürlich über die Sicherheit vieler Menschen besorgt. Manche sind gegangen, manche sind immer noch da, aber natürlich hat es sich verändert. Alles hat sich dramatisch verändert.

netzpolitik.org: Gibt es noch jemanden aus der Redaktion in Russland?

Katerina Abramova: Die meisten haben Russland verlassen, aber wir haben nach wie vor Reporter:innen oder freiberufliche Journalist:innen, die für uns vor Ort arbeiten. Sowohl in Russland als auch in der Ukraine. Ohne geht es nicht. Natürlich verstehen wir, dass wegen des Fake-News-Gesetztes unser Team nicht mehr in Russland sein kann. Dennoch ist es die Entscheidung der Reporter:innen. Einige freiberufliche Journalist:innen, die vor Ort arbeiten wollen, tun das.

netzpolitik.org: Wo sind die Reporter:innen, die Russland verlassen haben?

Katerina Abramova: Sie sind an verschiedenen Orten. An sehr verschiedenen Orten. Manche sind in Europa. Manche, die kein europäisches Visum haben, sind in Drittstaaten.

netzpolitik.org: Wie haltet ihr zur Zeit den Redaktionsbetrieb aufrecht?

Katerina Abramova: Wir arbeiten viel, 24 Stunden am Tag. Wir sind das größte unabhängige Medium in Russland, aber unser Team ist nicht wirklich groß. Normalerweise gab es bei uns keine Nachtschichten. Aber jetzt arbeitet natürlich jede Nacht jemand, zum Beispiel Bild- oder Nachrichtenredakteure. Es gibt viel zu tun. Zur Zeit schreiben wir natürlich über den Krieg und darüber, was mit der Wirtschaft, dem Sozialleben, dem kulturellen Leben, den Protesten passiert. Denn auch die russischen Leser:innen sind geschockt und wollen wissen, was in allen Bereichen ihres Lebens vor sich geht. Zurzeit ist es nicht das Problem, nicht vor Ort zu sein. Aber ich denke, das werden wir hinterher herausfinden. Natürlich verändern sich viele Prozesse, aber das ist überschaubar. Es kann von verschiedenen Orten aus gemacht werden, während Corona haben wir viele Interviews online geführt. Natürlich ist es schwierig, nicht vor Ort zu sein, aber es ist machbar.

netzpolitik.org: Wie sieht der Arbeitsalltag im Moment aus?

Katerina Abramova: Wir müssen unsere Arbeit normal fortsetzen. Dafür müssen wir verschiedene organisatorische und sicherheitstechnische Probleme lösen. Aber wir arbeiten immer noch für unsere Leser:innen, also müssen wir gute Arbeit leisten.

Eins unserer Ziele ist es, qualitativ hochwertigen Journalismus zu betreiben. Und wir müssen immer wieder den Menschen in Russland erklären, wie sie uns weiterhin lesen können. Und natürlich müssen wir die Geldfrage klären. Im April letzten Jahres wurden wir von der russischen Regierung als „foreign agent“ eingestuft. Dadurch haben wir unseren gesamten Werbewert verloren.

Wir haben nicht geglaubt, dass Crowdfunding ausreichen würde, aber wir haben es versucht und unsere Leser:innen haben uns gerettet. Aber jetzt können uns die Menschen in Russland nicht mehr unterstützen. Nicht, weil sie Angst haben, aber natürlich haben sie Angst. Und auch nicht, weil sie von unserer Arbeit enttäuscht sind.

Es sind technische Gründe. Denn Kreditkarten von Visa oder Mastercard funktionieren nicht mehr. Wir haben also alle unsere Zahlungen verloren. Deshalb haben wir die europäische Kampagne gestartet. Natürlich gibt es Russ:innen, die im Ausland leben, die uns lesen und unterstützen, aber ein großer Teil unserer Abonnenten sind Menschen in Russland. Für sie arbeiten wir.

netzpolitik.org: Was bedeutet es, in Russland als „foreign agent“ aufgeführt zu sein?

Katerina Abramova: Wortwörtlich bedeutet es, dass man nicht im Interesse des eigenen Landes arbeitet, sondern im Interesse eines anderen Landes. Und das ist nicht wahr. Wir arbeiten im Interesse unserer Leser:innen.

Wir haben unseren Sitz in Lettland, aber das ist kein Problem. Alle wissen, dass wir ein ausländisches Unternehmen sind. Es ist kein Geheimnis, dass wir ein ausländisches Unternehmen sind, das transparent ist und Steuern zahlt. Ein ausländischer Agent ist etwas völlig anderes. Es ist wie ein Zeichen, dass man sich ruhiger verhalten und dass man leiser sein soll.

Es ist eine große, beängstigende Sache. Sie versuchen, dir Angst zu machen, sie versuchen, deinem Unternehmen Angst zu machen, sie versuchen, deinen Leser:innen Angst zu machen. Darum geht es. Aber das ist jetzt nicht mehr so wichtig, denn alle Medien in Russland sind ausländische Agenten oder blockiert oder die meisten von ihnen beides gleichzeitig.

netzpolitik.org: Und was sind aktuelle Schwierigkeiten?

Katerina Abramova: Geld, die Sicherheit von Menschen, Erholung. Alle sind sehr müde. Die Menschen arbeiten ohne freie Tage. Und es ist verständlich, dass das nicht für immer geht. Man muss sich irgendwie ausruhen und natürlich sind wir alle Menschen. Wir machen uns Sorgen über die Situation. Nicht nur als Journalist:innen, nicht nur über unsere Arbeit, sondern auch darüber, was mit den Menschen in der Ukraine passiert.

Wir denken an unsere Familien, Freunde in Russland, ihre Zukunft, was sie tun dürfen und all diese Dinge. Es ist chaotisch. Es ist die Arbeitssituation und außerdem ist man noch müde, nicht nur wegen der Arbeit, sondern auch wegen all dieser Gedanken. Man weiß nicht, was als Nächstes kommen wird. Es ist also auch beängstigend.

netzpolitik.org: Wie erreicht ihr weiterhin die Menschen in Russland?

Katerina Abramova: Viele Menschen benutzen VPNs und das sehen wir. Wir analysieren unsere Daten und Website-Traffic. Auf einmal haben wir eine riesige Anzahl von Leser:innen aus den Niederlanden, in Angola oder aus anderen Orten, an denen Meduza normalerweise nicht gelesen wird. Und wir haben unseren Telegram-Kanal, der ist noch nicht gesperrt, Telegram funktioniert. Da haben wir mehr als eine Million Abonent:innen.

Außerdem haben wir einen Instagram-Account, der sehr beliebt war. Kürzlich wurde Instagram in Russland gesperrt. Jetzt ist die Frage, wie es mit der Plattform weitergeht. Aber zur Zeit, heute und gestern, lesen die Leute da immer noch, kommentieren und setzen Likes. Dadurch verstehen wir, dass viele Menschen wissen, wie man VPNs benutzt. Wir haben einen Newsletter, denn das ist das Letzte, was blockiert werden kann. Dazu müsste das Internet komplett abgeschaltet werden.

Außerdem gibt es eine mobile App, die auch bei Sperrungen funktioniert. Die ist natürlich etwas langsam, aber die Nachrichten können weiterhin empfangen werden. Das Wichtigste ist, dass die Menschen Nachrichten lesen können.

netzpolitik.org: Vielen Dank für das Interview.

Das Interview wurde auf Englisch geführt und mit der Hilfe von deepl.com übersetzt.

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