Nachrichten nach Russland schickenDiplomatie der kleinen Leute

Im Netz gibt es ein Tool, mit dem man Nachrichten an zufällig ausgewählte russische Mobilfunknummern verschicken kann. Doch die dort verschickten Standard-Texte könnten in Russland falsch ankommen. Unser Redakteur hat eine Idee, wie man das Tool nutzen kann, um menschliche Brücken zu bauen und ins Gespräch zu kommen.

Brief und Stift
Die Aktion hat etwas von Brieffreundschaft, aber mit Messengern statt Stift und Papier. Gemeinfrei-ähnlich freigegeben durch unsplash.com Towfiqu barbhuiya

In den letzten Tagen wurde in sozialen Medien und Messengern das Mitmach-Projekt 1920.in herumgereicht. Der Service der Gruppe Squad303 wählt per Zufall russische Mobilfunknummern aus, an die man dann eine Nachricht schicken kann. Die Idee ist eigentlich genial, sie soll die russische Zensur umgehen, wurde angeblich schon millionenfach genutzt.

Die Idee, mit Menschen in Russland in Kontakt zu treten, ist gut. Aber es gibt zwei Punkte, wo das Projekt 1920 bislang Fehler macht: Zum einen ist es aus Sicherheitsgründen keine gute Idee, Menschen in einem autoritären Staat unverschlüsselte SMS zu schicken. An den Metadaten ist außerdem leicht zu erkennen, dass die Nachrichten aus dem Ausland kommen – und eine etwaige Antwort ins Ausland geht. Das bietet einen zusätzlichen Anreiz für Überwachung durch russische Behörden. Wer SMS im Klartext austauscht, bringt im Zweifelsfall sein Gegenüber in Gefahr. Ob es in Ordnung ist, massenweise Telefonnummern und E-Mail-Adressen verfügbar zu machen, soll hier nicht Thema sein. 

Zum anderen sind die vorausgewählten Standardtexte im Stile von „Der Kreml lügt! Tun sie etwas gegen den Krieg!“ plump, belehrend und geprägt von westlicher Arroganz. Sie dürften den Menschen, die sie unaufgefordert erhalten, wie von einem Roboter verschickte westliche Propaganda erscheinen. Das erzeugt eher Abwehrreaktionen als Sympathie. So entsteht keine menschliche Verbindung und wohl auch kein Dialog.

Denn welcher Mensch antwortet in einem repressiven Regime auf die Aufforderung zum Umsturz desselben mit einem „Ok, wie kann ich mitmachen?“, wenn das bedeuten kann, dass man im Knast landet? 

Die Aktion anders machen

Deswegen habe ich zusammen mit anderen Menschen eine Nacht lang überlegt – und dann etwas ausprobiert. Denn, wenn man die Sache ein bisschen anders aufzieht, dann hat sie Potenzial für eine Art Diplomatie der kleinen Leute. Nachrichten von Mensch zu Mensch. Ein Signal, dass es im Westen Leute gibt, die trotz der lauten Kriegstrommeln auch an diejenigen denken, die in Russland leben und nicht einverstanden sind mit dem Krieg. Es geht darum zu zeigen: Wir sehen Euch. Wir fühlen mit Euch. 

Es geht um die Rückversicherung der Menschlichkeit, die in solchen Konflikten so schnell verloren geht. Wenn man also die Aktion anders angeht, könnten tausende kleiner Brieffreundschaften entstehen. Tausende zwischenmenschliche Brücken, die irgendwann betreten werden können. Die etwas ausmachen. Vielleicht und irgendwann.

Ins Gespräch kommen

Wer eine Nachricht an eine der Nummern schickt, sollte zu allererst klarmachen, dass man die Nummer per Zufall ausgewählt hat. Die Texte sollten empathisch sein und nicht gleich zum Umsturz aufrufen. Man kann schreiben, dass einen die Situation und die Wahrnehmung des Konfliktes in Russland interessiert und man deswegen in Kontakt tritt. Dass man niemanden in Russland kennt und deswegen diesen ungewöhnlichen Schritt geht. Man sollte klar machen, warum man das macht.

Texte könnten in diese Richtung gehen:

Ich habe ihre Nummer zufällig ausgewählt, weil ich mit einem Menschen in Russland sprechen will. In einer Konfliktsituation wie dieser tritt Menschlichkeit so schnell in den Hintergrund – und mir ist wichtig, dass wir die Menschlichkeit stärken und Brücken bauen. Mir bricht das Herz, wenn Menschen gegeneinander mit Waffen bekämpfen. Wenn Sie Lust haben, mir zu schreiben, freue ich mich sehr. Herzliche Grüße aus XY, Peter Mustermann.

Man könnte schildern, was die eigenen Sorgen sind (bitte nicht der Benzinpreis!), etwas Persönliches hinzufügen oder einfach liebe Grüße aus der eigenen Stadt ausrichten und sagen, dass man auch im Krieg an die Menschen in Russland denkt. Wenn man schon einmal Russland war, kann man beschreiben, wie es dort war und was man gemocht hat. Wichtig sind Anknüpfungspunkte, die klar machen, dass da ein Mensch auf der anderen Seite ist, der reden möchte.

Empathie statt Belehrung

Es geht nicht darum, zu belehren oder stumpf die eigene Sichtweise zu verbreiten, sondern um Wertschätzung und Einfühlungsvermögen. Es sollte darum gehen, ins Gespräch zu kommen. Und das ist nicht einfach, denn wie würden wir selbst auf eine unaufgeforderte Nachricht reagieren, die wir vielleicht als Spam sehen? Oder als Propaganda? Oder gar als Falle? Eine Nachricht, die einem vielleicht sogar Probleme machen könnte. 

Wir sollten uns in das Gegenüber hineinversetzen. Und freundlich bleiben, egal, was zurückkommt. Es ergibt wenig Sinn, Menschen vom heimischen Sofa aus zu Protesten gegen den Krieg zu drängen. Man muss sich vor Augen führen, dass schon mehr als 14.000 Menschen in Russland seit Kriegsbeginn wegen Protesten festgenommen wurden.

Wer in Russland demonstriert, riskiert sehr viel. Und es ist absolut in Ordnung, wenn ein Mensch für sich entscheidet, dieses Risiko nicht einzugehen. Auch gibt es seit ein paar Tagen ein drakonisches Gesetz, welches das Wort „Krieg“ im Zusammenhang mit der Ukraine verbietet. Man muss also wissen, dass alleine die Kommunikation schon für das Gegenüber gefährlich ist. Und dies würdigen.

Wie geht es technisch?

Schreiben sollte man initial auf Russisch: Einigermaßen vernünftige Übersetzungen sind etwa mit Deepl.com recht gut möglich. Wenn die Gegenseite Englisch versteht, kann man natürlich auch die Sprache wechseln. Da findet sich schnell ein Modus.

Ein weiteres Problem ist die Sicherheit. Dieses Problem kann man zumindest angehen, indem man sich auf 1920.in die zufällig erscheinende Rufnummer kopiert und diese als Kontakt auf seinem Smartphone anlegt. Nun sieht man nach kurzer Zeit, ob die Gegenseite bei WhatsApp, Signal oder im Notfall Telegram ist – und kann eine verschlüsselte Kommunikation mit dem Gegenüber starten. Und nur dann sollte man auch kommunizieren. Zur Sicherheit kann man die Nachrichten auch mit einem Verfallsdatum versehen, damit sie nach einiger Zeit von selbst verschwinden, weil die russische Polizei zuletzt auch Handys auf der Straße kontrollierte.

Selbstverständlich wird bei so etwas die eigene Telefonnummer für die Gegenseite sichtbar. Dieses Risiko muss man selbst eingehen, wenn man mitmachen will. Und natürlich sollte man die Kommunikation auch vertraulich halten: Private Gespräche und Namen gehören nicht im Original veröffentlicht, auch wenn die Kommunikation einen überrascht oder emotional berührt hat.

Verbindungen, die Hoffnungen machen

Ich habe selbst habe ausprobiert, was passiert, wenn man Menschen in Russland auf diese Weise anschreibt. Ich habe auf 12 verschickte Nachrichten zwei Antworten bekommen. Es entstand jeweils eine interessante Kommunikation. Über die Änderungen im Alltag in Russland, über die Auswirkungen von Sanktionen, über die russische Position und über Angst. Ich habe erzählt, was hier passiert, von tausenden ukrainischen Geflüchteten am Berliner Hauptbahnhof. Und von der Sorge vor einer Ausweitung des Krieges, die hier alle erfasst hat. Wir waren uns einig, dass Krieg keine Lösung sein könne. Gleichzeitig warnte das gegenüber, dass Protest in Russland nur ins Gefängnis führe. Wir redeten über die Ohnmacht. Es entstand teilweise ein Gefühl gegenseitiger Hilflosigkeit.

Aber plötzlich ist da eine Verbindung zu einem unbekannten Menschen. Eine Nähe zu irgendjemand, der im Verlauf des Gesprächs vielleicht seinen Namen nennt. Der mich bittet, meine Freund:innen und Familie zu grüßen und zu umarmen. Eine Verbindung, die Hoffnung macht auf eine andere, friedvolle Welt. Auf Menschlichkeit.

Vielleicht ist das alles Quatsch und führt zu nichts. Eine fixe Idee. Aber ich bin überzeugt davon, dass wir solche Aktionen einfach versuchen sollten.

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9 Ergänzungen

    1. Wir suchen E-Mail-Adressen von Hotels und Pensionen in ganz Russland raus und schicken Nachrichten über die Betreff-Zeile und im Anhang Bilder über die Zerstörungen, die wir ab TV fotografiert haben!

  1. Welche Aussichten hätten Briefe an die Führenden im Kreml in Massen als Belästigung, in denen Bilder des Kriegs mitgeschickt werden?

  2. Man kann Bekannte, Abgeordnete oder Prominente in Politik, Verwaltung und Gesellschaft anmailen und um Kontaktaufnahme mit deren Ansprechspartnern in Russland/Weissrussland bitten, mit verständnisvollem, menschlichem Gedankenaustausch zur Konfliktbereinigung. Dabei könnten die Schicksale der Zivilbevölkerung und Flüchtlinge mit denen aus dem 2. Weltkrieg (für Russland/ Ukraine: großer Vaterländischer Krieg/ Brudervolk) verglichen und unser besonderes Interesse und Pflicht zur Verhütung ähnlicher Verhältnisse betont werden. Und darauf hinweisen, dass der Krieg letzlich beiden Völkern nur großen Schaden zufügt, endlose materielle und seelische Konfliktfolgen bringt, und dass es auch dort Politiker gibt, die in Hinblick auf ihre Position und die nächsten Wahlen ihren Einfluss geltend machen könnten.

  3. Brücken baut man idealerweise von beiden Ufern aus. Einseitiges „Brückenbauen“ ist vorwiegend eine Disziplin meist militärischer Pioniere, mit klarer Absicht.

    Soll Diplomatie kein Vorwand sein oder nur einer politischen Inszenierung dienen, sollte ein Mindestmaß gegenseitiger Konzilianz vorhanden sein. Letztlich aber geht es um das Ausloten, wie eigene Interessen zur Wirkung kommen können, unter Berücksichtigung der fremden Interessen.

    Was also soll „Diplomatie der kleinen Leute“ an Positivem bewirken können?

    Wenn ich mir das Wirken und Werkeln der „kleinen Leute“ auf sog. „sozialen Medien“ so ansehe und zu welchen „bebilderten Mitteilungen“ diese in Chatgruppen fähig sind, so hege ich allergrößte Zweifel, ob das auch nur ansatzweise eine gute Idee sein kann, angesichts der Tatsache, dass im Krieg die Wahrheit zuerst stirbt, und gegenseitige Propaganda stets der Kriegstreiberei dient.

  4. Leeutee!
    Hört Euch mal Wortwahl, Sprache und Implikationen an, die
    Squad303
    auf https://twitter.com/squad3o3
    macht.
    Ich mein: squad heißt „Trupp, Team, Mannschaft, Kader, Riege“ und kommt eher aus dem – nennen wir ihn – „Sprachgebrauch amerikanischer Organisationen“; falls letztere(r) nicht dahinter steckten, wären mit „defending people“ ja die Russen gemeint ;)
    Sowas bringt Russen eher in Schwierigkeiten (glaub ich): welcher russische Geheimdienstmitarbeiter glaubt denen, daß ihr mit squad303 nix zu tun habt?
    Sowas destabilisiert Rußland eher, weil es einen irren Aufwand für die Dienste bedeutet, sowas zu überprüfen. Also hat man mit so einer Aktion bereits neutralen Boden verlassen.
    Wir könnten ja hier auch mal demonstrieren mit Schildern wie
    „ALLE raus! EU / Nato / Nazis / Russland“;
    das selber filmen und vergleichen, wie die Mediacoverage von der Aktion wird.
    Ich wär SO gespannt ob die das überhaupt senden dürfen XD

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