Katar-RechercheHackingangriffe gegen WM-Kritiker:innen

Katar hat offenbar in großem Ausmaß Kritiker:innen des Regimes weltweit ausspionieren lassen. Zu den zahlreichen Missständen im Vorfeld der Fußball-WM tritt nun ein Hacking-Skandal mit enormer politischer Sprengkraft.

Links sieht man einen WM-Pokal mit Geldscheinen und einem Schild mit der Aufschrift FIFA. Im Hintergrund sieht man einen Serverraum.
Der Golfstaat ließ Michel Platini offenbar während laufender Ermittlungen hacken (Symbolbild) – Pokal: IMAGO / HJS; Serverraum: IMAGO / NurPhoto; Montage: netzpolitik.org

In knapp zwei Wochen beginnt die Fußball-WM in Katar. Bereits seit langem gibt es massive Kritik an dem Sportereignis – unter anderem wegen Menschenrechtsverstößen, Korruption und Ausbeutung. Hinzu kommt nun ein Hacking-Skandal mit enormer politischer Sprengkraft.

Demnach soll die Firma WhiteInt im Auftrag Katars in den vergangenen Monaten zahlreiche Kritiker:innen der Fußball-WM ausspioniert haben. Das enthüllen Recherchen des Bureaus of Investigative Journalism und der Sunday Times.

Zu den Betroffenen zählen unter anderem der britische Investigativjournalist Jonathan Calvert, der die Korruptionsfälle im Rahmen der WM-Vergabe an Katar mit aufgedeckt hatte, der ehemalige UEFA-Chef Michel Platini und die französische Senatorin Nathalie Goulet.

Britische Privatermittler:innen gaben Hacks in Auftrag

Laut der Recherche handelt es sich bei WhiteInt um eine der „größten Hack-for-Hire-Gangs“. Mehr als 100 E-Mailkonten soll das Unternehmen infiltriert haben. Die Angriffe zielten offenbar auf britische Unternehmen, Journalist:innen und Politiker:innen. Dabei handelte das Unternehmen im Auftrag von Privatdetektiven, die für autokratische Regime und britische Anwaltskanzleien „recherchierten“.

Die Journalist:innen nutzten eine Tarnfirma, um mit Aditya Jain in Kontakt zu treten, dem „Mastermind“ hinter WhiteInt. Jain gewährte den Journalist:innen über eine Datenbank Einblick in die Auftragshistorie seines Unternehmens und insbesondere in die Kooperationen zwischen WhiteInt und Katar.

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Die Aufträge erfolgten über Privatermittler:innen wie dem in der Schweiz ansässigen Jonas Rey. Dessen Name taucht in der Auftragsliste ganze 48 Mal auf. Rey hatte laut Jain unter anderem die „E-Maildaten einiger hochrangiger Individuen im Umfeld der FIFA in Großbritannien“ erbeutet. Jain zufolge sei Rey aus Katar finanziert worden.

Journalist:innen und Sportfunktionär:innen im Visier

Unter Reys Zielen befand sich Jonathan Calvert. Calvert gehört dem Insight Investigative Team der Sunday Times an, das maßgeblich an der Aufdeckung von Korruption im Rahmen der WM-Vergabe an Katar beteiligt war. Wenige Wochen bevor Rey den Hack im April 2019 in Auftrag gab, hatte die Sunday Times über einen ominösen 100 Millionen Dollar „Erfolgs-Bonus“ berichtet. Diesen soll Katar der FIFA für den Fall angeboten haben, dass die Weltmeisterschaft an das Emirat vergeben werde. Anwält:innen der katarischen Regierung weisen auf Anfrage der Sunday Times den Vorwurf von sich, dass diese die Hacks in Auftrag gab.

Unter den im Auftrag von Rey anvisierten Zielen findet sich auch Michel Platini. Er war von 2007 bis 2015 Präsident der UEFA und votierte 2010 für die Vergabe der WM an Katar. Ins Visier geriet Platini mutmaßlich, nachdem die Antikorruptionseinheit der französischen Kriminalpolizei gegen ihn zu ermitteln begann. Aus dem Umfeld der Ermittlungen stammt die Vermutung, dass Katar damals herausfinden wollte, was Platini gegenüber den Ermittler:innen aussagen würde.

Auch die französische Senatorin Nathalie Goulet wurde von WhiteInt ausgespäht. Goulet ist Vorsitzende der Untersuchungskommission zur Bekämpfung dschihadistischer Netzwerke in Frankreich und Europa. Sie hatte Katar in der Vergangenheit unter anderem öffentlich vorgeworfen, islamistischen Terrorismus zu finanzieren. Die Politikerin vermutet, deshalb ins Visier der Hacker:innen geraten zu sein und kündigte an, Klage gegen das Unternehmen einreichen zu wollen.

Im Rahmen der Recherche hatten die Journalist:innen auch Kontakt zu zahlreichen anderen indischen Hacker:innen. Einer von ihnen behauptete, dass ein Großteil der britischen Privatdetekteien indische „Hack-for-Hire“-Unternehmen anheuere, um E-Mailkonten und Smartphones zu infiltrieren. Für britische Privatermittler:innen ist es weit weniger riskant, illegale Hacks im Ausland in Auftrag zu geben, als unter den restriktiven Gesetzen in ihrem Heimatland.

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