WikipediaMit freundlichen Edits aus dem Bundestag

Bei der Wikipedia können alle mitmachen und doch stammen viele Artikel zu deutschen Bundestagsabgeordneten zum Großteil von einzelnen Nutzern, zeigen Recherchen von netzpolitik.org und dem ZDF Magazin Royale. Bei manchen schreiben die Politiker:innen selbst mit.

Fotomontage aus Bundestag, Wikipedia-Logo und Edit-Historie
Wikipedia-Edits aus dem Bundestag sind nicht selten, doch nicht immer sind sie transparent. CC-BY-SA 4.0 Bundestag: Laura Hoffmann, Logo: Wikimedia Foundation, Inc., Screenshot: de.wikipedia.org, Bearbeitung: netzpolitik.org

Zu den meistgeklickten Artikeln in der deutschsprachigen Wikipedia gehört aktuell „Bundestagswahl 2021“, dicht gefolgt von denen der Kanzlerkandidat:innen Annalena Baerbock und Olaf Scholz. 677 Millionen Mal wurde die Online-Enzyklopädie im August von deutschen IP-Adressen aufgerufen.

Für viele ist Wikipedia die erste Anlaufstelle, um sich zu informieren. Doch immer wieder gab es gerade vor politischen Ereignissen Manipulationsvorwürfe. Schon 2005 stand der Artikel des NRW-Wahl-Spitzenkandidaten Jürgen Rüttgers unter Verdacht. Vor zwei Jahren soll ein SPD-Genosse während des Kampfs um den Parteivorsitz die Beiträge von Olaf Scholz und Klara Geywitz aufgehübscht haben.

Gemeinsam mit dem ZDF Magazin Royale haben wir die Wikipedia-Artikel der 709 Bundestagsabgeordneten der aktuellen Wahlperiode ausgewertet. Wir haben uns angeschaut, welche Wikipedia-Nutzer besonders viele Artikel von Politiker:innen bearbeiten und welche Artikel zu einem Großteil von einem einzigen Nutzer bearbeitet wurden.

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Wikipedia liebt den Bundestag, der Bundestag liebt Wikipedia

Dabei ist uns aufgefallen: Fast 90 der Artikeltexte stammen nach der Autor:innen-Analyse mit der WikiWho-Methode Anfang September zu mehr als 50 Prozent von einem einzigen Account – manchmal von den Abgeordneten und ihren Büros selbst.

Nicht alle machen das transparent. Manche versuchen, Unangenehmes aus dem eigenen Artikel verschwinden zu lassen. Und viele sind sich unsicher, was in der Online-Enzyklopädie überhaupt erwünscht und erlaubt ist. Zu den vier zentralen Grundprinzipien der Wikipedia gehört die Neutralität. Wer in einem Interessenkonflikt steht, dem wird grundsätzlich abgeraten, selbst Artikel anzulegen oder zu bearbeiten. Und doch passiert das immer wieder.

Sandro Halank ist langjähriger Wikipedianer und kennt die Fragen von Abgeordneten zu ihren Artikeln, denn er hat verschiedene Landtagsprojekte und das Bundestagsprojekt 2020 organisiert. Unter dem Motto “Wiki loves Parliaments” gehen dabei ehrenamtliche Wikipedianer:innen in die Parlamente, fotografieren Abgeordnete und stehen bei Fragen zur Seite. 2014 fand der erste Workshop im Deutschen Bundestag statt, 2020 hätten sich etwa 300 Abgeordnete von einem Fotografen ablichten lassen, so Halank.

Monika Grütters, CDU, wird beim Wikipedia-Bundestagsprojekt fotografiert
Monika Grütters, CDU, wird beim Wikipedia-Bundestagsprojekt fotografiert. - CC-BY-SA 4.0 Steffen Prößdorf

„Mein Ziel ist es, den Politikerinnen und Politikern zu helfen, das gut zu machen“, sagt Halank. „Wir empfehlen den Leuten, immer offenzulegen, wenn sie die Artikel selbst bearbeiten. Sie sollten auf keinen Fall als ‚Peter Müller‘ anonym ihren Artikel verschönern, sondern ihre Accounts verifizieren lassen.“ Wenn sie etwa ihre Ausschusstätigkeiten in einem Artikel ergänzen, sei das kein Problem. Belege müssen sie dennoch liefern, denn es gelte das Prinzip der Nachvollziehbarkeit. Und viele versuchen offenbar auch, sich daran zu halten.

Hobbys: Wandern, Rockmusik und der 1. FC Köln

Fast 80 Prozent des Artikels zum FDP-Politiker Markus Herbrand stammen Anfang September von dem Nutzer „Bundestagsbüro Markus Herbrand“. Klickt man auf die Nutzerseite, findet sich dort der Hinweis: „Dieses Benutzerkonto wurde gegenüber dem Support-Team mit einer E-Mail-Adresse von Markus Herbrand (bundestag.de) verifiziert.“ Mehr als 7.500 Zeichen hat der Account Ende Juli zu Herbrands Artikel hinzugefügt. Weil über Markus Herbrand „nicht viel bekannt“ sei, heißt es im Kommentar. Der Liberale will in der nächsten Legislatur für die FDP in Euskirchen wieder ins Parlament einziehen.

Wir haben bei Herbrand nachgefragt. Gegenüber netzpolitik.org erklärt er: „Zur Bundestagswahl 2021 haben wir die lang geplanten, notwendigen Aktualisierungen vorgenommen.“ Der Wikipedia-Account sei auf das Bundestagsbüro angelegt worden, „um dabei die maximale Transparenz zu gewährleisten“. Zu dem Obmann im Finanzausschuss fanden sich vorher nur wenig Informationen auf der Seite, die wichtigsten biografischen Eckdaten, zwei Sätze zur Berufstätigkeit als Steuerberater, grobe Informationen zur Parteikarriere, mehr nicht.

Kein Vergleich zu anderen Abgeordneten, zu deren Artikeln regelrechte Bearbeitungskämpfe laufen, sogenannte Edit Wars. Über 900 Mal bearbeiteten Wikipedianer:innen in diesem Jahr den Artikel der grünen Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock, 16 Mal wurde der Artikel bereits „geschützt“. Dadurch konnten nur Administratoren ihn bearbeiten, aktuell dürfen nur angemeldete Nutzer Editierungen vornehmen – bis zum nächsten Januar.

Ob zum Beruf ihres Vaters, ihrem Lebenslauf oder ihrem Foto, die Diskussionen scheinen nicht zu enden. „Heute läuft die Sperre aus, ein Konsens ist nicht abzusehen. Wie geht es also weiter? Mit Edith Wahr? Eine Abstimmung? Fillibuster to the bitter end? Warten auf Godot oder Baerbocks Rücktritt?“, fragt ein Nutzer auf der Diskussionsseite. Doch während gerade bei den bekannteren Abgeordneten viele Nutzer um die richtige Formulierung streiten, bekommen die Artikel von Politiker:innen aus den hinteren Reihen wenig Aufmerksamkeit.

Gerade einmal 19 Bearbeitungen zählt der Artikel über den FDP-Mann Herbrand seit seiner Entstehung 2017. Das Büro ergänzte umfangreich Angaben zu seinen politischen Positionen, aktualisierte seine Ausschussmitgliedschaften und informierte über seine Leidenschaft fürs Wandern in der Eifel, Rockmusik und den 1. FC Köln. Herbrand selbst bezeichnet seinen Wikipedia-Artikel als eine Art „Visitenkarte im Netz“.

Wikipedia als Außendarstellung im Wahlkampf

„Im Hinblick auf die Außendarstellung im Wahlkampf ergänzt der Wikipedia-Eintrag die aktuellen Wahlkampf- und Politikaktivitäten“, so der Abgeordnete. Wikipedia informiere allgemein über wichtige Themen, Schwerpunkte und den Werdegang, während vor allem in den sozialen Medien aktuelle Aktivitäten dargestellt würden. „Webseite, beziehungsweise Social-Media-Profile sind somit zwei Seiten derselben Medaille – sowohl im Wahlkampf als auch in den deutlich wichtigeren vier Jahren der täglichen parlamentarischen Arbeit.“

Auch das Büro des CDU-Politikers Patrick Sensburg hat in den vergangenen Jahren mit einem verifizierten Account mehrmals Informationen zu seinem Artikel ergänzt, etwa Ausschussmitgliedschaften und biografische Angaben. Hobbys finden sich im Artikel des Abgeordneten jedoch nicht. „In meinem Wikipedia-Eintrag bearbeite ich biografische Angaben und Mitgliedschaften. Alles, was beim Bundestag anzuzeigen wäre, sollte man auch da finden, denn nicht jeder schaut überall“, findet Sensburg, der seit 2009 im Bundestag sitzt.

„Die meisten Sachen landen schnell von allein im Artikel, etwa meine politische Position zu Afghanistan. Da muss man gar nichts selbst ergänzen“, sagt Sensburg. Aber wenn er ein Buch veröffentliche, bekomme das niemand so schnell mit. Das würde er selbst ergänzen, so der Politiker.

Im Wahlkampf habe der Wikipedia-Eintrag jedoch eher keinen besonderen Stellenwert, sagt er. „Da sind andere soziale Medien wichtiger, denn man braucht einen Sendekanal“, so Sensburg. Der eigene Wikipedia-Artikel sei zwar wichtig, aber auch nicht alles.

Erfolglose Versuche, Unangenehmes unter den Teppich kehren

Dass die meisten Sachen schnell von allein in den Artikeln zumindest bekannterer Politiker:innen landen, muss nicht immer positiv für die Betroffenen sein. Denn dazu gehören auch unbeliebte politische Positionen, Skandale und biografische Details, die den Abgeordneten unangenehm sind. Der Wikipedianer Halank rät: „Man sollte immer einen gesunden Abstand zum eigenen Artikel bewahren.“ Inhalte sollten nicht eigenständig entfernt werden. „Man kann nicht alles Unangenehme unter den Teppich kehren.“, sagt er.

Trotzdem versuchen einige Abgeordnete, Dinge aus der Online-Enzyklopädie zu löschen. So der CDU-Politiker Steffen Bilger, der am Ende damit sogar einen Edit War verursachte. Zwischen Februar und März 2019 entfernte der verifizierte Account „Büro Steffen Bilger“ so häufig den Abschnitt zu seinen Positionen zur Deutschen Umwelthilfe, dass der Artikel für normale Nutzer vorübergehend gesperrt wurde. Es ging um einen Beschluss beim CDU-Bundesparteitag 2018, der darauf abzielte, der Umwelthilfe die Gemeinnützigkeit abzuerkennen.

Ein Wikipedianer hinterließ schließlich auf der Nutzerseite den Hinweis:

Guten Morgen, liebe Mitarbeiter des Büro Steffen Bilger, Änderungen – zumal umfängliche – an Artikeln werden nicht im Wege der Führung eines Edit-War erzwungen, sondern wenn unter Nutzung der Zusammenfassungszeile begründet und bei Widerspruch über die zugehörige Diskussionsseite bis zur Konsensfindung geklärt. Und nicht anders.

Wir haben Steffen Bilger gefragt, warum er wiederholt versuchte, den Abschnitt zu entfernen. Bilger betont, dass ihm daran gelegen ist, „dass der Eintrag zu meiner Person aktuell und faktisch richtig ist.“ Der Account sei auf Empfehlung eines ehrenamtlichen Wikipedianers im Rahmen des Bundestagsprojektes 2014 angemeldet und verifiziert worden.

„Als Prinzip gilt immer: es müssen alle Regeln und Gepflogenheiten von Wikipedia, insbesondere die Wahrung eines neutralen Standpunkts und die Verwendung zuverlässiger Quellen gewahrt werden“, so der Parlamentarische Staatssekretär im Verkehrsministerium. Er gesteht jedoch ein: “Die Löschung des Absatzes ‘Positionen’ am 14. Februar 2019, 17:05 Uhr entsprach mit den mehrmaligen Versuch des pauschalen Löschens nicht den oben genannten Grundsätzen.”

Seiner Auffassung nach „war es aber so, dass die damaligen Formulierungen auch den Wikipedia eigenen Prinzipien des neutralen Standpunkts und der Verwendung von Quellen nicht entsprachen.“

Der Edit War um Steffen Bilgers Artikel.
Der Edit War um Steffen Bilgers Artikel. - Screenshot: de.wikipedia.org

Eine Lösung für den Edit War hat Bilger letztlich gefunden, wenn auch auf anderem Weg: „Mein Büro hat mit dem Organisator des Wikipedia Bundestagsprojektes von 2014, Herrn Olaf Kosinsky, Kontakt aufgenommen. Dieser hat, nach eigenen Recherchen, den Artikel editiert. Die von ihm vorgenommenen Bearbeitungen sind bis heute im Artikel.“

Olaf Kosinsky ist seit mehr als zehn Jahren in der Wikipedia aktiv. Zum einen ehrenamtlich als Autor und Fotograf. Aber gleichzeitig bietet er seine Dienste beruflich an: „Ich schreibe für Sie neue Artikel oder überarbeite bestehende“, heißt es auf seiner Website. Auch ein „Pflege- und Überwachungsservice“ gehört zu seinem Portfolio.

„PR raus!“

Doch Fragen tauchen nicht erst auf, wenn es zum Edit War kommt. Was, wenn sich eine Abgeordnete beispielsweise in ihrem eigenen Artikel wiederholt als „Expertin“ bezeichnet? So bei der grünen Abgeordneten Margit Stumpp. Unter ihrem verifizierten Account ergänzte ihr Büro biografische Angaben, Ausschusstätigkeiten – und ihre Rolle als „Expertin für digitale Infrastruktur“ – gleich drei Mal. „Selbstzuschreibungen können schnell nach hinten losgehen“, sagt Halank. Es könne in Ordnung sein, etwa wenn große Tageszeitungen eine Person wiederholt als Expertin bezeichnen, so der Wikipedianer. Generell würde er aber davon absehen.

Stumpp begründet auf Nachfrage die Selbstbezeichnung damit, dass sie in ihrer Fraktion für dieses Teilgebiet zuständig ist. Es gebe aber keine eigene Sprecherinnen-Position dafür, „weil dies zu kleinteilig würde“, so Stumpp. „Um die Zuständigkeit zu einem Teilbereich dennoch zu verdeutlichen, nutze ich, dem Beispiel früherer Fraktionsmitglieder folgend, die Bezeichnung ‚Expertin für digitale Infrastruktur'“.

Manche der Ergänzungen, die ihr Büro für ihren Artikel gemacht hat, sind wieder aus der Wikipedia verschwunden, ein Nutzer löschte große Abschnitte zu ihrem Engagement mit dem Kommentar „PR raus“. Es wird deutlich: Nicht immer sind sich die Ehrenamtlichen und die beschriebenen Personen einig, was enzyklopädisch relevant ist und wann die Selbstdarstellung zu viel wird. Für Stumpp sind die Löschungen jedoch kein Problem: „Das ist das Wikipedia-Prinzip und solange keine falschen Angaben gemacht werden, ist alles in Ordnung“, so die Sprecherin für Medienpolitik.

Sie vertraue auf die Erfahrung der vielen engagierten Autorinnen und Autoren: „Wenn ich zum Beispiel eine von mir auch in der Öffentlichkeit vertretene politische Position als für die Öffentlichkeit relevant einschätze, ein Wikipedia-Autor das aber anders sieht und die Information aus dem Artikel löscht, nehme ich das in der Regel hin“, so Stumpp. Ihre ursprüngliche Motivation war es, falsche Daten zu korrigieren. „In der ersten Version des Artikels waren meine lokalpolitischen Mandate nicht richtig angegeben. Nach der Informationsveranstaltung von Wikimedia im Bundestag vor zwei Jahren hat dann einer meiner Mitarbeiter auch einige Angaben vor allem zu meiner Arbeit als Abgeordnete ergänzt“, sagt Stumpp.

Wer steckt hinter einem Pseudonym?

Bei Stumpp, Bilger, Sensburg und anderen ist klar, wer hinter den Bearbeitungen steckt – zumindest wenn die Leser:innen sich die Mühe machen, die Bearbeitungshistorie zu betrachten. Doch nicht jeder hat einen verifizierten Account. Fast 40 Prozent des Artikels zur grünen Abgeordneten Sylvia Kotting-Uhl stammen von einem Nutzer mit dem Kürzel SKU. Verifiziert ist der Account jedoch nicht. „Mir war nicht bekannt, dass es besondere Verifizierungsmöglichkeiten für Politiker:innen gibt“, so Kotting-Uhl auf Nachfrage. „Heimlich geändert wurde nichts, das Kürzel ist eindeutig mir zuzuordnen. Die Änderungen der letzten Jahre sind Aktualisierungen von leicht nachprüfbaren Fakten, etwa meine Funktion im Bundestag und Mitgliedschaften in Organisationen“, so die Grünen-Politikerin.

Doch manche der Artikel, die zum Großteil aus einer Feder stammen, lassen sich nicht ohne weiteres einer Person oder einem verifizierten Account zuordnen. Die meisten Wikipedianer:innen sind unter einem Pseudonym unterwegs. So fällt auf, dass der Artikel zur Linken Jessica Tatti zu 86 Prozent von einem einzigen Nutzer stammt. Aber diese Person war auch in anderen Bereichen aktiv und bearbeitete Artikel zur Geschichte der Sozialdemokratie genau wie den Eintrag der Burg Hohenstein. Offenkundig wurde der Nutzer nicht extra dafür angelegt, den Beitrag Tattis zu bearbeiten und war bereits viele Jahre vorher aktiv. Das ist nicht bei allen der Fall.

Für große Teile des Artikels zum Bundestagsabgeordneten Andrej Hunko beispielsweise ist ein Nutzer namens MikeMuller1973 verantwortlich. „Ich schreibe über Politik und Politiker (vor allem) in Deutschland“, hieß es bis vor Kurzem knapp auf der Nutzerseite. Ein Blick in die Historie zeigt jedoch: Der Nutzer editiert ausschließlich dann, wenn es Bezüge zu Hunko gibt.

Auch anderen scheint das aufgefallen zu sein. „Hallo, bitte nimm auch Wikipedia:Interessenkonflikt#Gewerbliche und bezahlte Bearbeitungen zur Kenntnis“, lautet ein Hinweis an den Nutzer aus dem letzten Jahr. Eine Reaktion darauf gab es nicht. Wir haben Andrej Hunko gefragt, ob ihm die Bearbeitungen bekannt sind. Gegenüber netzpolitik.org sagt er, es seien in der Vergangenheit tendenziöse Inhalte in seinen Wikipedia-Beitrag eingefügt worden, seitdem beobachteten seine Mitarbeiter:innen die Seite sporadisch.

„Einer meiner Mitarbeiter ergänzte den Text umfassend. Bei den eingefügten Inhalten handelt es sich meines Erachtens um umfangreich belegte, nachprüfbare und neutral formulierte Fakten entsprechend der Richtlinien der Wikipedia“, so Hunko. „Dass bei der Bearbeitung nicht alle Wikipedia-Regeln beachtet wurden, bedaure ich und habe meinen Mitarbeiter gebeten, den erforderlichen Hinweis auf der Seite des Benutzerkontos einzufügen.“

Das ist mittlerweile auch passiert. Nun heißt es auf der Seite, dass der Nutzer in einem Angestelltenverhältnis zu Andrej Hunko steht.

Bratwurst und Thüringer Politiker

Neben Accounts, die nur ihre eigenen Artikel bearbeiten, interessieren sich manche aus dem politischen Spektrum offenbar für viele verschiedene Themen. Dazu gehört die FDP Thüringen. Der verifizierte Account des Landesverbands ist nicht nur für fast 95 Prozent des Eintrags des Thüringer Bundestagsabgeordneten Reginald Hanke verantwortlich, sondern beteiligt sich auch sonst rege an der Online-Enzyklopädie.

Ob Infos zum 1. Deutschen Bratwurstmuseum oder zum Berliner Tagesspiegel. Die FDP Thüringen ist aktiv und hat seit 2017 fast 700 Bearbeitungen gemacht. Auf Fragen von netzpolitik.org, nach welchen Kriterien der Account seine Bearbeitungen wählt, wie viele Personen der FDP Thüringen unter dem Account aktiv sind und ob diese in einem Anstellungsverhältnis mit der Partei befinden, antwortete die Landesgeschäftsstelle der Thüringer Liberalen nicht.

In Gesprächen mit Abgeordneten, die ihre Artikel bearbeiten, wurde eines immer wieder deutlich: Es gibt keinen einheitlichen Umgang der Politiker:innen mit dem Thema. Einige schienen sogar vergessen zu haben, dass jemand aus ihrem Büro vor Jahren mal einen Account angelegt hatte. “Das ist kein großes Thema bei uns”, “da könnten wir professioneller werden”, “der Mitarbeiter, der das mal gemacht hat, ist schon lange nicht mehr da”. Das waren Sätze, die wir immer wieder zu hören bekamen. Viele sind unsicher, was in Ordnung ist und was nicht.

„Lassen Sie es am besten einfach sein!“

Derzeit arbeitet Wikimedia Deutschland gemeinsam mit Wikipedianer:innen an einem Entwurf für Empfehlungen beim sogenannten Paid Editing, dem Schreiben im eigenen Interesse oder im Rahmen eines Auftragsverhältnisses. „Tun Sie es am besten einfach – nicht!“, steht da als erster Satz. Denn klar, da wo Interessenkonflikte bestehen oder Menschen fürs Schreiben bezahlt werden, kommt das wichtige Grundprinzip der Neutralität schnell ins Wackeln.

Es gebe Ausnahmen, einen sehr engen „Duldungskorridor“, nennt es der Entwurf. Unverzichtbar sei aber zumindest ein verifizierter Account. Dann seien belegte „Zahlen, Daten, Fakten“ geduldet oder sogar willkommen. Von allen anderen direkten Bearbeitungen rät der Leitfaden ab. „Die meisten Versuche, sich nicht an die Regeln zu halten, fliegen auf“, heißt es dort auch. Das könnte schlechte Presse in der realen Welt verursachen. „Deshalb – sagten wir das schon? – lassen Sie es am besten einfach sein!“

Aber werden wirklich die meisten Schönungsversuche – seien sie bewusst oder unbewusst – bemerkt? Damit Manipulationen oder auch unabsichtliche Regelverstöße erkannt und diskutiert werden können, braucht es Freiwillige. Doch die Anzahl der aktiven Autor:innen in der deutschsprachigen Wikipedia geht seit Jahren tendenziell zurück, während immer mehr Seiten dazukommen. Dabei braucht es gerade sie, um so viele Augen wie möglich auf die Inhalte der wichtigen Online-Enzyklopädie zu haben.

„Oft sind die Versuche sehr plump, dann fällt das schnell auf“, sagt Sandro Halank. Beispiele dafür gibt es genug, etwa wenn jemand versucht, von einer IP-Adresse des Sächsischen Verwaltungsnetzes Abschnitte zu Rassismus aus dem Artikel des Bundeslandes zu schönen. Doch Halank sagt auch: „Eine hundertprozentige Sicherheit, dass nicht manipuliert wird, kann man nicht geben. Diejenigen, die das geschickter machen, sind schwer zu erwischen und fliegen unter dem Radar.“

Alexander Fanta und Daniel Laufer waren an der Recherche für diesen Artikel beteiligt. Vielen Dank für die Mithilfe!

14 Ergänzungen

  1. Der offensichtlich undeklarierte Bezahlschreiber Olaf Kosinsky hat sich mittlerweile auf der Wikipedia unbeschränkt sperren lassen. Zumindest mit diesem Konto wird es also keine Artikelmanipulationen mehr geben. Ob er mit mehreren Konten einen „Sockenzoo“ zur Verschleierung seiner Marketingdienste betrieben hat, wird gerade in einer Checkuserabfrage überprüft. Danke an dieser Stelle für die detaillierte und belastbare Recherche!

  2. Das ist aber sehr weichgespült bei Euch. Eher in Richtung, die tollen WIKIMEDIA Leute haben mal wieder einen riesen Schritt in Richtung weiter tolle Entwicklung der WIKIPEDIA gemacht. Ala olaf kosinsky best off. Bei Böhmermann jedoch kamen die strukturell bedingten Abgründe des maskulienen „ich mache mir die Taschen voll mit Kennen und ausnutzen des „Freie Autoren“ Systems ( LOL ) “ ziemlich klar zum Ausdruck. Bestes Zitat aus der Sendung, geschrieben von einer WIKIMEDIA Top Person olaf kosinsky “ Wer am längsten durchhält, gewinnt „. Da muss ich Ko**en . Schade „hier“ drum.

  3. Das allerlei Rechtesaußen Autoren in der WIKIPEDIA Geschichtskittung betreiben, ist nicht so wirklich neu. Allein in der Rubrik „Wehrmachtsschlachten “ tummeln sich allerei Typen die schreiben, als hätten Sie Ihr Handwerk beim „Landser“ Verlag gelernt. Inzwischen liest man diesen „pseudoneutralen“ Stil in ziemlich allem, was mit der Deutschen Geschichte zu tun hat. Von der Varus Schlacht als Beginn der gloreichen auf Mut geprägten Nationalen Identität bis hin zur aufopferungsvollen Verteidigung Berlins gegen die Bolschewisten. Stets pseudoneutral aber ebenso stets manipulativ um schlimmste Verbrechen irgendwie als „Kriegslogik“ und als „üblich“ zu verharmlosen und rechte Identitätspolitik zu promoten. Die Wikipedia sollte alles löschen, was nicht in die Rubrik “ Welcher ist der Höchste Berg“ oder so Zeug fällt. Für alles andere ist die WIKIPEDIA strukturell bedingt ein schlimmes Einfalltor für Propaganda. Und am Ende bleibt das stehen, was am längsten durchhalten kann. Geschrieben entweder von Auftraggebern mit hinreichend Finanzmitteln oder ideologischen Freaks, denen keinen Zeitaufwand zu viel ist, um Ihre Sicht der Welt als „Wahrheit“ stehen zu haben.

    1. Zu primitiv bzw. zu kurz gedacht. Wo zieht man die Grenze zwischen wichtigem und unwichtigem Wissen? Wer soll es entscheiden? Das wäre noch viel, viel mehr Arbeit als jetzt.

      In die Wikipedia gehören Fakten. Das sind Informationen, die sich durch belastbare Quellen belegen lassen. Gepostete Angaben die nicht oder nur unzureichend belegt sind, oder eben „pseudoneutrale“, also wertende Formulierungen bzw Schlußfolgerungen müssen aus den Artikeln raus. Da läßt sich schon eine klare Linie ziehen. Es muss nur konsequenter umgesetzt werden, und daran hakt es – natürlich auch wegen „Personal“mangels. Andererseits, d.h. trotz der zu geringen Zahl von Leuten die sich engagieren, sollte man imho Leute bzw auch ganze Firmen, die wiederholt gegen die Regeln verstoßen, viel schneller sperren. Auf solchen Input kann man verzichten. (Alles imho)

      1. Da liegt doch genauso das Übel. Wer bewertet ob eine Quelle Faktenfest ist ? Es wird doch überwiegend auf Presseartikel zugegriffen, was soll das taugen…Auch, wer soll denn nun wem sperren ? Wer entscheidet ? Eine kleine clique von anonymen Männern mit reichlich Zeit…….die sich selbst ( Im Ehrenamt !) als neutrale superchecker definieren ? ZUdem, das ganze anonym… Die Struktur taugt halt einfach nichts, da gibt es wenig schönzureden. Lese ich BILD , weiß ich wer Reichelt ist undwo er steht. Das selbe für FAZ, SZ, WELT, NP,,etc.etc. Das gibt mir eine Einschätzung wie ich dies und jenes im Abgleich zu anderem werten kann. In der WIKIPEDIA indes fehlt das völlig, da kann vom cia , bnd, russia today, antifa who ever, jeder alles mögliche als „Fakten“ dargestellen und dies immer leicht „belegt“ werden. Für mich selber wäre das wg. Medienbildung unproplematisch, aber für viele und leider zunehmend viele, auch durch die Verdrängung kostenpflichtiger Abgebote durch WIKIPEDIA, ist das was dort steht, Fakten. Wäre ich in der PR Branche egal für wem, wöchentlich ein Dankes Prost darauf.

    2. Kannst Du Beispiele von Artikel nennen, auf die Deine Beobachtung zutrifft?

      Ich möchte mir hier noch ein paar Anmerkung erlauben. In der Wikipedia schreiben freiwillige Autoren über Themen, die sie interessieren. Beim Schreiben kommt es allgemein zur einer Beeinflussung durch die eigene Meinung und Ideologie. Das lässt sich nicht verhindern und wird auch von Netzpolitik.org anerkannt. (Siehe https://netzpolitik.org/ueber-uns) Neonazis & Co, die ein ruhmreiches Weltbild der deutschen Geschichte pflegen, schreiben entsprechend auch über dieses Thema. Dabei kommt es zwangsweise zu einer Infiltrierung ihres Gedankenguts. Der Ausschluss entsprechender Personen wäre praktisch schwierig durchzuführen und würde auch dem Projektziel einer Enzyklopädie, bei der jeder mitmachen kann, widersprechen. Die einzige Möglichkeit etwas der Entwicklung der Wikipedia in die von dir beschriebene Richtung entgegenzubringen besteht in der Beteiligung anderer Menschen, die nicht dieses Weltbild pflegen, an entsprechenden Artikeln.

      Auch eine von einem Verlag herausgegebene Enzyklopädie, die von einer professionellen Redaktion erstellt wurde, wird durch die Meinung von Verlag und Redaktion beeinflusst. Damit ist auch diese potentiell anfällig gegenüber „Propaganda“.

      Übrigens sind vermeintliche Fakten oftmals nicht ganz unumstritten. Etwa der von Dir als Beispiel genannte höchste Berg: https://de.wikipedia.org/wiki/H%C3%B6chster_Berg Der Einfall von „Propaganda“ lässt sich also auch bei diesen Themen nicht verhindern.

  4. Was nicht verstanden wird, ist dass es für eine richtige echte KI vermutlich vieler tausender Versuche bedarf, um eine neutrale oder auch nur eine „akzeptable“ zu erhalten. Versuche, das ganze Ding zu „bauen“ oder wachsen zu lassen. Es wird eine eigenständige Entität sein, an der nichts nachvollziehbar sein wird, und deren Aufwachsen vermulich Jahrzehnte oder Jahrhunderte benötigen wird, wenn es richtig angegangen wird. Andere vermuten, eine „echte“ KI wird einfach so entstehen – ja, aber vielleicht eher als Ameisenkönigin, Nuklearknopfdrückerin, oder exklusiv dezidiertem Fan exzessiven Gamings. Die Alternative sind Systeme mit eher klassisch trainierten Bestandteilen, dann aber auch mit algorithmischem Kleber und bzw. oder einem Beratungskonzept. Bis auf die Geschwindigkeit der Entscheidungen wird es dabei viele Stellschrauben geben, alles flasch zu machen, oder es auch zu manipulieren. Die andere denkbare Entwicklung wäre eine schnell hochgezogene KI-Variante, deren Sprache zu erlernen erst einmal 100 Jahre und mehr in Anspruch nehmen wird.

    Es ist nicht selbstverständlich, dass „Rettung aus dem All“ naht. Vernünftige Regeln müssen wir uns schon selbst ausdenken, sie testen, und korrigieren. Derzeit befinden wir uns diesbezüglich in blöder Erstarrung.

  5. Schon 2012 gab es eine intensive Diskussion um Christian Lindner (FDP), der offenbar unbedingt seine Pleite als Internet-Unternehmer aus Wikipedia gestrichen haben wollte:
    https://taz.de/Wikipedia-Eintrag-von-Christian-Lindner/!5075666/
    Und bis heute ist dies auch ein gutes Beispiel dafür, wie man Fakten in Wikipedia so darstellen kann, dass sie doch irgendwie anders klingen als es eigentlich die Quelle sagt, auf die sich die Aussage bezieht. Wikipedia sagt: „Lindner war von 2000 bis 2001 Geschäftsführer und verließ dann das Unternehmen. Im Zuge des Niedergangs des neuen Marktes meldete Moomax später Insolvenz an.“ Bei der Quelle, einem Artikel der FAZ, klingt es so: „Für Lindner ist die politische Karriere eine zweite Chance, nachdem die erste als Unternehmer und Unternehmensteilhaber mit einer Bruchlandung endete.“

  6. Guter Beitrag. Und auf jeden Fall erheblich informativer als Böhmermanns Beitrag. Den hatte ich zuerst gesehen und mich über einige Behauptungen doch sehr gewundert. Wer wie ich gelegentlich für die Wikipedia schreibt – und nein: nicht gegen Bezahlung! ;-) -, hatte bisweilen den Eindruck, dass es Böhmermann vor allem ums Skandalisieren geht.

  7. Das Problem ist das Wikipedia keine Advertorial Artikel zulassen.

    Der Einwand das so etwas in einer Enzyklopädie nichts verloren hat, entgegen ich gerne damit das sehr viele Artikel in Wikipedia kaum über jenem eines Advertorial-Artikel hinauskommen in vielen fällen die Qualität sogar schlechter ist.

    Das Argument das sich dann keine kritischen Informationen finden – wenn eine Firma, Konzern, Person oder Partei es ernst nimmt werden sich diese auch in einem Advertorial-Artikel wiederfinden, was dann durchaus auch die Glaubwürdigkeit und somit das Interesse steigert.

    Als Beispiel eines derartigen Artikels sei die österreichische Staatoper genannt.
    https://de.wikipedia.org/wiki/Wiener_Staatsoper

    Hier fehlt sowohl der Opernmord vom Frühjahr 1963 die die damalige noch junge Republik in den Grundfesten erschütterte, als auch zwei Ballettskandale, wobei der erste Skandal die öst. Tanzszene bis heute nachhaltig beeinflusst.

    Das gilt ebenso für die Ballettakademie der Wiener Staatsoper
    https://de.wikipedia.org/wiki/Ballettakademie_der_Wiener_Staatsoper

    Wobei hier die gesamte Geschichte des zweiten Weltkriegs ausgelassen wurde, damit ebenso unerwähnt jene die Tänzerinnen die geflüchtet sind oder von den Nazis ermordet wurden. Lediglich wohl notgedrungen wurde auf den zweiten Skandal vom April 2019 eingegangen.

    Da wäre es sicher gescheiter wenn das Theater Museum oder die Staatsoper selbst die beiden Artikel als Advertorial-Artikel neu verfassen (schlimmer kann es nicht mehr wenden), ohne das dritte mit ihrem halbseichten Wissen ihren Senf dazu geben.

Wir freuen uns auf Deine Anmerkungen, Fragen, Korrekturen und inhaltlichen Ergänzungen zum Artikel. Unsere Regeln zur Veröffentlichung von Ergänzungen findest Du unter netzpolitik.org/kommentare. Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.