Unendliche WeitenEine Expedition in die Welt der Avatare

Welches Potential bieten virtuelle Räume, um Theater ins Digitale zu übertragen? Katharina Haverich und Holger Heißmeyer haben verschiedene Möglichkeiten ausprobiert und berichten davon.

Endlich mal socializen aus dem Bett heraus
Endlich mal socializen aus dem Bett heraus. Gemeinfrei-ähnlich freigegeben durch unsplash.com @barbarazandoval

Katharina Haverich ist Performance- und Multimedia-Künstlerin. Aktuell untersucht sie mit unreal.theater und neo.Neuland die Potentiale von social VR. Holger Heißmeyer ist Programmierer, Künstler und Diplom-Psychologe. Er entwirft spielerische, interaktive Anordnungen im kulturellen Kontext, in deren Zentren medial vermittelte Kommunikation steht.

Dieser Beitrag ist zuerst in dem Band „Theater und Macht – Beobachtungen am Übergang“ (PDF) erschienen, der von der Heinrich-Böll-Stiftung und nachtkritik.de in Zusammenarbeit mit weltuebergang.net herausgegeben wurde.

Vorab

In Social VR [(1)] sind die klassischen Hierarchien zunächst ausgehebelt: keine künstlerische Leitungsebene, keine Presse, keine Fördergeldgeber/innen. Bei jedem neuen virtuellen Raum, den wir betreten, fragen wir uns: Welche Stilmittel gibt es zu entdecken und wie nutzen wir unsere künstlichen Körper? Was macht Begegnungen in digitalen Räumen wertvoll? Können die virtuellen Bars, Clubs, Konferenzräume und Theater, in denen wir uns aktuell aufhalten, ein Ersatz für einen physischen Ort sein? Welche Hierarchien bedingt die Technik, der Zugang zu ihr und das Wissen über sie? Welche Hierarchien werden reproduziert, welche nicht, und welche Rolle spielen wir dabei?

Bild 1: Reinkommen in VRChat – schlimmer als Berghain

Apropos Rolle spielen. Noch wackelig stolpern wir hinein, und es fühlt sich an, wie nach Drehschluss das Filmset einer Comic-Film-Produktion zu betreten. Die Figuren drehen frei, weil Menschen auf der ganzen Welt in ihre Rollen schlüpfen können. Es gibt kein Skript und keine Aufsicht. Machtvoll fühlt es sich an, einfach da zu sein. Sich Zugang zu dieser fremden Welt verschafft zu haben.

Die Eintrittskarte, das sind entweder gut 400 EUR für eine VR-Brille (Oculus Quest) oder ein hochwertiger Computer (ab 1.000 EUR). Richtig Mitmachen und Abtauchen geht nur mit Brille. Gutes Internet braucht es auch. In VR-Chat finde ich 25.000 leere Räume, wenn ich möchte. In Berlin gibt es keine bezahlbaren Proberäume. Und es ist Lockdown. Sind wir geflohen oder erobern wir gerade?

Bild 2: Eröffnung Prater Digital – eine Begehung

Esst der freundliche Herr, der das Bier durch die VR-Brille zu sich nimmt.
Esst der freundliche Herr, der das Bier durch die VR-Brille zu sich nimmt. - Alle Rechte vorbehalten Frank Höhne

Einen Lockdown und ein paar Streams später werden wir dafür gebucht, Publikum durch virtuelle Welten zu begleiten. Einige Kulturinstitutionen sind aus ethischen und sicherheitstechnischen Gründen in Mozilla Hubs [(2)].

Die Gäste sind am Desktop dabei. WASD Navigation, wir treffen auf den Kulturbetrieb: Berliner Festspiele, Journalist/innen, Kurator/innen. Alle da. Freundliche Kommentare auf die personalisierten Roboter-Avatare. Zwischendurch bisschen Müsli essen (gemutet), Kinder wegorganisieren (am Handy) und Pakete für die Nachbarin annehmen («Sorry, bin kurz rausgeflogen.»). Ich hingegen schließe mit VR-Brille die Tür, mache das Handy leise und bin nicht ansprechbar.

Retani [(3)] berichtet aus dem Prater Digital: «Ich stehe mit euch im Kreis in dieser Amphitheaterwelt, aber ihr habt keine Hände. Wir alle sind Objekte, die sich durch den Raum schieben. Ich aber habe Hände und kann gestikulieren. Weil ich in Brille und mit Controllern bin. Aber ihr achtet gar nicht darauf, weil ihr am Bildschirm sitzt und nicht die Immersion erlebt, die aber ins Stocken gerät, ruckelt, mich durcheinanderbringt. Chri5py schmeißt Objekt um Objekt in den Raum. [(4)]

Virtuelle Leinwände mit Youtube-Videos türmen sich und versperren die Sicht. Chaos und Überforderung. Ich wünschte, ich wäre nur am Bildschirm und mich würde das alles kalt lassen. Zum Schluss entdecken wir doch noch Poesie, denn die Namen über unseren Avataren lassen sich ändern und können uns eine dezentrale Geschichte erzählen. Ich heiße U-Schönleinstraße und bewege mich. » Das Interface von Mozilla Hubs ist auf den ersten Blick verwirrend, und es ist unklar, welche Handlungsmöglichkeiten überhaupt bestehen. Nach unseren Erlebnissen in VRChat sind wir erst einmal enttäuscht. Es fühlt sich nicht immersiv an, die Grafik ist schlecht, die Interaktionsmöglichkeiten (keine Hände!) sind reduziert. Andererseits ist es wesentlich einfacher, ohne große Vorkenntnis neue Räume anzulegen.

Bild 3: Zwischenstop bei der Dramaturgischen Gesellschaft – Katharinas Tischgespräch

Ebenfalls in Mozilla Hubs, in nachgebauten Räumlichkeiten der Akademie für Theater und Digitalität, fand die Jahrestagung der Dramaturgischen Gesellschaft statt. Katharina hat dort ein Tischgespräch geleitet und teilt hier ihre Erfahrungen: «Ich habe mir den digitalen Veranstaltungsraum zwei Tage vor der Tagung angeschaut und mir überlegt, wo ich meine Photos und ein kurzes Video zum Thema ‹Digitales Erleben› zeigen möchte.

Zugelassen sind maximal 20 Teilnehmer/innen, das hat mit dem Server zu tun. Weil nur ca. 7 Personen da sind, bitte ich die Roboter-Gäste [(5)], ganz nah zu kommen an die Leinwand, damit ich nicht so laut reden muss. Nach Veranstaltungsende sprechen wir noch in kleinem Kreis – wie in echt. Meine Kollegin Sonja ist da, ich freue mich sehr, wir haben uns lange nicht gesehen. Wenn wir Mozilla Hubs am PC mit VRChat in der Brille vergleichen, ist es, wie einen Film auf dem Handy im Zug anschauen oder mit 3D-Brille im IMAX am Potsdamer Platz sitzen. Hubs ist Repräsentation, VRChat eine alternative Realität.

Bild 4: RC3

Der Kongress des Chaos Computer Club fand dieses Jahr in der «2D World» statt, einem eigens entwickelten System [(6)], bei dem sich Avatare im Browser auf einer gestalteten zweidimensionalen Oberfläche begegnen, die an ein Computerspiel aus Zeiten des C64 erinnert. Es ist «open source» und so offen, dass jede/r eigene Welten anbauen und Teleporter in andere Welten setzen kann. Rhizomatisch wie die Sehnsucht des Internets. Hackerspaces werden nachgebaut: Die Lübecker Innenstadt und Meetingräume entstehen, das Messezentrum Leipzig klingt in endlosen Korridoren an, bald gibt es einen Flughafen zu entdecken, einen Dungeon, das Mini-Berghain [(7)], schließlich ein kollaboratives Spiel, welches Orte miteinander verbindet.[(8)]

In unserer kleinen Welt, die wir in wenigen Tagen zusammengeschustert haben, präsentieren wir unsere Abenteuer aus VRChat[(9)] und freuen uns über jede/n Besucher/in, der/die hineinschneit. Etwas fällt auf: Im Gegensatz zu Mozilla Hubs, wo nur 20 Gäste zugelassen waren, können hier richtig viele Avatare gleichzeitig unterwegs sein. Es wimmelt wie in einem Bienenstock [(10)] Sobald zwei Avatare einander näherkommen, öffnet sich ein Videofenster, dass im Normalfall ein Live-Kamerabild der Gesichter der Spieler/innen zeigt und zudem einen Audiokanal öffnet.

Dieser plötzliche Wechsel zwischen unverbindlichem Beäugen und Full-on-Videokonferenz fühlt sich mitunter heftig, gar übergriffig an, so dass wir vorsichtig werden und Unbekannten ausweichen, wenn wir uns nicht stark fühlen. Doch bald passen wir uns an, verstärken unsere Individualität und unser Bedürfnis nach Privatheit mit Hilfe von Videofiltern, die unser Kamerabild modifizieren und zeigen, was wir zeigen wollen. Die Begegnungen werden durch diesen Trend zunehmend zu Türchen im Adventskalender. Man kann schon sagen, dass uns eine kollektive Euphorie im Aneignen dieser Welten und der gegenseitigen Bespaßung erfasste, wie sie 30.000 einsamen und nicht-einsamen Nerds gebührt.

Reisefazit: Machtfaktoren in Technik und Immersion

Immersion geht überall. Die 2D-Welt wirkt erst einmal unspektakulär, bietet aber spannende spielerische Möglichkeiten und Begegnungen auf egalitärer Ebene. Die Screenshots aus Mozilla Hubs erscheinen eindrucksvoll und plastisch, die reale Interaktionserfahrung fällt demgegenüber ab. Hubs und 2D sind offen und erstmal leer, das Bauen von Räumen ist vergleichsweise zugänglich.

Unser Lieblings- und Hauptreiseziel VRChat ist proprietär und bereits bevölkert von Weebs, Furries, Teens, Geeks, Noobs und Deppen. Räume und Avatare bauen ist dort etwas für Spezialist/innen, dafür sind sie stark und ausdrucksvoll, und ein unverwechselbarer Avatar verleiht Individualität und Ansehen. Die Möglichkeit, seinen Spieltrieb auszuleben und Berührungen zu fühlen, lässt die Umgebung als Welt mit unbegrenzten Möglichkeiten erlebbar werden. Das Streamen der eigenen Perspektive auf die Mattscheibe von Twitch ist eine genreprägende Medienkombination.

Diese Macht über die Perspektive korrespondiert mit der Macht des Technikwissens und derjenigen, ein Publikum zu haben. Wenn es eine Dehierarchisierung von Theater in der Netz-Welt geben kann, dann hat das auch mit unendlich vielen Bühnen, die 24/7 bespielbar sind, zu tun. Was zählt, ist der Unterhaltungswert für eine Community, die es sich aufzubauen gilt. Frei von deutschen Kulturaufträgen, Förderregularien, Zeitgeist der Kunstwelt und Abo-Publikum. Unabhängig von Spielplänen und Bühnenzeiten. Losgelöst von 60- bis 180-Minuten-Formaten. Freie Szene, feste Häuser, Provinztheater, all das spielt keine Rolle.

Ausblick

Wir treffen uns jetzt regelmäßig zum Stammtisch in VRChat und laden Leute dazu ein. Nächste Termine in VR-Chat: 06.06., 07.07., 08.08., 09.09., 10.10., 11.11. und 12.12.2021. Kommt gern vorbei: Befreundet retani, kathav, chri5py und unrealactor in VRChat, und los geht’s! [(11)]

Fussnoten

  • (1) Katharina Haverich und Holger Heißmeyer beschäftigen sich als Teil des Kollektivs unreal. theater während der Pandemie mit den Möglichkeiten digitaler Räume. Seit März 2020 sind sie auf der Suche nach neuen Bühnen in virtuellen Realitäten. Angefangen hatte es mit einer Einladung, eine Show live im Internet zu machen, woraufhin sie aus der Social-VR-Plattform VR-Chat gestreamt haben. (Social-VR: Zwei oder mehr Menschen treffen sich in Virtual Reality zum Lachen, Spielen, Streiten, Lernen oder Lehren, Schmusen, Arbeiten etc.).
  • (2) Mozilla Hubs ist «eine experimentelle, VR-freundliche Plattform, die vom Mozilla-Team Mixed Reality entwickelt wurde. Hubs ist ein Werkzeug zur privaten Kommunikation und Zusammenarbeit, „Sie können sich damit virtuell mit anderen Menschen treffen und mithilfe von Internetressourcen Ihre Meetings und virtuellen Veranstaltungen gestalten.» Quelle: https://support. mozilla.org/de/kb/erste-schritte-mit-hubs-von-mozilla
  • (3) Holger Heißmeyers Alias.
  • (4) Im Gegensatz zu den anderen Plattformen können Besucher/innen in Hubs externe Objekte laden. Diese Handlungsmöglichkeit gehört zu den stärksten dort.
  • (5) In Mozilla Hubs sind erstmal alle Roboter. Wählbar ist die Farbe des Roboters. Es besteht zudem die Möglichkeit, ein Photo von sich hochzuladen, woraufhin Gesicht und Haare vom Roboter automatisch individualisiert und dem eigenen Gesicht angepasst werden.
  • (6) Dieses System ist nun unter https://workadventu.re verfügbar.
  • (7) Der virtuelle Nachbau einer Installation aus Bauzäunen, Musik und Türsteherposten, die ihrerseits schon auf dem physischen Chaos-Camp im Sommer 2019 zu erleben war.
  • (8) Es geht darum, den Passierschein A38 zu erwerben. Auf dem Weg dorthin wird man jedoch selbst Teil des Systems und schickt andere Leute in die Irre. Oder so ähnlich.
  • (9) Das Besondere an dem Abend: Besucher/innen unserer Welt forderten Theater, nachdem wir gesagt hatten, dass wir mit unreal.theater an Theater in VR forschen. Weil wir mit Masken und Bier im Büro saßen, schwappte analoger Übermut den Flaschenhals hoch, und wir spielten Molière in VRChat.
  • (10) In VRChat passen ein oder zwei Dutzend maximal in eine Welt, aber die Quest stürzt meist schon bei 10 ab. Und hören kann man dann auch nicht mehr viel.
  • (11) Für VRChat-Neulinge ist unter https://unreal.theater ein Video verlinkt, das den Einstieg erleichtert
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    Eine Ergänzung

    1. VRChat habe ich nie genutzt, da dieses unfrei ist. Einige Wochen bevor ich erstmals von VRChat gelesen habe, bin ich auf das Reactive Virtual Agent toolkit des UMONS Institute for Creative Technologies aufmerksam geworden. Dieses baut auf der freien Godot Engine auf.

      Workadvanture kenne ich von den Chemnitzer-Linuxtagen, die dieses Jahr erstmals online stattfanden.

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