Neues aus dem Fernsehrat (56)

Wikimedia startet Kampagne für Nutzungsfreiheit bei öffentlich-rechtlichen Bildungsinhalten

Mit einer neuen Kampagne erhöht Wikimedia Deutschland den Druck auf öffentlich-rechtliche Anstalten, Bildungsinhalte unter freien Lizenzen zu veröffentlichen. Ein offener Brief lädt ein, Unterstützungserklärungen abzugeben.

Illustration, Kati Szilágyi für Wikimedia Deutschland e. V.
Bearbeiten, weiternutzen, kreativ sein: mit freien Lizenzen für Bildungsmaterialien wäre das möglich. CC-BY-SA 4.0 Kati Szilágyi für Wikimedia Deutschland e. V.

Seit Juli 2016 darf ich den Bereich „Internet“ im ZDF-Fernsehrat vertreten. Was liegt da näher, als im Internet mehr oder weniger regelmäßig Neues aus dem Fernsehrat zu berichten? Eine Serie.

Sicher nicht zufällig in der derzeit laufenden Aktionswoche für freie Bildungsunterlagen („Open Education Week“) hat heute Wikimedia Deutschland gemeinsam mit dem Deutschen Bibliotheksverband und dem Bündnis Freie Bildung eine „Kampagne für Nutzungsfreiheit bei öffentlich-rechtlichen Bildungsinhalten“ gestartet. Die Forderungen kompakt in einem Absatz zusammengefasst:

Schließen Sie sich der Forderung von Wikimedia Deutschland an und setzen Sie sich dafür ein, dass Bildungsinhalte des öffentlich-rechtlichen Rundfunks unter freie Lizenzen gestellt werden. Denn: Beiträge, deren Erstellung durch öffentliche Gelder finanziert wird, sollen auch der Öffentlichkeit dauerhaft zur Verfügung stehen. Lehrkräfte und Bildungsakteure können die Inhalte so ohne Einschränkungen als Lehrmaterialien im Unterricht nutzen.

Teil der Kampagne ist ein offener Brief samt Möglichkeit, sich dessen Forderungen mit der eigenen Unterschrift anzuschließen. Zu den Erstunterstützer:innen zählen beispielsweise der Filmemacher und Drehbuchautor Mario Sixtus (seine Mockumentary „Operation Naked“ erschien unter Creative-Commons-Lizenz) sowie die Medienwissenschaftlerin Charlotte Echterhoff (hier ein Interview mit ihr in dieser Reihe).

Freie Lizenzen lösen rechtliche Probleme

Begründet wird die Forderung nach freien Lizenzen für öffentlich-rechtliche Bildungsinhalte in einer Aussendung zum Kampagnenstart mit zahlreichen Problemen der geltenden Rechtslage:

Oft ist es nutzungs- oder urheberrechtlich aber gar nicht möglich, die Inhalte herunterzuladen, anzupassen oder in den eigenen Unterricht aufzunehmen. Das fängt schon mit der Mediathek selbst an: Eigentlich dürfen Inhalte daraus nur “zu Privatzwecken” gestreamt werden. Herunterladen? Nur in Einzelfällen wie bei “Terra X” und “Planet Schule” gestattet. Im Unterricht zeigen? In den meisten Bundesländern gilt Unterricht spätestens ab der Mittelstufe oder sobald er auch in klassenübergreifenden Kursen stattfindet als “öffentlich”. Auch zu Bildungszwecken darf hier eigentlich nichts ohne ausdrückliche Genehmigung gezeigt werden, Ausnahmen sind im „Urheberrechts-Wissensgesellschafts-Gesetz“ (UrhWissG) geregelt. Geschützte Sendungen vollständig zu zeigen ist danach aber nicht zulässig, bearbeiten oder kürzen darf man die Inhalte gemäß den Nutzungsbedingungen auch nicht.

Alle diese Einschränkungen oder Rechtsunsicherheiten könnten durch konsequenten Einsatz freier, Wikipedia-kompatibler Lizenzen vermieden werden. Dass außerdem in der Folge mehr öffentlich-rechtliche Videos in der Wikipedia selbst landen dürften, wäre ein auch für die öffentlich-rechtlichen Anstalten attraktiver Zusatznutzen.

Öffentliches Geld, öffentliches Gut?

Besonders empfehlenswert ist ein Blick in die im Presse-Bereich versteckten FAQs zur Kampagne. Dort finden sich Antworten auf Fragen wie „Wieviel würde es den öffentlich-rechtlichen Rundfunk kosten, diese Forderungen umzusetzen?“ – Antwort: wenig, wenn Inhalte ohnehin online verfügbar gehalten werden – oder: „Dürfen die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanbieter das überhaupt?“ Die kurze Antwort auf die letzte Frage lautet „Ja“, wobei Wikimedia das noch mit Verweis auf ein wettbewerbsrechtliches Gutachten untermauert (siehe auch die Slides eines Vortrags von mir zu diesem Thema).

Die neueste Kampagne ist Teil der bereits seit einiger Zeit laufenden Initiative „Öffentliches Geld – öffentliches Gut“, mit der sich Wikimedia Deutschland gemeinsam mit anderen Partnern für freie Lizenzen bei öffentlich finanzierten Inhalten einsetzt. Aus Sicht eines Fernsehrats ist es natürlich erfreulich, dass jetzt auch öffentlich-rechtliche Inhalte stärker in den Fokus gerückt werden. Bleibt zu hoffen, dass das ZDF diesbezügliche Anregungen des Fernsehrats in sein neues Telemedienkonzept mitaufnimmt und es bald mehr frei lizenzierte Inhalte gibt als nur einige wenige Clips der Doku-Reihe Terra X.

Du möchtest mehr kritische Berichterstattung?

Unsere Arbeit bei netzpolitik.org wird fast ausschließlich durch freiwillige Spenden unserer Leserinnen und Leser finanziert. Das ermöglicht uns mit einer Redaktion von derzeit 15 Menschen viele wichtige Themen und Debatten einer digitalen Gesellschaft journalistisch zu bearbeiten.

Mit Deiner Unterstützung können wir noch mehr aufklären, viel öfter investigativ recherchieren, mehr Hintergründe liefern - und noch stärker digitale Grundrechte verteidigen!

Unterstütze auch Du unsere Arbeit jetzt mit deiner Spende.

 

Unsere Arbeit bei netzpolitik.org wird fast ausschließlich durch freiwillige Spenden unserer Leserinnen und Leser finanziert. Das ermöglicht uns mit einer Redaktion von derzeit 15 Menschen viele wichtige Themen und Debatten einer digitalen Gesellschaft journalistisch zu bearbeiten.

Mit Deiner Unterstützung können wir noch mehr aufklären, viel öfter investigativ recherchieren, mehr Hintergründe liefern - und noch stärker digitale Grundrechte verteidigen!

Dann unterstütze uns hier mit einer Spende.

8 Ergänzungen
  1. Unabhängig vom Urheberrecht ist das 2. große Ärgernis, dass die Mediatheken rechtlich massiv beschnitten sind, da es den ÖR wohl untersagt ist, die Inhalte für länger als nur ein paar Tage vorzuhalten. Das ist furchtbar! Und ich glaub, die meisten Mitarbeiter in den ÖR finden das auch Scheiße, aber sie müssen gute Miene zum bösen Spiel machen …

    Ich bin kein Experte, mir kam da neulich eine Idee: Kann man diese Regel nicht einfach umgehen?

    So weit ich weiß, ist es nur den ÖR untersagt, anderen Organisationen jedoch nicht. Hier meine Idee: Die ÖR beauftragt eine externe Organisation mit dem Betrieb der Mediatheken und überträgt ihr alle Nutzungs- und Veröffentlichungsrechte. Und jetzt macht diese Organisation eben halt die Mediatheken, und zwar ohne rechtliche Depublizierungspflcht. Da diese Organisation ja eben nicht mehr Teil der ÖR ist. :-)
    Vielleicht braucht man auch mehrere Organisationen und ein kompliziertes Geflecht, hauptsache, man ist halt diese ätzende Depublizierungspflicht los.

    Wie und ob das im Detail rechtlich funktionieren kann, weiß ich auch nicht. Ist vielleicht viel komplizierter alles … Die Idee ist halt, irgendein Schlupfloch mithilfe kreativer Organisationskonstrukte dürfte sich doch finden. :-)

    Großkonzerne machen es ja vor mit ihren Steuerspartricks. Vielleicht kann man von denen ja lernen. :D

    Mas meinst du? Realistisch?

    1. Nein, eine so simple Umgehung ist rechtlich nicht möglich. Aber in den meisten Bereichen jenseits von Sport dürfen Inhalte heute auch in den Mediatheken schon viel länger als ein paar Tage zugänglich gemacht werden – hier ist es dann eine Abwägungsfrage, ob ARD/ZDF mehr Geld für längere Verweildauern vorhandener bezahlen wollen oder das Geld lieber in Neuproduktionen/Lizenzerwerb investieren wollen.

  2. Naja, die Idee mit CC hat nur einen klitzekleinen Haken: Es müssen halt alle Mitwirkenden ihre Erlaubnis abgeben, sonst wird das nix. Das ist immer sehr mühsam. Es müsste zuerst ein kompletter Sinneswandel stattfinden, und zwar den ganzen ÖR durch, in allen Schichten. Na dann viel Glück damit! Es wird immer ein paar Dickköpfe geben, die partout auf ihre heiligen Urheberrechte bestehen werden, und mit denen kann man zu 0% verhandeln. CC ist nicht die Lösung. Ein paar Werke kann man mit viel Diskutieren vielleicht auf eine freie CC-Lizenz kriegen, aber wohl kaum alle. Oder hast du da einen besseren Plan?

    Es wäre viel besser, wenn alle vom ÖR produzieren Werke einfach automatisch gemeinfrei wären. Überhaupt sollten wir uns als Produzenten (wir bezahlen den Zirkus ja!) fragen, warum wir standardmäßig keinerlei Rechte an den vom ÖR produzierten Werken besitzen, sondern uns allen möglichen Verboten (nicht kopieren, nicht modifizieren, nicht aufführen, etc.) unterwerfen müssen. Aber auch das wird ein harter politischer Kampf sein, fürchte ich.

    1. Das mit dem Bezahlen ist so eine Sache: derzeit bezahlen die öffentlich-rechtlichen häufig eben nicht genug an (vor allem: freie Mitarbeiter:innen), um umfassende Rechte zu erwerben, sondern zahlen weniger und dann dafür im Fall neuerlicher Ausstrahlung „Wiederholungshonorare“. Creative Commons gegen den Widerstand der Mitarbeiter:innen durchzusetzen halte ich deshalb für eine problematische Vorgehensweise.

      Mein Vorschlag wäre stattdessen, einen Bonus für CC-Lizenzierung bei gleichzeitigem Verzicht auf Wiederholungshonorare einzuführen, um Anreize für Redaktionen zu bieten, frei zu Lizenzieren. In Folge 28 dieser Reihe ging es übrigens genau um die Frage, warum CC-Lizenzen so schwierig sind.

  3. ALLE Inhalte, die öffentlich-rechtliche Medien produzieren oder co-produzieren, müssen frei sein. Wenn ein Mitwirkender damit nicht leben kann, ist er eben raus aus dem Zirkus.

  4. Der nächste Schenkelklopfer. WIKIMEDIA, ein Unternehmen deren Wertschöpfungsmodell Lizenzvergabe an Dritte ist, z.b Amazon, Google, ebay etc.etc.. startet eine Petition ,mit der Forderung, dass der Content der zur Ausführung Ihres Businesscases – besagter Lizenzvergabe – nötig ist, aus Steuergeldern bezahlt werden muss. (…!) Ich will auch das Zeug haben, dass Ihr raucht ! Und jetzt bitte nicht mir „Wissensallemende“ und so nen scheiß daher kommen. WIKIMEDIA hat es in der Hand, eine NONcommercial Lizenz für content aufzusetzen. Wird aber nicht gemacht, DA JA GERADE die kommerzielle Verwertung der Lizenznehmer im Vordergrund steht !

Wir freuen uns auf Deine Anmerkungen, Fragen, Korrekturen und inhaltlichen Ergänzungen zum Artikel. Unsere Regeln zur Veröffentlichung von Ergänzungen findest Du unter netzpolitik.org/kommentare. Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.