Seit Juli 2016 darf ich den Bereich „Internet“ im ZDF-Fernsehrat vertreten. Was liegt da näher, als im Internet mehr oder weniger regelmäßig Neues aus dem Fernsehrat zu berichten? Eine Serie.
Wie in dieser Reihe berichtet, veröffentlichte die ZDF-Dokureihe Terra X vor kurzem erstmals Videos unter einer freien, Wikipedia-kompatiblen Lizenz. Inzwischen sind die kurzen Clips rund ums Thema Erderhitzung bereits in einer Reihe von Wikipedia-Artikeln prominent platziert – vom Artikel zu „Klimawandel“ über jenen zu „Klimamodell“ bis hin zu „Eisbohrkern“. Die Reichweite der Videos dürfte dadurch mit der Zeit beträchtlich gesteigert werden.

Die Forderung danach, öffentlich-rechtliche Inhalte frei zu lizenzieren, ist ja alles andere als neu. Bereits vor über fünf Jahren hat sich die ARD in einer eigenen Arbeitsgruppe mit dem Thema Creative Commons im öffentlich-rechtlichen Rundfunk beschäftigt. Erst jetzt wurden aber erstmals auch tatsächlich hochwertige Inhalte unter Wikipedia-kompatiblen Lizenzen veröffentlicht. Ein mehr als guter Grund also, mit Friederike Haedecke (Redaktionsleiterin Terra X) und Kirsten Bode (Projektleiterin Terra X Web) darüber zu sprechen, warum es diesmal geklappt hat mit den freien Lizenzen. Das Interview wurde telefonisch geführt und freigegeben.
„Bildungsvermittlung benötigt Reichweite“
netzpolitik.org: Wie ist es zu der Entscheidung gekommen, Clips von Terra X unter einer Creative-Commons-Lizenz zu veröffentlichen – und zwar nicht nur unter irgendeiner, sondern unter eine freien Creative-Commons-Lizenz, die mit der Wikipedia kompatibel ist?
Friederike Haedecke: Das war tatsächlich schon lange ein Wunsch von uns, das zu tun. Als Terra X stehen wir im ZDF für die Bildungsvermittlung und wollen eine möglichst große Verbreitung unserer Inhalte erreichen. Andererseits sehen auch wir selbst, dass egal zu welchem Thema wir googlen, wir im Netz schneller auf Falschinformation als auf die richtigen stoßen. Dementsprechend sind das die beiden Ausgangspunkte gewesen, die uns wirklich schon seit Jahren Lust machen, das auszuprobieren.
netzpolitik.org: Wie stark ist Terra X eigentlich inzwischen auch ein Online-Angebot, also jenseits der bloßen Zweitverwertung in der Mediathek?
Friederike Haedecke: Wir sind mit Terra X seit gut drei Jahren stärker im Online-Bereich beschäftigt. Und wir sind jetzt an einem Punkt, der für uns sehr wichtig ist, wir werden uns perspektivisch in nächsten Jahr 2020 nochmal stark ausweiten, sobald uns das neue Telemedienkonzept die Möglichkeiten dazu gibt. Dazu werden wir demnächst Genaueres präsentieren. Spätestens da stellt sich die Frage, wo wollen wir mit unseren Inhalten präsent sein. Wir haben schon vor längerer Zeit auch Kontakt aufgenommen zu den Kollegen von Wikimedia und Wikipedia. Die sind da sehr gesprächsbereit und offen.
netzpolitik.org: Haben sie auch andere Partner als Wikipedia beziehungsweise Wikimedia im Blick gehabt?

Friederike Haedecke: Wir haben gleichzeitig auch Kontakte zu Bildungseinrichtungen und zu Forschungsinstituten, weil wir eben auch die Chance sehen, dass wir unseren öffentlich-rechtlichen Bildungsauftrag einfach viel konsequenter wahrnehmen können. Das sind mögliche Ausspielwege für uns. Auch bei den Forschungseinrichtungen sind die Leute sehr bereit zur Kooperation, weil die natürlich nach Open-Source-Chancen suchen, die wir ihnen bieten können.
„Die Wikipedia-Community hat sich auf die Videos gestürzt“
netzpolitik.org: Kommen wir zu den konkreten Inhalten, die jetzt unter CC veröffentlicht wurden.
Friederike Haedecke: Wir haben jetzt einen Piloten zum Klimawandel produziert, weil es ein aktuell stark relevantes Thema ist – wichtiger geht eigentlich momentan nicht. Und wir hatten die Bereitschaft aller Beteiligten, unter CC-Bedingungen mitzumachen. Und alle fanden freie Lizenzen gut und haben sich auch so ins Zeug gelegt, dass wir das Freitagabend vor unserer sonntäglichen Sendung dann auch tatsächlich an den Start bringen konnten.
netzpolitik.org: Gab es Schwierigkeiten oder Hürden, die bei der Realisierung des Projekts gemeistert werden mussten?

Kirsten Bode: Für uns war das ganze ja auch ein Pilot, um den Workflow zu testen. Man stellt dann fest, dass man Dinge anders streamen lassen muss, nochmal anders mit dem Branding aufpassen muss, dass man Rechtshinweise reinschreiben und irgendwie präsentieren muss. Also die Dinge der praktischen Produktion, bei denen man erst einmal schauen muss, wie man es richtig macht.
Friederike Haedecke: Der Arbeitsaufwand im Vergleich zu einer normalen Online-Publikation, wie wir sie ja täglich mehrfach haben, ist doch deutlich höher. Eine der Absichten, die wir jetzt mit der Veröffentlichung der frei lizenzierten Inhalte verbinden, ist einmal zu schauen, wie aufwändig ist es denn wirklich? Wieviel Mehraufwand bedeuten freie Lizenzen. Ist es jetzt nur ein Mehraufwand, weil wir es zum ersten Mal machen und der sich in der Folge in Routine verwandeln und gelernt werden?
netzpolitik.org: Wie sind die allerersten Erfahrungen und Rückmeldungen, seit die Inhalte unter freien Lizenzen veröffentlicht wurden?
Friederike Haedecke: Wir hatten zu Beginn auch ein paar kleinere Bereiche, die optimiert werden konnten. Zu denen haben wir aber dankenswerterweise auch gleich Rückmeldungen erhalten. Und genau das brauchen wir im Moment, wo wir nachsteuern möchten.
Kirsten Bode: Auch die Wikipedia-Community hat sich gleich drauf gestürzt und hat die Clips sofort da hochgeladen.
„Es gibt eine große Bereitschaft, weiter zu gehen“
netzpolitik.org: Gibt es Pläne für weitere frei lizenzierte Inhalte und gibt es Gespräche mit anderen Redaktionen, gibt es inzwischen einen Arbeitskreis oder ähnliches zu „Creative Commons“ im ZDF?
Friederike Haedecke: Wir werten zunächst die Ergebnisse unseres Testversuchs aus. Wir möchten dabei gerne schauen, was passiert mit den Inhalten, wird verantwortlich damit umgegangen?
Es gibt eine große Bereitschaft unsererseits, da weiter zu gehen und es auch mit Kolleginnen und Kollegen hier im Haus weiter voranzutreiben. Unser Bereich ist Bildung und Wissenschaft, da ist es eigentlich am leichtesten. Das gilt ja nicht für das gesamte ZDF, wo man teilweise mit ganz anderen Lizenzsituationen zu kämpfen hat. Zum Beispiel bei Spielfilmen.
netzpolitik.org: Jenseits von zukünftigen Beiträgen, wie sieht es mit dem Archiv von Terra X aus?
Friederike Haedecke: Wir haben uns auch mit der Frage befasst, können wir rückwirkend arbeiten. Wir haben natürlich unendliche Archive aus fast 40 Jahren Terra X. Da ist viel Schönes drinnen. Aber dies ist mit hohem Aufwand verbunden. Wir nehmen uns erst einmal die Themen vor, die in der Zukunft liegen. Wir wollen uns da auf die Themen konzentrieren, die besonders gesellschaftsrelevant sind. Das war beim Klimawandel jetzt natürlich gegeben.
Kirsten Bode: Bei Archivinhalten sind es außerdem immer Einzelfallprüfungen. Auch wenn vergleichsweise wenige Personen involviert waren muss überprüft werden, ob es hier Beteiligte mit Sonderverträgen oder ähnlichem gab.
netzpolitik.org: Nun ist es ja oft so: man gibt dem Internet den kleinen Finger und es will gleich die ganze Hand. Eine der ersten Rückmeldungen auf Twitter auf die Veröffentlichung der Clips war dementsprechend die Frage, ob man nicht auch gleich Rohversionen, zum Beispiel von Animationen oder ähnlichem, zugänglich machen könnte. Bei der niederländischen Fernsehserie “Mind of the Universe” des öffentlich-rechtlichen Rundfunkanbieters VPRO wurde beispielsweise die Rohfassung des Videomaterials im Umfang von rund 30 Stunden ebenfalls zugänglich gemacht.
Friederike Haedecke: Das erfordert natürlich eine noch größere Bereitschaft der Kollegen, dabei mitzumachen. Das Rohmaterial ist ja letztlich nicht die perfekte Form, in der ein Kreativer auch sein Werk präsentieren möchte.
Bei Animationen könnte das aber in verschiedenen Stadien interessant sein. Ich erfinde einmal ein Beispiel: wenn wir ein digital animiertes Modell eines Wollhaarnashorn entwickeln, dann ist das zunächst nur der Körper und noch kein Fell. Hier könnte man ermöglichen, dass andere ein ganz anderes Fell auf Basis dieser Grundlage animieren. Da wäre es also durchaus vorstellbar, so eine Urfassung zu erhalten und weiterzugeben. Aber wir müssen dann eben auch diese Rechte an solchen Frühformen der Entwicklung haben.
netzpolitik.org: Vielen Dank für das Gespräch.
