Cory Doctorow auf der re:publica

Es gibt noch eine andere Pandemie und es ist eine ideologische

Wir haben nicht nur eine Coronakrise, sondern auch eine Vertrauenskrise. Das hat der Autor, Aktivist und Journalist Cory Doctorow auf der virtuellen re:publica erklärt und fordert: Wir brauchen mehr Pluralismus, damit unsere Welt so bleibt, wie wir sie kennen.

Graffity des Monopoly-Männchens mit Anzug, Fliege und Hut, hält sich einmal die Augen zu, einmal die Ohren und einmal den Mund.
In einer Pandemie müssen wir unseren Insitutionen vertrauen können. Dass das verloren gegangen ist, liegt auch an den großen Tech-Konzernen, sagt Cory Doctorow und fordert mehr Gesetze gegen Monopole. Gemeinfrei-ähnlich freigegeben durch unsplash.com Brian Miller

Der Science-Fiction-Autor Cory Doctorow ist leidenschaftlicher Verfechter des Pluralismus und arbeitet bei der Electronic Frontier Foudation gegen Monopole. In einem Vortrag im Rahmen der re:publica im digitalen Exil sprach er darüber, warum wir nicht nur mitten in der Coronakrise, sondern auch noch in einer anderen Krise stecken, nämlich der des Vertrauens in Institutionen.

Das sieht man auch daran, dass es mehr Verschwörungsmythen gibt, sagt Doctorow. Aber für ihn spielt noch ein anderer Grund eine wichtige Rolle: Weil Gesetze zu viel Spielraum für Monopole lassen, gebe es tatsächlich mehr Intrigen – und auch wissenschaftliche Institutionen hätten Fehler gemacht. Wir fassen hier die wichtigsten Punkte zusammen.

Tech-Giganten führen zu mehr Verschwörungsmythen

Das Geschäftsmodell der großen Tech-Konzerne wie Google, Facebook oder Amazon scheint simpel: Sie verkaufen Werbung an Unternehmen, weil sie angeblich Menschen gut von Dingen überzeugen können. „Wenn du uns eine Werbung gibst, dann finden wir heraus, wie Menschen dir glauben und dir Geld geben“, heißt das Versprechen.

Das sei allerdings nicht ganz richtig, sagt Doctorow: Tatsächlich seien die Tech-Giganten vor allem Experten darin, die richtigen Menschen zu finden. Nur weil massenhaft Menschen etwa eine Kühlschrankwerbung sehen, werden nicht zwangsläufig mehr Kühlschränke verkauft. Denn die meisten Menschen haben vermutlich bereits einen Kühlschrank und sind bestens versorgt. Die Kunst der Unternehmen bestehe vielmehr darin, Menschen zu finden, die gerade einen Kühlschrank kaufen wollen – und genau denen dann einen anzubieten.

Diese Expertise, Menschen mit ihren Bedürfnissen zu finden und zusammenzubringen, kann die Welt besser machen. Denn wenn sich Menschen online vernetzen, etwa weil sie gemeinsam für den Klimaschutz kämpfen wollen, dann kann das viel bewirken. Genauso können aber auch Menschen zusammenfinden, die an Verschwörungsmythen glauben.

Suche nach Wahrheit

Diese Menschen eint das Misstrauen in Institutionen. Das große Problem dabei ist, dass wir uns niemals sicher durch die Welt navigieren können, ohne jemand anderem zu vertrauen. Institutionen sind eigentlich ziemlich gute Einrichtungen, wenn es um die Suche nach der Wahrheit geht. Denn durch sie müssen wir nicht auf Einzelpersonen vertrauen, die Fehler machen oder falsch liegen können.

Institutionen hingegen statten wir mit vielen Expert:innen aus. Auch die können Fehler machen, hören sich aber grundsätzlich Beweise von konkurrierenden Wissenschaftler:innen an und kommen irgendwann zu einem Ergebnis. Das veröffentlichen sie und erklären, wie sie dazu gekommen sind. Außerdem müssen sie neutral sein und Interessenskonflikte sichtbar machen.

Cory Doctorow im Screenshot
Cory Doctorow hat auf der re:publica 20 über Big Tech, Monopole und Vertrauen in Institutionen gesprochen. Wegen der Corona-Pandemie virtuell direkt aus seinem Arbeitszimmer.

Das ist ein nachvollziehbarer Prozess. Nicht perfekt, aber gut und ausreichend. Und trotzdem ist dieser Prozess in Verruf geraten, erklärt Doctorow. Denn eigentlich sollen die Expert:innen in den Institutionen neutral und unparteiisch sein. Das sind sie aber nicht immer. Denn an der Klimakrise haben beispielsweise Ölkonzerne Zweifel gesät, wo gar keine sind und Expert:innen dafür bezahlt, dass sie falsche Ergebnisse veröffentlichen.

Dazu gehört auch die Wahrheit, dass der freie Markt gut ist und es in Ordnung sei, wenn Firmen immer mehr fusionieren und ihre Konkurrenz einfach einkaufen können. Letztlich hilft das vor allem den Investoren, nicht aber den Konsument:innen oder der Öffentlichkeit.

Die Stunde der Großkonzerne

Die großen Tech-Konzerne haben laut Doctorow vor allem von gelockerten Monopol-Gesetzgebungen profitiert. Google hat eine gute Suchmaschine gebaut, alles andere aber eingekauft. Amazon hat eine große Plattform gebaut, und kommt jetzt an Daten, mit denen sie sich weitere Märkte erschließen können.

Weil die Tech-Branche immer mächtiger und schwieriger regulierbar wird, werden Institutionen, die sie eigentlich regulieren sollten, immer disfunktionaler und weniger erkenntnisgeleitet, erklärt Doctorow. Die EU habe Copyright-Filter beschlossen, obwohl sie offensichtlich nicht funktionieren. Dabei profitieren vor allem die großen US-amerikanischen Firmen von dieser Entscheidung. Denn die Entwicklung von solchen Filtern koste viel Geld, das nur sie aufbringen könnten. Damit habe die EU ihre eigenen Unternehmen quasi ausgeschlossen und den Tech-Giganten den Weg frei gemacht.

Vertrauen zurückgewinnen

Daraus folgert Doctorow: „Menschen glauben also nicht an Verschwörungen, weil sie faul oder dumm sind, sondern, weil es mehr Intrigen gibt.“ Die daraus entstehende Krise bezeichnet er als „epistemologisch“, also „erkenntnistheoretisch“. Es scheint unklar, wem man noch vertrauen kann und welches Wissen wirklich wahr ist.

Diese Krise des Vertrauens in Institutionen wurde auch ausgelöst, weil die Institutionen selbst Fehler gemacht haben. In Verbindung mit der Coronakrise verstärkt sich aber auch die Krise des erkenntnistheoretischen Zusammenbruchs um ein Vielfaches. Denn in einer Pandemie müssen wir wissen, ob wir unseren Institutionen vertrauen können: Sollen wir zu Hause bleiben, sollen wir Abstand halten, sollen wir Masken tragen?

Wenn wir unseren Institutionen vertrauen, werden Dinge besser. Wenn aber die Coronakrise schlimmer wird, wird auch die erkenntnistheoretische Krise schlimmer. Grundsätzlich gilt für Doctorow: Wir können unseren Institutionen aus guten Gründen vertrauen. Alle Dinge, die diese Verschwörungsmythen befeuert haben, gab es schon lange vor dem Coronavirus. Und es wird sie auch noch lange danach geben – wenn wir nichts dagegen unternehmen.

Während wir mit der Krise umgehen müssen, die uns so unvorbereitet getroffen hat, müssen wir auch mit der erkenntnistheoretischen Krise umgehen, sagt Doctorow: „Lasst uns Menschen einen Grund geben, um wieder in unsere Institutionen vertrauen. Lasst uns evidenzbasierte Vorgehensweisen wiederherstellen, indem wir die entsprechenden Umstände schaffen: Eine pluralistische Welt, die nicht von wenigen Konzernen dominiert wird.“

Vier Forderungen

Daraus leitet Cory Doctorow vier Forderungen ab:

  1. Keine Fusionen mit Konkurrenten mehr.
  2. Strukturelle Abgrenzung: Kein Wettbewerb zwischen Plattformen und Unternehmen, die auf diesen Plattformen aktiv sind.
  3. Interoperabilität anordnen: Offene Schnittstellen soll die vollständige Abhängigkeit von wenigen Riesenfirmen verhindern.
  4. Das „Filternet“ entfernen: Wir können nicht Pflichten, die eigentlich Staaten erfüllen sollen, Unternehmen unterschieben – oder wir müssen diese Unternehmen so klein machen, dass sie nicht über den Staaten stehen. Wenn wir Unternehmen dazu bringen, wie Staaten zu sein, dann müssen wir befürchten, dass sie unsere Staaten übernehmen.

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7 Ergänzungen
  1. Guter Artikel, wir brauchen Systemkritik statt Verschwörungsgebrabbel.
    Zu Ideen wie die über Bill Gates, der bekanntlich Erschaffer dies Virus ist, und der übrigens auch die Mondlandung gefälscht und Lady Di ermordet hat- tragen diese digitalen „Eliten“ allerdings auch selber bei- so wirklich gesund ist diese Datensammelwut jetzt auch nicht, genauso wenig wie die krankhafte Distanzlosigkeit, die dahinter steht.
    Ist schon ein schönes Symbol- Abstand halten als effektive Maßnahme, in einer Gesellschaft, die die Privatsphäre zunehmend nur nach als lästiges Luxusgut gesehen und Stalking zu einer Art Kunstform erhoben hat, in verschiedensten Varianten, quer durch alle Schichten.

  2. Das Vertrauen in Institutionen zu erschuettern und untergraben ist letztlich ein Standardvorgehen des Neoliberalismus und Neofeudalismus: die Staerksten glauben diese nicht zu brauchen und sehen sie nur als Hindernisse beim Ausleben ihrer Freiheiten. Das Ziel ist ein schwacher Staat, schwache Institutionen, Vertrauensverlust. Denn ohne Vertrauen ist Kooperation sehr schwer und teuer, und die Starken koennen sich das leisten. Und es wird viel einfacher, mit dem leistbaren Aufwand zu manipulieren.

    Trump, Johnson, Bolsonaro: sie zeigen, dass es funktioniert.

    Die gebildete Mittelschicht haette die Moeglichkeiten, dagegen zu arbeiten und die Institutionen zu staerken. Aber man guckt lieber auf die schlechter gestellten herab und verteidigt seine Privilegien, bis es einen zerreibt.

  3. Mir ist trotz Lesen des Artikels nicht klar, wie Cory Doctorow mit den vier Forderungen Vertrauen schaffen will. Wenn Konkurrenzen fusionieren, dann ist das meist nur der billigere Weg, den Konkurrenzen zu zerschlagen. Aber doch nicht der einzige. Offene Schnittstellen schön und gut, keine Internetfilter und Hoheitsaufgaben an US-Firmen vergeben – ja, richtig! Zuckerberg darf nicht Richter und Henker in Personalunion sein, um deutsches Recht umzusetzen. Aber das allein schafft noch kein Vertrauen.

    Nein, um Vertrauen in unsere Institutionen zu schaffen, sind zuerst einmal zwei Dinge notwendig.

    1. Abkehr von der Alternativlosigkeit

    Der Politikstil, bei Entscheidungen das Totschlagargument der Alternativlosigkeit auszupacken, hat enormes Vertrauen gekostet. Wenn eine Entscheidung getroffen werden soll, müssen ALLE Alternativen auf den Tisch, alle müssen besprochen und diskutiert werden und dann muss einzeln und sauber begründet werden, warum welche Alternativen ausscheiden und welche übrig bleiben. Wer sich hinstellt und behauptet, etwas sei alternativlos, der verweigert jede Debatte und schafft den Nährboden für Parteien wie die AfD und VTs.

    Das gilt auch rückwirkend. Kein ernstzunehmender Wissenschaftler darf mit der Behauptung durchkommen: „Deutschland ist doch gut durch die Corona-Krise durchgekommen, das beweist, dass die Maßnahmen sinnvoll waren“. Weil das das gleiche, haarsträubende Argument ist, mit dem Homöopathieanhänger die Wirksamkeit von Zuckerkugeln begründen: „Du bist doch gesund geworden, also wirken Globuli“. Nein, so nicht! Korrelation ist kein Beweis. Wenn Entscheidungen unter Zeitdruck und mit vielen unbekannten Variablen getroffen werden müssen, wie beim Shutdown, dann muss man sich hinterher trotzdem die Zeit nehmen, diese blitzsauber zu begründen. Und sei es nur, um es beim nächsten Mal (noch) besser zu machen.

    2. Informationsauftrag der öffentlich-rechtlichen Medien

    Der Informationskrieg, der momentan zwischen den ÖRM und den sogenannten Alternativen Medien (AM) läuft, ist schädlich und kostet viel Vertrauen. ARD und ZDF präsentieren ihre Experten, meist im Chor mit der Bundesregierung – die AM fahren ihrerseits Experten auf, meist auf Gegenkurs zur Regierung. Und weil jeder Recht haben will, wird mit Faktenchecks der Splitter im Auge des andere gesucht, diffamiert, denunziert und stets nur die Argumente vorgebracht, die die eigene Position stützen. Und da benehmen sich die ÖRM eben keinen Deut besser als die AM.

    Nur (!) die ÖRM haben aber einen Informationsauftrag! Statt 100 Talkrunden mit den immergleichen Virologen und Politikern zu veranstalten, wäre es die Aufgabe der ÖRM, die verschiedenen Experten an einen Tisch zu holen! Von mir aus nach 23:00 Uhr, aber bitte nicht in einem Unterhaltungsformat a la Illner, Maischberger oder Lanz, sondern als echtes Expertenstreitgespräch. Wenn sich ein Drosten, Streek, Kekule, Bahgdi, Wodarg und Schiffmann mal 2 Stunden an einen Tisch setzen, wäre so ein „Talk“ für mich sehr viel vertrauensschaffender als alles, was die ÖRM sonst so produzieren. Vor allem könnte sich der Zuschauer tatsächlich eine fundiertere Meinung bilden, wenn diese Experten miteinander reden und nicht über verschiedene Kanäle übereinander. Und wenn ein Experte sich nicht in so ein Studio traut, disqualifiziert er sich selbst – auch gut.

    Dazu muss aber diese „Kontaktschuld“ aufhören! Iiihh, du warst mit dem oder dem in einem Studio, jetzt bist du verbrannt… Was für ein Quatsch! Es zählt, was die Leute sagen, nicht mit wem sie reden! Setzt die Experten alle an einen Tisch, lasst sie debattieren und auf einen Schlag werden ganz viele VT’ler arbeitslos.

    Diese beiden Punkte wären in der Praxis sofort umsetzbar und sie würden für mehr Transparenz und Vertrauen sorgen.

  4. Ich habe eine Menge der Bücher von Doctorow gelesen und liebe seine Geschichten, aber er fällt hier in die selbe Falle, über die er sich echauffiert. Wir leben in einer argumentationsmüden Zeit, in der es sich alle bequem machen damit, die argumentativen Gegner im Disput zu vernichten, anstatt sich ihren Argumenten zu stellen und diese auseinander zu nehmen, gemeinsam im Diskurs sich der Wahrheit zu nähern.
    Und zu diesem Disput, aus dem Feld der Politik, gehört definitiv das Wort Verschwörungstheorie und die damit einhergehende Verunglimpfung des Gegners. Es wird mit den unlauteren rhetorischen Mitteln gekämpft anstatt mit den Mitteln der Aufklärung. Und das ist das eigentliche Problem. So funktioniert Demokratie nicht, indem Institutionen die Wahrheit verkünden und argumentativer Autoritarismus darüber bestimmt, wer die Wahrheit sagt und wer Verschwörungstheoretiker ist.
    Das ist übel, ganz übel.
    Der Begriff Verschwörungstheorie ist meiner Meinung nach das Unwort unserer Zeit.
    Die Leute machen es sich so einfach. Und ich weiß nicht, was gerade die CO₂-Frage damit zu tun hat. Gerade diese ist auch in wissenschaftlichen Kreisen umstritten. Wir haben erdgeschichtliche Zeiten, die der These des menschengemachten Klimawandels diametral entgegen stehen, wir haben eine Coronakrise, die weltweiten CO₂ Ausstoß auf etwa ein drittel herunter gefahren hat — ohne irgend eine Wirkung auf den CO₂ Anteil, im Gegenteil, er steigt. Entgegen der kruden Thesen der Verfechter dieser These.
    Und das kann nicht faul mit „Verschwörungstheorie“ abgefrühstückt werden, das wird es aber. Auch von Docotow. Abgesehen davon bin ich völlig seiner Meinung. Ich weiß auch nicht genau, was jetzt die Wahrheit ist, aber die Klima-Frage ist zu recht umstritten, soviel kann ich feststellen. Und damit sind die „radikalen Maßnahmen“, die von jenen gefordert werden fraglich, schädlich, gefährlich.
    Denn wir haben keine klaren, radikalen Daten, die Wettermodelle haben Probleme, das Wetter auch nur auf eine Woche vorher zu sagen, aber wir wollen das Klima — über das wir fast nichts wissen — auf Jahrzehnte vorhersagen können?!
    Also wer hier die Kritiker dieses Narrativs faul als „Verschwörungstheoretiker“ abfrühstückt, braucht sich meiner Meinung nach nicht zu wundern, wenn das Vertrauen in Institutionen verfällt.
    Diskurs statt Disput wäre mal ein konstruktiver Ansatz und das heißt, dass das Wort „Verschwörungstheorie“ schleunigst aus unserem Sprachschatz verschwinden muss. Das gehört in den Diput, in die Vernichtungsstrategie des argumentativen Gegners, das gehört in die 38 Todsünden der Rhetorik aus Schopenhauers Katalog der Scheußlichkeiten.
    Und hier muss auch Doctorow etwas lernen. Wir alle müssen lernen daraus. Und ich kann den elenden Klima-Disput nicht mehr ertragen, das ist so ideologisch wie es nimmer geht. Wissenschaftlich ist das jedenfalls nicht mehr. Das ist nur noch Geschwafel und Machtpolitik. Mir haben Tränen in den Augen gestanden, als sie in Deutschland das neueste, beste, modernste und sicherste Atomkraftwerk gesprengt haben. Das ist nicht sinnvoll gewesen. Mit den alten Dingern aufzuräumen, da sehe ich ja durchaus einen Sinn drin, aber als die Medien über die Sprengung gejubelt haben, habe ich gestöhnt. Es gibt Leute, die diese Bewegung in Deutschland die Grünen Khmer nennen. Und da haben sie einen Punkt in dieser hasserfüllten, ideologischen Selbstzerstörung.
    Von diesem Tripp müssen wir schleunigst runter oder gute Nacht.

    1. Ich möchte klarstellen, dass Doctorow keine der Studien zum Thema CO2 als Verschwörungsmythen bezeichnet. Er nimmt sie als ein Beispiel dafür, dass das Vertrauen in Institutionen erschüttert wird, wenn Expert:innen nicht unabhängig, sondern im Auftrag von Unternehmen arbeiten. Dadurch könnten Studien vorurteilsbehaftet und unausgeglichen sein, argumentiert Doctorow. Solche Studien erschüttern Vertrauen und können damit Verschwörungsmythen begünstigen, sind aber selbst keine. Falls das in meinem Text falsch rübergekommen ist, tut mir das leid. Insgesamt beschreibt Doctorow also genau das Problem, was auch du ausdrückst: „Wissenschaftlich ist das jedenfalls nicht mehr. Das ist nur noch Geschwafel und Machtpolitik.“ Die Frage, wem wir noch glauben können, beantwortet er mit der Forderung nach unabhängigen Institutionen, zu deren Arbeitsweise natürlich auch wissenschaftlicher Diskurs gehört.

      1. Es ist halt mittlerweile notwendig, bei jeder Aussage oder Studie nachzufragen, von welchen Interessen sie geleitet sein koennte und was davon als Manipulationsversuch gewertet werden muss. Eben weil es dauernd gemacht wird, und weil auch die OeR-Medien das oft genug gemacht haben.

        Das ist extrem aufwendig, fuer viele praktisch nicht machbar, und letztlich bleibt das Gefuehl, keiner Information mehr vertrauen zu koennen. Das kann sich nur leisten, wer sehr stark ist, fuer die ist das zT ihr Alltag. Alle anderen koennen sich gefuehlt aussuchen, woran sie glauben wollen, „mach ja eh keinen Unterschied gegen die da oben“.
        Das erodiert die Fundamente des demokratischen Staates und einer solidarischen Gesellschaft. Wie wir seit Maggie „there’s no society“ Thatcher wissen, ist das das Ziel der Handelnden.

  5. Was auch zum Misstrauen gegen Institutionen, bzw. (die da oben) und gegen die Presse beiträgt, sind die von Vertretern dieser immer häufiger genannte Forderung „Fake-News“ und „Hate-Speech“ etc… zu verbieten.
    Wer aufmerksam die Presse ließt, und unseren Politikern zuhört stellt fest, dass dort aus diversen Gründen oft „Fake-News“ in Form z.B. von Ungenauigkeiten, die den Sprecher halt eben gerade nicht interessieren, Fehleinschätzungen die aber als Gewissheit präsentiert werden um die eigene Position politisch weiterzubringen und auch Uninfortmiertheit, wenn einfach der falsche nicht-Fachjournalist ein (kompliziertes) Thema bearbeitet. Es ist auch den Arbeitsbedingungen als Journalist geschuldet und der „Breaking-News“-Erwartung, dass einfach Pressemitteilungen oder Agenturmeldungen 1:1 ohne journalistischen Mehrwert Veröffentlicht werden. Nicht hier, zum Glück, aber es gibt unzählige „News-Ticker“. Das nährt natürlich Verschwörungstheorien über Presse und Politik etc. Zum Abschluss wollte ich noch an die „Beweise für Massenvernichtungswaffen im Irak“ und an Horst Seehofer: „Wir verteidigen unser Sozialsystem bis zur letzten Patrone.“ erinnern. Aus meiner Sicht ist „Fake-News“ und „Hate-Speech“ von der Meinungsfreiheit gedeckt, der Überbringer ist halt wahlweise ein „Idiot“ oder „Arxxx“. Für „Beleidigung“ etc. gibt es bereits Gesetze, die man auch anwenden sollte, anstatt irgendeinen Konzern zensieren zu lassen.

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