Digitaler Unterricht in Zeiten von Corona

Es fehlt die direkte Kommunikation

Lernplattformen gibt es schon lange, die Coronakrise verlangt der Infrastruktur an den Schulen aber mehr ab. Lehrer:innen und Schüler:innen müssen miteinander kommunizieren – am besten funktioniert das, wenn man sich gegenseitig sieht. Wir haben nachgefragt, wo es bereits Videokonferenzsysteme gibt.

Man sieht den Hinterkopf eines Jungen, der eine unscharfe Landkarte in der Hand hält und darauf schaut.
Wo geht`s lang? In der Coronakrise müssen viele Schüler:innen alleine klarkommen. Ihnen fehlt vor allem die Kommunikation – die Länder bauen Infrastruktur für Videokonferenzen aber nur langsam auf. Vereinfachte Pixabay Lizenz jeshoots

Mitte März wurde klar, dass die Schulen schließen müssen, um die Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen. Viele Schulen haben versucht, auf digitalen Unterricht umzustellen. Dazu greifen sie auf bereits bestehende Lernplattformen zurück, die, teils mit durchwachsenem Erfolg, einen guten Teil der Aufgaben bewältigen können.

Dennoch haben selbst etablierte Werkzeuge ihre Defizite. Vor allem fehlen ihnen Tools zur direkten Kommunikation, etwa über Videotelefonie, und auch der Datenschutz hat nicht immer Priorität. Diese Situation kritisieren auch Schüler:innen selbst.

Viele Schüler:innen fühlen sich alleine gelassen: “Zwischen dem alleinigen Aufgaben erledigen und einer Unterrichtsstunde befinden sich Welten.”, erklärt Moritz Masch vom Brandenburger Schülerrat. Die „gesamte Verantwortung für den Lernerfolg“ werde gerade den Schüler:innen aufgebürdet, schreibt die LandesschülerInnenvertretung NRW: „Hinzu kommt ein überfülltes Postfach von Schüler:innen und Lehrer:innen, mit 20 Nachrichten, die alle bearbeitet und beantwortet werden müssen.“

Eine Kommunikationsplattform für individuelle Fragen wünscht sich die Landessschülervertretung Thüringen, eigene E-Mail-Adressen für alle Schüler:innen fordert der Landesschülerrat Brandenburg.

Solide Grundlage

Die meisten Bundesländer betreiben für ihre Schulen die Lernplattform „Moodle“ oder ein ähnliches System. Dort können Nutzer:innen Material wie Aufgaben oder Dokumente austauschen und Arbeitsgruppen bilden. Baden-Württemberg stellt jeder Schule eine eigene Moodle-Instanz zur Verfügung, Rheinland-Pfalz ist nach eigenen Angaben selbst an der Entwicklung der Open-Source-Software beteiligt, in Bayern ist sie in das landeseigene System „mebis“ integriert.

Für Videokonferenzen mussten einige Länder kurzfristig die kommerzielle Video-Erweiterung „Webex“ von Cisco kaufen, so in Berlin, Schleswig-Holstein oder Rheinland-Pfalz. Allerdings sollen die meisten dieser Systeme laut den zuständigen Ministerien nur für eine Übergangszeit die hohen Zugriffszahlen abfangen. Langfristig soll die offene Software BigBlueButton oder Jitsi Meet auf landeseigenen Servern bereitgestellt werden.

Bis über die Plattform it’s learning des Landes Bremen Videokonferenzen möglich sind, arbeiten die Schulen dort mit der kommerziellen Software Zoom, teilte die Senatorin für Schule mit. Diese Entscheidung sei in Abstimmung mit dem Finanzsenator sowie mit einem externen Datenschutzbeauftragten getroffen worden.

Auf unsere Nachfrage gab die Bremer Datenschutzbeauftrage an, dass sie nicht in die Entscheidung einbezogen wurde, den Einsatz von Zoom aber für „nicht unbedenklich“ halte: Der Quellcode sei weder einsehbar noch überprüfbar, zudem würden mindestens die Metadaten auf US-amerikanischen Servern verarbeitet.

Eigene Videokonferenzsysteme sind Realität

Datenschutzfreundlicher sind selbstgehostete Videokonferenzsysteme, wie es sie mit BigBlueButton in Sachsen und Sachsen-Anhalt schon gibt. Getestet wird noch in Baden-Württemberg, im Saarland oder in Thüringen. Dahinter stehe die Idee einer eigenverantwortlichen Schule, erklärt das Schulministerium aus Sachsen-Anhalt und verweist auf die Leitlinien zur IT-Ausstattung von Schulen.

Deutschlandkarte

Außerdem habe BigBlueButton auch gegenüber kommerziellen Alternativen einen größeren Funktionsumfang, man könne Präsentationen hochladen, anzeigen und zum Herunterladen freigeben, Abfragen durchführen oder gemeinsam auf ein Whiteboard schreiben. Die Thüringer Landesschülervertretung begrüßt außerdem die Datenschutzfreundlichkeit eigener Plattformen.

Lehrer:innen sollen sich kümmern

Trotzdem darf die Verantwortung nicht auf die Schulen abgeschoben werden, sondern die Bundesländer brauchen eine klare Strategie für die schulische Infrastruktur. Gar kein Videokonferenzsystem bietet bisher Mecklenburg-Vorpommern, hier „dürfen“ Lehrer:innen selbst entscheiden. Aktuell laufe ein Vergabeverfahren für ein landesweites Lern-Management-System, heißt es aus dem Ministerium.

Auch in Hessen und Bayern gibt es bisher keine Videokonferenzsysteme des Landes. Bayern empfiehlt in einem Schreiben an alle Schulen mögliche ergänzende Werkzeuge wie „cloud-gestützte Office-Produkte, ggf. mit Videokonferenzsystem (zu denken wäre hier zum Beispiel an Microsoft Office 365) oder datenschutzfreundliche Messenger-Dienste“. Hessen sieht zwar, dass Werkzeuge für Einzel- und Gruppenchats, für Videokonferenzen und kollaboratives Arbeiten hilfreich sein können, bleibt aber bei einem allgemeinen Verweis auf die Softwarelösungen Jitsi und BigBlueButton.

Digitalisierung geht nicht von alleine

Mal eben schnell digitalisieren ist meist wenig datenschutzfreundlich. Das zeigte bereits die Plattform Logineo des nordrhein-westfälischen Schulministeriums, die seit 2018 an ausgewählten Schulen im Testbetrieb läuft. Seither steht sie in der Kritik, weil Lehrer:innen die Sicherheit vertraulicher Schüler:innendaten auf ihren privaten Endgeräten garantieren sollten – nach Einschätzung verschiedener Lehrerverbände ein untragbarer Zustand. Sie forderten stattdessen Dienstgeräte.

Auch die LandesschülerInnenvertretung NRW spricht sich dagegen aus, dass Schüler:innen ihre eigenen Geräte nutzen sollen, weil nicht jede:r einen eigenen, leistungsfähigen Laptop oder Computer besitze und einzelne Schüler:innen unter Umständen ausgeschlossen würden.

Ehrenamt und Eigenmotivation

Dass Technik nicht alles ist, zeigen auch sechs „Didaktische Hinweise“ für Lehrer:innen des Schulministeriums NRW. Darin heißt es auch: „So viel Empathie und Beziehungsarbeit wie möglich, so viele Tools und Apps wie nötig.“

Trotzdem müssen diese nötigen Tools datenschutzfreundlich bereitgestellt werden – und auch bei den Schüler:innen ankommen. Denn gerade hängt es von den einzelnen Schulen oder vom Engagement einzelner Lehrer:innen ab, welche Software eingesetzt wird. Besonders gut läuft es dort, wo Ehrenamtliche Lücken mit eigener Infrastruktur stopfen oder Lehrer:innen hohe Eigeninitiative zeigen.

Achtung vor „kostenfrei“

Solche Initiativen brauchen mehr Unterstützung, weil Digitalisierung kostet. Auch wenn für freie Software wie Moodle, BigBlueButton oder Jitsi Meet keine Lizenzgebühr fällig wird, müssen Hardware oder Administrationsdienstleistungen bezahlt werden. Bisher kümmern sich häufig Lehrkräfte um die IT-Systeme ihrer Schulen. Für Logineo NRW etwa werden sie dafür eine Stunde wöchentlich vom Unterricht freigestellt.

Die Landesschülervertretung NRW warnt andererseits vor kommerziellen Plattformen, die ihrer Einschätzung nach die Chance nutzen wollen, Marktanteile zu gewinnen und daher kostenfreie Lockangebote zur Verfügung stellen: „Was auf den ersten Blick wie ein großzügiges Angebot wirkt, ist tatsächlich ein weiterer Schritt zur Privatisierung und Gewinnorientierung der Bildungsinfrastruktur.“

Was wird tatsächlich gebraucht und hilft in der Krise weiter? Auch wir versuchen, positive Beispiele aufzuzeigen und haben dafür bereits mit Stefan Kaufmann aus Ulm und Steffen Haschler aus Mannheim gesprochen. Sind Sie selbst Eltern oder Lehrer:innen? Wo läuft es besonders gut? Berichten Sie uns von Ihren Erfahrungen.

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13 Ergänzungen
    1. Ah, zu schön um wahr zu sein. Als Elternteil in Brandburg warte ich schon seit über einem Jahr das unsere Schule endlich (login gibt es ja schon seit dem) auch on-line zu erreichen ist. Vergiß es. Das Bundesland wird vermutlich noch Jahre brauchen.

      Die schul-cloud server infra (auf Node.js basierend ++) ist nicht schlecht. Ich habe probeweise eine Installation bei mir hoch gezogen. Die Dokumentation und die Strukturierung die das HPI im git Repo erstellt haben sind auch ganz in Ordnung. Da war ich eigentlich eher pessimistisch und auch hatte ich von Lehrerrinnen mit bekommen das sie eher skeptisch sind. Jetzt habe ich den Eindruck das der politische/amtlicher Prozeß hapert. Sonst habe ich jetzt den Eindruck das die Infrastruktur ‚eigentlich‘ da ist.

      Hmmm.

  1. Hallo und vielen Dank für den Artikel.
    Weiß jemand, ob die Nutzung von MS Teams / Office 365 an NRW-Schulen gestattet ist?
    lt. Landesdatenschutzbeauftragten gibt es ja noch Bedenken (https://www.schulministerium.nrw.de/docs/Recht/Datenschutz/Fragen-und-Antworten/Sonstige-Fragen-zum-Datenschutzrecht-an-Schulen/index.html)
    … aber was tun, wenn eine Schule eher Hals-über-Kopf, Ende März -ohne Einwilligung der Schüler:innen/Eltern- M$-Teams geordert hat?

  2. Vielen Dank für den Bericht. Ich kann als Lehrer & Systembetreuer nur pausenlos und weiterhin darauf beharren, dass die Nutzung von Soft- und Hardware nach folgendem Prinzip abläuft:

    „So frei oder Quelloffen wie möglich, so proprietär wie nötig! “

    Es gibt genügend freie oder quelloffene Programme für die verschiedenen Bildungszwecke, auch wenn deren Existenz nicht permanent beworben wird.

  3. Hallo! Danke für diesen tollen Artikel.
    Wir sind in BW ein Gymnasium (ca. 700 SuS) und haben Moodle (BELWUE, also Instanz vom Land), das sehr stabil und gut funktioniert. Darüber hinaus sind wir im BETA-Test für BBB (BigBlueButton), was bei 80% der SuS gut funktioniert, jedoch läuft es gerade auf älteren Geräten oder Android nicht immer „rund“. Aber das ist klar, wir haben noch keine 1on1-Gerätelösung für die SuS und Lehrer.
    Als Kommunikationsplattform nutzen wir Sdui. Dort hat jede Klasse einen Chat, in dem sie mit dem Lehrer kommunizieren kann. Die Lehrkraft kann den Chat „an und ausstellen“ z.B. außerhalb der Unterrichtszeiten, wobei dies meist gar nicht nötig ist.
    Die direkte Kommunikation fehlt, manche SuS tun sich schwer zu Hause, weil die örtlichen Bedingungen ein ruhiges Lernen nicht erlauben oder sie die Technik nicht haben.
    Daher sind seit 2 Wochen auch 30 SuS an der Schule, wo sie die Laptops der Schule nutzen können und einen ruhigen Ort dort mit Betreuung durch unsere Pädagogen.

  4. In Niedersachsen haben laut Medienberichten mehr als 2/3 der Schulen Iserv, siehe
    https://de.wikipedia.org/wiki/IServ . Zumindest bei der Schule die ich kenne, gibt es für jeden eine Email-Adresse über Iserv, Aufgabenmodule, gemeinsame Dateien, Foren und Chats. Nun sind auch Videokonferenzen mit BBB hinzu gekommen. Die Server-Rechner stehen laut NOZ dezentral in den Schulen.

    1. Kann ich soweit bestätigen. Problem ist, dass die IT-Ausstattung der Schulen Sache des Trägers ist und jeder Schulträger da sein eigenes Ding macht. Das führt natürlich dazu, dass es keinen einheitlichen Standard gibt, was es für wechselnde Schüler und Lehrer schwieriger macht. Vom Mangel an Übersicht ganz zu schweigen. IServ löst wirklich einen ganzen Stapel an Problemen, aber auch dort ist die Frage wie das genutzt wird. Und das ist eine organisatorische Frage: Manche Lehrer laden die Sachen in die Dateien hoch, manche in die Aufgaben, manche schicken Mails und manche stellen Aufgaben per Forum. Das muss nicht mal innerhalb einer Schule einheitlich sein. Außerdem kann der Schulträger die Rechner per IServ verwalten oder auch dort andere Systeme nutzen; Lehrer haben nicht immer Ahnung was sie da machen oder machen soll(t)en und das Nutzungsinteresse ist nicht immer gegeben. Mittlerweile wird IServ auch durch die Niedersächsische Bildungscloud ergänzt: https://niedersachsen.cloud Aber auch da müssen sich Träger und Schulleitung auf den Einsatz einigen und interne, organisatorische Abläufe festlegen. Generell würde ich mir hier einheitliche Standards wünschen, aber aktuell fährt eben jede Schule ein eigenes Konzept.

      1. Danke für die Infos! Die Pressestelle des Niedersächsischen Kultusministeriums hat mir seit mehr als zwei Wochen leider weder auf meine Mails geantwortet noch konnte ich sie telefonisch erreichen. Ich hätte die Informationen aber schon gerne aktuell und aus erster Hand. Deshalb ist an dieser Stelle noch eine Lücke.

  5. Exxpi hat es auf den Punkt gebracht.

    Rein Interessehalber:
    Gibt es jemanden, der dem Einsatz von AdobeConnect an Berliner Einichtungen etwas abgewinnen kann?
    Ich hab den Steckbrief der FU gelesen und eine veraltete Folie des DFN von 2015…
    So richtig schlau werde ich daraus nicht.

  6. Es scheitert leider bei vielen Schulen, Lehrern, Schülern und Trägern schon an grundlegenden Dingen: Zeit, Geld, Willen/Motivation, Breitband, Hardware, Mailadressen, Wissen etc.
    Bis vor kurzem war man froh Beamer in den Schulen zu habe, jetzt soll alles von jetzt auf gleich vollständig digital von überall gehen. Das überfordert.
    Und dann bricht Panik aus, da man den Stoff noch bis zu den Sommerferien schaffen muss: 20 Mails im Eingang sind für jeder Schüler zu viel.

  7. Hallo und vielen Dank für den interessanten Artikel!

    Mit ist aufgefallen, dass die unter „Schleswig-Holstein“ verlinkte schullogin.de-Seite scheinbar auch eher dem Freistaat Sachen zuzuordnen ist – als Betreiber stehen die SBS, als Entwickler die TU Dresden im Impressum.

    Mir ist auch nichts über entsprechende Angebote in Schleswig-Holstein bekannt – ist das vielleicht einfach ein anderer Link?

    Viele Grüße,
    Tomas

  8. Unsere Schule benutzt die Plattform Lernsax und für Videokonferenzen edudip (direkt damit verknüpft). Ich hab aber bis jetzt leider nur wenig dazu gefunden (hab aber auch noch nicht länger gesucht). Mehr Informationen dazu würden mich sehr interessieren.

    1. LernSax ist eine Lizenzversion von WebWeaver® School und von DigiOnline GmbH unter der Lizenznummer W23D0192010 für das Landesamt für Schule und Bildung (ehem. Sächsisches Bildungsinstitut) lizenziert. WebWeaver® School ist ein Produkt von DigiOnline GmbH. Vertrieb und Lizenzierung erfolgen ausschließlich über DigiOnline GmbH. WebWeaver® ist ein eingetragenes Warenzeichen von DigiOnline GmbH.

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