bitsCorona-Warn-App wird noch datenschutzfreundlicher

Engagierte Entwickler:innen haben die Corona-Warn-App für Android-Alternativen komplett unabhängig von Google gemacht. *** Klarsichtsmasken ohne Nasenschutz bringen nichts gegen Corona. *** Chips zählen zukünftig auch zur digitalen Souveränität. *** Und Erinnerungen an Hannah Arendt. *** Unser Tagesrückblick.

Unser wochentäglicher bits-Newsletter erscheint natürlich auch am Dienstag.
Unser wochentäglicher bits-Newsletter erscheint natürlich auch am Dienstag. CC-BY 4.0 netzpolitik.org

Hallo,

als die Corona-Warn-App präsentiert wurde, gab es neben den vielen Nicht-Smartphone-Besitzer:innen eine weitere Zielgruppe ohne Lösung: Alle mit alternativen Android-Systemen.

Google kontrolliert mit dem mobilen Betriebssystem Android große Teile des Smartphone-Marktes. Der Preis, den man dafür zahlt, ist, dass Google viele Daten im Hintergrund sammelt und damit auch sein Geschäftsmodell als Werbekonzern betreibt. Zudem lenkt das Unternehmen mit dem Google Play Store auch den Vertrieb von Apps, die sich auf Standardinstallationen von Android aufspielen lassen.

Aber da Android im Kern Open Source ist, gibt es eine Vielzahl an freien Projekten, die darauf aufsetzen und ihre eigenen „Custom-Roms“ bauen, also Google-freie Android-Alternativen, die nicht nach Hause telefonieren.

Diese Alternativen mit ihren eigenen App-Stores sind leider in der Regel nicht ganz so trivial aufzuspielen und zu nutzen wie die Originale. Nur eher technisch versierte Menschen sind in der Lage, sich selbst von Google zu befreien. Und diese Zielgruppe war bisher von dem System der Corona-Warn-App abgeschnitten, weil die staatlich finanzierte App auf die offiziellen Schnittstellen von Google und Apple aufsetzte.

Eine Community an freien Entwickler:innen hat jetzt die Möglichkeit geschaffen, die Corona-Warn-App ganz ohne Google zu verwenden. Im freien F-Droid-Store gibt es jetzt endlich eine richtig freie Alternative. Danke an alle beteiligen Entwickler:innen!

Kurze Pausenmusik:

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Die Erstellung dieser Ausgabe wurde freundlicherweise von Tomas Rudl unterstützt.

Neues auf netzpolitik.org

Daniel Laufer und Alexej Hock haben gemeinsam in einer Kooperation einem Netzwerk an russischen Desinformationsmedien hinterher recherchiert: Das Netzwerk gefälschter Auslandsmedien.

Seit Jahren verbreiten vermeintliche Nachrichtenportale aus Europa russische Propaganda. netzpolitik.org und WELT haben jetzt ein Netzwerk enttarnt, das Lügen in russischen Medien glaubwürdiger machen soll. Es gibt Verbindungen zum Geheimdienst.

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Anna Biselli hat sich angeschaut, was der Europäische Datenschutzbeauftragte zum Migrationspaket zu sagen hat: Datenschutz muss auch für Geflüchtete gelten.

Die geplanten Maßnahmen aus dem EU-Migrationspakt haben Konsequenzen für Datenschutz von Asylsuchenden. Der Europäische Datenschutzbeauftragte sieht viele Probleme und weist auf einen beunruhigenden Trend in der Asylpolitik hin.

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Die unendliche Geschichte um die eEvidence-Verordnung geht auf EU-Ebene weiter, wie Alexander Fanta aufgeschrieben hat: Parlament will etwas mehr Schutz bei behördlichen Datenzugriffen in Drittstaaten.

Ein neues Gesetz soll Ermittlungsbehörden Zugriff auf elektronische Beweise in ganz Europa liefern. Das EU-Parlament fordert Schutzmaßnahmen vor politisch motivierten Datenabfragen in anderen Staaten, Abgeordnete warnen vor „blindem Vertrauen“ in die Behörden.

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Einflussreiche Lobbys der Musikindustrie wollen legitime Alltagsnutzungsmöglichkeiten in der nationalen Umsetzung der Urheberrechtsreform mit Uploadfiltern bekämpfen. Darüber schreibt Julia Reda in ihrer aktuellen Kolumne: Vom Urheberrecht, Upload-Filtern und Lobby-Arbeit.

Der Entwurf der Bundesregierung zum Urheberrecht wird nicht ohne Uploadfilter auskommen. Jetzt gilt es legale Nutzung vor Sperrung zu schützen, meint Julia Reda.

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Im Kampf gegen Kindesmissbrauch hat das EU-Parlament die bestehende Durchleuchtungspraxis verlängert, die auch Risiken und Nebenwirkungen haben kann: EU-Parlament gibt Weg frei für Durchleuchten privater Nachrichten.

Facebook und Skype durchforsten seit Jahren automatisiert private Bilder und Videos auf Hinweise von Kindesmissbrauch. Ein neues Gesetz, das heute im Eilverfahren im EU-Parlament beschlossen wurde, soll diese Praxis fortsetzen – trotz Überwachungsbedenken.

Was sonst noch passierte:

Die Wissenschaftsjournalistin Eva Wolfangel hat gestern den Reporterpreis für ihre Reportage „Reality sucks“ über Leben in der Virtuellen Realität erhalten. Jetzt will ich wieder meine VR-Brille entstauben.

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Auch die EU und ihre Mitgliedsstaaten haben mittlerweile festgestellt, dass es aus Gründen der digitalen Souveränität nicht so prima ist, wenn alle Chips außerhalb der EU hergestellt werden: Ein EU-Pakt für eigene Computerchips.

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Die Leopoldina – Nationale Akademie der Wissenschaften fordert in ihrer 7. Ad-hoc-Stellungnahme zur Coronavirus-Pandemie einen „harten Lockdown“ über Weihnachten und Silvester, weil sonst alles noch viel länger dauern und viel schlimmer würde. Zu den Forderungen gehört die Schließung aller Geschäfte, die nicht lebenswichtig sind, eine Verlängerung der Schulferien sowie eine Maskenpflicht in Schulen nach Wiedereröffnung im Januar. Begründet wird der hart klingende Einschnitt auch ökonomisch: Ein „harter Lockdown“ trifft zwar die Wirtschaft hart, aber ein lang anhaltender „Lockdown-Light“ trifft alle noch viel härter, weil das viel länger dauert und das Problem einfach größer macht. Das ist keine neue Erkenntnis, aber vor allem aus kurzsichtigen ökonomischen Logiken sind wir jetzt einfach politisch in dieser Scheiß-Situation gelandet und werden das kommende Jahr noch drin bleiben. Denn eine flächendeckende Verbreitung von Impfstoffen wird vor nächstem Herbst und Winter leider nicht gewährleistet sein. Und solange möchte ich nicht mehr zuhause sitzen müssen.

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Kurze Überlebenstipps an frierende Schüler:innen von Angela Merkel aus ihrem mit modernsten Luftfiltern Top-ausgestatteten Kanzleramt: „Mal eine kleine Kniebeuge“ machen und klatschen“. Und wenn man ganz fest dran glaubt, gibt es irgendwann nach Ende der Pandemie auch mal eine bessere Lösung für unsere Schulen.

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In letzter Zeit sah ich häufig Menschen mit einer komischen Klarsichtmaske, die zwar eine Art Plexiglas nach Vorne hat, aber auch freie Luft nach oben. Also nicht unbedingt das, was man als Mund-Nasen-Schutz interpretieren würde. Der Faktenfuchs im Bayrischen Rundfunk hat sich die Teile zusammen mit Forscher:innen angeschaut und kommt zu dem „überraschenden“ Ergebnis, dass die gegen Aerosole nichts bringen: Umstrittene Klarsichtmaske bietet keinen Schutz.

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Deutschlandfunk Kultur geht der Frage nach, warum die deutsche Yoga-Szene überdurchschnittlich viel mit Verschwörungsmythen rund um Corona zu tun hat. Die Gründe dafür sind vielfältig, einerseits leiden viele Yoga-Lehrer:innen als Soloselbstständige darunter, dass sie nicht mehr richtig praktizieren können und auch von vielen Hilfen ausgeschlossen sind. Und dann gibt es historische offene Esoterik-Flanken hin zu rechter Mystik und bei vielen auch eine Ablehnung von „Mainstream-Denken“ und wissenschaftlichen Erkenntnissen. Das trifft natürlich nicht auf alle zu: Die Vertreibung aus der Yoga-Bubble.

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Vergangene Woche hat DeepMind, das Deeplearning-Programm von Google, einen technologischen Durchbruch geschafft, der einiges in der Biotechnologie auf den Kopf stellen könnte. Bei Nature gibt es einen guten Überblick: ‘It will change everything’: DeepMind’s AI makes gigantic leap in solving protein structures. Christian Stöcker greift das Thema in seiner Spiegel-Online Kolumne auf: Google greift nach dem Leben selbst. Etwas visueller beschreibt das dieses Youtube-Video: How AlphaFold From DeepMind Will Change The World.

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Verschwörungserzählungen für Einsteiger:innen, die damit vielleicht mal in sozialen Interaktionen im Netz konfrontiert werden: Das Belltower-Magazin erklärt „The great reset“ – Angst vor digitaler Gesundheitsdiktatur. Und direkt daneben wird auch ein weiterer Verschwörungsbegriff erklärt, der einem immer wieder begegnet: „Warum der Verschwörungsmythos vom Kulturmarxismus so gefährlich ist.

Audio des Tages: Hannah Arendt

Deutschlandfunk Kultur hat am vergangenen Wochenende eine Lange Nacht über Hannah Arendt gesendet. Von der dreistündigen Sendung gibt es auch eine Aufzeichnung: Denken ohne Geländer.

Video des Tages: Schüler bei Wirecard

Die ARD-Dokumentation „Der Fall Wirecard – Von Sehern, Blendern und Verblendeten“ beleuchtet den größten Finanzskandal der jüngeren deutschen Geschichte.

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Die 3sat – Dokumentation „Ist die Schule zu blöd für unsere Kinder?“ hat einen blöden Titel, aber einen guten Inhalt. Es geht darum, dass unser Schulsystem nicht mehr zeitgemäß ist. Das ist lange bekannt, was aber nicht dazu führt, dass sich was ändert.

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Das war es für heute. Viele Grüße und bleibt gesund,
Markus Beckedahl

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2 Ergänzungen

  1. Plaasberg fragt jetzt jede Sendung, ob man bei der App nicht den Datenschutz hätte weglassen können, „von den Chinesen lernen“.

    Unsäglich. Von den Chinesen lernen hätte geheißen: a) auf Pendemien vorbereitet sein b) Masken verwenden und nicht aus PR-Gründen kleinreden c) rigoroser Lockdown.

    Es bräuchte keine App.

  2. 1. Von China lernen: d) bei Ausbrüchen massiv testen, alle.
    2. (Umgeschaltet) Theoretisch könnte noch eine Einordnung in Kritik kommen, während der Sendung, immerhin wurde ein Politikschnitzel dazu gebracht etwas in der Art von „da rennen Sie bei mir offene Türen ein“ zu sagen. Da ist die Frage, was wichtiger ist, und was eigentlich der Auftrag der öffentlich-rechtlichen Sender ist.

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