Demokratie

Teilhabe für Arbeitskräfte auf Crowdsourcing-Plattformen: Eine Bestandsaufnahme

Im Zuge einer Studie für die Hans-Böckler Stiftung haben WissenschaftlerInnen sich angesehen, auf welche Weise sechs Crowdsourcing-Plattformen mit Unternehmenssitz in Deutschland CrowdworkerInnen in arbeits- und unternehmensbezogenen Themenbereichen Partizipation ermöglichen. Ihr Fazit: Partizipation findet auf Plattformen statt – wenngleich diese ausbaufähig ist.

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Plattformen wie Amazons Mechanical Turk bieten leicht verfügbare Bildschirmarbeit. Aber wieviel Mitsprache haben die Klickarbeitenden? Gemeinfrei-ähnlich freigegeben durch unsplash.com Alex Kotliarskyi

Die Crowdwork-Plattform Amazon Mechanical Turk (AMT) sieht sich nicht als Arbeitgeber, sondern als Marktplatz und Arbeitsvermittler. Mangels Rechte und geeigneter Tools haben Arbeitskräfte auf AMT so gut wie keine Möglichkeiten, auftauchende Komplikationen an die Plattform zu kommunizieren, Vorschläge einzubringen oder mit der Plattform in eine Diskussion zu treten. Direkter Kontakt zum „sporadischen Arbeitgeber“ Amazon besteht dementsprechend keiner. Abhilfe dafür schaffen lediglich externe Foren und Blogs, die von Crowd-Arbeitenden moderiert werden.


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Ausgehend von dem Beispiel AMT haben wir uns gefragt, ob die Situation bei anderen Plattformen ähnlich ist. Denn eigentlich wäre es aufgrund der „distanzierten“ Arbeitssituation wichtig, CrowdworkerInnen auf Plattformen eine Stimme in Arbeitsangelegenheiten zu geben. Für gewöhnlich setzen ArbeitgeberInnen dafür Partizipationsinstrumente ein, um ihren MitarbeiterInnen Einfluss auf verschiedenen Ebenen zu ermöglichen. ArbeitnehmerInnen haben so etwa die Möglichkeit, Verbesserungsvorschläge in Arbeits- und Unternehmensabläufe einzubringen oder Diskussionen anzuregen. Daraus speist sich auch ein gewisser Einfluss auf ihren Arbeitsalltag.

Das Wo und Wie der Teilhabe

Für eine „Bestandsaufnahme“ von Partizipationsmöglichkeiten auf Crowdsourcing-Plattformen haben wir sechs Plattformen mit Firmensitz in Deutschland genauer unter die Lupe genommen. Beispiele, wo gesetzlich verankerte Mitbestimmung (z.B. Betriebsrat) existiert, sind derzeit (noch) keine bekannt. Daher haben wir uns angesehen, zu welchen Themen Plattformen ihren CrowdworkerInnen freiwillig Partizipation ermöglichen (Partizipationsinhalte). Genauer haben wir uns gefragt, ob die Plattformen CrowdworkerInnen in den Bereichen

  • task-bezogene Prozesse (Inhalte mit unmittelbarem Bezug zur Arbeitsaufgabe)
  • plattformweite Arbeitsorganisation (Inhalte, welche die allgemeinen Arbeitsabläufe und Regeln auf der Plattform betreffen)
  • Unternehmensstrategie und -entwicklung (Inhalte, welche die künftige Ausrichtung des plattform-betreibenden Unternehmens betreffen)

partizipieren lassen. Neben dem „Wo“ ist aber auch das „Wie“ der Partizipation (Partizipationsmodus) entscheidend, weil damit der Einflussgrad von Partizipation festgelegt wird. Bei den Partizipationsmodi haben wir daher in

  • Information (z.B. transparente Information zu einem Thema)
  • Melden (z.B. Möglichkeiten Plattform via Kontaktformular zu kontaktieren oder Bewertungen vorzunehmen)
  • Diskutieren (z.B. Diskussionsforum)
  • Abstimmen (z.B. Voting zu einem Thema)

unterschieden. Um unsere Analyse durchführen zu können, haben wir auf den einzelnen Plattformen Accounts angelegt und dort aktiv Arbeitsaufgaben bearbeitet. So waren wir in der Lage, die den CrowdworkerInnen zur Verfügung stehenden Kommunikationstools aktiv zu nutzen.

Partizipation ja, aber nicht tiefgehend

Unsere Analyse zeigt, dass Partizipation auf allen Plattformen eine Rolle spielt. Partizipation findet allerdings vorwiegend im Bereich der task-bezogenen Inhalte statt. In den Bereichen plattformweite Arbeitsorganisation und Unternehmensstrategie und -entwicklung nehmen die Möglichkeiten, Einfluss zu nehmen, deutlich ab. In Bezug auf die Partizipationsmodi zeigt sich, dass CrowdworkerInnen von den Plattformen zumeist ausführlich informiert werden (vor allem im Bezug zur Arbeitsaufgabe). Außerdem bieten alle Plattformen Kontaktformulare, mit denen CrowdworkerInnen Fragen oder Vorschläge an die Plattformen melden können. Auch wir haben diese Formulare genutzt. Auf die von uns eingebrachten Fragen und Vorschläge reagierten die Plattformen bemüht. Bei Fragen zu tiefergehenden Themen wie Unternehmensentwicklung oder auch bei Vorschlägen zur Etablierung/Veränderung von existierenden Tools fielen die Antworten aber wesentlich zurückhaltender aus. Diskutieren findet innerhalb von plattform-immanenten Foren statt. Hier wurden wiederum eher auf Aufgaben bezogene Themen anstatt von Themen der Arbeitsorganisation oder Unternehmensstrategie diskutiert. Zwei der Plattformen stellen kein Diskussionsforum zur Verfügung. Abstimmungen spielen auf allen Plattformen de facto keine Rolle.

In Summe zeigt unsere Studie, dass Partizipation auf Crowdwork-Plattformen, im Gegensatz zu manch anderen Plattformen wie AMT, durchaus stattfindet. Allerdings zielt diese eher darauf ab, reibungslosere Arbeitsabläufe zu forcieren (funktionale Ziele), als CrowdworkerInnen umfassende Teilhabe und Einfluss zu ermöglichen (demokratisierende Ziele).

Wie könnte Partizipation aussehen?

Auf den Plattformen fanden wir eine Reihe an best practice Beispielen, die als Mindeststandards für Partizipation herangezogen werden können. Dazu zählen etwa ein Verdienstrechner, mit dem CrowdworkerInnen das monetäre Ergebnis ihres Arbeitsaufwandes abschätzen können, ein Bewertungssystem, mit dem sich CrowdworkerInnen und AuftraggeberInnen gegenseitig bewerten können, oder Diskussionen in Foren, in denen sich die PlattformbetreiberInnen aktiv eingebracht haben. Zusammengefasst lassen sich daraus folgende Empfehlungen ableiten:

  • Informieren: Partizipation braucht Information. Plattformen legen daher eine transparente Kommunikationspolitik zu relevanten Aspekten wie Verdienst und zentralen Unternehmensaspekten an den Tag.
  • Melden: Plattformen betreiben moderierte Kommunikationskanäle für CrowdworkerInnen, wo diese auftretende Probleme zu melden können. Sie betreiben Bewertungssysteme, mit denen CrowdworkerInnen auch ArbeitgeberInnen bewerten können.
  • Diskutieren: Plattformen schaffen Optionen für offene Diskussion, um kollektive Meinungsbildungsprozesse zu fördern.
  • Abstimmen: Plattformen beziehen die Crowd-Arbeitskräfte in Entscheidungsfindungen der Organisation mit ein. Ein best-practice Beispiel hierfür wäre das Berliner Unternehmen Mite.

Bei diesen Empfehlungen gilt es jedoch stets, die Grenzen von Partizipation auf Crowdwork-Plattformen im Blick zu haben. Auf Seiten der Plattformen zählen dazu Ressourcen, die grundsätzliche Ausrichtung der Plattform (Innovationsplattformen basieren auf einer regen Community, dementsprechend gibt es auch mehr Möglichkeiten für die Crowd, sich Gehör zu verschaffen), Kompetenzen sowie das grundsätzliche Interesse seitens der Plattformen an Partizipation.

Auf Seiten der CrowdworkerInnen deutet einiges darauf hin, dass es aufgrund der „virtuellen“, isolierten Arbeitsumgebung, der hohen Interessensheterogenität und der oft starken Konkurrenz tendenziell schwer fällt, sich zum Wohle anderer in den genannten Themenbereichen einzubringen. Allgemein setzen auch online-Tools, etwa bei der Diskussion von komplexen Themen in Foren, der Kommunikation Grenzen, die nur schwer überbrückbar sind.

Trotz, oder gerade wegen dieser (potenziellen) Grenzen, lohnt es sich, Partizipation weiterzudenken. Der nächste Schritt wäre wohl die Wahl eines CrowdworkerInnenvertreters. In jüngster Zeit gibt es auch eine Bewegung von Plattform-Kooperativen. Diese Bewegung baut auf der Grundidee auf, dass auch Genossenschaften von den geringen Kosten für das Organisieren durch Technologie und Plattformmodellen profitieren können. In diesem Kontext ist vermutlich mehr Partizipation möglich, da Genossenschaften nicht einer Venture-Kapital oder Shareholder Logik unterliegen. Ob sich diese Bewegung durchsetzt, insbesondere da das Kapital zu Skalierung von genossenschaftlichen Plattformen fehlt, wird sich aber erst zeigen.

Thomas Gegenhuber (@gegenhuber) ist Juniorprofessor für digitale Transformation an der Leuphana Universität in Lüneburg. Markus Ellmer (@Markus_Ellmer) arbeitet als Universitätsassistent im Fachbereich Sozial- und Wirtschaftswissenschaften, Bereich Human Resource Management, an der Universität Salzburg.

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3 Kommentare
  1. kra-kra-kra!

    Bitte Titel kontrollieren, ich glaube nicht das ihr über Krähen reden wolltet. (Kommentar kann nach Änderung gerne gelöscht werden.)

  2. Ok, keine Kähen- aber trotzdem lässt einen der Artikel über seinen Inhalt im Unklaren.

    Mit Crowdsourcing bezeichnet man ein Finanzierungsmodell, mit dem viel Leute Geld zur Finanzierung eines Projektes beitragen. Also finanzieren die Frauen (-innen) Ihre Arbeitsplätze? Tolle Idee. Wenn was anderes gemeint sein sollte, warum erklärt das der Autor nicht?

    Partizipation ist Teilhabe. Woran denn wohl? Sagt der Autor auch nur in verklausulierten Sätzen. Das könnte die Bedingungen am Arbeitsplatz betreffen – dazu gibt es den Betriebsrat im Unternehmen. Der ist „life“ dabei und nicht auf einer „Plattform“. Es könnte aber auch die Teilhabe an der Internetplattformen gemeint sein. Diese Teilnahmebedingungen sind im Finanzierungsmodell des Crowdsourcing geregelt. Die müssen sehr reduziert sein, sonst funktioniert sourcing nicht .

    Jetzt lese ich, der Autor ist Juniorprofessor? Ich bin entsetzt. Er kommuniziert in Sprachmustern (task-bezogene Prozesse) die er in diesem schrägen Fall zwar definiert, er hätte aber auch gleich den verständlichen Ausdruck verwenden können. Ansonsten schwadroniert er – wie oben vorgetragen – ins Blaue. In der Industrie leiden wir unter der mangelnden Sprachkompetenz der IT-Leute. Jetzt weiss ich wo das herkommt.

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