Demokratie

re:publica goes Ghana – Ein Heimspiel für die Tech-Pioniere

Die Netz-Konferenz re:publica findet im Dezember erstmalig in Ghana statt. Was globaler Norden und Süden beim Thema Digitalisierung voneinander lernen können, erklärt Jan Schwaab von der Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit im Interview.

Ein Mann hält sich ein Handy ans Ohr.
Die Digitalwirtschaft in Afrika geht über Klischees hinaus. CC-BY-SA 2.0 David Dennis

Szenenwechsel für die re:publica: Nach dem Platzen der Filterblase Anfang Mai in Berlin wird die Konferenz im Dezember auch in Ghana stattfinden. In der Hauptstadt Accra wollen afrikanische und deutsche Teilnehmer einen Diskurs zur Digitalisierung schaffen, der die Perspektive der Entwicklungsländer miteinschließt. Lokale Akteure vom kenianischen Start-up bis zum südafrikanischen Blogger gesellen sich dann in die Reihen des bisher vor allem westlich geprägten Netzwerks.

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Wichtigster Kooperationspartner des Projektes ist das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ). Dr. Jan Schwaab von der Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit ist Programmleiter der BMZ-Initiative „Make-IT in Africa“, die in Nigeria und Kenia Tech-Unternehmen fördert und nun unter anderem auch auf Ghana ausgeweitet werden soll. Im Interview mit netzpolitik.org spricht er über den Stand Subsahara-Afrikas in der Digitalisierung und das entwicklungspolitische Potenzial von Tech-Start-ups für den globalen Süden.

netzpolitik.org: Die re:publica findet Ende dieses Jahres auch in Accra, Ghana statt. Warum?

Schwaab: Ich sehe in dieser Zusammenarbeit eine Chance, einen offenen zivilgesellschaftlichen Dialog zu Digitalthemen zwischen Deutschland und Afrika zu stärken. Mit der re:publica Accra könnten zum Beispiel lokale und pan-afrikanische Netzwerke und Initiativen gestärkt werden, die sich für eine Überbrückung der „digitalen Kluft“ einsetzen und digitale Lösungen mit sozialem Mehrwert fördern. Bereits heute zeigt die hohe Kreativität afrikanischer Entrepreneure, dass digitale Innovationen nicht nur aus dem Silicon Valley kommen müssen, sondern dass wichtige Lösungen für Entwicklungsprobleme auch vor allem vor Ort entstehen.

Die Silicon Savannah boomt

netzpolitik.org: Man hört ja besonders oft von Nairobi als Silicon Valley Afrikas. Was bewegt sich zurzeit in der Tech-Branche im Land?

Schwaab: Kenia wird zum Teil als „Silicon Savannah“ bezeichnet, weil sich hier immer mehr Technologie-Start-ups ansiedeln. Nairobi steht im Zentrum dieser Entwicklung, denn dort finden sich alle wichtigen Partner, die für die erfolgreiche Gründung und das Wachstum von digitalen Innovationen wichtig sind. Kenia hat nicht nur einen relativ hohen Alphabetisierungsgrad, der mit sich bringt, dass selbst in ländlichen Gebieten Technologieprodukte eingesetzt werden. Sondern das Land fördert auch die MINT-Fächer besonders. Viele im Ausland lebende Kenianer/innen, die zuvor bei großen Firmen gearbeitet haben und teilweise von den besten Universitäten der Welt wie Stanford, MIT, Oxford, Harvard, Chicago etc. ausgebildet worden sind, kehren nach Kenia zurück, um dort Unternehmen zu gründen. Alles zusammen eine sehr gute Mischung, um neue Innovationen entstehen zu lassen.

netzpolitik.org: Von diesen Innovationen hört man in Deutschland wenig. Können damit entwicklungspolitische Ziele erreicht werden?

Schwaab: Die Bereiche, in denen sich viele Start-ups bewegen, sind Agrarwirtschaft, Gesundheit, Energie und Finanztechnologien. Der mobile Zahlungsverkehr durch M-Pesa ist hier ein Paradebeispiel, weil er einen besseren Zugang zu Finanzdienstleistungen schafft. Im Gesundheitssektor gibt es Telemedizin und den 3D-Druck von Prothesen. Es gibt Apps für den Agrarsektor zur Verbesserung der Anbaumethoden und der Verkürzung von Lieferketten und verschiedene digitale Bildungsangebote.

Einen Markt aufbauen

netzpolitik.org: Das BMZ unterstützt diese Unternehmen – natürlich aus westlicher Perspektive. Warum braucht es diese Zusammenarbeit?

Schwaab: Für „Make-IT in Africa“ steht im Vordergrund, die Rahmenbedingungen in Afrika zu stärken, die Entrepreneuren dabei helfen, ihr Start-up aufzubauen und zum Erfolg zu führen. Häufig gelingt es jungen Technologieunternehmen aus Subsahara-Afrika nicht, den Sprung zur internationalen Marktreife zu machen. Ihnen fehlt dafür der Zugang zu Kapital, Kunden, geeignetem Personal und digitaler Infrastruktur. Um erfolgreich zu sein, brauchen Entrepreneure ein funktionierendes unternehmerisches Ökosystem aus Referenzkunden, Investoren, Fördereinrichtungen und Trainingspartnern. Viele Ökosysteme sind lückenhaft, sodass Tech-Start-ups wichtige Kontakte, Finanzierungen und Chancen zur Weiterentwicklung fehlen.

netzpolitik.org: Auf der re:publica können sich in dieser Hinsicht Chancen eröffnen. Aber ist es für IT-Fachkräfte und ehrgeizige Unternehmen nicht viel attraktiver, im Ausland zu arbeiten?

Schwaab: Viele Start-up-Unternehmerinnen und -Unternehmer, denen wir im Digitalsektor begegnen, tun dies aus Leidenschaft. In unserer Arbeit vor Ort haben wir die Erfahrung gemacht, dass der Digitalsektor für junge Afrikaner, die im Ausland ausgebildet wurden eine Chance ist, zurückkommen, um in ihren Heimatländern Start-ups zu gründen. Mit ihren Innovationen maßgeblich zur Entwicklung ihrer Heimat beitragen zu können, ist eine große Motivation.

netzpolitik.org: Im letzten Jahrzehnt hat Subsahara-Afrika mit dem Ausbau von Glasfaser und belastbaren Mobilfunknetzen teilweise größere Fortschritte gemacht als Deutschland. Was können wir von diesen Ländern lernen?

Schwaab: Aus unserer Erfahrung sind es häufig die besonderen Herausforderungen vor Ort, die Innovationen entstehen lassen und letztlich auch für Industrieländer interessant sind. So hat das Unternehmen BRCK aus Kenia/Nairobi etwa Router entwickelt, die hitze-, staub- und wasserbeständig sind und somit auch weltweit eingesetzt werden können. Momentan stattet das Start-up Busflotten aus, um die Bevölkerung mit Internet zu versorgen. Ein anderes Start-up aus Kenia arbeitet daran, 3D-Drucker aus Elektroschrott herzustellen und sie so sehr viel günstiger anbieten zu können.

Mit IT aus der Abhängigkeit

netzpolitik.org: Besonders aktiv sind auch die Südafrikaner mit Open Source-Projekten, die den digitalen Sektor vom Marktriesen Microsoft unabhängiger machen. Warum ist dort möglich, was in Europa so schwer erscheint?

Schwaab: Hierzulande nutzen nur wenige Open-Source-Software wie Ubuntu oder GNU/Linux, da Open-Source-Produkte oft aufwändiger in der Handhabung sind und ein gewisses technisches Grundverständnis erfordern. Für Entwicklungs- und Schwellenländer ist es allerdings eine relevante Alternative, da für den überwiegenden Teil der Weltbevölkerung die Kosten für Hardware und Software einfach zu hoch sind. Außerdem fördern Open-Source-Produkte die Aneignung von digital skills. Nicht umsonst bedeutet Ubuntu auf Zulu „Menschlichkeit“.

netzpolitik.org: Gerade IT-Unternehmen können Subsahara-Afrika zu neuer wirtschaftlicher Stärke verhelfen. Welche politischen Rahmenbedingungen müssen dafür vorhanden sein?

Schwaab: Zu den erforderlichen Rahmenbedingungen für IT-Unternehmen gehört ein förderliches Umfeld aus Regulierungen zum Schutz des geistigen Eigentums, Datenschutz, die Bekämpfung von Korruption und eine systematische Zusammenarbeit innerhalb des Technologie-Ökosystems zum Beispiel in Hubs, Fördereinrichtungen, Hochschulen oder Netzwerken. Wie dies von staatlicher Seite unter Einbindung von Partnern aus dem Technologie-Ökosystem gefördert wird, zeigt sich gerade in Ruanda und Tunesien.

netzpolitik.org: Im Dezember werden in Accra verschiedene dieser Ökosysteme aufeinandertreffen. Sind sie Teil einer entwicklungspolitischen Revolution?

Schwaab: Entscheidend ist, wie bewusst eine Gesellschaft mit dem digitalen Wandel und seinen Chancen und Risiken in den einzelnen Bereichen wie Landwirtschaft, Gesundheit, Wirtschaft, Transport oder Energie umgeht. Es muss darum gehen, die Nutzungsmöglichkeiten neuer Technologien zu verbreiten, die für die Erreichung der Ziele einer Nachhaltigen Entwicklung wichtig sind. Wenn es gelingt, dies in den Vordergrund zu stellen und mit der Dynamik der heranwachsenden Generation zu verbinden, dann ist das eine immense Chance für Subsahara-Afrika.

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