Kultur

Ist die Macht der Internetkonzerne mit unserer Ohnmacht gleichzusetzen?

CC BY-SA 2.0 via flickr by stanjourdan

Bei der Veranstaltung „Daten- und Informationskapitalismus“ in Berlin ging es darum, welchen Einfluss Medienunternehmen auf die gesellschaftliche- bzw. auch auf die wirtschaftliche Entwicklung haben. Diese Fragen diskutierten Christopher Lauer (Ex-Pirat, heute Leiter Strategische Innovation Axel Springer SE), Mathias Müller von Blumencron (Chefredakteur „Digitale Medien“ der FAZ), Thomas Leif (Chefreporter SWR), Torsten Albig (Ministerpräsident von Schleswig-Holstein), Jan Kottmann (Leiter Medienpolitk, Google Deutschland), Frank A. Mayer (Journalist und publizistischer Berater des Ringier-Verlag) und Constanze Kurz (Publizistin und Sprecherin Chaos Computer Club). Grundsätzlich stellten sich diese Experten die Frage, wann und wo wir Verantwortung abgeben oder ob der Staat diese für uns übernehmen soll, und wenn ja, wie kann das realisiert werden?


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Zunächst ist erst einmmal festzustellen, dass sich unser Konsumverhalten, was Informationen angeht, durch das Internet enorm verändert hat. Wir stehen eben nicht mehr morgens auf und holen die Zeitung aus dem Briefkasten. Der erste Griff wandert mit wachsender Beliebtheit zum Smartphone. Wir schauen, was es Neues auf Facebook, Whatsapp und Twitter gibt, was zum ersten schwierigen Punkt führt: Für Nachrichten, die sich über soziale Netzwerke verbreiten, gibt es keine Qualitätssicherung. Natürlich lässt sich mit Hilfe des Internets relativ leicht überprüfen, ob die erhaltene Information auf Tatsachen beruft oder nicht. Aber wir sind eben bestimmte Maßstäbe gewohnt, was Glaubwürdigkeit und Relevanz von Medien angeht. Diese wenden wir dann auch bei Nachrichten bzw. Informationen an, die wir über soziale Netzwerke erhalten. Diese Maßstäbe sind aber nicht wirklich darauf anwendbar, da das Internet zum Schlachtfeld für Propaganda geworden ist. Plattformen wie PI-News, der Kopp-Verlag oder auch Russia Today generieren ihre Reichweite über soziale Netzwerke. Hierbei geht es dann nicht mehr um einen mehr oder weniger „objektiven“ Journalismus, sondern um ideologisch verzerrte Berichterstattung, hinter der definitiv andere Motivationen stehen, als der Menschheit das aktuelle Tagesgeschehen zu vermitteln.

Google China Beijing. Autor: Fan Yang. Creative Commons: BY-SA 3.0.
Google China Beijing. Autor: Fan Yang. Creative Commons: BY-SA 3.0.

Ministerpräsident Torsten Albig fragt sich hierbei dann, ob und an welchem Punkt wir Verantwortung abgeben – oder vielleicht auch nur er selbst. Albig hat Anfang März einen Artikel veröffentlicht, in dem er sich für eine stärkere Regulierung des Internets einsetzt.Er sieht die Problematik bei Google vor allem darin, dass Googles Suchergebnisse durch den Algorithmus eben nicht passend zu unserer pluralistischen Medienlandschaft in Deutschland würden, weil nicht der User selbst sucht, sondern der Algorithmus für einen. Wir glauben nur zu suchen. Die Informationen, die wir dann erhalten, seien dann nur noch die Informationen, von denen Google glaubt, dass sie uns interessieren. Albig sieht hierin die beginnende Unterwerfung unter ein System, das wir gar nicht mehr verstehen würden. Allerdings ist das ein Gefühl, welches den meisten Sozialdemokraten doch relativ vertraut sein dürfte. Er verstehe einfach nicht, wann Google den Algorithmus wie ändert. Darin läge die Gefahr, dass er irgendwann nur noch die Informationen erhalte, von denen Google möchte, dass er sie erhalte. Dies ist jedoch schon der Fall, wenn man den Blick nach Fernost wagen möchte. Google ging mit der chinesischen Regierung einige Kompromisse ein, was Zensur und die Blockade von Websites angeht. Als die chinesische Regierung 2010 drohte, die Geschäftslizenz von Google nicht zu erneuern, kam Google den lokalen Behörden entgegen. So stoppte Google die Umleitung ihrer chinesischen Suchanfragen auf die Google-Seite in Hongkong. Hongkong unterliegt, aufgrund des besonderen Status innerhalb Chinas, nicht den Zensurvorschriften.

Google kann also zensieren bzw. bewusst Informationen zurückhalten oder weitergeben und tut dies auch, allerdings nicht aus irgendeiner gesonderten politischen Motivation heraus, sondern schlicht und ergreifend, weil Google ein Wirtschaftsunternehmen ist und dementsprechend Geld erwirtschaften möchte. Google interessiert sich nicht für die politische Kultur oder die Gesetze eines Landes bzw. nur dann, wenn diese beiden Faktoren einen gewinnschmälernden Effekt haben.

Jan Kottmann, der Vertreter Googles, sieht das etwas anders als Herr Albig. Für Kottmann gäbe es ja auch andere Suchmaschinen, die man nutzen könne, falls man mit dem von Google angebotenen Service nicht zufrieden sei. Außerdem sei Google sehr transparent, es sei für die User einsehbar, wie das Ranking funktioniere. Außerdem verdiene Google sein Geld nicht mit den gesammelten Daten, sondern mit Werbung. Diese Aussage ist zwar nicht komplett falsch, aber sowohl das Ranking als auch die von Google geschaltete Werbung ist personalisiert. Sprich: Google zeigt mir nicht nur die Suchergebnissem von denen es glaubt, dass sie mich interessieren, sondern eben auch die Werbung, von denen es glaubt, sie würde mich in meinen konsumatorischen Befindlichkeiten treffen. Meine Daten sind ebenso fester wie unabdingbarer Teil des Wertschöpfungsprozesses von Google.

Mal ganz davon abgesehen, wie durch die digitale Revolution ganze Geschäftsmodelle ihrer Existenzgrundlage beraubt werden. Auch Google expandiert ständig in neue Geschäftsfelder, und die gesammelten Daten helfen dabei enorm. Wenn man etwa beschließen würde, der amerikanischen Kaffeehauskette Starbucks Konkurrenz zu machen, weiß Google schon allein durch die bereits angebotenen Dienstleistungen, wo sich Starbucks-Filialen befinden, und über die Google-Mailaccount-Anmeldungen über deren WLAN sogar in etwa, wie frequentiert diese sind. Es wäre für Google also ein Leichtes, ein vergleichbares Etablissement zu eröffnen, welches Starbucks preislich schlägt.

Ein anderes Beispiel: Airbnb. Was als mehr oder weniger private Vermittlung von Ferienwohnungen begann, bietet heute definitiv unternehmerisch tätigen „Privatpersonen“ die Möglichkeit, als Gentrifizierungsbeschleuniger tätig zu werden. So halten die Top-Ten der Nutzer der am meisten vermieteten Wohnungen 281 aller verfügbaren Wohnungen. Wenn eine einzelne Person 44 Wohnungen gleichzeitig vermietet, ist definitiv von einem Geschäftsmodell auszugehen. Gleichzeitig sind das 44 Wohnungen, nur von diesem einen Anbieter, die nicht mehr auf dem regulären Wohnungsmarkt verfügbar sind. Dies führt logischerweise zu einer Wohnraumverknappung und somit zu steigenden Mieten.

Von Blumencron sieht die Gefahr auch nicht in einer potentiellen gesellschaftlichen Steuerung durch Unternehmen wie Google, sondern darin, dass es eben durch die digitale Revolution möglich wird, geschlossene Geschäftsbereiche aufzubrechen, meistens sogar zum Vorteil des Konsumenten. Jedoch bedeutet dies auch persönliche Schicksalsschläge für die dortige Belegschaft. Diese Leute sind dann dazu gezwungen, sich beruflich neu zu orientieren. Lauer sieht eine ähnliche Entwicklung und spricht vom Zerkloppen von Geschäftsmodellen. Weiter warnt er davor, Google zu mys­ti­fi­zie­ren, da dies die Diskussion in eine emotionale Richtung lenken würde. Der Ex-Pirat führt aus, dass die Schuld an dem momentanen Problem bei der Politik läge, da diese nicht nicht schnell genug auf den Veränderung reagieren könne. Lauer macht diese Schwerfälligkeit der Politik als Schwäche aus, dem muss man nicht unbedingt zustimmen. Es ist ja nun mal so, dass die Politik in der Regel erst auf Problemstellungen reagiert, die in der Gesellschaft eine gewisse Popularität genießen. Wenn man nun daran scheitert, diese in die Gesellschaft zu tragen… das kennen Sie doch, Herr Lauer.

Kurz sieht in die Äußerungen Albigs ein offensichtliches Bekenntnis zur Unmündigkeit und zur technischen Ahnungslosigkeit. Es gibt immerhin Transparenzberichte von Google dazu, welche Infos zu welchem Zeitpunkt weggefiltert werden. Wir wissen auch, wie Google Regierungen entgegenkommt: wie im oben genannten chinesischen Beispiel oder auch am Beispiel des NSA-Zugriffs auf Google-Daten. Was wir hier führen, sei eine Grundsatzdiskussion über die bisher geltenden rechtlichen Grundsätze der Datensparsamkeit und Zweckgebundenheit, und genau daran binden sich politische Fragen: Wer darf ein Personenprofil überhaupt anfertigen? Was ist das juristisch überhaupt? Kurz attestiert den großen Internetkonzernen eine enorme wirtschaftliche Potenz. Verlage werden bzw. gehen daran kaputt, auch Banken würde diese Schicksal blühen.

Allerdings entgegnet dem Kottmann, dass es sowohl in Brüssel als auch in den USA Verfahren gegeben hätte, ob es einen Missbrauch einer marktbeherrschenden Stellung gab bzw. gibt. Im Falle der USA hätte dies nicht festgestellt werden können. Von Blumencron sieht auch das „Recht auf Vergessen“ kritisch. Es könnten ja auch Leute froh sein, dass deren möglicherweise nicht ganz so weiße Weste wieder reingewaschen wird. Albig fordert unterdessen weiter eine bessere Regulation von Medien im Internet. Er behauptet, wir hätten im Rundfunk ja auch ein System geschaffen, das sehr gut funktioniere. So ein ähnliches Regime wie im Rundfunk bräuchten wir nun auch für das Internet. Ob das zu mehr Verantwortung bei Konsument und Anbieter führt, bleibt fraglich, auch ob eine staatliche Kontrolle das unbedingt besser macht.

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8 Kommentare
  1. OMFG. Eine Expertenrunde? Mit eigendlich doch nur einer einzigen Teilnehmerin, die einen solchen Titel rechtmäßig für sich beanspruchen könnte.

    Quintessenz des Stelldicheins: „Die Politik ist schuld“.
    Wo die deutschen Sockenpuppen in Berlin und Brüssel doch in den allermeisten Fällen brav die vorformulierten Texte der Wirtschaftsvertreter in Gesetzesform gießen lassen? „Mehr Regulierung! Weniger Regulierung! Mehr Kontrolle und Überwachung! Jawoll!“ Ist doch so…

    Mit ein bisschen Hirn gibt es dabei doch eigendlich gar nichts zu diskutieren. Vor allem nicht von Leuten, die sich erst für Informationsfreiheit starkmachen und im Anschluss in Wendehalsmanier zum Lobbyistenvertreter der Medienkonzerne mutieren. Ein KaLAUER – können vor Lachen…

    „Für Nachrichten, die sich über soziale Netzwerke verbreiten, gibt es keine Qualitätssicherung.“
    Die gibt es für anderweitig veröffentlichte Nachrichten und Meldungen auch nicht. Seit jeher wurden die Medien für Meinungsmache und Propaganda ge- und missbraucht. Dazu reicht es schon, Teilaspekte zu ignorieren oder Formulierungen zu verwenden, um eine Sache in einem ganz anderen Licht erscheinen zu lassen. Zeitungen schreiben teilweise wortgleich und ungeprüft Standard-Meldungen voneinander ab, und was in den Druck kommt oder rausfliegt entscheidet der Medienmogul in der Redaktionskonferenz.

    Ich will hier kein „Lügenpresse“-Lied anstimmen, aber eines muss jedem klar sein: Blind auf eine Meldung kann man nicht vertrauen, man bekommt von JEDER Seite stets nur eine subjektive Darstellung der Realität – und im schlimmsten Fall eine vorgeBILDete Meinung präsentiert. Oder, um es mit Harry Potter zu sagen: „Der Tagesprophet existiert, um sich zu verkaufen, du dummes Kind! [1]!“

    Meinem Sohn habe ich den guten Rat gegeben: Hinterfrage jede Information, die Du erhälst, immer kritisch, egal von wem sie stammt (inkl. von mir selbst). Versuche die Angaben aus mindestens fünf voneinander unabhängigen Stellen zu verifizieren. Und selbst dann glaub nicht das, was geschrieben steht, sondern mache Dir selbst darüber Gedanken und komm so zu Deiner eigenen Meinung.
    Dieses Verfahren nennt sich Medienkompetenz. Nach der wird ja seit einiger Zeit immer wieder laut gerufen – gemeint wird meistens aber nur, Dinge aus einem vorgegebenen, fest definierten Blickwinkel zu betrachten.
    Denn sonst würde man ja erkennen, dass all die Forderungen nach einem „digitalen Vergessen“ in einem offen angelegten Netzwerk bestenfalls nur Augenwischerei und schlimmstenfalls ein Versuch, Zensurpraktiken salonfähig zu machen, darstellen. Oder dass der neue Entwurf zum nächsten JMStV die „neuen Medien“ immer noch feste Sendezeiten für das „deutsche Internet“ vorsieht und dies durch (Zwangs-)Contentfilter durchsetzen will. Oder dass Politiker immer noch nicht verstehen, warum staatliche Ausspähung der Bürger schlimm sein soll, „wo doch Google und Amazon ohnehin unsere Daten haben“.

    Und die Moral von der Geschicht? Egal wie sehr sich Politik und Wirtschaft ins „Internet“ einmischen und versuchen, es in einen kinderfreundlichen und jugendgeschützten Konsumtempel zu verwandeln – am Ende werden sie scheitern. Im Zweifelsfall wird es halt in kurzer Zeit zwei (oder noch mehr) Webs geben – das Hochglanzkaufhaus und das „TIFP“-Netzwerk [2].

    Die Technik ist dafür existiert ja bereit schon.

    [1] J.K.Rowling, HP & Orden des Phönix, (http://www.litmir.me/br/?b=99800&p=136)
    [2] https://www.youtube.com/watch?v=QKNnwLL991c

  2. oder wie erlange ich maximale Aufmerksamkeit für mein Thema.
    Verwende kreischende Wörter, emotionsgeladene Wörter, vereinfachende Wörter. Jeder Journalist kennt sie: Buzzwords. Im Text kann man mit ihnen spielen. Das Spiel heißt Buzzword-Bingo.

    Schöne neue Medien-Welt:
    Setze die Formel Macht = Ohnmacht in die Welt.
    Erweitere dann Macht * Konzerne = Ohnmacht * wir
    Ergebnis: Konzerne = wir.

    Bingo! Bingo! Bingo!
    Buzztags: Macht Internetkonzerne wir Ohnmacht gleichsetzen

  3. „Außerdem sei Google sehr transparent, es sei für die User einsehbar, wie das Ranking funktioniere.“

    Ja, genau…

    „Außerdem verdiene Google sein Geld nicht mit den gesammelten Daten, sondern mit Werbung.“

    Die Aussage ist ungefähr so richtig, wie „nicht der Körperverletzer verursacht meine Verletzung, sondern die Kugel, das Messer oder der Knüppel“ oder „nicht das Medikament, das bei mir Fressattacken auslöst, verursacht meine Gewichtszunahme, sondern das Fastfood oder die Süßigkeiten“.

    Der entscheidende Faktor ist das Sammeln und Auswerten der Daten. „Zweck“ ist nicht die Werbung, sondern das Geldverdienen. Die Werbung ist einfach nur ein Mittel in der Kausalkette zwischen Datensammeln und Geldverdienen. Die Daten kann ich auch mit anderen Mitteln zu Geld machen.

    1. Nicht nur transparent, sondern einsehbar. Klar, jeder kann seine Suche in den Suchschlitz eingeben und schon sieht er, wie das Ranking funktioniert. Endlich habe auch ich das verstanden. Nur eines muss mir – vielleicht Frau Kurz – erklären: Warum ergibt dieselbe Suche jedes Mal andere Ergebnisse, zu verschiedenen Zeiten, Browern, Suchenden, etc.? Wie Oettinger fehlt mir dafür derzeit das technische Verständnis, auch des Transparenzerichtes von Google, der das in Detail enthält. Aber auch ohne Lesen dieses Berichtes weiß ich nun das alles in Ordnung ist, wenn selbst Frau Kurz diese Transparenz lobt. Danke.

      1. „Nicht nur transparent, sondern einsehbar. Klar, jeder kann seine Suche in den Suchschlitz eingeben und schon sieht er, wie das Ranking funktioniert. Endlich habe auch ich das verstanden.“

        Ne, das sehe ich anders. Oder meinst du, nur weil dir das Ergebnis eines Entscheidungsprozesses mitgeteilt wird („Nein, Sie bekommen den Kredit nicht“) hättest du Einblick in die Entscheidungsfindung, also wie z.B. der Schufa-Score zustande kommt?

        Das stellst du ja übrigens selber fest: „Warum ergibt dieselbe Suche jedes Mal andere Ergebnisse, zu verschiedenen Zeiten, Browern, Suchenden, etc.?“

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