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HP und Orange verlieren Vertrag für EU-Intranet von Behörden und Polizeien – Telekom übernimmt

Das neue sTESTA-System in einer Grafik der EU-Kommission. Neben EU-Agenturen und Polizeidatenbanken ist auch die EZB angeschlossen.
Das neue sTESTA-System in einer Grafik der EU-Kommission. Neben EU-Agenturen und Polizeidatenbanken ist auch die EZB angeschlossen.

Das „europäische Verwaltungsnetzwerk“ sTESTA wird demnächst nicht mehr vom US-Konzern Hewlett Packard (HP) und der französischen Orange Business Services (OBS) betrieben. Als neuer Betreiber konnte sich die deutsche T-Systems durchsetzen. Der Wechsel zur 100%igen Tochter der Telekom geht laut einem Papier der EU-Kommission auf eine auf eine Neuausschreibung vom letzten Jahr zurück. Gleichlautend hatte sich das Bundesinnenministerium in der Antwort auf eine Kleine Anfrage geäußert. Mit dem Betrieb durch T-Systems firmiert das EU-Intranet unter dem Namen TESTA NG.

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sTESTA steht für „Secured Trans European Services for Telematics between Administrations“ (deutsch: „Transeuropäische Telematikdienste für Behörden“) und wurde ab Anfang 2007 neu errichtet. Es dient mehreren EU-Einrichtungen als Breitband-Backbone zum Austausch eingestufter Informationen. OBS und HP erhielten damals 210 Millionen Euro für die Installation.

„Netzwerk aus Netzwerken“

sTESTA wird als „Netzwerk aus Netzwerken“ beschrieben und besteht aus dem Backbone „EuroDomain“ und lokalen Netzwerken. Hierzu gehören neben europäischen auch einzelstaatliche Behörden. Das deutsche System trägt beispielsweise den Namen TESTA-D und setzt sich wiederum aus Netzwerken einzelner Bundesländer zusammen. Auch hier ist T-Systems einer der Betreiber.

An die Infrastruktur von sTESTA ist auch die Europäische Zentralbank mit Sitz in Frankfurt angeschlossen. Derzeit werden vor allem die Abfragen polizeilicher Datenbanken über sTESTA vorgenommen. Hierzu gehört der gesamte Datenverkehr gemäß dem „Vertrag von Prüm“ unter den EU-Mitgliedstaaten, also sowohl Personen- und Fahrzeugdaten, aber auch DNA-Profile.

Auch das Fahndungssystem SIS II, die Fingerabdruckdatenbank EURODAC und das Visa-Informationssystem VIS laufen auf sTESTA. Betrieben wird das VIS aus einem Konsortium, dem neben Accenture auch Safran Morpho und weiterhin HP angehören. Auch für das SIS II besteht laut dem Bundesinnenministerium ein Wartungsvertrag dem belgischen Ableger von HP.

Backbone für die neue „IT-Agentur“

Zur Verwaltung der drei großen Polizeidatenbanken hatte die EU kürzlich die „Agentur für das Betriebsmanagement von IT-Großsystemen“ (eu-LISA) eingerichtet. Als offizieller Sitz gilt Tallinn (Estland). Jedoch wird die eigentliche Arbeit in Strasbourg verrichtet, wo auch das SIS II angesiedelt ist. Frankreich und Estland hatten sich zuvor beide für den Sitz von eu-LISA beworben. Zur Kommunikation unter den beiden Standorten, aber auch mit dem Backup-System in den Alpen Österreichs, greift eu-LISA ebenfalls auf sTESTA zurück.

Auch die EU-Polizeiagentur Europol nutzt das „europäische Verwaltungsnetzwerk“, unterhält mit SIENA aber ein eigenes System zum sicheren Datentausch. Offenbar werden Anfragen über SIENA auch via sTESTA geroutet: Laut einer Mitteilung der Kommission nutzt SIENA Dienste von sTESTA.

T-Systems habe laut der Kommission das beste Angebot für den Betrieb von sTESTA abgegeben. Eigentlich sollte die Migration auf Infrastruktur der Telekom-Tochter bereits im vergangenen Jahr beginnen, verzögert sich allerdings aus nicht genannten Gründen. Vermutlich ist der Vertrag mit OBS und HP deshalb um sechs Monate verlängert worden – so war es jedenfalls letztes Jahr aus Brüssel zu hören.

Schengen-Intranet im Schengen-Netz?

Der Betreiberwechsel war schon länger anvisiert und hat nichts mit der NSA-Affäre zu tun. Ob der Datentausch im neuen EU-Intranet wirklich sicherer wird, ist fraglich: Denn laut Ausschreibung können die erfragten Dienstleistungen auf weltweit verteilte IT-Infrastruktur verteilt werden. Sie sollen jedoch „in erster Linie auf dem europäischen Kontinent“ erbracht werden.

Nach den Enthüllungen von Edward Snowden dürfte die Telekom jedoch von der Angst vorm weltweiten Routing profitieren und die Dienste von sTESTA nur auf dem europäischen Festland ansiedeln. Bekanntlich unterstützt die Telekom auch Pläne für ein „Schengen-Netz“, um weniger Internetverkehr über Server im EU-Ausland zu leiten.

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2 Kommentare
  1. Entschuldigung die Telekom untersteht dem Patriot Act in den USA und ist somit auskunftspflichtig. Wer in der USA ein Unternehmen betreibt, muss nach dem Patriot Act auf Anfrage Daten herausgeben. Das gilt auch für Tochterunternehmen im Ausland und die nicht ihren Sitz in den USA haben. Da die Briten in der Schnüffellei mit ihren Anteil haben, ist es eh egal ob die Telekom nur über europäische Netze geht. Wer mit den Amerikanern wirtschaften will, ist automatisch im Boot, ob er will oder nicht.

    http://de.m.wikipedia.org/wiki/USA_PATRIOT_Act

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